Versöhnung hat viele Gesichter
Seit fast 20 Jahren entsendet EIRENE Freiwillige nach Nordirland. Der Bürgerkrieg war über Jahre eine bestimmende Erfahrung in der Sozial- und Friedensarbeit. Heute ist der Friedensprozeß - für viele für unmöglich gehalten - eingeleitet und muß sich bewähren.
Wir haben Rob Fairmichael als Koordinator der Oganisation INNATE, eines Netzwerkes für Gewaltfreiheit in Irland, als assoziiertem Geschäftsführer des Irischen Rates der Kirche sowie Projektpartner von EIRENE gebeten, einige Gedanken zum Thema "Versöhnung" niederzuschreiben.
Versöhnung ist ein verwirrendes Wort.Wenn ich das behaupte, möchte ich darauf hinweisen, daß dieses Wort in einer Weise interpretiert werden kann, die wir vollständig ablehnen würden. In Nordirland wird zum Beispiel behauptet, daß "Protestanten über Versöhnung reden, Katholiken aber über Gerechtigkeit". Mit anderen Worten bedeutet dies, daß Katholiken gesellschaftliche Veränderung wollen, bevor sie sich mit den Protestanten versöhnen, und Protestanten möchten bessere Beziehungen zu den Katholiken, ohne unbedingt ein Interesse an Veränderungen zu haben. Dies ist also ein Verständnis von Versöhnung, das mit Versöhnung nichts zu tun hat.
Gerade innerhalb der Gruppen, die sich für Frieden und Gewaltfreiheit einsetzen, kann es zu Problemen mit dem Wort "Versöhnung" kommen. Abstrakt betrachtet und ohne daß das Wort in einen bestimmten Kontext gestellt wird, hat es einen sentimentalen und unpolitischen Beigeschmack von "Laßt uns mal alle ganz doll lieb zueinander sein". Insofern versuche ich, diesen Terminus auch nicht in einer allgemeinen Diskussion zu verwenden, gerade weil es für mich ein wichtiges Ziel und Teil meines ideologischen Hintergrunds ist und weil es außerdem so leicht mißverständlich ist. Und dieses Problem ist nicht allein auf den Gebrauch des Wortes in der englischen Sprache beschränkt.
Dies vorangestellt gibt es aber eine große Anzahl von möglichen Konzepten der Versöhnung. Der "Löwe und das Schaf" oder der Wolf und das Lamm (Jesaja 11,6-7) können beisammen liegen, oder die Katze und die Maus nach der alten irischen Legende. Wir sehen die Unmöglichkeit der Versöhnung zwischen Juden und Palästinensern in Israel und Palästina, Katholiken und Protestanten in Nordirland, Albanern und Serben im Kosovo, Schwarzen und Weißen in den USA, Gastarbeitern und Flüchtlingen oder Roma in mehreren europäischen Ländern, zwischen der nationalen Bevölkerung und Einwanderern in vielen Gesellschaften, und wir fragen: "Warum geht es nicht?" Aber zu dieser Frage: "Warum geht es nicht?" gehört eine schonungslose und tiefgehende Analyse dessen, was sich ändern muß, bevor Versöhnung tatsächlich passiert. Wir müssen immer noch die Möglichkeit haben, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn wir auf den richtigen Moment oder die richtigen Worte warten müssen, mit denen wir uns verständigen können und auch verstanden werden.
Und es ist eine falsche Vorgehensweise in jeder Gesellschaft, zu denken, man könne sich nur auf eine spezifische Form der Versöhnung beziehen. Eine Gesellschaft, die von den Medien auf eine bestimmte Form der Versöhnung festgelegt wird, benötigt vielleicht eine Vielzahl anderer Formen der Versöhnung. Nordirland muß sich auch um die gesellschaftliche Stellung der Travellers (eine ethnische irische Minderheit), um andere ethnische Gruppen, behinderte Menschen, sexuelle, politische und kulturelle Minderheiten und um die armen Menschen kümmern, und es gäbe noch mehr Gruppen zu erwähnen.
Der Übergang des schwarzen und weißen Südafrika zur Demokratie wird oft als ein Paradebeispiel für eine Versöhnung angesehen, von der man dachte, daß sie unmöglich sei. Das stimmt. Aber die Herausforderung, der sich Südafrika jetzt stellen muß, ist die Verwirklichung ökonomischer und sozialer Gerechtigkeit, damit es zu einer tiefergehenden Versöhnung in der südafrikanischen Gesellschaft kommt. W.B. Yeats hat ein kurzes, zwei Zeilen langes Gedicht geschrieben: "Parsell came down the road, he said to a cheering man; 'Ireland shall get her freedom and you still break stone.'" ("Parsell kam die Straße runter, er sagte zu einem jubelndem Mann, Irland wird seine Freiheit erlangen und Du wirst weiterhin Steine brechen müssen.") Parsell war einer der beiden prominentesten irischen Nationalisten im 19. Jahrhundert. Dieses Gedicht soll uns auf die Gefahr hinweisen, sich nur auf eine Form der politischen Veränderung zu konzentrieren und dabei den Aspekt der ökonomischen und sozialen Gerechtigkeit zu ignorieren. Im Moment muß in Südafrika noch der Beweis erbracht werden, daß man in der Lage ist, der großen Masse der Bevölkerung eine Zukunft zu ermöglichen, die nicht nur aus "Steine brechen" besteht. In jeder Gesellschaft wäre es eine schreckliche Ungerechtigkeit, über "Das Versöhnen" von Arm und Reich zu reden, ohne nicht zugleich etwas zur Veränderung dieser Kategorien zu tun.
Die Einstellung "Früher habe ich vielleicht etwas falsches gedacht, heute bin ich perfekt" ist auch gefährlich, da man erwartet, daß die anderen sich ändern sollen und man selber nicht. Die Antwort liegt in dem Versuch, den anderen kennenzulernen und zu verstehen, wer und was auch immer der andere sein mag. Und wenn wir unseren "anderen" nicht kennen, dann sollten wir so schnell wie möglich herausfinden, - welche Art von Menschen sie sind und was sie bewegt. Um wieder auf den nordirischen Kontext zurückzukommen: Tommy Sands hat gesungen: "Somehow the cycle of vengeance keeps turning, til each other's sorrows and songs we start learning." (" Irgendwie wird sich das Rad der Rache immer weiter drehen, solange wir nicht anfangen, gegenseitig die Sorgen und Lieder der anderen zu lernen.")
Versöhnung und Gerechtigkeit müssen Hand in Hand den Weg zum Frieden gehen. Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung auf gesellschaftlicher Ebene mögen enorm sein und manchmal werden Menschen in gewissen Situationen nicht viel mehr tun können, als zu warten und sich auf bessere Zeiten vorzubereiten. Aber dieses Warten und Vorbereiten ist keine Verschwendung. Sie sind ein wesentlicher Teil unserer Zukunft. So wie ich das sehe, waren die in politischer und sozialer Hinsicht erfolgreichsten postkommunistischen Länder Osteuropas diejenigen, die in ihrer Gesellschaft das Element des "Beobachtens und Wartens" besaßen, bevor das kommunistische System zusammenbrach.
Versöhnung hat immer auch eine lokale und zwischenmenschliche Ebene
Aber wenn man von Versöhnung spricht, muß man auch von Versöhnung auf lokaler und zwischenmenschlicher Ebene sprechen. Was bedeutet nun Versöhnung in meiner lokalen Umgebung in Belfast? Welche Schritte können unternommen werden, um Barrieren niederzureißen und um gegenseitiges Verständnis zu fördern? In Nordirland ist oft die Rede von protestantischen und katholischen Gebieten. Das bedeutet aber nicht zwangsweise, daß es nicht auch eine "größere" Gemeinde gibt, die alle mit einschließt. Aber damit wird die so wichtige Frage aufgeworfen, diejenigen mit Namen zu benennen, über die wir reden.
So wie ich es verstehe, hat EIRENE versucht, innovative Wege zu finden, um sich in verschiedenen Gesellschaften zu engagieren, in denen Versöhnung und Gerechtigkeit verwirklicht werden müssen. Von meiner vorhergehenden Analyse ausgehend würde ich empfehlen, daß man das Konzept der Versöhnung dort benutzt, wo man es für hilfreich erachtet, und sich nicht so sehr darum kümmert, wenn es sich als Hindernis erweist. Es ergibt keinen Sinn, etwas zu benennen, das nur Teil von dem ist, was wir selber denken und tun, wenn es Menschen nur in die falsche Richtung lenkt, und wenn es andere und nützlichere Bezeichnungen für die Art unserer Arbeit gibt, die wir zu tun versuchen, die aufzeigen, welche Art von Arbeit wir leisten wollen.
Somit ist "Versöhnung" nicht unbedingt ein prioritärer Begriff, mit dem man in unseren Gesellschaften einen ersten Schritt unternimmt. Wenn jemand eigene Bewußtseinsarbeit geleistet hat, sich engagiert, nachdenkt, aktiv ist, dann kann es ein Wort sein, das uns selbst und damit auch die anderen herausfordert. Aber es gibt Situationen, in denen es besser vermieden und durch andere Termini ersetzt werden sollte. In Nordirland, wenn es um den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten geht, und bei dem Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen in anderen Gesellschaften, sollte man eher das Wort "community relations" (sinngemäß: Verbesserung der Beziehung zwischen Bevölkerungsgruppen) verwenden, aber dieses Wort mag vielleicht auch politisch zu belastet sein!
Meiner Meinung nach ist Versöhnung, das viele nur für ein liberales "Wischi-Waschi" Konzept halten, in der momentanen Zeit ein radikales und tiefgreifendes Konzept. In der christlichen Tradition werden die Menschen dazu aufgefordert, ihre Streitereien beizulegen, bevor sie zum Gottesdienst gehen (Matthäus 5,23), und andere Religionen ermahnen ihre Mitglieder auf ähnliche Weise. Man muß sich mal vorstellen, was passieren würde, wenn die Menschen wirklich danach leben würden! Und wenn man auf politischer Ebene die notwendigen Veränderungen für eine "Sicherheit durch Versöhnung" (wirkliche Sicherheit durch friedliche Beziehungen anstatt durch Waffengewalt) berücksichtigen und angehen würde, anstatt sich nur von den eigenen engstirnigen strategischen Interessen leiten zu lassen, dann würden wir vielleicht ein paar ganz interessante Veränderungen erleben. Manchmal ist es sehr nützlich, sich Zeit zu nehmen für Visionen über das, was wir in Zukunft wollen, und es hilft uns dabei, die nächsten notwendigen Schritte vorzubereiten. Denn jeder von uns kann in seiner alltäglichen Arbeit und seinen alltäglichen Sorgen und Kämpfen so gefangen sein, daß er dabei die wirklich wichtigen Dinge aus den Augen verliert. Diese Dinge mögen vielleicht unbequem und riskant sein, aber 'wir können keine neuen Ozeane entdecken, wenn wir nicht den Mut dazu haben, die Küste aus den Augen zu verlieren.'
Letztendlich, und das ist nicht immer offensichtlich, müssen wir uns mit uns selber und mit dem, was wir auch zu leisten vermögen, versöhnen. Jeder von uns kann einen kleinen Stein zur Erbauung einer neuen Gesellschaft mit mehr Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung beitragen. Aber eine Tonne dieser Steine tragen zu wollen, ist mehr als wir zu tun vermögen. Das mag für uns die schwerste Lektion sein, die wir lernen müssen, und wir sollten uns bemühen, bei aller Anstrengung nicht unseren Humor und unsere Gesundheit zu verlieren.
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