EIRENE-Archiv:Kommentar
Neue Chancen und HerausforderungenAuszüge aus der Rede von Konrad Raiser auf der Jubiläumsveranstalung in Genf am 18.2.1997..... Ich habe die Anfrage, ob wir bereit seien, sozusagen ein Gastgeber für diese erste Veranstaltung in einer Reihe von Gelegenheiten zum Gedenken an 40 Jahre EIRENE auszurichten, gerne aufgenommen. Denn ich fand, es ist eine gute Gelegenheit auch für uns, uns wieder einzuklinken in das Gespräch über konkrete Formen eines christlichen Friedensdienstes, ein Gespräch, an dem der Ökumenische Rat in verschiedenen Stadien mit unterschiedlichen Graden von Intensität beteiligt gewesen ist. Und ich hatte gleichzeitig erfahren, daß der Ökumenische Rat so etwas wie eine Geburtshelferfunktion für EIRENE ausgeübt hat, jedenfalls durch seinen ersten Generalsekretär. Nun bin ich mir nicht so ganz sicher, wie groß der Anteil von Vissert' Hooft an der Entwicklung der Idee gewesen ist. Mir scheint es, daß die Idee schon relativ bald entwickelt war und man dann dankbar die positive Reaktion von Vissert' Hooft aufgenommen hat. ... 40 Jahre sind seither vergangen, und ich denke, daß die Idee, um die es damals 1957 ging, an Aktualität und an Dringlichkeit nichts eingebüßt hat. Es hat eine ganze Reihe von vergleichbaren Initiativen seither gegeben. Ich brauche nur zu verweisen auf die im gleichen Jahr gegründete AKTION SÜHNEZEICHEN/FRIEDENSDIENSTE, auf die Peace Brigades International, die auch mit Freiwilligen arbeiten, auf vergleichbare Initiativen von PAX CHRISTI INTERNATIONALIS, aber natürlich auch auf die vielfältigen Formen, in denen die Workcamp-Bewegung jungen Freiwilligen ähnliche Erfahrungen vermittelt hat und einen ähnlichen Dienst von Versöhnung, Aufbauarbeit, Entwicklung geleistet hat, wie es im Rahmen von EIRENE der Fall gewesen ist. Ich kann persönlich als Vater eines EIRENE-Freiwilligen, als Onkel einer jetzigen Freiwilligen, als Berater mehrerer meiner StudentInnen, die als EIRENE-Freiwillige hinausgegangen sind, aus ganz unmittelbarer eigener Erfahrung bestätigen, wie wichtig dieser Impuls für die weitere Ausrichtung des Lebens, der Ausbildung, der Arbeit dieser jungen Leute geworden ist. ..... Aber natürlich ist die Idee und ist das Prinzip eines solchen Freiwilligendienstes für Frieden und Gerechtigkeit nach wie vor begrenzt geblieben auf eine Minderheit, sowohl was die Zahlen der Freiwilligen angeht - knapp 1.000, die mit EIRENE hinausgegangen sind - wie auch begrenzt auf eine Minderheit von Kirchen, die darin eine besonders hervorgehobene Form des christlichen Friedenszeugnisses gesehen haben und dementsprechend diese Initiativen unterstützt haben. .... Man kann darauf verweisen, daß mehr und mehr Kirchen in der Entwicklungsverantwortung eine konkrete Form des Friedensdienstes gesehen haben und entsprechend auch Mittel, Personen, Ideen freigesetzt haben, um dieser Entwicklungsverantwortung zu genügen. Große Zahlen von engagierten Christen sind auf diese Weise hineingezogen worden in einen christlichen Dienst für Gerechtigkeit und Frieden in vielen Teilen der Welt. Aber natürlich sind Krieg und Gewalt unter uns geblieben, und wir müssen uns eingestehen, daß auch nach dem Fall der Berliner Mauer, nach dem Ende des kalten Krieges, nach der Auflösung der Bedrohung durch die nukleare Vernichtung neue Quellen von Spannungen, von offenen, gewaltsamen Konflikten aufgebrochen sind und daß die traditionellen Formen von Konfliktlösung in den allermeisten Fällen dieser Konflikte bisher versagt haben, daß wir in völlig neuer Weise konfrontiert sind mit der Herausforderung, politische, nicht-militärische, kreative Formen der Konfliktbewältigung zu entwickeln, sie lehrbar zu machen, die Basis für ihre Aufnahme in den Kirchen und in der Bevölkerung zu verbreiten. ... | ||
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Dazu kommt, daß die große Mehrzahl der Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates nach wie vor in dem traditionellen Dilemma gefangen sind, dem Krieg-Frieden-Dilemma, und den traditionellen Antworten auf dieses Dilemma. Die Diskussion über den Golfkrieg während der Vollversammlung in Canberra hat dies leider über alle Deutlichkeit bestätigt. Aber dazu kommt, daß in der ökumenischen Diskussion über christliches Friedenszeugnis lange Zeit die eindeutige Vorordnung der Gerechtigkeit vor dem Friedenszeugnis das Feld beherrscht hat. Ich zitiere nur einen Satz aus der Erklärung zu Gerechtigkeit und Frieden der Vollversammlung in Vancouver 1983, ich zitiere jetzt sinngemäß, daß es nirgendwo je Frieden geben wird, wenn nicht für alle und überall Gerechtigkeit geschaffen ist. Das ist ein deutlicher Ausdruck dieser Vorordnung der Gerechtigkeit vor Frieden und Versöhnung gewesen. Das Kairos-Dokument aus Südafrika war ein spätes Zeugnis dieser ökumenischen Grundthese. Die Konflikte, mit denen wir es jetzt zu tun haben, die Konflikte im früheren Jugoslawien, der Genozid in Ruanda und viele der lokalen und nationalen Konflikte in Afrika zwingen uns dazu, völlig neu nachzudenken über das Wechselverhältnis zwischen Gerechtigkeit und Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung, die, so wird uns deutlich, in zunehmendem Maße zur wechselseitigen Bedingung füreinander werden. Es sind Situationen, in denen die Bereitschaft, Frieden zu stiften, die Bereitschaft, Akte der Versöhnung zu leisten, die Voraussetzung dafür ist, daß überhaupt Gerechtigkeit geschaffen werden kann. Jedenfalls: eine einlinige kausale Abhängigkeit des Friedens von der Erfüllung der Voraussetzungen von Gerechtigkeit führt uns in eine absolute Sackgasse. Wir sind also mitten drin in einer neuen Diskussion darüber, wie konkret heute ein christlicher Dienst für Versöhnung und Frieden und Konfliktbewältigung aussehen könnte. Und in dieser Situation hat das 1994 bei der...Sitzung in Johannesburg angestoßene Ökumenische Programm zur Überwindung von Gewalt eine Katalysatorenfunktion bekommen. Die Grundidee ist jetzt nicht mehr so sehr, Gruppen von Freiwilligen, von Friedens- und Entwicklungsarbeitern in Situationen des Konflikts zu schicken. Die Grundidee ist viel stärker, sichtbar zu machen, was es bereits in den allermeisten Konfliktsituationen an örtlich und regional vorhandenen Impulsen zur Versöhnung, zum Friedenstiften, zur Konfliktbewältigung gibt und durch die Sichtbarkeit solcher, aus den einheimischen Einsichten gespeisten Initiativen zur Bildung von Netzen vorzudringen, die sich wechselseitig schützen, tragen und stabilisieren. Es geht also darum, das Potential von lokal verankerten Initiativen zu verstärken. Es geht darum, diejenigen, die schon jetzt daran sind, für eine Kultur des Friedens zu arbeiten, untereinander in Verbindung zu bringen und so zur Überwindung von Gewalt beizutragen. ... Dabei kommt dann Initiativen wie EIRENE und anderen Friedensdiensten im nördlichen Teil der Welt eine neue Funktion zu, eine Funktion, die die Bereitschaft von EIRENE, wirklich partnerschaftlich zu arbeiten, auf eine neue Probe stellt. Denn jetzt kann es nicht mehr darum gehen, auszusenden oder Ideen bzw. Mittel zur Verfügung zu stellen als Ausweis von Partnerschaft, sondern jetzt muß es darum gehen, unsererseits das an Erfahrung, an Einsichten, das in anderen Kontexten gewachsen ist, aufzunehmen und in die Art, wie wir mit Konflikten im eigenen Land, in der eigenen Region umgehen, umzusetzen. Das EIRENE-Nordprogramm als europäisches Programm bzw. europäisch-amerikanisches Programm wird also daraufhin geprüft werden müssen, wie weit es in der Lage ist zu lernen von den Erfahrungen, die in Afrika, in Lateinamerika, in Asien, in der Karibik usw. im Umgang, in der Lösung von Konflikten, zivilgesellschaftlichen Lösung von Konflikten gemacht worden sind. Ich denke, daß damit die wirkliche ökumenische Dimension eines solchen christlichen Dienstes für Frieden und Gerechtigkeit zum Tragen kommt. ... Und ich denke, daß hier eine Chance, aber auch eine Herausforderung für EIRENE liegt. Ich erhoffe mir jedenfalls, daß der Rahmen des ökumenischen Programms zur Überwindung der Gewalt uns auch neue Gelegenheiten geben wird, die alten Beziehungen zwischen EIRENE und dem Ökumenischen Rat neu zu beleben, zu entfalten, weiterzuentwickeln. Herzlichen Dank!"
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