Der tschadische Journalist Gata Nder geht im folgenden Artikel der Frage nach, warum sich im Tschad die Suche nach Versöhnung und einem Gesellschaftsvertrag so schwer gestaltet.
Schwierige Versöhnung im Tschad


Versöhnung ist ohne jeden Zweifel das am meisten gebrauchte Wort im politischen Sprachgebrauch im Tschad. Alle politischen Akteure im Land, egal ob sie der Opposition oder der Regierung angehören, stellen die "Versöhnung" in den Mittelpunkt ihrer Reden. Eine Vielzahl von Foren und Treffen sind im In- und Ausland zu diesem Thema organisiert worden. Das bedeutendste dieser Treffen war die "National-Konferenz", die 1993 stattfand. Erwartet wurde, daß sie die Zwistigkeiten vom Tisch fegen würde, die sowohl die Einheit des Landes schwächen wie auch seinen Zusammenhalt und die Stabilität. Die National-Konferenz aber war, ähnlich wie alle vorangegangenen Diskussionen zu dieser Problematik, eine verpaßte Gelegenheit. Denn die grundsätzlichen Fragen wurden zu Gunsten der politischen Intrigen um den Machtbesitz ausgeklammert.

Friedensabkommen werden in regelmäßigen Abständen mit den bewaffneten Rebellenfraktionen unterschrieben. Das letzte Ereignis dieser Art war die Unterschrift im April dieses Jahres unter ein Friedensabkommen mit der FARF (Streitkräfte für eine föderale Republik) des Rebellenführers Laoukein Bardé, dessen Verschwinden weiterhin Fragen aufwirft. Dieses Abkommen hat Aufmerksamkeit erweckt, denn die Kämpfe zwischen den Rebellen und den Streitkräften der Regierung, die in einer grausamen Repression gipfelten, stellten eine sehr ernste Bedrohung für den Tschad dar. Gerade weil diese Auseinandersetzungen in der Region Logone stattfanden. Dort nämlich, in der Umgebung der Stadt Doba, befindet sich eine der großen Hoffnungen für die Wirtschaft des Landes: Erdöl. So scheint nun zur großen Erleichterung aller der Frieden im Süden des Tschad wieder eingekehrt zu sein. Aber dieses Friedensabkommen hat keine Dauergarantie, denn die grundsätzlichen Probleme, die die Ursachen der Rebellion im Süden sind, wurden nicht gelöst. Außerdem, wenn ein Krisenherd erlischt, erwachen anderen Ortes neue. Im Osten, im Norden, am Großen See und anderswo bestehen Rebellionen oder entflammen erneut. Und nichts deutet darauf hin, daß eines Tages die Waffen in diesem Land schweigen werden. So scheint die Perspektive einer echten nationalen Versöhnung nicht nur weit entfernt, viel schlimmer noch, die Bevölkerung glaubt nicht mehr daran. Sie ist nämlich überdrüssig der Friedensabkommen ohne Zukunft und der verpaßten Versöhnungen. Das um so mehr, als die politischen Akteure im Tschad meistens gewissenlos sind und sich nur um die Eroberung der Macht sorgen, egal mit welchen Mittel und welcher Preis dafür bezahlt werden muß. Um die Schwierigkeiten, die sich einer nationalen Versöhnung entgegenstellen, verstehen zu können, muß man die verschiedenen Hindernisse untersuchen, sowohl unter internen als auch externen Aspekten.

nach oben Eine gemeinsame, schlecht durchlebte Geschichte

Man neigt dazu, den Tschad in einen islamischen Norden mit arabischer Kultur und in einen christlichen Süden, der seine Wurzeln im Westen hat, aufzuteilen. Das ist sicherlich eine praktische Schematisierung, aber sie entspricht nicht den tiefen Befindlichkeiten der tschadischen Bevölkerungen, die Opfer politischer Manipulationen seitens der Intelektuellen sind. Aber dieser Konflikt "Nord-Süd" ist so verinnerlicht worden, daß er alles Denken verseucht hat. Das geht soweit, daß jegliches politische und soziale Handeln sowie die öffentliche Verwaltung von dem Kräfteverhältnis Nord-Süd bestimmt wird. Was ist wahr an diesem Konflikt?

Geschichtlich gesehen wurde der Tschad 1960 in die Unabhängigkeit entlassen, ohne daß die Probleme des Zusammenlebens und des Zusammengehörens der Bevölkerung und ihrer unterschiedlichen Kulturen gelöst waren. Die zuerst von einer Elite des Südens ausgeübte Macht wurde sehr schnell in Frage gestellt, so daß Rebellionen die Geschichte des Staates seit den ersten Jahren seiner Existenz prägten.

1979 wurde die amtierende Regierung gekippt. Seit dieser Zeit wird der Tschad von Nordisten regiert. Jetzt sind die Menschen im Süden an der Reihe, Demütigungen und Frustrationen zu erleiden. Man muß feststellen, daß die meisten Regierungen, die im Tschad aufeinander folgten, ob sie nun von Südisten oder Nordisten geprägt waren, dieselben Fehler begangen. Ihre Sicht war ein und dieselbe: ein autoritärer Staat, eine zentralisierte und personenbezogene Machtausübung. Durch Unterdrückung und mit Gewalt beseitigten die Machthaber, die politische Opposition, lösten soziale Gegensätze und erstickten jeden Widerspruch im Keim.

Regierungen, die an die Macht kamen, festigten ihre Herrschaft mit Clan- und Klientenwirtschaft. Ihre einzige Sorge war, nationale Ressourcen zu Gunsten einer kleinen Minorität zu veruntreuen. Diese Machtverhältnisse, die regional und ethnisch bestimmt waren, wirkten sich als Ausgrenzungspolitik aus, die jede Versöhnung unter den Tschadern ausschloß. Das ist die grundlegende Realität des tschadischen Übels. Der Nord-Süd Konflikt ist ein echtes Kapital, das dazu dient, die Bevölkerung rund um die Ausgrenzungsthemen zu mobilisieren. Sei es, um sich festzusetzen oder um die Macht zu sichern. Alle diese Übel sind unglücklicherweise immer noch gang und gebe im aktuellen Regime. Man kann sogar sagen, daß die Clanwirtschaft jetzt einen nie erreichten Gipfel erklommen hat. Diese Situation ist der Beweis für die Unfähigkeit der tschadischen Machthaber die wesentlichen Fragen zum Aufbau einer solidarischen und gleichberechtigten Gesellschaft zu beantworten. Im Zentrum der Schwierigkeit einer Aussöhnung der Bevölkerung steht also die Struktur des Machtgefüges ebenso wie eine schlechte Regierung. Es erübrigt sich zu erwähnen, daß keinerlei Möglichkeit geschaffen wurde, die einen aufrichtigen Dialog zwischen den tschadischen Gemeinschaften erlaubt hätte, einen notwendigen Dialog für einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen den Bevölkerungsgruppen. Dafür braucht man charismatische Menschen, Friedensstifter. Diesen Menschentyp aber gibt es nicht in der politischen Szene des Tschad.

Die tschadische Krise hat, wie weiter oben beschrieben, sicherlich interne Ursachen, aber man sollte die Einflüsse von außen nicht vernachlässigen.


Ungeliebte Freunde

Die Geschehnisse der letzten Monate im Tschad haben den Kampf zwischen zwei Einflußbereichen offengelegt. Auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet: der französische Einfluß und der arabisch-islamische, letzterer gekennzeichnet durch Aktionen des Sudans und Lybiens. Die genannten Einflüsse spalten die Bevölkerung noch tiefer und machen die Bereinigung der tschadischen Krise noch komplexer.

Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, war eng verbunden mit der Geschichte des Tschad und direkt verwickelt in die Konflikte, die das Land erschütterten. Frankreich hat zu verschiedenen Zeiten militärisch eingegriffen, um den jeweiligen Machthaber zu stützen und die bewaffneten Rebellionen niederzuschlagen; ein militärischer Stützpunkt wurde dauernd im Land aufrechterhalten. Die Rolle Frankreichs ist oft zwiespältig gewesen, und die Unterstützung dieser oder jener politischen Gruppe war entscheidend für die Ergreifung der Macht. Durch seine politische, militärische und wirtschaftliche Stellung verfügt Frankreich über die Mittel, den tschadischen Regierungen Lösungen vorzuschreiben, wie man das zu verschiedenen Augenblicken in der Geschichte des Landes erlebt hat.

Die tschadische Bevölkerung erhoffte sich, daß Frankreich bei dem Aufbau eines demokratischen Rechtstaates eine Schlüsselrolle einnehmen würde. Das hätte erlaubt, die Probleme des politischen Wechsels zu beheben, die im Zentrum des tschadischen Konfliktes stehen. Aber die Hoffnungen wurden enttäuscht, denn Frankreich hat wie üblich im Tschad nach dem Modus seiner augenblicklichen Interessen gehandelt. Das Handeln bestand darin, die Männer und die Regierungen zu unterstützen, deren Rechtmäßigkeit angezweifelt ist und die zumeist keine Friedensstifter sind. Beispiel dafür, wie von der lokalen Presse berichtet und der politischen Klasse bezeugt, sind die letztlich abgehaltenen Mehrparteien-Wahlen, bei denen Frankreich die Machthaber unterstützt hat.


nach oben Die Hegemonieansprüche von Lybien hinsichtlich des Tschad sind bekannt. Dieses Land mußte auf einen Teil des Tschad verzichten, dank des militärischen erbitterten Widerstands der Tschader und dank des internationalen Drucks. Aber Lybien ist erneut kraftvoll zurückgekehrt. Erkennbar ist dies durch das Tschad-Lybien-Treffen und den spektakulären Besuch des lybischen Präsidenten. Lybien hat seine Strategie verändert. Es möchte auf wirtschaftlichen und kulturellen Gebiet den Tschad zurückerobern. Die tschadischen Machthaber sind empfänglich für die lybischen Annäherungsversuche. Das zeigt sich daran, daß der tschadische Präsident, Idriss Deby, einige lybische Thesen zur Demokratie, die ja ansonsten als Diktat aus dem Westen empfunden wird, übernommen hat. Im Gleichklang mit Lybien übt der Sudan eine starke kulturelle Einflußnahme auf die Bevölkerung im Osten des Landes aus und möchte durch islamische Aktivitäten seine Rolle stärken. Diese beiden Staaten geben der arabisch-islamischen Strömung Auftrieb und nehmen bemerkenswerte Ausmaße an. Sie arbeiten öffentlich für eine Islamisierung und Arabisierung im Tschad. Dieses Verhalten birgt das große Risiko in sich, neue Konflikte anzuzetteln, denn im Tschad leben ebenso viele Christen wie Moslems, die sich zu unterschiedlichen kulturellen Werten bekennen. Deswegen ist die Bevölkerung, besonders jener christlicher Teil im Süden des Landes, durch diese "Arabisierung" aufgeschreckt und entwickelt der moslemischen Bevölkerung gegenüber Gefühle der Ablehnung.

Die Ursachen, die einer Verständigung der tschadischen Bevölkerung untereinander entgegenwirken, sind vielschichtig. Aber genau betrachtet hat der Konflikt nicht seinen Grund in gegensätzlichen ethnischen Wurzeln, wie z.B. in Rwanda. Die unterschiedlichen tschadischen Gemeinschaften haben immer mehr oder weniger in Harmonie gelebt. Man kann außerdem unterstreichen, daß trotz der Schwierigkeiten und der Kriege, die immer wieder das nationale Gefühl und die Einheit bedroht haben, der reale Wunsch nach einem Zusammenleben bestanden hat. Unglücklicherweise sind die tschadischen Eliten nicht auf der Höhe dieser Erwartungen.



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