EIRENE-Archiv:


Ende einer Revolution - Verlust einer Vision (1990)

Als einschneidender Moment in der Arbeit von EIRENE ist sicherlich die Wahlniederlage der sandinistischen Regierung im Frühjahr 1990 zu sehen. Nicht nur für EIRENE, sondern für viele Dritte-Welt-Interessierte brach ein Traum, brach die „Vision von einem neuen Land" (Ernesto Cardenal) zusammen.

Hilla Oelerich, zu jener Zeit für EIRENE in Nicaragua tätig und in der Menschenrechtsarbeit aktiv, schrieb zwei Tage nach der Wahl einen bewegenden Artikel, aus dem einerseits die tiefe Enttäuschung, andererseits aber auch bereits die weiteren Perspektiven einer Arbeit in Nicaragua anklingen. Bis heute ist EIRENE seinen Partnergruppen und den Menschen in Nicaragua, um die es letztlich geht, durch seine weitere Präsens treu geblieben. Der Auszug aus Hilla Oelerichs Artikel erschien im Rundbrief 1/90.

„Sonntag, 25. Februar gegen Abend: die ersten Zahlen werden bekannt gegeben mit Vorteil für die UNO (Oppositionsbündnis, d. Red.). Wir wundern uns, beruhigen uns aber schnell mit der Tatsache, daß erst wenige Bezirke ausgezählt sind und diese Zahlen noch völlig nichtssagend sein müßten. Der Fernseher bleibt an in dieser Nacht und von Stunde zu Stunde und mit jeder neuen Meldung wird uns schlechter. Diese Stimmung wiederzugeben ist nicht leicht: steigende Nervosität, ein Kloß im Hals, eine lähmende Fassungslosigkeit: Wir können, wir wollen es nicht glauben, was da vor unseren Augen sich immer deutlicher abzeichnet. Um vier Uhr morgens beschließen wir, zwei Stunden zu schlafen. Um sechs Uhr soll DanielOrtega (damaliger sandinistischer Präsident Nicaraguas, d. Red.) sprechen. Wir haben nicht viel geredet in dieser Nacht. Jede/r hängt seinen Gedanken nach, Befürchtungen, Fragen, die uns im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht über die Lippen kommen. Aus dem Schlafen wird nichts Rechtes, um sechs der Fernseher wieder an: kein Ton, applaudierende Journalisten. Aber die Gesichter auf dem Podium sagen alles, lassen keinen Zweifel mehr zu. Ich kann es einfach nicht glauben; Wir haben die Wahlen verloren. Ja, WIR, denn in dieser Situation ist mir klar wie niemals zuvor, daß Nicaragua ein Stück von mir geworden ist, daß ich Angst habe um dieses Land, um die Hoffnung, die es auch mir war, daß ich betroffen, getroffen bin von diesem Schlag, der in den Gesichtern vor mir zu lesen ist.

Wie viele, viele mit mir an diesem Morgen sitze ich heulend vor dem Fernseher, höre die Rede von Daniel, der noch einmal die Geschichte dieser Wahlen wiederaufleben läßt. Sergio Ramirez (Vize-Präsident, d. Red.) sitzt da wie versteinert, Bayardo Arce (Generalsekretär der sandinistischen Partei, d.Red.) vermeidet den Blick in die Kamera. Wo sind die anderen? Wie müssen sie sich erst fühlen, wenn ich schon heule, die ich nichts erlitten habe, was vergleichbar wäre mit ihrer Geschichte von Krieg, Gefängnis und Folter.

Was wird jetzt passieren? Diese letzte Frage ist die erste, die mich beschäftigt, die andere kommt erst im Laufe des Tages auf: Wie konnte das passieren? Wie konnten wir uns so irren, uns so sicher sein, die Lage so offensichtlich, wie es uns die Zahlen sagen, falsch einschätzen?

Die ersten Freunde und Arbeitskolleginnen rufen an. Trotz der bedrückten


Hilflosigkeit dessen, was sie uns sagen an diesem Tag: es tut doch gut, zu sprechen, den Druck loszuwerden, der sich in dieser Nacht angestaut hat. Erste Treffen der Internationalisten werden einberufen, ein großes Bedürfnis sich auszutauschen, sich gegenseitig moralisch Unterstützung zukommen zu lassen, die Einschätzung der anderen zu hören, macht sich breit. Nachbarn kommen ins Büro, sie sind entschlossen zu gehen, sagen sie. „Wir werden nicht zugucken, wie hier alles kaputtgeht." So gut ich ihre Verzweiflung verstehe, regt sich in mir auch spontan der Protest: Wenn wir jetzt alle unsere Sachen packen, unsere Arbeit, unsere KollegInnen, unser Projekte verlassen, in DIESER Situation, in der noch keiner weiß, was passieren wird, wo bleibt da unsere Solidarität mit diesem Volk, mit dem Prozeß dieser Revolution, mit diesen Menschen hier um uns, die uns doch ans Herz gewachsen sind und die auch nicht gehen können. Und wohin sollen wir gehen?

Ja, wir haben es noch gut, wir können in unser Land zurück, in dem wir, anders als Tausende von Asylanten in Nicaragua, die aus Chile oder El Salvodor kommen, nicht mit Verfolgung rechnen müssen. Aber wohin geht es denn mit uns? Was wird unser Weg sein nach diesem 25.Februar 1990, woran glauben wir noch, dennoch, immer noch, jetzt erst recht? Nein, ich gehöre nicht zu denen, die am nächsten Tag schon wieder die Fahne in der Hand hatten, ungebrochen wirkten und Optimismus und Kampfgeist verbreiten wollten. Ich fühle mich noch heute, zwei Wochen nach dem Wahltag, sehr unsicher in meiner Einschätzung dieses Ereignisses. Und ich denke, wenn wir eins daraus lernen müssen ist es, genauer hinzusehen, Unsicherheiten auszuhalten und uns nicht mit sonnenklaren Analysen gegenseitig zu übertrumpfen und uns erneut mit Blindheit zu schlagen. ..."