KOOKARI oder auf deutsch: Packen wir es an!

Im Auftrag von EIRENE wurde Christiane Kimmler-Sohr für drei Monate in den Niger entsandt, um vor Ort aktuelle Informationen und Eindrücke zu sammeln, die in für die Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland genutzt werden sollen. Anfang November erreichte uns folgender Bericht über das Projekt KOOKARI im Süden des Niger, der sehr schön veranschaulicht, welche Arbeit EIRENE in dem Projekt zu leisten versucht.

Ich nehme die Herausforderung gerne an, denn es geht dabei um mehr für mich: um die Rückkehr in eine Umgebung, die fünf Jahre lang meine Heimat war, die ich vor 7 Jahren verlassen hatte. So wird mir zwar das Einleben schnell gelingen; dafür ist das "Markenzeichen" EIRENE's in Niger für mich noch ziemlich abstrakt: die Autopromotion. Ich verbringe viele Stunden damit. Berichte, Analysen, Protokolle und Schriftwechsel aus den beiden Projekten, dem seit 10 Jahren bestehenden PAAP im Norden und seinem 5 Jahre alten Bruder KOOKARI im Süden, zu wälzen. Peu à peu gelingt es mir, Licht in mein dunkles Hirn zu bringen. Ich begreife, um was es geht. Es interessiert mich immer mehr. Ich fange Feuer. Um es zu löschen, muß ich bald selbst erleben, wie diese Autopromotion umgesetzt wird, was das für Menschen sind, deren Namen mir bereits bekannt sind und von denen ich gewisse Vorstellungen habe. Bewunderung und Respekt haben sie mir bereits eingeflößt, die Animateure, alleine dadurch, was über ihr beeindruckendes Engagement und ihr entbehrungsreiches Leben da draußen "mitten im Busch" geschrieben steht. Und da es noch relativ wenig Informationsmaterial über das KOOKARI-Projekt gibt, beschließe ich, diesem den Vorrang zu geben. Um darüber schreiben, Interesse wecken zu können, kann es nicht beim Aktenstudium und Unterhalten mit den Kollegen bleiben. Ich muß bald in das Projekt fahren.


Roch Ajavon, EIRENE-Entwicklungshelfer und verantwortlich für das Projekt KOOKARI, schlägt einen gemeinsamen Besuch vor, wenn sich ein günstiger Anlaß bietet. Die letzten Ausläufer einer besonders heftigen Regenzeit sind bei der geplanten Fahrt zu berücksichtigen; denn nach den 140 Kilometern Asphaltstraße bis Dosso wartet eine ziemlich schlechte Piste auf uns. Während die in der Trockenzeit wegen vieler Sandverwehungen eine Herausforderung an Fahrer und Fahrzeuge stellt, kann sie sich nach einem kurzen Regenguß an manchen Stellen bereits in reißende Bäche oder kleine, heimtückische Weiher verwandeln. Drei Tage später ist es soweit:

nach oben Ein Beispiel der Umsetzung von Autopromotion: Faray

Eine Dorfversammlung steht an gemeinsam mit den Animateuren. Um 14 Uhr, nach dem freitäglichen Moscheebesuch, sollen sich Frauen, Männer und Jugendliche von Faray einfinden. Der Anlaß interessiert mich. Ein von der dort ansässigen Bevölkerung und den Animateuren gemeinsam erkanntes großes und bedrohliches Problem ist die Erosion. Durch unkontrollierte Abholzung zwecks Erschließung neuer Felder, etlichen ungebremsten Regengüssen, die die fruchtbare Erdoberfläche weggewaschen und große Flächen rings um die Dörfer mit tiefen Rinnen durchzogen haben, ist nicht nur wertvolles Land verloren gegangen. Man mußte sogar bereits einige Häuser evakuieren, die von den weiteren Regenmassen bedroht waren. So steht einigen Dorfbewohnern im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser bis zum Hals: Etliche Existenzen sind bedroht. Gibt es nicht genügend Ernteerträge, droht Hunger. Einer der Nebeneffekte ist das immer häufigere Abwandern von Männern in die Städte oder Nachbarländer während der Trockenzeit auf der Suche nach Einkommensquellen. Was tun?

Aus den neuesten Berichten weiß ich, daß soeben eine der erfolgreichsten Gemeinschaftsaktivitäten von Faray beendet worden ist: Frauen, Männer und Jugendliche haben in nur sechs Wochen aus eigener Kraft (und mittels einer wegen großer Nahrungsmittelknappheit vor der Regenzeit zur Verfügung gestellten Nahrungsmittelreserve) 4000 kleine, teils rechteckige, teils halbmondförmige Erdwälle und einige Pflanzlöcher ausgehoben. In einigen wurde Hirse angebaut, andere dienten als Wasserreservoir. In 1000 Wall-Löchern wurden junge Gaobäumchen gesetzt, die einen nachhaltigen Schutz vor erneuter Erosion bieten sollen. Bei der angekündigten Versammlung sollen weitere Vorgehensmaßnahmen und Verantwortlichkeiten diskutiert werden.

Ein Tag im Oktober 1998 in Faray - Impressionen von einer Dorfversammlung

Wir fahren an einem Freitag morgen bei strahlendem Sonnenschein los. Kein Wölkchen am Himmel, bis wir Dosso erreichen. Wir halten kurz im Projektbüro an, begrüßen die anwesenden Kollegen, Roufay von der Buchhaltung und Mariama, zuständig für Alphabetisierung und fachliche Ausbildung. Weiter geht es in Richtung Faray: das noch einmal etwa 80 Kilometer südlich in Richtung der Grenze des Nachbarlandes Benin liegt. Nach etwa 60 Kilometern biegen wir ab - just als sich der Himmel aus heiterem Himmel zuzieht. Und schon fängt es an zu tröpfeln, dann zu regnen und schließlich zu schütten. Daß es dem Kollegen Roch gelingt, die teils wie ein Fluß anmutende Strecke unter diesen Bedingungen in einem Auto, das wie eine Piroge durchs Wasser gleitet, ohne eine einzige Panne zu meistern, erfüllt mich mit tiefer Bewunderung.


Gegen Mittag - es regnet noch immer - erreichen wir das in Pfützen und Schlammfeldern liegende Dorf. Wir warten im KOOKARI-Haus, einem architektonisch originell gelungenen, ausschließlich aus Lehm erstellten Gebäude, zusammen mit den Animateuren auf die Dorfbewohner. Sicher wird sich die Versammlung wegen des Regens verzögern, denn etliche Teilnehmer müssen weite Fußmärsche zurücklegen. Die Befürchtung bestätigt sich. Erst gegen 4 Uhr, just als es aufhört zu regnen, strömen die Massen. Und in Windeseile ist der Dorfplatz gefüllt. Rechts sitzen und stehen die Männer, links hocken die Frauen - fast alle festlich gekleidet, viele mit ihren Kleinsten auf dem Rücken. Die Luft schwirrt wie von einem Bienenschwarm. Alles plaudert.

Dann wird die Versammlung eröffnet, und zwar von dem Vertreter der Frauen. Nein, nicht von der Vertreterin, soweit ist man/frau noch nicht in Faray. Aber das kommt auch noch. Schließlich geht es bei dem Ansatz der Autopromotion darum, alle einzubeziehen, nicht vorzupreschen, Traditionen zu respektieren, keine Entscheidungen von oben zu treffen und einen langen Atem zu haben bei allen Aktivitäten... damit es auch hält.

Gestenreich und lautstark erläutert der junge Mann auf Haussa, um was es geht. Ein weiterer Vertreter kommentiert seine Rede. Die sich zurückhaltenden Animateure beobachten, erklären, übersetzen uns das Wesentliche. Auf einmal entsteht ein Tumult. Aus der Menge der Frauen erhebt sich eine alte Frau, eilt in die Mitte des Platzes, fuchtelt mit den Armen vor der Nase eines der Redner herum und ergießt sich in lautstarke Monologe. Es gibt großes Gelächter. Meinem Nachbarn, dem Animateur, bleibt fast die Spucke weg. Er raunt mir zu, daß so etwas noch nicht vorgekommen sei und ist begeistert. Irgendwann kehrt wieder Ruhe ein; offensichtlich wurden die Frauen nicht richtig vertreten bzw. ihre Anteilnahme ungenügend wiedergegeben.

nach oben Es ist sehr spannend, dabeizusitzen, ohne zur Kenntnis genommen zu werden. Niemand stört sich an meiner Präsenz und auch nicht an meinem Fotoapparat, den ich trotz Ermutigungen nur zögernd einsetze. Dann kommt Bewegung auf. Nach und nach legen verschiedene Männer Schaufeln und Hacken auf den Boden. Ein Mann verzeichnet die Exemplare in einem Heft. Es geht darum zu prüfen, ob auch wirklich alle Geräte zurückgebracht worden sind. Mangels eigener Reserven wurden für die gemeinsame Kampagne von KOOKARI über 50 Schaufeln und Hacken angeschafft und an die in Schichten arbeitenden Menschen verliehen. Nach der beendeten Kampagne werden diese nun wieder eingesammelt, um sie bei der nächsten Gelegenheit parat zu haben. Keine Schaufel fehlt. Alles stimmt.

Danach diskutieren sie untereinander, wer sich zu der Gruppe gesellen will, die für die Instandhaltung und Reparatur der verschiedenen Erdwälle gegründet wird: Es melden sich mehr als benötigt. Plötzlich, ohne lange Reden, ist die Versammlung beendet. Im Nu ist der Platz leer. Damit ich mit eigenen Augen sehen kann, was diese Frauen und Männer geschaffen haben, fahren wir noch zu dem Gelände mit den Erdaushebungen. Voller Stolz zeigt mir einer der Bauern verschiedene Wälle, in denen junge, gesund aussehende Gaobäumchen ihre Krönchen in die Höhe recken.

Ja, es ist schon sehr beeindruckend, was ich hier gesehen, gehört und erlebt habe. Spät fahren wir zurück. Schon sind die Wassermassen versickert oder abgeflossen, so daß die Fahrt ohne Beeinträchtigung verläuft. Nach einem kurzen erneuten Stop in Dosso geht es weiter. Der Vollmond beleuchtet unseren Weg... und zufrieden und inspiriert lande ich wieder in der Hauptstadt.

Wer an weiteren Informationen über Autopromotion und deren Umsetzung im Niger interessiert ist, kann die bei EIRENE im Februar erscheinende Sonderbroschüre zum Projekt PAAP und KOOKARI anfordern.




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