Billig ist Versöhnung nicht zu haben

von Wilfried Neusel

Versöhnung ist etwas Heiliges, Wunderbares. Menschen, Gruppen, Parteien oder Völker, die sich versöhnen, überwinden eine schuldhafte Entfremdung. Dabei geschieht mehr als Wiederherstellung von gerechten und friedlichen Beziehungen. Verletzter Stolz, enttäuschtes Vertrauen und der Schmerz der Trennung werden geheilt. Menschen springen über den Schatten der Vergangenheit und gestalten trotz der negativen Erfahrungen eine gemeinsame Zukunft. Weil der Begriff "Versöhnung" so viel verspricht, d.h. einen hohen Symbolwert hat, zumal in christlicher Tradition, ist die Gefahr propagandistischen Mißbrauchs groß. Gewaltverhältnisse können unter der Überschrift "Versöhnung" leicht zum Erhalt des Status quo verschleiert werden, wie eine kritische Beurteilung des Gebrauchs von "Versöhnung" als politischer Leitbegriff seit dem Siegeszug des Neo-Liberalismus Ende der 80er Jahre belegt. Christ/innen in Namibia und Südafrika z.B. haben in unmittelbarem Zusammenhang mit der weltpolitischen Wende 1989/90 mit "Versöhnung" ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Dort wurde die Ideologie der Apartheid verabschiedet und "Versöhnung" zum politischen Programm. So zitierte der damalige Präsident F.W. de Klerk quasi zu einer nationalen Konferenz von kirchenleitenden Personen im November 1990 nach Rustenburg, um das politische Programm der "Versöhnung" kirchlich absegnen zu lassen. Michael E. Worsnip kommentierte dies in kritischer Einschätzung der von Regierungskreisen in den USA konzipierten "Reformpolitik" in Südafrika Ende der 80er Jahre: "Die wirkliche Gefahr, die wirkliche Häresie ist nicht bei oft marginalisierten und leicht lächerlichen kirchlichen Gruppierungen vom rechten Flügel zu finden, sondern bei den 'großen' Kirchen, die, wenn sie die Gelegenheit bekommen, sich wie die Lemminge über die Klippe in beflissene 'Liebet-einander-Versöhnung' stürzen." In Namibia frohlockte die westliche Welt, weil der Präsident des 1990 nach mehr als 100jähriger Kolonialherrschaft unabhängig gewordenen Namibia Sam Nujoma die revolutionäre Rhetorik der Befreiungsbewegung SWAPO staatsmännisch in die Politik der "nationalen Versöhnung" mutierte. Nach 8 Jahren Unabhängigkeit hat sich - zweifellos auch wegen des Diktats der Kräfte der "freien" Marktwirtschaft - an der Armut der großen Bevölkerungsmehrheit Namibias nichts geändert. Vielmehr hat sich die traditionelle weiße Siedlerelite auf Kosten der Mehrheit mit der neuen schwarzen Elite "versöhnt". Der in der namibischen Verfassung festgeschriebene politische Leitbegriff "nationale Versöhnung" ist zum Disziplinierungsinstrument der Regierung geworden. Schließlich gibt auch die Entstehungsgeschichte der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz (Juni 1997) Anlaß zur Vorsicht im Umgang mit dem Begriff. Unter der Überschrift "Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens" wurde vom Rat der Europ. Bischofskonferenzen und der Konferenz Europäischer Kirchen zum Versuch eingeladen, "ein kraftvolles ökumenisches Zeugnis in einem neuen Europa zu geben". Das Thema von Graz soll erkennen helfen, "daß der 'conciliar process' ein 'reconciliar process' werden muß, damit die Gerechtigkeit zwischen den Menschen und Gruppen, die Befriedung (sic!) der Völkerwelt und die Unversehrtheit der Schöpfung bewahrt, bzw. wiederhergestellt werden können. Insofern ist Graz '97 mehr als eine Fortsetzung von Basel '89, weil mit der Kategorie der Versöhnung der theologische Rahmen herausgestellt wird, in den alle Bemühungen um Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung gestellt werden müssen." Jenseits der Rhetorik: In einer Phase sich zuspitzender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Konflikte in Europa versuchen mittelständisch orientierte Kirchenleitungen, mit Hilfe des Begriffs "Versöhnung" (reconciliation) den vielerorts ungeliebten konziliaren Prozeß theologisch zu überhöhen.

nach oben Dazu wird 2.Kor 5, 19 als biblische Kardinalstelle zitiert: "Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute". Die europäischen Kirchenführer wollen mit diesem Zitat deutlich machen, daß Versöhnung eine unverfügbare göttliche Initiative ist, daß sie schon geschehen ist, und daß Menschen folglich, von allem gottlosen Titanismus entlastet, in bescheidenen Schritten der Versöhnung auf Gottes Initiative antworten können.

In der Theologie des prominentesten neutestamentlichen Theologen Paulus ist "Versöhnung" in der Tat eine zentrale Kategorie. Was er damit meint, kann aber nicht ohne Bedenken des Kontexts erfaßt werden. Zunächst, das zeigt der sprachgeschichtliche Befund, ist bei Paulus Versöhnung kein Wort aus dem kultischen Bereich, hat nichts mit Sühne zu tun. "Versöhnung" entstammt - und insofern ist die Inanspruchnahme des Begriffs durch politische Eliten korrekt - der Sphäre des Politischen. Interessant ist bei näherem Hinsehen, daß zur Versöhnung die Annahme des durch einen presbeus, einen Botschafter, überbrachten Angebots der Partei "A" von Partei "B" und die Annahme der Glaubwürdigkeit des Botschafters der Partei "A" zusammengehören. Der Botschafter, bzw. die Botschafterin, ist für das Versöhnungsgeschehen von herausragender Bedeutung. Darüber geht der Streit des Paulus mit der Gemeinde von Korinth. Er wird von tonangebenden Kreisen dieser Gemeinde in Frage gestellt, weil er, anders als die dort eingedrungenen "Superapostel" (2. Kor 11,13), in Schwachheit auftritt und sich von der Gemeinde nicht finanziell unterstützen läßt. Diese Kreise begreifen nicht, daß diese Haltung des Paulus nicht Ausdruck persönlicher Unzulänglichkeit ist, sondern konsequente Nachfolge Christi (2.Kor 4,9ff), der "arm um euretwillen" wurde (2. Kor 8,9). Wenn die Gemeinde in Korinth dies nicht versteht und Paulus anerkennt, begreift sie auch die Botschaft Gottes nicht und mißachtet den Weg Gottes, wie er sich im Leben und Sterben Jesu von Nazareth offenbart. "Die Korinther werden dazu aufgefordert, sich erneut mit Gott versöhnen zu lassen. Dann werden sie nicht allein ihrem Status als Gemeinde Jesu Christi gerecht, sie werden auch aus ihrem neuen Sein heraus den leidenden Apostel richtig nach den Maßstäben des apostolischen Dienstes beurteilen." (C.Breytenbach, Versöhnung, 1989, S.180)

Im Klartext: Ein entscheidendes Charakteristikum göttlicher Politik mit seiner Schöpfung ist, daß Gott zur Überwindung schuldhafter Entfremdung zwischen Menschen und ihm wie auch zur Überwindung der Entfremdung zwischen Menschen Privilegien aufgibt, sich wehrlos in den gewaltfreien Widerstand gegen die Eliten des römischen Imperiums und die damit kolaborierenden Eliten seines jüdischen Volkes begibt, um die "Armen des Landes" von Schuldknechtschaft, wirtchaftlich ruinierender Krankheit und spiritueller Verkrüppelung zu befreien (Lk 4, 16-21). Seine Infragestellung der Gewalt und der daraus resultierenden Anpassung der kleinen Leute wird von Kirchenoberen mit dem Verrat Jesu an das Kolonialregime und einem Verbrechertod am Kreuz quittiert. Paulus sagt, daß dieser Weg Gottes nicht zufällig ist, sondern Ausdruck seiner Liebe, deren Macht eine neue Logik des Lebens, eine "neue Schöpfung" eröffnet. Wer Gott glaubt, erkennt auch diesen besonderen Weg Gottes zur "Versöhnung" an, gibt Privilegien auf und begibt sich in die Risiken der gewaltfreien Nachfolge Christi. Dabei hat Gewaltfreiheit nichts mit Neutralität oder Kompromißpolitik zu tun. Konfrontation mit Eliten ergibt sich automatisch aus der Parteilichkeit für die Armen, denen Gott sich zuerst zuwendet, weil sie seiner Hilfe besonders bedürfen.

Mit anderen Worten: Wer den Begriff "Versöhnung" mit Verweis aus "christlich-abendländische Tradition" bemüht, um politische Strategien symbolisch aufzuladen, muß am paulinischen Verständnis dieses Begriffs gemessen werden. Versöhnung im Sinne des Vaters Jesu Christi ereignet sich erst dann, wenn Eliten Privilegien aufgeben, ohne Rüstung leben lernen und Marginalisierten durch eine konsequente Politik des Lastenausgleichs und Freiraum zur Emanzipation einen angemessenen Platz in der einen Weltgesellschaft ermöglichen. Im persönlichen Bereich, z.B. in Ehe und Familie, gelten entsprechende Maßstäbe.

Billiger ist der Begriff "Versöhnung" nicht zu haben. Versöhnung ist kostbar!



Homepage      Südprogramm      Nordprogramm      Freiwillige
News      Infomaterial      Kampagnen      Kontakt mit uns