EIRENE-Archiv:


Ein Idealismus, der auch gut tut (1995)


In den letzten fünf Jahren hat sich
EIRENE immer wieder mit grundsätzlichen Fragen seiner Arbeit auseinandergesetzt und sich auch in Frage stellen lassen. Schwerpunkthemen der Rundbriefe zu Fragen wie „Partnerschaft in den Projekten: eine Utopie?, „Die Rolle der Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit", „Was bedeutet >Gewaltfreiheit< heute?", „Ist unser Ansatz wirklich nachhaltig?", „Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit?" oder „Dienen - eine alte Klamotte?" machen dies deutlich und kennzeichnen zugleich die Offenheit und kritische Auseinandersetzung mit uns selber, bei allem Idealismus, der die Arbeit von EIRENE von Anfang an begleitet hat.

Gerade dieser Idealismus, der sicherlich immer wieder einer notwendigen Erdung bedarf, ist es, der EIRENE anziehend macht, der vielen Freiwilligen und Unterstützern das Gefühl vermittelt, in „ihrer" Organisation gut aufgehoben zu sein. Beispielhaft hier ein Auszug aus einem Artikel im Rundbrief 4/95 von Louis Lindner, heute EIRENE-Koordinator im Niger, der nach 25-jähriger Tätigkeit im asiatischen Raum zum Zeitpunkt der Erstellung des Artikels gerade zu EIRENE gestoßen war.

„... Die Europäer sind relativ reich und trotzdem unzufrieden; sie erscheinen einem manchmal wie verwöhnte Kinder. In gewisser Weise sind sie gut informiert, aber übersättigt von Berichten über Katastrophen. Sie nehmen sich die Freiheit heraus, nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch fremde Länder zu beurteilen und abzuwerten.

Die Sitten und die allgemeine Situation entwickeln sich so schnell, daß die junge Generation oft ihre eigenen Wurzeln nicht mehr kennt. Sie wendet sich verschiedenen Strömungen zu, je nachdem, wo sie ihre eigenen Ideen wiederfindet, um eine neue Welt zu bauen, für alle oder für sich selbst, je nach dem Ideal des einzelnen. Es gibt viel mehr Respekt vor der einzelnen Person als früher, was ich nur begrüßen kann, und man hat das Recht der Meinungsfreiheit unter der Bedingung, daß man nicht offensichtlich der Gesellschaft, der man angehört, schadet.

Ich finde, daß die Europäer insgesamt ziemlich materialistisch geworden sind, und noch mehr abergläubisch und fremdenfeindlich. Schlimmer noch, sie grenzen sich gegen die Ausländer ab, aber sie benehmen sich außerhalb ihres Landes gerne wie Touristen, die nichts zu tun haben wollen mit der Armut, der Verzweiflung und der politischen Unterdrückung der Dritten Welt. Das Autorennen „Paris-Dakar" ist ein typischer Ausdruck dieses oberflächlichen und zwiespältigen Verhaltens.

Eine alternative Minderheit stellt sich all dem heftig entgegen. Das sind die Grünen, die Progressiven, die Idealisten, die Vegetarier (streng oder gemäßigt), die Prinzipienreiter. Das ist die moderne Linke, mehr oder weniger jung, gleichberechtigt und intellektuell, sich für Eine-Welt einsetzend, pazifistisch und christlich, aber wenig kirchlich gebunden und praktizierend. Die Frauen nehmen hier teil an der Gesellschaft durch ihre Arbeit und durch ihr frauenspezifisches Sein, die Männer beteiligen sich - zumindest teilweise - an der Hausarbeit.

EIRENE steht völlig auf der alternativen Seite: die Jungen sind hier sehr idealistisch, und selbst die Alten denken wie die Jungen. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, so daß alle mit ihnen leben können. Und nicht nur, daß man hier nicht für Geld arbeitet, manchmal muß man sogar bezahlen für das Privileg, zu EIRENE zu gehören und dazu noch Überstunden zu machen. Aber ich muß auch gestehen, daß es gut tut, auch in Europa einen solchen Idealismus zu finden."