EIRENE-Archiv:


Neue Lebensmodelle einüben

Über neue Versuche und ewige Hindernisse

„Das Schwein frißt uns förmlich die Haare vom Kopf"

- Freiwillige aus dem Nordprogramm berichten -

Überall stoßen wir an die ökologischen wie sozialen Grenzen des Wachstums. Die Studie des Wuppertal Institut, in Auftrag gegeben von MISEREOR und dem BUND und im vergangenen Jahr veröffentlicht unter dem Titel "Zukunftsfähiges Deutschland" liefert u.a. Tabellen, Rechnungen, Kalkulationen und benennt notwendige Reduktionsziele für den Rohstoff- und Energieverbrauch. Aber die Studie bleibt dort nicht stehen. Sie führt, wenn auch nur in ersten bescheidenen Ansätzen, weiter. Denn es geht nicht nur darum, diese Reduktionsziele zu definieren und deren Notwendigkeit zu proklamieren, um das Überleben auch für die nachfolgenden Generationen zu ermöglichen. Es muß auch die Frage gestellt und perspektivisch beantwortet werden, auf welchen Wegen diese Ziele denn zu erreichen sind, welche qualitative Gestalt die zukunftsfähige Gesellschaft annehmen soll.

„Reduktionsziele allein" - so die Studie - "informieren höchstens, begeistern aber niemanden. Neugierde, Experimentierlust und Engagement kommen dann ins Spiel, wenn der Möglichkeitssinn der Menschen geschärft ist, wenn Veränderungsbilder in vielen Lebensbereichen an Boden gewinnen, die Geschmack machen und nebenbei auch den Charme haben, mit den bio-physischen Grenzen zu rechnen. Die Zahl motiviert kaum und beflügelt nicht, dafür braucht es Erzählungen, braucht es das Wort ..." (S. 151)

In ihren Rundbriefen ergreifen die EIRENE Freiwilligen das Wort. Sie beschreiben, wie es ihnen in ihren Projekten vor Ort ergeht. An Einsatzstellen, wo Menschen den Versuch unternehmen, zukunftsweisende Lebensstile zu erproben, sich auf neue Erfahrungen einzulassen und dabei manchmal heftigst gegen den Strom schwimmen müssen. Die Freiwilligen haben gute Voraussetzungen. Sie bringen Neugierde, Experimentierlust und Engagement mit. Und kommen auch auf den Geschmack, finden Gefallen an neuen, ungewohnten Formen des Zusammenlebens und -arbeitens. Aber sie lernen auch, daß neue Lebensmodelle in der Praxis oft einen harten Weg bedeuten.

Bei Emmaus zum Beispiel. In Paris. In dieser Gemeinschaft leben Obdachlose zusammen, die tagsüber Wohnungen entrümpeln, alte Möbel restaurieren und sie dann zum Verkauf anbieten. Von dem Erlös finanziert sich die Gemeinschaft und von dem erwirtschafteten Gewinn können sie auch noch andere Projekte etwa in Bosnien unterstützen.

Aus den Resten der Überflußgesellschaft mit an den Rand Gedrängten der Gesellschaft in Gemeinschaft leben ist der Anspruch.

Den Alltag zu meistern ist oft schon schwierig genug. Erste Ideale, Vorstellungen fallen mit der Zeit unter den Tisch. „Meinen Platz und meine Aufgabe sehe ich nun ganz banal darin, ein Glied in der Arbeitskette zu sein, welches nicht täglich mit persönlichen Problemen belastet ist, welches sich nicht mit seinen Kollegen wegen Nichtigkeiten anbrüllt, welches versucht, umsichtig und planvoll zu arbeiten und nebenbei den Kontakt und Zugang zu den anderen sucht. In manchen Situationen merke ich auch, daß ich als „Dämpfer" im Streit wirke oder auch als Antreiber , wenn meine Kollegen mal wieder keine Lust haben, die Arbeit sorgfältig zu machen. Ich bin mir sicher, daß für jeden, der diesen Brief liest, ein solches Verhalten das Normalste von der Welt wäre, hier kann man jedoch mit ein bißchen Normalität schon einiges bewirken.", schreibt Gerrit Birkenmeyer.

Ole Nicolaisen macht ganz ähnliche Erfahrungen wie Gerrit in Paris. Er arbeitet mit Flüchtlingen und Obdachlosen in Chicago in dem Projekt „SU CASA", das hauptsächlich eine Anlaufstelle für Flüchtlinge und Obdachlosen aus Lateinamerika ist.

„ Ich bin als einziger für unsere tägliche Verpflegung (30 - 50 Personen) verantwortlich, was eine ganze Menge Arbeit ist: Was haben wir, was brauchen wir, wieviel brauchen wir wann, woher kriege ich dies oder das, wer kocht was wann usw.. Meistens reicht die Zeit abends bis halb elf nicht aus, so daß ich an dem ganzen Essenskram oft vor meiner eigentlichen Arbeitszeit arbeite. Im Schnitt werden daraus dann insgesamt 55 Stunden die Woche. Um halb elf gehe ich dann durchs ganze Haus, bitte die verbleibenden Leute in ihre Zimmer zu gehen und stelle den Hausalarm an. Wenn ich dann gegen elf ins Bett gehe, bin ich meistens ziemlich tot.

Es ist weniger die körperliche Arbeit, die einem hier die ganze Energie raubt. Es ist die tägliche Auseinandersetzung mit den verschiedensten Menschen, all die Dinge, die ich im Kopf habe, die noch zu erledigen sind und nicht zuletzt all die Kinder um mich herum. Aber genau das ist es auch, was mir hier so einen Spaß bringt: Einmal hat fast jeder Handgriff einen Sinn und ich sehe täglich die Resultate meiner Arbeit. Dann sind unsere Gäste unglaublich interessant und die meisten echt nett. Ich merke, wie ich zu lernen beginne mit den einzelnen Menschen umzugehen, mich bei jedem auf deren besondere Situation einzulassen. Und zu sehen, wie viele unserer deprimierten und verstörten Gäste schon nach relativ kurzer Zeit wieder anfangen zu lächeln und zu lachen, ist einfach unbeschreiblich. Ebenso machen die Kinder richtig Spaß, auch wenn sie mindestens genauso anstrengend sind. So habe ich auf der einen Seite das Gefühl, so viel zu arbeiten wie nie zuvor, doch meistens mindestens ebensoviel auf andere Weise zurückzubekommen. Sei es Menschenerfahrung, sei es all die neuen Sichtweisen und Probleme die ich hier mitbekomme, der ganze Spaß, den ich hier habe oder einfach die Erfahrung zu sehen, wie verdammt viel Arbeit eine Einrichtung wie Su Casa mit sich bringt."


Die Obdachloseninitiative Emmaüs in Paris im Einsatz

Hart zu beackern ist der Boden auch im wörtlichsten Sinn in Südfrankreich. Im Projekt CIEPAD. Auch dort machen sich Menschen auf die Suche nach anderen Lebensformen. Im Mittelpunkt steht hier die Frage, wie Landwirtschaftserträge auch in Zukunft noch zu sichern sind, angesichts zunehmender Dürre und Umweltkatastrophen. Das Projekt befindet sich im Norden von Montpellier auf einem kargen und kalkigem Hochplateau, das Grundwasser liegt 150 m tief. Engagierte Landwirte ringen diesem Boden durch ökologischen Anbau Erträge ab, obwohl „ein Bauer mit dem wirtschaftlichen Denken unserer Zeit, das Gelände wahrscheinlich meiden würde", schreibt Alexander Römer.

„ Auf menschlicher Ebene durfte ich bei unserer Zusammenarbeit lernen, nicht, wie es meine Gewohnheit war, morgens mit dem Hammer in der Hand und das Uhrwerk bis zum Anschlag aufgezogen, auf der Baustelle zu stehen, um abends auf Biegen und Brechen ein Resultat erreicht zu haben - selbst wenn man im Laufe des Tages ein paar mal dem Nervenzusammenbruch nahe war.

Es geht vielmehr um den Spaß an Zusammenarbeit und um den Arbeitsablauf. Und wenn abends mal nicht das Soll erfüllt ist, hat man trotzdem viel geleistet, weil das Stimmungsbarometer im Schönwetter und nicht bei Hagel und Gewitter steht. Und man konnte auch ein paar schlechte Erfahrungen in Konstruktion oder was auch immer auswerten.

Das kann man sich natürlich leisten in der heilen Welt der Freiwlligen, Zivildienstleistenden und sonstigen Idealisten."

Alexander macht folgende Erfahrung: "Dabei zeigt sich, daß der Wille, den Naturverbrauch zu reduzieren, oft in Entwürfe eingelassen ist,... Verbrauchsreduktion.. ist nicht ohne ein neues Denken zu haben." (S. 152)

Experimentieren, neues Denken zu erlernen und weiterzugeben spielt im CIEPAD eine große Rolle. Auch Kinder werden regelmäßig eingeladen um „den Kindern die Natur und Erde, die Lebensformen der Region nahezubringen und das Umweltbewußtsein zu stärken.

Ich meinerseits gehe morgens mit den Kindern das Pferd und das Schwein füttern, ein wahres Monstrum von Schwein, was uns so manche lustige Wiedereinfangsaktion beschert hat und uns förmlich die Haare vom Kopf frißt..."

Arnd Brandl machte Erfahrungen in einer einmaligen Kombination von ökologischem Gartenbau und Sozialarbeit mit Jugendlichen. Er arbeitete im College Orchards in Dublin, einem ökologischen Gartenbauprojekt zur Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen. Dort lernt er eine Methode kennen, die auch beide Bereiche, ökologischen Gartenbau und Sozialarbeit, kombiniert:

„PERMAKULTUR wurde in den 70ern in Australien von Bill Mollison und David Holmgren entwickelt und ist von der Definition her abgleitet vom englischem Wort „permanent agriculture", welches soviel wie dauerhafte Landwirtschaft bedeutet. Als eine Form der Landwirtschaft, die sich an natürlichen Systemen wie z.B. dem Urwald orientiert, ist sie ein Planungsentwurf, der zum Ziel hat, sich selbst erhaltende und regulierende Systeme zu schaffen und darüber hinaus eine Verbindung zu menschlicher Behausung herzustellen...

Nun ist es ja so, daß die Mehrheit der Menschen in einer städtischen Umgebung wie z.B. Dublin leben. Daher ist es für PERMAKULTUR-Projekte von enormer Wichtigkeit, PERMAKULTUR in ein städtisches Umfeld einzuführen, um den enormen Konsum von Ressourcen, der Produktion von Abfall und der ständig abnehmenden Lebensqualität entgegenzuwirken. Das Konzept der Erhaltung umgibt viele Bereiche unseres Lebens, sei es unser soziales System, unser Sinn von Fülle und Zufriedenheit, was wir konsumieren und die Energie, die wir verbrauchen...

Ich hoffe, daß ich hier in meinem Projekt noch viel über PERMAKULTUR lernen werde. Anders als manche „Öko-Initiative", sucht sie keine Welterrettung durch radikale Abschaffung aller Autos oder die schnelle Einführung des „Umwelt-Autos". Ebenso müssen wir nicht Vegetarier werden oder in naturnahen Kommunen die Outdoor-Toilette benutzen, um einmal dem Klischeebild des „Ökos" zu folgen. All dies ist natürlich auch nicht verkehrt. Doch wir brauchen einfach nur von dem ausgehen, was wir haben, bewusster und verantwortungsvoller leben, dann finden sich Lösungen ganz von alleine. Unsere Verantwortung wird uns dann wie selbstverständlich dazu bringen, z.B. Autos zu teilen, das Fahrrad für kleine Strecken zu benutzen, das Wasser des Frühstücks zum Spülen zu verwenden, Blumen eher mit Regenwasser als mit Wasser aus dem Hahn zu giessen und was sonst noch so auf der Liste von realisierbaren Kleinigkeiten steht.

Daß die Realisierung von PERMAKULTUR noch einen langen Weg vor sich hat, habe ich hier jeden Tag vor Augen, doch lerne ich auch genug Menschen kennen, die diesen Weg gehen werden, egal wie weit sie kommen."

Rundbriefauszüge. Die Freiwilligen geben uns Einblick in ihren Alltag vor Ort. Lassen uns teilhaben an den Schwierigkeiten, dem Lernprozeß, an der Mühsal und ihren Sehnsüchten. Auf den Zwischenseminaren wird oft Bilanz gezogen. Als Pierre Cavaillé, ein geladener Referent von seinem Engagement in der Arbeit mit Obdachlosen in Marseille berichtet, erklärt er seine Motivation:" Wir müssen uns auf den Weg machen, die Zukunft zu gestalten. Und dazu brauchen wir Leute, die bereit sind, mit Engagement und Tatkraft anzupacken und auszuprobieren. Ich freue mich, daß ich hier bei Euch, bei Gleichgesinnten sprechen kann."

Oder aber, wie es die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland" formuliert: „Ein Wandel kommt vielmehr zustande, indem eine Vielzahl von Akteuren in den kleinen und großen Arenen der Gesellschaft andere Prioritäten schaffen und, durch Konflikte hindurch und über Rückschläge hinweg, neue Routinen und Strukturen setzen. Ein solcher Prozeß ist weder planbar noch prognostizierbar, er kann aber mit einer Mischung aus Realitätssinn und Einbildungskraft hier und da antizipiert werden".

Hier und da. In Paris, in Chicago, in Südfrankreich, in Dublin und an vielen anderen Orten.

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