EIRENE-Archiv:
Wie alles anfing! (1957)
20 Jahre nach der Gründung von EIRENE findet sich im Rundbrief 2/77 ein Artikel über die Gründungsgeschichte von EIRENE. Hier einige Auszüge.Sechs junge Leute schlenderten in Algier die Rue d'Isly hinunter, unser Freund Mohamed B. und fünf Freunde. Es war vor über zwanzig Jahren, und der bittere algerische Freiheitskrieg hatte einen seiner Höhepunkte erreicht. Die jungen Männer aber hatten wirklich nichts Kriegerisches im Sinn. Sie taten, was man in einem heißen Land am Abend tut: Man entflieht dem Backofen, zu dem das Haus geworden ist, und geht noch einmal ums Karree. Sie hatten keine Waffen, keine Flugblätter, keine Parteibeiträge in den Taschen. Die Streife der Militärpolizei nahm sie trotzdem alle mit. Nach sechs Tagen Verhör" war von ihnen nur noch Mohamed am Leben - und er als ein kranker Mann, der er bis heute ist. Wir sprachen uns einige Zeit später. Im Erzählen des jungen Muslim war kein Vorwurf. Angeklagt wurden nicht die Krieger - wie viele französische Familien bangten damals um Vermißte, trauererten um Getötete! - angeklagt wurde der Krieg, und den machen immer wir alle, ob aktiv oder ob durch unsere Lässigkeit. ... Wer einmal wach eine solche Begegung erfahren hat, der wird immer wieder Gelegenheiten wahrnehmen, mit Betroffenen zusammen der Frage nachzugehen: Warum das alles? Welche Antwort er auch findet und wie auch immer das sein Denken und Tun verändern mag, es bleibt eine zweite Frage: Aber was kann ich selbst jetzt und unmittelbar tun? Bevor man wer weiß was für Strategien entwerfen und ausführen kann, bietet sich eine ganz einfache Geste an, eine gerade in Afrika zwischen vormals verfeindeten Gruppen wohlbekannte: Hingehen und die zerbrochene Freundschaft neu anbieten - durch die eigene Anwesenheit, durch Mitarbeit in dem auf der Hand liegenden Tagewerk. Der Algerienkrieg wurde von der Masse der Bevölkerung in Nordafrika als ein Krieg der Christen" gegen sie verstanden. Einige Christen nahmen diese Herausforderung an, und so entstand EIRENE. Historisch genau genommen war es am 18. Februar 1957, als der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Dr. Visser´t Hooft, ein gerade in Genf tagendes Komitee der Friedenskirchen" (Mennoniten, Quäker, Brethren) und des Internationalen Versöhnungsbundes zu einem Essen einlud. Er war gerade von einer Reise in das vom Krieg zerwühlte Algerien zurückgekehrt. Er bat die Teilnehmer des Treffens zu überlegen, ob man nicht im Blick auf Nordafrika einen Dienst der Versöhnung zwischen den Völkern" organisieren könne, einen Dienst, der notwendigerweise auf der Ebene der breiten Bevölkerung zu tun und der am besten von Christen zu leisten wäre, nämlich im Geist christlicher Liebe, ohne politische und militärische Motive". Zu gleicher Zeit galt es damals, der Bundesregierung erste Modelle eines sinnvollen Alternativdienstes für Kriegsdienstverweigerer vorzuschlagen. Man dachte, beides miteinander verbinden zu können, und nach weiteren Zusammenkünften in Amsterdam und London stand im Herbst die Organisation und die ersten Freiwilligen reisten aus.
| ||