EIRENE-Archiv:Bestehende Werte umkrempelnErfahrungen eines neuen Lebensstils
- Diakonische Basisgemeinschaft auf der Suche nach Alternativen -
Unsere Gesellschaft lebt bislang auf Kosten der nachfolgenden Generationen und auf Kosten derjenigen, die im Süden wie im Norden im System der freien Marktwirtschaft keine Chance haben. Soziale Gerechtigkeit und ökologische Überlebensfähigkeit sind zwei Kriterien, die der vielbenutzte Begriff der Nachhaltigkeit miteinander verbinden muß. Lebensstile müssen verändert, bestehende Werte in Frage gestellt werden. Vor allen Dingen müssen Wege gefunden werden, wie ein nachhaltiger Lebensstil gesamtgesellschaftlich praktikabel und attraktiv gestaltet werden kann. Unser Schwerpunktthema geht diesen Fragen auf den folgenden Seiten nach. Herausforderungen sind nochmals genannt, gelebte Modelle werden vorgestellt. Deutlich machen alle Artikel: der Globalisierung der Welt kann nicht nur mit lokalen Initiativen begegnet werden. Aber die lokalen Initiativen sind dann Keimzellen eines neuen Lebensstils, wenn die Devise Global denken, lokal handeln" nicht aus den Augen verloren wird. 1986-1988 leistete Jens Schild einen Sozialen Friedensdienst mit EIRENE in einem Catholic Worker House in den USA. Inszwischen lebt und arbeitet Jens in der Diakonischen Basisgemeinschaft Brot und Rosen" in Hamburg. Die Gemeinschaft teilt ihr 14-Zimmer-Haus mit Flüchtlingen und Obdachlosen. Der Versuch einer Lebensgemeinschaft für Gerechtigkeit, Frieden und eine überlebensfähige Welt. Der folgende Artikel beschreibt einige Grundüberlegungen, mit denen sich die Lebensgemeinschaft auseinandersetzt, und die Erfolge und Probleme, die dieser Versuch eines neuen Lebensstils mit sich bringen.
Alles fing 1994 harmlos an. Wir trafen uns zu Wochenenden, um gemeinsam über die Gründung einer Gemeinschaft nachzudenken. Für die Fahrt- und Verpflegungungskosten der Treffen zahlten wir fünfzig Mark im Monat auf ein gemeinsames Konto. Dann konnten einige anfangen, hier in Hamburg gemeinsames Leben und Engagement zu suchen. Wir wohnten zwar noch in verschiedenen Wohnungen, verbrachten aber schon viel Zeit mit Treffen, Dienstprojekten" (z.B. im Café Exil) und vor allem mit der Suche nach Wohnraum und Unterstützung für unser Projekt Haus der Gastfreundschaft". Wir hatten zwar verschiedene Jobs, aber bald wurde klar, daß der Lohn nicht mehr in die eigene Tasche gehen kann. Die eine hat vielleicht im Moment einen einträglicheren Job, der andere hilft, das Café Exil aufzubauen, und die Nächste sucht ein Haus für die Gemeinschaft. Warum solle jemand mehr Geld haben als andere? Wir merkten: Um Lebensgemeinschaft zu werden, müssen wir auch Versorgungsgemeinschaft sein. Einkommensgemeinschaft? Banken verweigern KontoDie erste Erfahrung mit dem Gemeinschaftskonto war, daß keine Bank eines einrichten wollte. Ein Konto für mehrere Menschen in Einkommens- und Haushaltsgemeinschaft? Für Ehepaare gibt es so etwas, für unverheiratete Paare auch. Aber Versorgungsgemeinschaften von mehreren sind nicht vorgesehen. Kennen wir nicht - haben wir nicht", sagten uns Hamburger Banken. Das war nur der Anfang intereressanter Begebenheiten mit dem neuen Lebensstil. Es ist z.B. ein komisches Gefühl, bei einem Arbeitgeber nicht mehr das eigene Konto als Zahlungsempfänger anzugeben, sondern eine Basisgemeinschaft". Irgendwie passen wir nicht in diese Gesellschaft. Gemeinschaft gibt finanzielle FreiheitUnsere weiteren Erfahrungen sind aber sehr gut. Vom gemeinsamen Konto werden alle Mieten, Haushalts- und Essenskosten, Krankenversicherungen, öffentlicher Nahverkehr und sonstige Grundbedürfnisse gedeckt. Dazu bekommt jede/-r ein Taschengeld (Verfügungsgeld") für individuelle Ausgaben wie Kino, Schokolade, Kleidung usw. Seit gut zwei Jahre legen wir unsere Einkommen zusammen und hatten immer genug. Erfahrungsgemäß brauchen wir im Monat pro Nase insgesamt ca. 800 Mark (plus Mietkosten). Von unserem Niveau her leben wir nicht ärmlich, sondern ungefähr so, wie wir als Studierende gelebt haben. Der Unterschied zu unseren Altersgenossen/innen ist lediglich, daß wir jetzt nach Studium bzw. Ausbildung keinen vollen Job angenommen haben und unseren Geldbedarf nicht hochschrauben wollen. Eine tolle Erfahrung dabei: die Entlastung von der täglichen Sorge um's Geld. Ich stehe nicht unter dem Zwang, permanent Erwerbsarbeit leisten zu müssen. Zum einen braucht man beim gemeinsamen Wirtschaften insgesamt weniger Geld. Zum anderen gibt das Konto, in das z.Zt. acht Leute investieren", Spielraum, Mitglieder der Gemeinschaft teilweise oder ganz von Erwerbsarbeit freizustellen. Hätten wir uns nicht die Freiheit genommen, einzelne über Wochen oder Monate von Erwerbsarbeit zu befreien, wäre der Aufbau des Gemeinschaftshauses arbeitsmäßig nicht möglich gewesen. Unsere Werte umkrempeln: Arbeit und Geld teilenKönnte unsere Lebensform vielleicht auch ein Modell sein? Die jetzige Gesellschaftsform bietet nicht mehr genug bezahlte Arbeit für alle. Dabei gibt es doch viel zu tun. Darum müssen wir unsere Werte umkrempeln: Vorbild wird nicht mehr derjenige sein, der arbeitet und viel Geld verdient. Gesellschaftlich wahrgenommen und unterstützt werden sollten die, die bereit sind, ganz oder teilweise auf Erwerbsarbeit zu verzichten und für das Gemeinwesen zu arbeiten. Die Gemeinschaft gibt uns einen guten Rahmen, von dem in der Gesellschaft begrenzten Kuchen" an Erwerbsarbeit weniger zu (ver-)brauchen. Alle bekommen das Gleiche, egal wieviel gesellschaftlich geachtete und bezahlte Arbeit sie in Anspruch nehmen. Und im Haus haben wir Arbeit genug. Aber auch wer nicht arbeiten kann, gehört genauso dazu". | ||
Wem gehört meine Zeit? Warum in Gemeinschaft leben?
Foday und Jens Schild freuen sich über die neue Tischtennisplatte
Eines wurde mir in der Einkommensgemeinschaft immer deutlicher: gemeinsame Kasse heißt vor allem, Lebenszeit zu teilen. Denn ob ich in der Gemeinschaft arbeite oder außerhalb - beides investiere ich in die Gemeinschaft. So bin ich darin, wie ich meine Zeit (werktags) verbringe, den anderen Rechenschaft schuldig. Das geht nicht immer ohne Spannungen. Die Grundlage dafür ist gegenseitiges Vertrauen. Ziel ist die gemeinsame Planung und Verantwortung. Um unseren Lebensmittelpunkt zu bewahren und den Hauptteil unserer Energie in die Gemeinschaft zu investieren, ist es unsere Orientierung, nicht mehr als die Hälfte unserer Arbeitskraft in auswärtige Arbeit zu stecken. Zeit wird in unserer Gesellschaft als ökonomische Ressource gehandelt (time is money"). In Erwerbsarbeit verkaufe ich meine Arbeitszeit für Geld. In Wahrheit ist Zeit eine geistliche Ressource. In meiner Lebenszeit kann ich lernen, Gott zu vertrauen, Jesus nachzufolgen, meine Geschwister zu lieben und in Gemeinschaft zu leben. So ist Zeit das wertvollste, was ich habe. Gastfreundschaft braucht Unterstützung von außenSeit den ersten Planungen war uns klar, daß wir ein Haus der Gastfreundschaft nicht alleine tragen können. Darum gründeten wir vor zwei Jahren unseren Trägerverein". Spendengelder über die Vereinskasse haben die Renovierungen möglich gemacht und Unterstützer/-innen tragen mit ihren Spenden an die Vereinskasse jetzt regelmäßig Miete und Verpflegung für die Gäste. Das heißt: Das Haus lebt aus zwei Kassen. Der Anteil für die Gäste kommt aus der Spendenkasse (Verein"), während wir den von uns Gemeinschaftsmitgliedern genutzten Wohnraum, die Haushaltskasse usw. durch die Einkommensgemeinschaft bezahlen. Konkret: die Miete des Hauses kostet monatlich ca. 5000 Mark und wird anteilig etwa zur Hälfte aus Spenden und unserer Einkommensgemeinschaft finanziert. Eine solche Trennung ist auch wegen des deutschen Gemeinnützigkeitsrechts geboten: Spenden über den Verein dürfen nur für soziale, gemeinnützige Zwecke verwandt werden. Wie geht es weiter?Um über Perspektiven nachzudenken, möchte ich zurückblicken. Was hat mich ursprünglich zum gemeinsamen Leben gebracht? In den Gemeinschaften, in denen ich während meines EIRENE-Dienstes in den USA mitgelebt habe, hat mich beeindruckt, daß sich dort Menschen zusammengetan haben, um sich vollzeitig" für Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie einzusetzen. Und das als Lebensstil organisiert, unbezahlt und mit vollem Engagement. So ist das bei uns (noch?) nicht. Sehr positiv finde ich zwar, daß viel Zeit und Kraft in die Gastfreundschaft und die gemeinsame Hauswirtschaft fließt. Für weitere Projekte zur Verbesserung der Welt fehlt bislang meistens einfach die Zeit. Unser Alltag ist zerrissen zwischen auswärtiger Arbeit und dem Leben und Schaffen im Haus. Ute A. und Uta arbeiten (bislang) mit Obdachlosen, Eckard und Dietrich in einem Jugendclub, Sibylle als Krankenschwester, Ute G. in der Altenhilfe und ich bei der Post, jeweils mit unterschiedlichsten Arbeitszeiten. Oft ist es schwer, gemeinsame Termine für Treffen zu finden, obwohl wir unter einem Dach leben. Gemeinsam selbstbestimmt arbeiten?Schon lange haben wir die Idee, einen (oder mehrere) Erwerbsprojekt(e)" zu gründen. So könnte man mehrere Ziele verwirklichen. Wir hätten ein gemeinsames Auskommen und Arbeit, deren Ziele, Ort und Zeiten wir selbst bestimmen könnten. Gleichzeitig könnten wir unsere Gäste in Arbeitsprojekte einbinden. Die Trennung, daß wir von Erwerbsarbeit leben, unsere Gäste aber von Spenden oder Sozialhilfe leben müssen, wäre aufgehoben. Ideal wäre ein handwerkliches Produkt oder eine einfache Dienstleistung. Nur die Idee, was konkret wir machen könnten, ist noch nicht gekommen. Was kann eine kleine Gruppe wie wir ohne großes Know-how und Kapital für einen Betrieb aufbauen? Wo ist Bedarf/Bedürfnisse, oder wie man heute sagt eine Marktlücke"? Oder dürfen auch wir von Spenden mitleben?Noch aber haben wir keinen selbstverwalteten Betrieb". Und realistisch wissen wir auch nicht, ob wir es schaffen, einen zu gründen und falls ja, ob wir davon leben können. In der jetzigen Situation leben wir unter der dreifachen Beanspruchung von auswärtiger Erwerbsarbeit, Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Und wir haben fast ständig das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben. In den Basisgemeinschaften, die viele von uns aus den USA kennen, z.B. in den Catholic Worker Häusern oder der Open Door Community, ist das anders. Dort leben die Mitglieder aus einem finanziellen Topf mit den Flüchtlingen und Obdachlosen, mit denen sie ihren Alltag teilen. Die Zeit nutzen sie für gemeinsame Dienstprojekte (z.B. Suppenküchen oder Kirchenasyle) und politische Aktionen für Gerechtigkeit und Frieden. Kann man das in Deutschland auch so machen? Würden deutsche Spender/-innen denn auch in eine Lebensgemeinschaftskasse spenden, die kein sozialer Verein" und nicht gemeinützig anerkannt" ist? Schließlich sind auch wir gute Deutsche und haben in uns die Idee, von selbstverdientem" Geld zu leben. Wir haben uns nicht zufällig zunächst Jobs gesucht, die die Einkommensgemeinschaft speisen und von denen wir leben. Unsere Gäste aber haben größtenteils keine Chance zu bezahlter Arbeit. So ist für sie Langeweile eine großes Problem, während wir sehr geschäftig durch das Leben laufen und oft kaum Zeit haben, uns zu treffen. Unsere Erwerbsarbeit trennt uns von den Gästen und manchmal auch voneinander. Hier sehe ich eine großes Problem. Sind wir zu stolz, ein Stück mit von den freien Gaben anderer zu leben, wie unsere Gäste? Sind wir zu individualistisch oder zu fantasielos, uns gemeinsame Arbeitsprojekte einfallen zu lassen? Wir leben von der Liebe GottesIch bin davon überzeugt, daß eine gänzlich andere Art und Weise des wirtschaftlichen Lebens und einander Versorgens aufgebaut werden muß. Dafür müssen wir in eine neue Richtung denken: Kreislaufwirtschaften des Gebens, Schenkens und einander Dienens, des freien Austausches von Gütern und Dienstleistungen. Praktisch: Menschen können sich in dieser Gesellschaftsform in kleinen Versorgungsgemeinschaften zusammenfinden. Die einen sind z.B. Bauern und versorgen andere mit Lebensmittel, andere sind Tischler und verschenken Möbel, wieder andere machen einen Zirkus, in den alle umsonst reinkommen usw. Menschen können alles, was sie herstellen, frei verschenken, weil Gott alles geschaffen und den Menschen zur (gegenseitiegen) Versorgung gegeben hat. Dieser utopischen" Lebenform kommen wir nur in kleinen Schritten näher. Innerhalb unserer Gemeinschaft ist schon mal alle Versorgung umsonst. In einer vom (Gegen-) Leistungsprinzip befreiten Gesellschaftsform wäre es auch nichts besonderes mehr, wenn auch eine Lebensgemeinschaft von Gaben anderer lebt. Natürlich ist diese neue Welt im Moment kaum vorstellbar. Noch unmöglicher ist es jedoch, daß wir so weiter leben wie bisher. Gier, Umweltzerstörung, Geldanhäufung, Hunger, Elend, Krieg ... - so ist die Weltgesellschaft nicht überlebensfähig. Alle Menschen können von Spenden leben. Oder woher kommt Dein Brot, Dein Haus, Dein Kleid? Hast Du sie gemacht? Tatsächlich leben wir von Spenden Gottes, nur das wir den Fehler gemacht haben, Geld dazwischenzuschalten. Wer über den weiteren Werdegang der Gemeinschaft informiert werden möchte, kann kostenlos deren Rundbrief Brot und Rosen" anfordern: Diakonische Basisgemeinschaft, Fabriciusstr. 56, 22177 Hamburg, Tel: 040 - 69 70 20 85
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