Nicaragua: Versöhnung erfordert Opfer
Persönliche Erfahrungen eines Betroffenen
Hans-Ludwig Mayer, EIRENE-Koordinator in Managua, sandte uns folgenden Artikel über ein ehemaliges Mitglied des sandinistischen Heeres, Juan Basilio Sánchez. Der Artikel basiert auf einem längeren Gespräch, das Hans-Ludwig Mayer mit Juan Basilio geführt hat.
Juan Basilio war ein wichtiger Ansprechpartner in der Planung eines Versöhnungsprojektes im Norden Nicaraguas, das aus Gründen, die in diesem Artikel angesprochen werden, bislang leider nicht umgesetzt werden konnte. Versöhnung fordert persönliche Opfer und einen langen Atem.
Er heißt Juan Basilio Sánchez, geboren in Estelí, im Norden Nicaraguas, einer Region, die unter dem vergangenen Bürgerkrieg am meisten zu leiden hatte und in der Versöhnungsprozesse immer noch extrem schwierig sind. Er verließ 1971, mit 15 Jahren, seine Arbeitsstelle und als einziges Kind seiner Mutter schloß er sich der damaligen Guerilla der "Frente Sandinista de Liberación Nacional" gegen das Somoza-regime an.
Nach dem Triumph der Revolution 1978 wirkte er beim Aufbau des nationalen Militärs EPS mit, dem er 13 Jahre lang diente, überzeugt, sich für Gerechtigkeit unter den Menschen Nicaraguas einzusetzen. Das Militär gewährte ihm eine Ausbildung, die aber für den Gebrauch im zivilen Leben kaum geeignet war. Nach dem Friedensschluß und der Wahlniederlage der Sandinisten im Jahre 1990 war klar, daß das Land nicht weiter ein so großes Heer aufrechterhalten würde. Die knappen Ressourcen mußten für wichtigere Dinge ausgegeben werden. Kurzfristig wurden auf beiden Seiten der ehemaligen Konfliktparteien Pläne der Demobilisierung ausgearbeitet und realisiert. Die ehemalige Contra erhielt in der Umsetzung, unterstützt durch die USA, mehr materielle Unterstützung bei der Demobilisierung als die ehemaligen Angehörigen des sandinistischen Heeres.
Juan Basilio, der unter den Demobilisierten des EPS war, ist der Meinung, daß die Demobilisierungsprozesse beider Seiten gescheitert sind. Sie hätten nicht auf einer klar definierten Strategie basiert und sich lediglich auf einige materielle Aspekte konzentriert. Es ging für die neue Regierung unter der Präsidentin Violeta Chamorro nur darum, internationales Vertrauen zu gewinnen. Niemand kümmerte sich darum, daß die polarisierte politische Situation fortbestand. Der Prozeß wurde von den meisten Demobilisierten abgelehnt und die Verpflichtungen, die vereinbart wurden, hielt niemand ein, am allerwenigsten die Regierung. Die fehlende innere Aufarbeitung dessen, was in den letzten Jahrzehnten passiert war, und die nicht eingehaltenen - materiellen - Versprechungen der Regierung trugen und tragen immer wieder zur Entstehung von wiederbewaffneten Gruppen beider Seiten (Recontras und Recompas) bei. Die Argumente dafür sind immer die nicht eingehaltenen Versprechen, aber mit der Zeit verwandelte sich das in ein "Geschäft", um für die Führer dieser Gruppen ökonomische Vorteile zu erpressen. Die Mitläufer gingen leer aus. Die Regierungen, die frühere und die jetzige, redeten und reden immer von einem "Friedens- und Versöhnungsprozeß", der ihnen am Herzen liege. Das war und ist - so Juan Basilio Sánchez - aber nur Demagogie.
Unzufrieden mit dieser Situation begannen einige Betroffene, nach Alternativen Umschau zu halten. Die Devise hieß erst einmal "Hilfe zur Selbsthilfe", jede Gruppe für ihr eigenes Klientel. Juan-Basilio wurde Präsident der "Asociación de Militares Retirados del Ejército" (AMIR) im Departament Estelí. Da er die Abhängigkeit der Organisation vom Militär, die den Verband als "sandinistische Reservearmee" halten wollte, ablehnte, schnitt man ihm jegliche ökonomische Unterstützung als Bezirkspräsident ab. Nicht nur das: Er wurde angefeindet und bedroht. Aber er blieb auf seinem Weg und die Basis vor Ort unterstützte ihn in der Erwartung, daß er es schaffen würde, ihre gravierenden Probleme zu lösen, und daß er integer genung sei, dabei nicht nur an sich selbst zu denken.
Auf der Suche nach Alternativen entstanden Kontakte zu nationalen und internationalen Nicht-Regierungsorganisationen (NRO), die auf unterschiedliche Art und Weise mit den Demobilisierten als Zielgruppe arbeiteten. Auf Treffen und Seminaren wurde zusammen mit Repräsentanten anderer Demobilisiertenorganisationen die Situation analysiert und Möglichkeiten zur Lösung der Probleme diskutiert. Ausgehend von der Tatsache, daß die meisten von ihnen einfache Leute vom Land, vornehmlich Bauern waren, daß sie meist zufällig von der einen oder anderen Seite benutzt und hinterher "wie heiße Kartoffeln" wieder fallengelassen wurden und heute mehr oder weniger die gleichen Probleme haben, wuchs die Einsicht, daß sie eigentlich gemeinsam besser nach Lösungen suchen könnten. Aber da war doch noch das über Jahre gepflegte und geschürte Mißtrauen. Da war das Wissen von etlichen grausamen Aktionen der Gegenseite während des Krieges. Es wäre zwar richtig und notwendig, zusammenzusitzen und gemeinsame Lösungen zu suchen, meinte Juan-Basilio damals, aber er könne sich nicht "mit denen" an einen Tisch sezten. Da rächte sich, daß Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen während der Bürgerkriegszeit in Nicaragua nie wirklich aufgearbeitet wurden, wie es mit viel Schmerzen in anderen Ländern versucht wird. Der zweite Schritt der Versöhnung ist eben viel schwieriger, wenn man nicht den ersten Schrit für die Gerechtigkeit der Opfer gegangen ist.
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