EIRENE-Archiv:Elend und Krieg gehören zusammen wie Brot und Frieden" (1968)
"Liebe Freunde, soeben traf die Nachricht von der Ermordung Martin Luther Kings ein. Allen, denen die Sache des Friedens zu einer Frage ihres Lebens geworden ist, wäre damit eine wesentliche Hoffnung zusammengebrochen, wenn sie nicht wüßten, daß kraft der Auferstehung Christi eine solche Saat hunderfältig gute Frucht trägt. "Ich habe das gelobte Land gesehen", schloß Martin Luther King vorgestern abend seine letzte Rede; "ich habe keinerlei Furcht mehr; denn ich habe die Herrlichkeit Gottes geschaut." Eindeutiger kann es nicht gesagt werden: hier wurde gesprochen, gehandelt und gekämpft von einem Leben aus, dem eine Kugel keinen Abbruch tun kann. Deshalb werden dieses Wort, dieses Handeln und dieser Kampf weitergehen - durch andere und durch immer mehr Menschen - und ihr Ziel erreichen. Sie werden die Menschen gewinnen. Heute vor einem Jahr hat Martin Luther King in einer großen Rede in der Riverside-Kirche in New York seine Sicht des Zusammenhangs des Vietnamkrieges mit dem Kampf um die wahre Freiheit der farbigen Bürger der USA dargestellt. "Es gibt einen grundsätzlichen, nahezu elementaren Zusammenhang zwischen dem Vietnamkrieg und jenem Kampf, den ich zusammen mit anderen hier in Amerika auszufechten hatte und habe. Vor ein paar Jahren schien sich die Zukunft etwas aufzuhellen, was den möglichen Ausgang dieses Kampfes angeht. Es schien so, als verhieße das Programm, das in dem Gesetz über den Kampf gegen die Armut enthalten war, den Armen - den weißen wie den schwarzen - eine wahrhaftige Hoffnung. Aber dann kam die Eskalation in Vietnam, und ich mußte es mitansehen, wie das Programm zerbrach und seines Gehalts beraubt wurde, als sei es das unnütze politische Spielzeug einer Gesellschaft gewesen, die durch den Krieg ihrer Sinne nicht mehr mächtig war. Ich begriff, daß Amerika niemals die erforderlichen Investitionen machen und die notwendige Energie entfalten würde, um das Lebensniveau der Armen zu heben, solange Vietnam fortfährt, Menschen, Geist und Geld zu absorbieren und in sich hineinzuschlingen wie ein dämonischer Rachen. Notgedrungen lernte ich den Krieg mehr und mehr als den Feind der Armen zu sehen - und ihn deswegen zu bekämpfen." Der Deutsche Bundestag wird heute beschließen, fast 19 Milliarden Mark für unsere Verteidigung auszugeben, aber nur zwei Milliarden für die Entwicklungshilfe. "Notgedrungen lernte ich ..." - lernen wir? Und wir müßten es jetzt doch wissen; Elend bedeutet Krieg, sie gehören zusammen, wie Brot und Frieden zusammengehören."
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