EIRENE-Archiv:



Wo steht EIRENE heute? (1971)

Im Dezember 1971, 15 Jahre nach der Gründung von EIRENE, ging ein Rundbrief an alle Interessierten, in dem unter der Frage „Wo steht EIRENE heute?" in folgenden Passagen die damaligen neuen Herausforderungen angesprochen werden.

„Die Gründer von EIRENE, unter ihnen der am 5. Juni 1971 verstorbene André Trocmé, stellten dem neuen Internationalen Christlichen Friedensdienst EIRENE die Aufgabe, „für junge Menschen in verschiedenen Ländern die Möglichkeit zu schaffen, einen freiwilligen Dienst als Christen und Pazifisten an Orten der Not und besonders in Spannungsgebieten zu leisten, wo Nächstenliebe einen Beitrag zur Versöhnung leisten kann". Ein Versöhnungsdienst von christlichen Pazifisten in Spannungsgebieten, zum Beispiel in Nordafrika, erschien einfach notwendig. ...

Wo steht EIRENE heute?

Befragen wir zunächst die Mitarbeiter in Marokko! Wilfried Warneck hat kürzlich Gelegenheit gehabt, ausführlich mit den meisten von ihnen zu sprechen. Er stellte fest, daß es in Marokko kaum einen EIRENE-Mitarbeiter gibt, dessen Leben entsprechend der bürgerlichen Norm verläuft und der nicht an irgendeiner Stelle in Richtung auf sein persönliches mitmenschliches Engagement wachgerüttelt worden wäre. Zwei von ihnen haben ihren Forschungsbüros zur Entwicklung von modernen Vernichtungswaffen den Rücken gekehrt und sind zum Friedens- und Entwicklungdienst gekommen. Einer hat seine Dozentur an einer Hochschule aufgesteckt, um mit landflüchtigen, verarmten Nomadenstämmen neue Existenzmöglichkeiten herauszufinden. Eine Schweizer Fachlehrerin hat ihre nagelneue Glas-Stahl-Beton-Schule, d.h. gute Arbeitsbedingungen, hinter sich gelassen und sitzt nun in einer Baracke mit jungen Mädchen und unterrichtet sie im Nähen. Ein Schreiner lebt mit aussätzigen jungen Männern zusammen und übt mit ihnen die Erkenntnis ein, daß man trotz Krankheit seine Finger gebrauchen und eine anerkennungswürdige Arbeit tun kann. ...

Die neuen Herausforderungen

Nun ist in den letzten Jahren sehr deutlich geworden, daß Entwicklungsdienst in Übersee nur wenig zur Förderung des Friedens beitragen kann, wenn nicht gleichzeitig die Ursachen des Unfriedens dort erkannt und angegangen werden, wo sie zu finden sind: In den industriealisierten Ländern, also in unserem eigenen Lebensbereich. Wollen wir den Rassismus in Südafrika bekämpfen, wird man uns dort nur ernst nehmen, wenn wir wissen und dagegenwirken, daß unsere Gastarbeiter und schwarzen Gaststudenten hier sublimierten Formen des Rassismus ausgesetzt sind. Friedensdienst bedeutet, daß wir unseren Nächsten nicht nur im fernen Marokko oder im Zaire ernstnehmen, sondern auch für seine Interessen hier eintreten. Friedensdienst bedeutet, daß wir uns auch um hiesige Randgruppen kümmern, daß wir uns um Einfluß auf unsere eigene Gesellschaft bemühen. ..."