"Ich prophezeie eine Gesellschaft ohne Ausbeutung"
Der bekannte Priester, Künstler und Poet Ernesto Cardenal wurde durch seine Gedichte und Texte weltweit bekannt und beeinflußte eine ganze Generation, auch in Deutschland. Er gehörte eine zeitlang zu den meistgelesenen lateinamerikanischen Autoren in Deutschland. 1980 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zu dieser Zeit war er Kulturminister unter der sandinistischen Regierung in Nicaragua. Heute lebt Ernesto Cardenal eher zurückgezogen in Nicaragua und schreibt an seiner Biographie.
EIRENE sprach mit Ernesto Cardenal im Oktober diesen Jahres in Nicaragua.
EIRENE: Padre, vor mehr als 20 Jahren haben Sie ein Gedicht geschrieben, in dem Sie Ihre Vision von einer Welt beschreiben, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft ist. Dieses Gedicht haben Sie unter dem Eindruck der damaligen Somoza-Diktatur geschrieben, zur Zeit des Widerstandes der sandinistischen Befreiungsfront gegen die Diktatur. Haben Sie heute, mehr als 20 Jahre später, immer noch die gleiche Vision vor Augen?
Cardenal: Ich prophezeie auch weiterhin Nicaragua und der gesamten Menschheit das Kommen einer geschwisterlichen Gesellschaft, ohne die Ausbeutung einiger Menschen durch andere. Wenn man die Bibel liest, dann findet man, daß diese Gesellschaft immer wieder angekündigt wird, die "Reich Gottes" genannt wird: die politische Herrschaft Gottes. Die Botschaft Christi ist, daß mit ihm dieses Reich, diese Herrschaft schon angebrochen sind.
EIRENE: Welche Vision oder welche konkrete Hoffnung haben Sie heute in Bezug auf Nicaragua für die ersten Jahre des kommenden Jahrtausends?
Cardenal: Was in den kommenden Jahren in Nicaragua geschehen wird, das kann ich nicht wissen, weil so viele Faktoren eine Rolle spielen, die alle nicht vorhersagbar sind. Die Aufgabe des Propheten ist es, die Zukunft auf lange Sicht vorher zu sehen, und das können wir im Rahmen der biblischen Botschaft tun. Doch ist der Prophet kein Weissager, der die Dinge auf kurze Sicht vorhersehen kann, wie wenn ein Erdbeben oder der Tod einer bekannten Persönlichkeit geweissagt wird. Das sind Vorhersagen, die für uns keinerlei Glaubwürdigkeit besitzen. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, daß es für den Augenblick keine Anzeichen revolutionärer Veränderungen gibt, die von der heutigen jungen Generation betrieben werden. Doch können sich solche Veränderungen auch plötzlich ergeben, auch in Momenten, in denen sie kaum erwartet werden.
EIRENE: In dem zuvor angesprochenen Gedicht findet sich ein Satz, in dem es heißt, daß das Gottesreich und der Kommunismus das Gleiche sei. Sind Sie heute immer noch dieser Überzeugung?
Cardenal: Was ich gesagt habe, war, daß der Kommunismus und das Reich Gottes auf Erden das Gleiche seien. Doch verstand ich unter Kommunismus die perfekte Gesellschaft der Zukunft, so wie sie Marx beschreibt, in der es keine Ungerechtigkeit mehr gibt, noch Klassenunterschiede, noch Egoismus. Und dies ist das selbe Reich Gottes auf Erden, von dem uns das Evangelium berichtet. Natürlich glaube ich auch weiterhin daran.
EIRENE: Die Gesetze des freien Marktes oder die Globalisierung, wie heute gesagt wird, sind offenbar bestimmend für die Zukunft der Menschheit und der Menschen. Aber für die Mehrheit bedeutet diese Globalisierung ein weiteres Anwachsen ihrer Armut. Diejenigen, die sich weiterhin für eine Welt einsetzen, die allen Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll, werden Idealisten genannt oder als irrational bezeichnet. Wie denken Sie über diese Gruppe, für die auch weiterhin der alte Satz gilt: "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!"?
Cardenal: Ich glaube, daß die Evolution des Universums und die der Menschheit das gleiche Ziel haben, und zwar das der Vereinigung und der Liebe. Der Planet ist rund, und die Menschheit auf ihm muß sich immer mehr vereinen. In diesem Sinne werden wir uns immer mehr globalisieren. Doch muß dies die Globalisierung der Liebe sein. Das Schlechte an der heutigen sogenannten Globalisierung ist, daß sie ausschließenden Charakter besitzt. Statt der heute existierenden Gesellschaft, in der die Zahl der Armen immer größer wird, müssen wir eine Gesellschaft ohne Ungleichheit und ohne Arme erreichen. Dazu sind wir durch die kosmische Evolution bestimmt. Der Altruismus, die Selbstlosigkeit, ist ein biologisches Gesetz, wir tragen sie in unseren Genen.
EIRENE: Ist der Jahrtausendwechsel für Sie etwas Besonderes oder gar mit mystischen Dingen verbunden?
Cardenal: Die Kalenderdaten vermitteln mir keinerlei mystischen Gefühle, weil ich sie für eine zufällige Konvention halte.
EIRENE: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Thomas Oelerich.
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