 |
Dazu wird 2.Kor 5, 19 als biblische Kardinalstelle zitiert: "Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute". Die europäischen Kirchenführer wollen mit diesem Zitat deutlich machen, daß Versöhnung eine unverfügbare göttliche Initiative ist, daß sie schon geschehen ist, und daß Menschen folglich, von allem gottlosen Titanismus entlastet, in bescheidenen Schritten der Versöhnung auf Gottes Initiative antworten können.
In der Theologie des prominentesten neutestamentlichen Theologen Paulus ist "Versöhnung" in der Tat eine zentrale Kategorie. Was er damit meint, kann aber nicht ohne Bedenken des Kontexts erfaßt werden. Zunächst, das zeigt der sprachgeschichtliche Befund, ist bei Paulus Versöhnung kein Wort aus dem kultischen Bereich, hat nichts mit Sühne zu tun. "Versöhnung" entstammt - und insofern ist die Inanspruchnahme des Begriffs durch politische Eliten korrekt - der Sphäre des Politischen. Interessant ist bei näherem Hinsehen, daß zur Versöhnung die Annahme des durch einen presbeus, einen Botschafter, überbrachten Angebots der Partei "A" von Partei "B" und die Annahme der Glaubwürdigkeit des Botschafters der Partei "A" zusammengehören. Der Botschafter, bzw. die Botschafterin, ist für das Versöhnungsgeschehen von herausragender Bedeutung. Darüber geht der Streit des Paulus mit der Gemeinde von Korinth. Er wird von tonangebenden Kreisen dieser Gemeinde in Frage gestellt, weil er, anders als die dort eingedrungenen "Superapostel" (2. Kor 11,13), in Schwachheit auftritt und sich von der Gemeinde nicht finanziell unterstützen läßt. Diese Kreise begreifen nicht, daß diese Haltung des Paulus nicht Ausdruck persönlicher Unzulänglichkeit ist, sondern konsequente Nachfolge Christi (2.Kor 4,9ff), der "arm um euretwillen" wurde (2. Kor 8,9). Wenn die Gemeinde in Korinth dies nicht versteht und Paulus anerkennt, begreift sie auch die Botschaft Gottes nicht und mißachtet den Weg Gottes, wie er sich im Leben und Sterben Jesu von Nazareth offenbart. "Die Korinther werden dazu aufgefordert, sich erneut mit Gott versöhnen zu lassen. Dann werden sie nicht allein ihrem Status als Gemeinde Jesu Christi gerecht, sie werden auch aus ihrem neuen Sein heraus den leidenden Apostel richtig nach den Maßstäben des apostolischen Dienstes beurteilen." (C.Breytenbach, Versöhnung, 1989, S.180)
Im Klartext: Ein entscheidendes Charakteristikum göttlicher Politik mit seiner Schöpfung ist, daß Gott zur Überwindung schuldhafter Entfremdung zwischen Menschen und ihm wie auch zur Überwindung der Entfremdung zwischen Menschen Privilegien aufgibt, sich wehrlos in den gewaltfreien Widerstand gegen die Eliten des römischen Imperiums und die damit kolaborierenden Eliten seines jüdischen Volkes begibt, um die "Armen des Landes" von Schuldknechtschaft, wirtchaftlich ruinierender Krankheit und spiritueller Verkrüppelung zu befreien (Lk 4, 16-21). Seine Infragestellung der Gewalt und der daraus resultierenden Anpassung der kleinen Leute wird von Kirchenoberen mit dem Verrat Jesu an das Kolonialregime und einem Verbrechertod am Kreuz quittiert. Paulus sagt, daß dieser Weg Gottes nicht zufällig ist, sondern Ausdruck seiner Liebe, deren Macht eine neue Logik des Lebens, eine "neue Schöpfung" eröffnet. Wer Gott glaubt, erkennt auch diesen besonderen Weg Gottes zur "Versöhnung" an, gibt Privilegien auf und begibt sich in die Risiken der gewaltfreien Nachfolge Christi. Dabei hat Gewaltfreiheit nichts mit Neutralität oder Kompromißpolitik zu tun. Konfrontation mit Eliten ergibt sich automatisch aus der Parteilichkeit für die Armen, denen Gott sich zuerst zuwendet, weil sie seiner Hilfe besonders bedürfen.
Mit anderen Worten: Wer den Begriff "Versöhnung" mit Verweis aus "christlich-abendländische Tradition" bemüht, um politische Strategien symbolisch aufzuladen, muß am paulinischen Verständnis dieses Begriffs gemessen werden. Versöhnung im Sinne des Vaters Jesu Christi ereignet sich erst dann, wenn Eliten Privilegien aufgeben, ohne Rüstung leben lernen und Marginalisierten durch eine konsequente Politik des Lastenausgleichs und Freiraum zur Emanzipation einen angemessenen Platz in der einen Weltgesellschaft ermöglichen. Im persönlichen Bereich, z.B. in Ehe und Familie, gelten entsprechende Maßstäbe.
Billiger ist der Begriff "Versöhnung" nicht zu haben. Versöhnung ist kostbar!
|