EIRENE-Archiv:


„Dem Front National den Wind aus den Segeln nehmen"

Sozialwohnungen in einem Stadtteil von Marseille mit hoher Unterstützung für den Front National

Bericht vom Zwischenseminar

Im April fand in Südfrankreich, nördlich von Montpellier in dem kleinen Ort Saint Jean de Buèges, das Zwischenseminar der EIRENE-Freiwilligen aus Belgien, Sarajewo und Sudfrankreich statt. Als Referent war Jean-Pierre Cavalié, ein protestantischen Pfarrer aus Marseille, eingeladen, um über die rechtsextreme Partei Front National zu sprechen. Die Freiwilligen hatten das Thema gewählt, weil sie in ihren Projekten oft mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus hautnah konfrontiert sind.

Im folgenden faßt Christiane Bals, Nordprogramm-Referentin, die wesentlichen Aussagen des Vortrags von Jean-Pierre Cavalié zusammen, die für die Freiwilligen sehr beeindruckend waren.

Ich arbeite seit Jahren in einem Vorort on Marseille. Mit Arbeitslosen. In diesem Viertel und überhaupt in Marseille, wie in vielen anderen Städten Frankreichs, gewinnt die Front National in erschreckendem Maße an Zulauf. Wir sollten uns mal fragen, warum das so ist. Ich bin nicht hier, um den Front National zu verdammen. Dann sind wir uns in einer Viertelstunde einig und ich kann wieder fahren. Ich möchte vielmehr mit Euch überlegen, was der Front National den Menschen anbietet. Und - darüber hinaus - was wir im Gegenzug anbieten können und müssen, um der rechtsextremen Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen." ...

„Jemand, der eine Arbeit hat, ist auch jemand, hat eine Identität. Das kommt auch in der Sprache zum Ausdruck: Ich bin Maurer, ich bin Köchin, ich bin Schaffner. In dem Moment, wo jemand arbeitslos wird, bricht diese Möglichkeit der Sinn- und Identitätsstiftung zusammen. Auf Französisch sagte mir ein Obdachloser: Jeder, der auf der Erde lebt, ist ein "terrien" (Erdenbürger), aber wenn man arbeitslos wird, wird man zum „t`es rien" (Du bist nichts). Ohne Identität läßt es sich aber unmöglich leben. Der Front National springt mit ihren Thesen in diese erste Lücke. - Du bist zwar arbeitslos, aber Du bist Franzose. - Die Zugehörigkeit zu einer Nation stiftet jetzt Identität. ...

Die Arbeitslosigkeit bringt den Verlust von Identität mit sich. Und - was nicht zu unterschätzen ist - den Verlust von menschlichen Beziehungen. Wo aber gibt es heute noch zusätzlich Gelegenheiten, soziale Bindungen zu erleben? Wo treffen und begegnen sich Menschen? Wo findet Austausch statt?

Was verbindet die Menschen denn heute noch untereinander? Jeder schraubt sich seine Satelitenschüssel ans Dach und verschanzt sich im Fernsehsessel. Die zunehmende Anzahl der Satelitenschüsseln ist für mich jedesmal ein Hinweis auf soziale Isolierung und Vereinzelung. Müssen wir das so hinnehmen?

Es wird deutlich, daß auch hier der Front National ansetzt. Es wird nicht nur die Identität der Arbeitslosen an die Nation geknüpft, sondern damit wird auch ein gemeinschaftliches Element geschaffen. Eine Gemeinschaft, die auf Nationalitätszugehörigkeit abhebt.

Und jetzt muß man genau hinhören, was Le Pen, der Vorsitzende sagt. Wir meinen oft, daß er einfach sagt, Frankreich an sich sei schon wichtig, aber so einfach ist es nicht. Vielmehr wird der Begriff der Nation mit religiösen Gefühlen untermauert. Frankreich wird zum `heiligen Mutterland`, mit dem man einen Bund geschlossen hat. Jeder Mensch soll seinem Mutterland treu bleiben und dort auch wohnen! Die Einwanderer aber, die ihr Heimatland verlassen haben, haben diesen heiligen Bund gebrochen. Sie sind in den Augen Le Pens „Unreine". Und nun folgt die Sündenbocktheorie: Die Einwanderer sind unrein, und diese Unreinheit ist ansteckend, Frankreich läuft Gefahr, auch unrein zu werden.

Durch das Ansprechen politischer, religiöser und persönlicher Gefühle und Ängste werden die Thesen der Front National so begierig aufgenommen. Auf akute Sehnsüchte und Sinnfragen erhalten die Menschen einfache Antworten. ...

Seit ein paar Jahren nun versuche ich jetzt, mit einem Team andere Antworten auf die gleichen Fragen zu geben. Ich arbeite in einem Arbeitslosenghetto in Marseille, das potthäßlich und von Abgasen verschmutzt ist. Die Menschen, die dort wohnen, sind fast alle Front National WählerInnen. Es geht mir darum, Alternativen zu entwickeln. Alternativen zum Front National. Ich kann aber keine einfachen Antworten geben und auch nicht jedem Arbeitslosen eine Stelle vermitteln.

Auch wir setzen uns zum Ziel, Identität aufzubauen. Und zwar eine Identität, die sich nicht festmacht an einer Funktion (Arbeit) oder an dem Geburtsort (Nation). Vielmehr geht es uns darum, Identiät aufzubauen, die unabhängig ist von äußeren Faktoren.

Ein Ansatz, den wir in Marseille verfolgen, ist daher zunächst einmal, Menschen aus ihrer sozialen Isolation herauszuholen. Mit ihnen zu essen, zu feiern, zu reden. Und zum Ziel haben wir uns gesetzt, die Menschen dazu zu befähigen, Zukunft zu gestalten. Ihre Zukunft und ihre Gegenwart in die Hand zu nehmen. Gemeinsam zu erreichen, daß Arbeitslose etwa umsonst die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können, daß Ihre Wohnsitutation sich verbessert und, und, und. Aber wir stellen auch fest, daß es ein unglaublich langer Weg ist, bevor die Menschen überhaupt dazu in der Lage sind, aktiv zu werden. Oft haben sie gar kein Selbstvertrauen mehr.

Die Arbeitslosen wollten von politischen Aktionen gar nichts wissen. Und dann haben wir angeboten, was sie wollten: Videos, Theater, Malerei, Kochen, Ausflüge und Sport. Ganz langsam kamen wir so ins Gespräch, ganz langsam konnten wir sehen, wie sich Vertrauen durchsetzt, zu uns und zu ihnen selber. Zwei Jahre später kommen die Diskussionen nun von alleine, über Gott und die Welt. Mit einer Ernsthaftigkeit und einer Dringlichkeit, die faszinierend sind.

Nun haben im Sommer zum ersten Mal fünf der Arbeitslosen an einer Demonstration gegen den Front National teilgenommen. Das löst erneut Diskussionen aus. Aber es ist so spannend. Die Arbeitslosen merken, daß wir sie ernst nehmen. Daß wir sie herausfordern, selber aktiv zu werden. Natürlich gibt es noch viele andere Ursachen für die Stimmengewinne des Front National. Und unser Weg reicht auch sicher nicht aus, um die Gefahr der rechtsradikalen Partei zu bannen. Aber in meinen Augen ist unsere Arbeit ein wichtiger Ansatz, dem Front National ein bißchen den Wind aus den Segeln zu nehmen."

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