EIRENE-Archiv:Gut leben statt immer mehr haben."
Was ein gutes Leben sein soll, ist die ureigene Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen. Doch diese ureigene Entscheidung, so ist mein Eindruck, kommt heute nur noch selten zustande. Gerade in den letzten Jahrzehnten, wohl im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufstieg nach dem 2. Weltkrieg, haben sich erstaunlich uniforme Aussagen über das gute Leben herausgebildet. Die allermeisten Menschen definieren es so, daß materielle Güter und Konsum den ersten Rang einnehmen. Also: Es geht mir gut, wenn ich viel verdiene. Es geht mir besser, wenn ich noch besser verdiene. Oder auch: Sage mir, wieviel Du verdienst, und ich sage Dir, wie gut Du lebst. Dabei ist es ja keineswegs der Genuß allein, der materiellen Wohlstand so begehrenswert macht. Gerhard Scherhorn hat gezeigt, was alles an Erlebnissen sich mit dem Kaufen verbindet: Belohnung (Kaufen als Ersatz für Zuwendung); Größe (Kaufen als Mittel, sich wichtig zu fühlten); Selbständigkeit (Kaufen als Feiheit zu unabhängiger Entscheidung); Fülle (Kaufen als Symbol für Überfluß und intensives Leben); Sicherheit (Kaufen als Schutz gegen Mangel oder gegen das Gefühl, nichts da zu haben). Weiter: materieller Wohlstand gibt Sicherheit gegenüber vielen, sehr vielen Wechselfällen des Lebens, er verleiht Macht über andere Menschen, er vermittelt Stärke und Unabhängigkeit. Autos, Häuser, Reisen, Schmuck erfüllen nicht nur meine Bedürfnisse, sie haben Zeichenwert, sie sagen anderen, wie ich gesehen zu werden wünsche. Sie erfüllen auf die einfachste Weise den Wunsch nach Anerkennung. Sich nun der Frage eines zukunftsfähigen Wohlstandes, eines nachhaltigen Lebensstils, zu nähern, darf nicht in eine Predigt der Bedürfnislosigkeit ausmünden. Wer Unempfindlichkeit gegenüber Geld und Gütern, gar Askese, als sein oder ihr gutes Leben wählt, hat meinen hohen Respekt. Aber es werden wenige bleiben, die sich so ganz auf die Erfüllung immaterieller Wünsche ausrichten können. Die große Mehrzahl, mich eingeschlossen, wird das, was unsere Sinne anzieht, aus ihrem Leben weder ausschließen können noch wollen. Es geht mir also nicht um die Verdächtigung materieller Güter, es geht um ihren Rang, um das Maß, um die Proportionen, die sie in unserem Leben einnehmen. Und hier stimmt nun tatsächlich vieles nicht mehr. Denn die herrschende Weise der Bedürfnisbefriedigung, die Gleichsetzung des guten Lebens mit einem möglichst hohen materiellen Lebensstandard - diese Form der Wohlstandes ist nicht zukunftsfähig, und zwar aus mehreren Gründen nicht: 1. Ökologische GründeDie Industrieländer des Nordens nehmen heute mehr von den Ressourcen der Erde, vor allem mehr von ihrer Aufnahmefähigkeit für Schadstoffe in Anspruch, als die gesamte Menschheit auf Dauer verbrauchen kann, ohne ihren Fortbestand zu gefährden.Unser materieller Wohlstand läßt sich also nicht auf die Weltbevölkerung übertragen. Aber die Länder des Südens streben genau dieses an. Der Norden ist zum Vorbild des Südens geworden. Die Erde müßte über fünf Erdbälle verfügen, wenn alle Erdbewohner den Energie und Stoffverbrauch der Westeuropäer in Anspruch nehmen wollten und gleichzeitig so viele Schadstoffe wie wir erzeugen. Da es nur eine Erde gibt, steht allerhand Unruhe und Veränderung ins Haus. 2. Der materielle Wohlstand ist sozial gefährdetDas Segment der Bevölkerung, das nicht an ihm teilnehmen kann, wird größer, hierzulande und weltweit. Und es sieht nicht so aus, als würden sich die Ausgeschlossenen in ihr Schicksal ergeben. 3. Innere WidersprücheUnser materieller Wohlstand erzeugt aus sich selbst heraus Widersprüche, die ihm die Zukunftsfähgikeit rauben. Anders gesagt: Der Überfluß erzeugt seine eigenen Knappheiten. Wir sind ja nicht nur Autofahrer, Käufer von Konsumgütern, Urlaubsreisende; wir sind Atmer und Esser und Schläfer. Wir brauchen also gesunde Luft, sauberes Wasser, ruhigen Schlaf. Unser Wohlstand, den wir für selbstverständlich genommen haben, ist verletzlich. Unser Wohlstand gerät also in Widerspruch zu sich selbst. Wir werden wählen müssen. Nun stellt sich die Frage: Warum ist das Abwählen der nicht-zukunftsfähigen Teile des guten Lebens so schwer? Sicherlich stehen Gewöhnung und Bequemlichkeit solcher Veränderung im Wege. Vielleicht aber auch der weit verbreitete, nagende Verdacht, zukunftfähiger Wohlstand werde nur Wohlstand genannt, in Wirklichkeit gehe es um einen als gutes Leben verbrämten Verzicht.Und Verzicht - an dem wir bei dem Thema sicher nicht vorbeikommen - schmeckt sauer. Ich möchte Verzicht aber von Verlusten unterscheiden und Verzicht mehr auf den mit ihm verbundenen Gewinn hin befragen. Immaterielle Wünsche, so hatten wir zu Beginn gesagt, werden häufig materiell befriedigt. Und diese materielle Erfüllung immaterieller Wünsche hat oft genug die Züge einer Ersatzbefriedigung, die, einmal als solche erkannt, Enttäuschung und Leere hinterläßt. Wie aber ließe sich eine haltbare Bedürfnisbefriedigung erreichen, trotz Verzichts? Drei Bereiche möchte ich nennen: | ||
SelbstbegrenzungSelbstbegrenzung ist etwas anderes als erzwungener, abgenötigter Verzicht. Zukunftsfähiger Wohlstand - das ist nicht zu unterschlagen - hat auch etwas mit Verzicht zu tun. Dann sollte man ihn auch als solchen benennen. Es hat wenig Sinn, Menschen das, was sie als Verzicht empfinden, als Befreiung zu verkaufen. Ich kann auf die Nachteile und die erzeugten Schäden materieller Bedürfnisbefriedigung hinweisen, auch deutlich machen, daß weniger nicht ärmer, geringer, langweiliger, ereignisloser heißen muß. Ich kann Verzichte damit plausibel machen, aber es bleiben Verzichte. Selbstbegrenzung aber ist ein Akt eigener Wahl und bedeutet nicht Verlust, sondern ist vielmehr ein Gewinn an Feiheit und an Erlebnisqualität. Selbstbegrenzung bedeutet insofern auch, eine Kultur des Genießens zu entwickeln, gegen den Erlebnis- und Konsummarkt. Das Fasten ist dafür ein anschauliches Beispiel: die temporäre Enthaltung läßt die nachfolgende Fülle um so intensiver erleben. Ausdrücklich hinzufügen möchte ich, daß Selbstbegrenzung ein Gewinn nur für die ist, die genug haben, um zu wählen. Ein Lob unfreiwilliger Armut darf daraus nicht werden. Eine andere Art der GewinnrechnungDas Gewinnmotiv scheint dem Menschen eingegeben zu sein und ist wohl einer seiner stärksten Antriebe. Ein zukunftsfähiger Wohlstand wird jene menschlichen Tätigkeiten aufwerten, die ihren Gewinn, ihre Belohnung in sich selbst tragen und nicht durch Geld entlohnt werden. Der Wert, der Gewinn, ergibt sich aus dem Handeln selbst heraus, so wie dies beispielsweise bei ehrenamtlichem Engagement der Fall ist. Dieser Wohlstand will wiederentdeckt und aufgewertet sein. Möglichkeitssinn entwickelnDie Menschen halten oft an einer güter- und konsumorientierten Lebensweise aufgrund festgefügter Gewohnheiten fest. Und dies wird zudem gemeinhin als Realitätssinn bezeichnet. Gewünschte Veränderungen werden durch Mangel an Vorstellungsvermögen verhindert. Der Möglichkeitssinn ließe sich als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken, und das was ist nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Eine Stärkung des Möglichkeitssinnes aber ist notwendig, die Bereitschaft, sich auf etwas Anderes, Neues einzulassen. Zukunftsfähiges Leben hat selbstverständlich nicht nur die persönliche, sondern auch eine öffentliche, politische Dimension. Rahmenbedingungen bestimmen das persönliche Verhalten mit, worauf ich an dieser Stelle nicht näher eingehen kann (siehe dazu die Studie Zukunftsfähiges Deutschland"). Wer sich mit dem Thema der Zukunftsfähigkeit, eines neuen, nachhaltigen Lebensstils, beschäftigt, stößt immer wieder auf die Frage: Bleibt noch genug Zeit und sind die Menschen zu Veränderungen bereit? Wer sich um eine zukunftsfähige Gesellschaft bemüht, hat die Resignation als seinen oder ihren Schatten stets bei sich. Darum ist Ermutigung ein notwendiges Element des guten Lebens. Mir hilft, daß ich nicht anders leben möchte als zuversichtlich und tätig für das, was noch nicht ist, aber werden kann. Daß diese Ermutigung etwas Münchhausisches hat, stört mich nicht.
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