VERSÖHNUNG
OHNE BEDINGUNGEN?
Von Anne Broden

"Versöhnung": Dieses Thema taucht in der Projektarbeit von EIRENE immer wieder auf. Sei es in Nicaragua, wo sich auch heute noch, acht Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges, ehemals sich mit Gewalt bekämpfende Gruppen schwer tun, eine gemeinsame, friedvolle Perspektive zu finden. Oder im Tschad, wo unsere EntwicklungshelferInnen immer wieder mit militärisch ausgetragenen Konflikten zwischen dem christlichen Süden und dem muslimischen Norden konfrontiert werden - begleitet von Menschenrechtsverletztungen, die sowohl Täter wie Opfer hinterlassen.

In Bosnien-Herzegovina herrscht Frieden - oder besser gesagt, kein Krieg mehr. Was die EIRENE-Freiwilligen dort aber immer wieder erleben müssen, ist ein tief sitzender Hass unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Versöhnung ist dort noch lange nicht erreicht.

Und schließlich Nordirland, wo mit dem Friedensvertrag die Chance auf einen dauerhaften Frieden noch nie so groß war wie heute. Doch ist damit schon von Versöhnung zu sprechen?

EIRENE hat in seinem Grundsatzpapier "Quo Vadis, EIRENE?" die Zielsetzung formuliert, Verständnis füreinander schaffen und einen Beitrag zu Versöhnung leisten zu wollen. Grund genug also, diesem zugleich schwierigen wie herausforderndenThema einen Rundbrief zu widmen.

EIRENE will sich diesen Herausforderungen stellen.

Ist Versöhnung bedingungslos zu haben? Sind Wahrheit und Gerechtigkeit Voraussetzungen für Versöhnung? Oder umgekehrt? Kann Versöhnung 'Wiedergutmachen'?


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Von Anne Broden

Der Begriff 'Versöhnung' stößt häufig auf Verwunderung, gar Ablehnung. Kritische Stimmen merken an, daß Versöhnung ohne Wahrheit und Gerechtigkeit eine Leerformel bleibe und daher ideologisch zu entlarven sei. Wahrheit und Gerechtigkeit sind wesentliche Bestandteile der Versöhnung. Versöhnung ohne Wahrheit und Gerechtigkeit ist ideologische Propaganda; Wahrheit und Gerechtigkeit brauchen nach einer Diktatur oder einem Krieg Versöhnung, um für die Menschen eine Perspektive für ein friedliches Miteinander zu eröffnen.

Welche Bedingungen aber braucht Versöhnung? Ich möchte vier Punkte zur Diskussion stellen, die ich im Hinblick auf Versöhnungsarbeit für bedeutsam halte. Ich beziehe mich dabei auf meine Erfahrungen in Chile und Bosnien.



  1. Die Anerkennung von Schuld und Versagen

    Damit sind die verschiedenen Institutionen und Menschen eines Staates angesprochen, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krieg und Diktatur Verantwortung tragen. Wenn ich Schuld und Versagen auf das Militär, die Polizei und die Geheimdienste beziehe, blicke ich im wesentlichen auf Chile, womit sich zugleich offenbart, in welchem utopischen Horizont ich mich bewege. Niemand wird sich vorstellen können, daß sich Augusto Pinochet öffentlich der Schuld bekennt. Und wenn ich Schuld und Versagen auf Kirchen und religiösen Gemeinschaften beziehe, so habe ich vor allem das ehemalige Jugoslawien vor Augen, wo insbesondere die orthodoxe Kirche, aber auch die katholische und - begrenzt - die muslimische Gemeinschaft zu nationalistischer Propaganda und Kriegshetze beigetragen haben. Es sind vor allem politische Institutionen, Repräsentanten und Würdenträger, die nach dem Krieg bzw. nach dem Ende des Diktatur aufgerufen sind, ihre eigene Position während des Krieges, während der Diktatur zu prüfen und Fehler, Versäumnisse und Schuld einzugestehen.

    Eine weitere wesentliche Voraussetzung von Versöhnungsarbeit ist der Bruch mit der Vergangenheit, wie er beispielsweise in Südafrika vollzogen wurde, während die Opfer und Täter der verfeindeten Volksgruppen in Bosnien weiterhin miteinander leben (müssen). Auch wir in der Bundesrepublik sind heute noch damit beschäftigt, die Verstrickung und Schuld von Institutionen und Individuen mit den Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten. Ich betone dies, um deutlich zu machen, welch langen Atem Versöhnungsarbeit braucht. Das ist eine Realität, die nicht unbeachtet bleiben darf.

  2. Einsatz für die rechtliche Belangung der Täter und die Rehabilitation der Opfer

    Wer sich für Versöhnungsarbeit einsetzt, muß sich für die Arbeit von Wahrheitskommissionen und Tribunalen engagieren, da sie die Rehabilitation der Opfer ermöglicht und Täter zur Verantwortung ziehen. Opfer sind individuell sehr verschieden voneinander, z.B. im Hinblick auf ihre Erfahrung im Widerstand. Für Chile bedeutet dies zunächst die Anerkennung der Legitimität von (bewaffnetem) Widerstand, auch wenn dies nicht zu den Mitteln zählt, die wir selbst anwenden würden. Aber wir müssen anerkennen, daß es Umstände gibt, die bewaffneten Widerstand rechtfertigen. Wir müssen deutlich unterscheiden zwischen der Gewalt, die vom Militär ausgeht, und der Gewalt, die vom Widerstand ausgeht, weil wir sonst den Verfolgten die Möglichkeit nehmen, sich gegen ihre Verfolger aufzulehnen. Das Recht zur Verteidigung des eigenen Lebens, auch der bewaffnete Widerstand, dürfen nicht angezweifelt werden. Staatliche Instanzen und Menschen-rechtsgruppen, die sich für die Opfer von Krieg und Diktatur einsetzen, sind zu unterstützen. Wir müssen alle Bemühungen der rechtlichen Belangung der Täter (und ggf. Täterinnen) unterstützen, wobei insbesondere Wahrheitskommissionen und Kriegsverbrechertribunale viel dazu beitragen können, ein Klima zu schaffen, das Täter auffordert, sich der Öffentlichkeit zu stellen und über ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen auszusagen. Die rechtliche Belangung der Täter meint nicht Rache, sondern stellt den Versuch dar, durch die (Wieder-)Herstellung von Wahrheit und Gerechtigkeit zu Versöhnung zu kommen.

    Die Unterstützung von Medien, die diesen Prozeß begleiten, ist unerläßlich, ebenso wie - in Zeiten des Krieges - die Unterbindung kriegstreibender Propaganda. Die Duldung nationalistischer Propaganda während des Krieges in Kroatien und später in Bosnien ist ein Versäumnis der internationalen Politik. Es wäre nicht zu diesem Krieg bzw. zu dieser verheerenden Ausweitung des Krieges gekommen, wenn die nationalistisch orientierten Medien nicht in derart aggressiver Weise auf den Krieg und seinen weiteren Verlauf eingestimmt hätten. Die Störung nationalistischer Propaganda war eine sehr frühe Forderung der Friedensbewegung, die im übrigen technisch ohne weiteres möglich gewesen wäre, wenn es denn einen politischen Willen gegeben hätte.

    In dem Maße, wie es in Zeiten des Krieges darauf ankommt, nationalistische Propaganda zu unterbinden, ist es unerläßlich, Medien, die sich für den Frieden einsetzen, darin zu unterstützen, ihre Arbeit fortzusetzen oder wiederaufnehmen zu können. Die Unterstützung von Medien, die sich nicht von nationalistischen Interessen korrumpieren und vereinnahmen lassen, umfaßt dabei sowohl strukturelle als auch finanzielle und technische Hilfe.

    Ein gutes Medium zur Erinnerung sind Gedenkstätten. In der Bundesrepublik hat die Gedenkstättenarbeit nicht unerheblich dazu beigetragen, das An-Denken an die Opfer und das Geschehen während des Nationalsozialismus öffentlich zu machen. In Chile existieren Mahnmale, die an die Verschwundenen und Opfer der Diktatur erinnern, z.B. ein Memorial für die verschwundenen und getöteten Opfer der Diktatur, das die Namen von 4.000 Menschen trägt.

    Gedenkstätten und Gräber sind sowohl Orte nationaler Trauer als auch Orte nationaler Auseinandersetzung. Sie zu fördern und zu fordern bedeutet, die Geschichte an die Opfer wachzuhalten und als Bestandteil der eigenen Geschichte anzunehmen.


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  1. Wiedergutmachungsprogramme

    Wiedergutmachungsprogramme können erlittenes Leid nicht "wieder gut machen", wohl aber erlittenes Leid, das zum Teil bis heute fortwirkt, lindern. KZ-Opfer, Opfer von Vergewaltigung und Folter können rehabilitiert werden. Gleiches gilt für Deserteure, die häufig als "Vaterlandsverräter" denunziert werden, weil sie "ihre Kameraden" "im Stich" ließen. Ähnliches gilt übrigens auch für die bosnischen Flüchtlinge, denen, ebenso wie den chilenischen Exilierten, vorgehalten wird, ein gutes Leben geführt zu haben, während im eigenen Land Krieg und Gewalt herrschte. Dies nur als Hinweis darauf, daß auch darüber eine Verständigung zu erreichen ist, daß Flucht, ebenso wie Desertion, zu den legitimen Entscheidungen zu zählen sind, wenn man sich Krieg und Verfolgung entziehen oder nicht (mehr) daran beteiligt sein will. Wiedergut-machungsprogramme umfassen auch die Rehabilitierung politischer Gefangener.

    Der Wiedergutmachung sind auch die in Bosnien vergewaltigten Frauen zuzurechnen, die geschwängert wurden und Kinder zur Welt brachten. Einige Frauen töteten diese Kinder nach der Geburt. Es gibt in Bosnien bis heute keine öffentliche Auseinandersetzung darüber, was mit diesen Frauen geschehen soll. Statt sie zu bestrafen, sollten sie meiner Ansicht nach zu den ersten gehören, die amnestiert werden. Die Rehabilitation vergewaltigter Frauen zählt in Bosnien sicher zu den schwierigsten Aufgaben der muslimisch geprägten Gesellschaft, für die wir uns dringend einsetzen müssen.

    Wiedergutmachungsprogramme beinhalten daneben auch finanzielle Entschädigungen, wobei das tatsächlich am eigenen Leib erfahrene Leid mit Geldleistungen kaum "wiedergutzumachen" ist. Im Einzelfall kann damit jedoch Not gelindert werden. Dies trifft heute auf die jüdischen Überlebenden im Baltikum zu, deren materielle Lage zweifellos katastrophal ist.

    Wiedergutmachungsprogramme können sich auch auf die Unterstützung und Hilfe von Menschen in Flüchtlingslagern beziehen. Im Hinblick auf die langfristige Unterstützung von Flüchtlingen eröffnet sich für Menschenrechts- und entwick-lungspolitische Gruppen ein weites Feld, das von der klassischen Nothilfe bis hin zur Begleitung von Repatriierungsmaßnahmen reicht.

    Darüber hinaus geht es natürlich immer auch um Wiederaufbau und Wiederansiedlungsprogramme, also all dem, was ziviles Leben braucht, um sich wieder entwickeln zu können. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Forderung zu unterstützen, daß jugendliche Flüchtlinge eine z.B. in der Bundesrepublik begonnene Ausbildung hier auch beenden könnnen. Eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung ist eine Wiederaufbaumaßnahme für Bosnien, weil gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker die beste Gewähr dafür bieten, daß der Wiederaufbau im eigenen Land gelingen kann.

  2. Austausch der Erfahrung des eigenen Leids

    In der Versöhnungsarbeit bietet der Austausch eigener Erfahrungen viel-fältigste Ansatzmöglichkeiten, insbesondere durch die Herbeiführung von Treffen bestimmter Opfergruppen, z.B. Folteropfer, Deserteure oder vergewaltigter Frauen. Eine solche Arbeit kann langfristig - sehr langfristig - auch dazu beitragen, daß Täter und Opfer bzw. deren Nachkommen miteinander ins Gespräch kommen und sich auseinandersetzen können mit ihrer Erfahrung von Macht und Ohnmacht, Herrschaft und Leid. Denkbar sind beipielsweise in Bosnien Treffen bosniakischer, kroatischer und serbischer Frauen, die sich darüber austauschen, wie sie den Krieg erlebt haben, was ihnen der Frieden bedeutet. Es gibt bereits erste Ansätze solcher multi-ethnischer Initiativen in Bosnien, kleine Gruppen zumeist, über die sich die Erkenntnis verbreitern läßt, daß die Opfer konkrete Gesichter und Namen haben.

    Pax Christi und das Komitee für Grundrechte und Demokratie haben in Bosnien und Kroatien angefangen, Kinderfreizeiten durchzuführen, an denen kroatische, serbische, bosniakische sowie deutsche Kinder und Jugendliche teilgenommen haben. Diese sind im Ergebnis sehr erfolgreich verlaufen, weil es für die Kinder offenbar eine interessante Erfahrung war, mit denen zu spielen, die im Krieg ihre "Feinde" waren.

    Allerdings war es zunächst recht schwierig, Kinder aus allen ethnischen Gruppen für diese Ferienfreizeiten zu gewinnen. Schließlich siegte jedoch die Abenteuerlust und die Freude, einmal aus der normalen Alltagssituation herauszukommen und an der Küste Ferien zu machen.

    Umgekehrt gilt, daß auch wir von diesen Erfahrungen der um Frieden und Versöhnung bemühten Menschen und Organisationen lernen können, wenn wir ihre friedenspolitische oder entwicklungspolitische Arbeit unterstützen und fördern. Indem sich die Ziele der anderen mit den eigenen verbinden, verändert sich bereits Realität.



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