- Die Anerkennung von Schuld und Versagen
Damit sind die verschiedenen Institutionen und Menschen eines Staates angesprochen, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krieg und Diktatur Verantwortung tragen. Wenn ich Schuld und Versagen auf das Militär, die Polizei und die Geheimdienste beziehe, blicke ich im wesentlichen auf Chile, womit sich zugleich offenbart, in welchem utopischen Horizont ich mich bewege. Niemand wird sich vorstellen können, daß sich Augusto Pinochet öffentlich der Schuld bekennt. Und wenn ich Schuld und Versagen auf Kirchen und religiösen Gemeinschaften beziehe, so habe ich vor allem das ehemalige Jugoslawien vor Augen, wo insbesondere die orthodoxe Kirche, aber auch die katholische und - begrenzt - die muslimische Gemeinschaft zu nationalistischer Propaganda und Kriegshetze beigetragen haben. Es sind vor allem politische Institutionen, Repräsentanten und Würdenträger, die nach dem Krieg bzw. nach dem Ende des Diktatur aufgerufen sind, ihre eigene Position während des Krieges, während der Diktatur zu prüfen und Fehler, Versäumnisse und Schuld einzugestehen.
Eine weitere wesentliche Voraussetzung von Versöhnungsarbeit ist der Bruch mit der Vergangenheit, wie er beispielsweise in Südafrika vollzogen wurde, während die Opfer und Täter der verfeindeten Volksgruppen in Bosnien weiterhin miteinander leben (müssen). Auch wir in der Bundesrepublik sind heute noch damit beschäftigt, die Verstrickung und Schuld von Institutionen und Individuen mit den Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten. Ich betone dies, um deutlich zu machen, welch langen Atem Versöhnungsarbeit braucht. Das ist eine Realität, die nicht unbeachtet bleiben darf.
- Einsatz für die rechtliche Belangung der Täter und die Rehabilitation der Opfer
Wer sich für Versöhnungsarbeit einsetzt, muß sich für die Arbeit von Wahrheitskommissionen und Tribunalen engagieren, da sie die Rehabilitation der Opfer ermöglicht und Täter zur Verantwortung ziehen. Opfer sind individuell sehr verschieden voneinander, z.B. im Hinblick auf ihre Erfahrung im Widerstand. Für Chile bedeutet dies zunächst die Anerkennung der Legitimität von (bewaffnetem) Widerstand, auch wenn dies nicht zu den Mitteln zählt, die wir selbst anwenden würden. Aber wir müssen anerkennen, daß es Umstände gibt, die bewaffneten Widerstand rechtfertigen. Wir müssen deutlich unterscheiden zwischen der Gewalt, die vom Militär ausgeht, und der Gewalt, die vom Widerstand ausgeht, weil wir sonst den Verfolgten die Möglichkeit nehmen, sich gegen ihre Verfolger aufzulehnen. Das Recht zur Verteidigung des eigenen Lebens, auch der bewaffnete Widerstand, dürfen nicht angezweifelt werden. Staatliche Instanzen und Menschen-rechtsgruppen, die sich für die Opfer von Krieg und Diktatur einsetzen, sind zu unterstützen. Wir müssen alle Bemühungen der rechtlichen Belangung der Täter (und ggf. Täterinnen) unterstützen, wobei insbesondere Wahrheitskommissionen und Kriegsverbrechertribunale viel dazu beitragen können, ein Klima zu schaffen, das Täter auffordert, sich der Öffentlichkeit zu stellen und über ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen auszusagen. Die rechtliche Belangung der Täter meint nicht Rache, sondern stellt den Versuch dar, durch die (Wieder-)Herstellung von Wahrheit und Gerechtigkeit zu Versöhnung zu kommen.
Die Unterstützung von Medien, die diesen Prozeß begleiten, ist unerläßlich, ebenso wie - in Zeiten des Krieges - die Unterbindung kriegstreibender Propaganda. Die Duldung nationalistischer Propaganda während des Krieges in Kroatien und später in Bosnien ist ein Versäumnis der internationalen Politik. Es wäre nicht zu diesem Krieg bzw. zu dieser verheerenden Ausweitung des Krieges gekommen, wenn die nationalistisch orientierten Medien nicht in derart aggressiver Weise auf den Krieg und seinen weiteren Verlauf eingestimmt hätten. Die Störung nationalistischer Propaganda war eine sehr frühe Forderung der Friedensbewegung, die im übrigen technisch ohne weiteres möglich gewesen wäre, wenn es denn einen politischen Willen gegeben hätte.
In dem Maße, wie es in Zeiten des Krieges darauf ankommt, nationalistische Propaganda zu unterbinden, ist es unerläßlich, Medien, die sich für den Frieden einsetzen, darin zu unterstützen, ihre Arbeit fortzusetzen oder wiederaufnehmen zu können. Die Unterstützung von Medien, die sich nicht von nationalistischen Interessen korrumpieren und vereinnahmen lassen, umfaßt dabei sowohl strukturelle als auch finanzielle und technische Hilfe.
Ein gutes Medium zur Erinnerung sind Gedenkstätten. In der Bundesrepublik hat die Gedenkstättenarbeit nicht unerheblich dazu beigetragen, das An-Denken an die Opfer und das Geschehen während des Nationalsozialismus öffentlich zu machen. In Chile existieren Mahnmale, die an die Verschwundenen und Opfer der Diktatur erinnern, z.B. ein Memorial für die verschwundenen und getöteten Opfer der Diktatur, das die Namen von 4.000 Menschen trägt.
Gedenkstätten und Gräber sind sowohl Orte nationaler Trauer als auch Orte nationaler Auseinandersetzung. Sie zu fördern und zu fordern bedeutet, die Geschichte an die Opfer wachzuhalten und als Bestandteil der eigenen Geschichte anzunehmen.
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