Weihnachten am Meer - mitten im Oktober
Eindrücke vom Zwischenseminar in Belgien

"Der Direktor hat soviel zu tun, daß er für die wichtigen Sachen gar keine Zeit mehr hat". Alle lachen. "Doch, das stimmt", beteuert Johannes. Er lebt seit neun Monaten in einer Lebensgemeinschaft mit Behinderten, in der Arche in Compiègne. Und schon kommt ein lebhaftes Gespräch über den Alltag im Projekt in Gang: "Bei uns gibt es unglaublich viel zu tun," beschreibt Johannes. Kein Wunder, denn so eine Lebensgemeinschaft ist im Grunde ein großer zehnköpfiger Familienhaushalt mit Wäsche, warmen Mahlzeiten, Arztbesuchen und Einkäufen und allem, was dann noch so dazu gehört. "Ich denke jedesmal, wenn ich das noch geschafft habe, dann ruhe ich mich aus - aber dann kommen schon wieder neue Sachen auf mich zu."

Einige von den Freiwilligen, die zuhören, nicken. Ihnen kommt die Situation bekannt vor. "Weißt Du, was ich gelernt habe?" Kai Schäfer, der nun schon fünfzehn Monate mit behinderten Menschen in einer Arche in Brüssel zusammenwohnt, ergreift das Wort: "Eigentlich ist es erst richtig schön, wenn ich kein Programm mehr anbiete. Wenn ich selber ganz gelassen und nicht so hektisch bin. Einmal in der Woche bin ich für einen spastisch gelähmten Menschen verantwortlich, der uns besucht. Am Anfang war ich immer nervös und überlegte, was ich mit ihm unternehmen kann. Und mittlerweile freue ich mich, wenn er kommt und wir verbringen einfach Zeit miteinander. Neulich war er bei mir in der Küche, als ich das Essen vorbereitete. Als ich ihn vom Pudding naschen ließ, hat er sich riesig gefreut. Und ich mich auch. Für mich sind das die Momente, die zählen."

Wir sind zu vierzehn Menschen in einem wunderschönen alten verwinkelten Haus an der belgischen Nordseeküste. Ein idealer Ort für das Zwischenseminar des frankophonen Nordprogramms. Neben den Freiwilligen aus Belgien und Frankreich ist auch Daniel dabei, der gerade seinen Zivildienst in der EIRENE Geschäftsstelle leistet. Und Rüdiger, der seit ein paar Monaten in Sarajevo lebt. Draußen windet, stürmt und regnet es, aber der nahe Sandstrand und das Meer sind dennoch einfach zu verlockend. Eine Woche dürfen wir nun hier sein, verweilen, erzählen, zuhören und uns austauschen. Und diese Woche tut allen gut.

"Ich stehe morgens früh auf und bin dann den ganzen Tag im LKW in der Pariser Innenstadt unterwegs", erzählt Jörg Carls, der seit zwei Monaten als Friedensdienstleistender in der Emmaus Gemeinschaft arbeitet: "Wir holen gebrauchte Möbel ab, die die Emmaus Gemeinschaft geschenkt bekommt. Gelegentlich entrümpeln wir auch Wohnungen. Es ist spannend, die verschiedenstartigen Wohnungen und Lebensituationen mitzubekommen. Den krassen Gegensatz zwischen gutbürgerlichen Wohnungen und den ärmlichsten Sozialwohnungen. Und es ist auch unglaublich, welche Lebensgeschichten die Männer schon hinter sich haben, mit denen ich jetzt zusammen lebe. Abends falle ich todmüde ins Bett. Und ich denke, daß mein Leben vorher eigentlich bisher nur Freizeit war."

"Bei mir ist auch immer was los", berichtet Inga-Lena Heinisch, die seit vier Wochen bei einer Nichtregierungsorganisation in Brüssel arbeitet, die sich für weltweiten Klimaschutz einsetzt. "Da kommen Faxe und e-mails, das Telefon klingelt und als meine KollegInnen dann alle einmal auf Konferenzen oder Tagungen waren, da habe ich alle vier Telefone gleichzeitig bedient."

nach oben Wen wundert es da, daß sich alle auch auf Erholung und Entspannen freuen. Und dennoch: Wir verpflegen uns selber und ein Bad für vierzehn Leute putzt sich nicht von alleine. Ein großer Plan hängt im Aufenthaltsraum. Da muß sich jeder fünfmal eintragen. Aber es stellt sich gleich heraus, daß es abends ganz schön schwierig ist, nur zu dritt Spinatlasagne, Salat und Nachtisch für alle vorzubereiten. Es ist auch nicht gerecht, daß eine/r für alle einkauft, plant und vorausdenkt. Es kommt zur Aussprache. Marek faßt die Diskussion dann kurz und knapp zusammen: "Ich denke, wir haben alle verstanden, worum es geht. Ab jetzt tragen alle mehr Verantwortung und helfen mit und dann klappt es auch besser".

Marek hat nur noch zwei Monate Dienstzeit vor sich in seinem Projekt in Marseille bei den Compagnons Bâtisseurs. In seiner Dienstzeit hat er hauptsächlich Sozialwohnungen renoviert, aber - und das ist den Compagnons ganz wichtig - immer gemeinsam mit den Menschen. "Was hast Du denn jetzt eigentlich gelernt bei deinem Friedensdienst?" fragen ihn die anderen. Marek schaut sie an und antwortet ganz ruhig: "Für mich hat das Materielle keinen Wert mehr. Aber auch gar keinen. Und ich habe auch gelernt, daß man keine Menschen ausgrenzen darf. Das geht einfach nicht. Wir sind doch alle Menschen. Welche Gründe gibt es, Menschen auszugrenzen? Keine."

"Und was machst Du jetzt nach dem Dienst, Marek?" "Ich? Ich gehe jetzt erstmal nach Hause. Und erzähle meiner Familie, was ich alles Wichtiges erlebt habe. Und ich glaube auch, daß ich mich verändert habe. Aber ob das auch stimmt, finde ich am besten zuhause raus." Wir lachen, aber es ist ein eher staunendes Lachen.

Am letzten Abend sind wir zu elft in der Küche. Aus dem Radio dröhnen Schlager der 70er und alle grölen Fiesta, Fiesta Mexicana. Die Knoblauchzehen werden einem förmlich aus der Hand gerissen: wir bereiten ein Festessen vor. Zwei schmücken den Tisch und jeder findet auf seinem Teller eine kleine Muschel. Der Plan hängt beleidigt im Aufenthaltsraum. Natürlich warten wir, bis alle da sind. Manche müssen noch zur Telefonzelle. In der Zwischenzeit ist im Badezimmer Hochbetrieb und in der Küche riecht es schon längst nicht mehr nach Knoblauch, sondern nach Duschgel und Seife. Es ist dann Mitternacht, bis wir alle um den Tisch sitzen. Niemand glänzt, aber alle strahlen. Gewienert und geschrubbt sitzen wir da, die letzten sauberen Kleider angezogen, und jetzt wird noch ein Lied gewünscht, nach dem Lied noch eine Rede. Und im Grunde hat nachts um halb eins dann kaum noch einer richtig Hunger, aber es ist einfach ungemein festlich: "Das ist wie Weihnachten", flüstert Susanne mir zu. Ich nicke. Wie Weihnachten mitten im Oktober.

Christiane Bals
Referentin im frankophonen Nordprogramm



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