EIRENE-Archiv:Freiwillige Gehaltsrückstufung der EIRENE-Mitarbeiter (1981)Im Jahr 1981 entschieden sich die MitarbeiterInnen in der EIRENE-Geschäftsstelle, ihr Gehalt einheitlich auf BAT V zurückzustufen. Diese Entscheidung, die bis heute (mit leichten familiengerechten Anpassungen) von den MitarbeiterInnen getragen wird, erregte damals erhebliches Aufsehen. Die Geschäftsstelle reagierte mit dem folgenden Artikel unter der Überschrift Reaktionen auf die freiwillige Gehaltsrückstufung" im Rundbrief 2/81 auf diese Rückmeldungen. In einem Artikel des letzten EIRENE-Rundbriefes wurde berichtet, daß vier Mitarbeiter von EIRENE die Höchstgrenze ihrer Gehälter auf BAT V. zurückgestuft hatten. Der Artikel endete mit der Forderung: Der Ruf zur Umkehr, zum Miteinanderteilen darf nicht nur als Appell verhallen. Wir müssen handeln und bitten alle, die von den Problemen der Dritten Welt, der Umweltzerstörung, der Arbeitslosigkeit hier und dort betroffen sind, ähnliche Schritte zu vollziehen." Wie wurde nun diese Aktion der EIRENE-Mitarbeiter von Rundbrief-Lesern aufgenommen? Ein Mädchen antwortete auf Paul Gentners Artikel von der Gehaltsrückstufung: Ich hatte das Bedürfnis, dir mitzuteilen, daß ich sehr begeistert bin, dies zu lesen und mir Gedanken zu machen. Dein Artikel trägt dazu bei, mir neue Möglichkeiten für einen einfacheren Lebensstil aufzuzeigen. Das Thema diskutiere ich oft mit Freunden unserer Dritte-Welt-Gruppe, aber nur allzu oft stellen wir fest, daß wir sehr viel reden, aber nicht immer danach handeln." Herzlichen Glückwunsch und Anerkennung für die freiwillige Gehaltsrückstufung", schrieben die Mitarbeiter eines Dritte-Welt-Ladens. Einige von unserem Ladenverein haben vor zwei Wochen beschlossen, sich selbst mit ca. 5 Prozent zu besteuern. Erstaunlich, was da alles zusammenkommt." Darüber hinaus wurden viele Leute aufgrund dieses Artikels auf den EIRENE-Rundbrief aufmerksam und bestellten ihn: Obwohl von diesem Rundbrief 2.000 (statt bisher 1.700) Exemplare gedruckt worden waren, waren diese bereits nach einigen Wochen vergriffen. Neben diesen Reaktionen von Einzelpersonen sind auch die Presseveröffentlichungen über die freiwillige Gehaltsrückstufung von EIRENE-Mitarbeitern bemerkenswert: Im Trierer Bistumsblatt wurde der Rundbrief-Artikel abgedruckt: ein epd-Artikel über diese Aktion wurde in der Wochenzeitschrift der Rheinischen Landeskirche wiedergegeben. Ferner wurde auch in der Neuwieder Rhein-Zeitung" über die Gehaltsrückstufung berichtet. Auf derselben Seite der Tageszeitung konnte man auch von einem Streik von 2.000 Neuwieder Metallarbeitern zur Durchsetzung höherer Löhne lesen. ..." Die lokale Gewerkschaft reagierte mit einem Leserbrief, in dem sie die freiwillige Gehaltsrückstufung im Sinne einer Spende für die Dritte-Welt zwar gutheißt, aber auch schreibt: Die Privataktion aus christlicher Nächstenliebe, nämlich der Gehaltsverzicht, als Beispiel in der augenblicklichen Situation bei laufenden Tarifverhandlungen in der Metallindustrie und im öffentlichen Dienst, ist dagegen eine Zumutung. ... Eine besondere Pikanterie gewinnt der Artikel dadurch, daß die private Meinung von vier Christen neben dem Bericht über die Aktion der über 2000 Kollegen aus Metallbetrieben zur Durchsetzung ihrer Lohnfortzahlung steht." Die EIRENE-MitarbeiterInnen antworteten darauf mit folgendem Leserbrief, der auch heute noch Aktualität besitzt: Leserbrief aus der Rheinzeitung vom 22. April 1981 RZ vom 4./5.April Besser für die Dritte Welt". Wir möchten klarstellen, daß unsere freiwillige Gehaltsrückstufung nicht darauf abzielt, die Bemühungen der Gewerkschaften um eine gerechtere Verteilung der Einkommen zu behindern. Im Gegenteil - wir halten den Beitrag, den die Gewerkschaften in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zur Steigerung und Absicherung der Reallöhne und -gehälter geleistet haben, für ebenso gerechtfertigt wie notwendig. Sicher ist es auch ein Unterschied, ob die Mitarbeiter einer gemeinnützigen Organisation oder eines gewinnorientierten Unternehmens auf einen Teil ihres Einkommens verzichten. Infolge einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung stehen wir heute jedoch vor weltweiten Problemen, die nach unsere Meinung nur dann gelöst werden können, wenn wir über unsere eigenen Interessen hinaus auch die der gesamten Menschheit berücksichtigen. Denn - ungeachtet des Einkommensgefälles in den Industrieländern selbst - ist kaum zu übersehen, daß die Bewohner der nördlichen Erdhalbkugel ihren aufwendigen Lebensstandard nachweislich auf Kosten der Dritten Welt sicherstellen. Wir sind mitverantwortlich für die Unterentwicklung" und das Elend in diesen Ländern. Wir alle, besonders jedoch die Spitzenverdiener und Unternehmenseigner, sind daher aufgerufen, über die menschenverachtenden Rahmenbedingungen unseres Lebensstils nachzudenken und praktische Konsequenzen zu ziehen. Hier kommt vor allem auch den Gewerkschaften die Aufgabe zu, die nationalstaatlichen Grenzen zu überschreiten und wirkliche Solidarität mit den Hungernden und Unterprivilegierten zu üben. Denn oft sind diese genau wie die Arbeitnehmer hier bei uns Mitarbeiter ein und desselben multinationalen Konzerns. Wäre es nicht vorstellbar, daß Arbeiter, Angestellte und ihre gewerkschaftlichen Vertreter zukünftig neben Tarifverhandlungen zur weiteren Verringerung der Einkommensunterschiede auch gleichzeitig für eine Neuorientierung unserer Wachstumsgesellschaft eintreten? Beispielsweise wäre es wichtig, daß wir realistische Alternativen zu der immer mehr vorherrschenden Großtechnologie entwickeln und schrittweise verwirklichen. Wir könnten somit zu einer sparsamen Verwendung unserer Energien und Rohstoffe (aus der Dritten Welt) sowie zu einer langfristigen Sicherung der Arbeitsplätze in Nord und Süd beitragen. Die Mitarbeiter von EIRENE, Neuwied
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