BOSNIEN-HERZEGOWINA:
Versöhnung braucht Begegnung


Von Versöhnung kann im heutigen Sarajevo nur in Ansätzen gesprochen werden. Ressentiments und Vorurteile unter den ethnischen und religiösen Gruppen bestimmen auch weiterhin das Miteinander - oder besser das Nebeneinander. Das Projekt ABRAHAM will interreligiöse Friedensarbeit fördern und über die Begegnung Verständnis füreinander wecken.

In Sarajevo wurde im März eine Vereinigung für interreligiöse Friedensarbeit gegründet, die den Verständigungs- und Versöhnungsprozeß zwischen Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Nationalitäten fördern will. Initiatoren sind der evangelische Theologe Christof Ziemer (57) aus Dresden und die Lehrerin Ljubinka Petrovic (29) aus dem bosnischen Bosanska Petrovo. Versöhnung braucht Begegnung - von diesem Grundsatz wird ihre Arbeit geleitet, die Christof Ziemer im folgenden beschreibt.


nach oben "Isuse Boze (Jesus Gott)", stöhnt eine Frau in der Straßenbahn. Darauf eine andere: "Ach, hör mir mit dem auf."

Unverkennbar an ihrem Stoßseufzer ist die eine Kroatin oder Serbin. Und die andere? Vielleicht eine von denen, denen alles Religiöse über ist, weil damit soviel Schindluder getrieben worden ist? Oder eine Muslimin, für die ein Jesus, der als Gott angerufen wird, nur ein falscher Jesus sein kann? Wer weiß. Vielleicht hatte sie auch nur das ewige Jammern satt.

"Dobar dan (Guten Tag)", sage ich am Telefon, um wegen einer Zeitungsannonce nachzufragen. Aber ich werde zurechtgewiesen: "In Bosnien gibt es nicht mehr 'Dobar dan', nur noch 'Selam alejkum' (Friede mit dir)".

So ist das also jetzt, jedenfalls für diesen Mann. Dies ist ein muslimisches Land, da gibt es nur noch den (muslimischen) Friedensgruß. Der Mann sagt die Wahrheit, ohne es zu wissen. Wie soll es denn noch einen guten Tag geben, wenn der Friede auf diese Weise befohlen wird?

"Haben Sie eben 'tacno' oder 'tocno' gesagt?" wird Ljubinka von einem Anrufer gefragt. "Tacno. Warum fragen Sie? Ist das für Sie wichtig?" "Ja", sagt er, "für mich ist das sehr wichtig" und legt auf.

"A" oder "o", das ist hier die Frage. Zwar versteht jeder das eine wie das andere, aber was will das schon heißen! Alles kommt doch darauf an, auf welcher Seite man steht. Das ist das A und O. Wenn du auf der falschen Seite stehst, kann das Gespräch schnell beendet sein. Das ist der Punkt, genau, das heißt "tacno" oder "tocno": serbisch oder kroatisch!

Alltag in Sarajevo. Mehr babylonische Sprachverwirrung als pfingstliche Verständigung. Sarajevo war einmal berühmt dafür, daß hier Juden und Christen und Muslime friedlich zusammenlebten. Der Krieg hat da vieles zerbrochen. "Das ist nicht mehr meine Stadt", kann man immer wieder hören. Die vielgepriesene Multikulturalität der Stadt hat einen Riß bekommen. Zwar prägen noch immer Moscheen und Medresen, katholische und orthodoxe Kirchen und die einzige aus dem 2. Weltkrieg übriggebliebene Synagoge das Bild der Stadt. Sie sind nicht zerstört wie in vielen anderen Teilen des Landes. Und stolz wird darauf verwiesen, daß neben dem Gebetsruf von den Minaretten auch die Glocken läuten und die Kirchtürme weit sichtbar das Kreuz tragen. Als aber z.B. ein katholischer Pfarrer zu einem Gesprächsabend in unsere Vereinigung kommt und ein kleines Kreuz an der Jacke trägt, wird er auf dem Weg von Jugendlichen angemacht. "Ein Kreuz gehört nicht in die Mahala (muslimische Wohnsiedlung)". - Beides liegt merkwürdig nahe beieinander: die Sehnsucht nach der verlorenen Gemeinsamtkeit und die manchmal geradezu trotzige Behauptung der eigenen Identität.



Als wir, Ljubinka und ich, im Sommer vergangenen Jahres mit der interreligiösen Friedensarbeit begannen, haben wir zuerst an die Türen der Glaubensgemeinschaften geklopft. Aber die tun sich schwer, wenn es um mehr als um eine oberflächlich deklarierte Toleranz des anderen geht. Und das ist eigentlich nicht so verwunderlich. Durch ihre Verbindung mit dem Nationalen - Kroaten sind katholisch, Serben orthodox, Bosnjaken muslimisch - sind sie tief in die Konflikte verstrickt worden. Das führt im Gegenzug -soweit es ihnen überhaupt gelingt, sich aus der nationalistischen Umarmung zu befreien - dazu, daß in ihnen der Wunsch nach der reinen, unverfälschten eigenen Wahrheit und Identität stark wird. Das aber bedeutet nach außen, zu den anderen hin weitgehend Abgrenzung, Mißtrauen, wenigstens aber Distanz. Die meisten Türen gingen gar nicht erst auf...

Wenn wir für unsere Arbeit eine Basis finden wollten, mußten wir sie uns schon irgendwie selbst schaffen. Daraus erwuchs die Idee, eine Vereinigung für interreligiöse Friedensarbeit zu gründen. Das haben wir dann am 4. März dieses Jahres getan. Mit der Unterschrift von 30 Mitgliedern, unter ihnen Juden, katholische und orthodoxe Christen und Muslime, haben wir ABRAHAM ins Leben gerufen. Wir haben einen Vorstand aus jungen Leuten und ein "Ehrengericht" aus Erfahrenen. Wir haben in Bistrik - nicht weit von der Altstadt entfernt - ein kleines Zentrum gemietet und renoviert. Dort treffen wir uns einmal in der Woche. Unsere Schwerpunkte haben wir Begegnung und Engagement genannt: Begegnung zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens und Engagement im Bereich von Religion und Gesellschaft. Bisher steht freilich die Begegnung ganz eindeutig im Vordergrund. Auch das ist schon schwierig genug.

Und wie sieht das nun konkret aus, was in ABRAHAM geschieht? Zwei Beispiele:
  1. Beispiel: "Daß es das gibt..."
    Einmal in der Woche treffen wir uns im Zentrum. Wir nutzen die Gelegenheit, um über Pläne und Vorhaben zu reden. Häufig laden wir Gäste ein. Im Juni hatten wir einen Abend mit unserem Freund Milan Cerovina aus Pale, der Berater im Glaubensministerium der Republika Srpska ist. Für ihn war es eine große Herausforderung, vor einer religiös-gemischten Gruppe in ABRAHAM über die Orthodoxie zu erzählen. Er war ziemlich unruhig vor seinem Vortrag: "Es könnte geschehen, daß mir jemand Fragen zur Orthodoxie und zur Orthodoxen Kirche stellt, die mich in Verlegenheit bringen; aber auch meine Bemerkungen könnten vielleicht jemanden verletzten. Dann entsteht sehr schnell eine unangenehme Situation." Nach seinem Vortrag blieben die peinlichen Fragen zur Rolle der Orthodoxen Kirche im Krieg nicht aus. Es war zwar eine angespannte Situation, sie war aber nicht lähmend und vergiftet. Milan war nach dem Gespräch befreit: "Es ist kaum zu glauben, daß junge Menschen so direkt und ehrlich miteinander über sehr empfindliche Themen reden."

    Ähnlich ist es uns auch an anderen Abenden ergangen. Vorher diese Unruhe, diese Unsicherheit, nicht nur bei den Gästen, auch bei uns selbst, nachher dann dieses fast ungläubige Staunen: das es so etwas gibt... . Aber es hält nicht an, noch nicht, auch beim nächsten Mal wieder diese Unsicherheit.

  2. Beispiel: "Etwas ziemlich tiefes..."

    Ljubinka nimmt mit vier Muslimen und vier Katholiken an einer Jugendwoche zum Thema "Dialog zwischen den Religionen und Nationen" im bayrischen Ottmaring teil. Doch trotz allen Bemühens der katholischen Gastgeber wird diese Woche zu einer Zerreißprobe. Ein Teil der Gruppe - die Kroaten - kann ganz eintauchen in das christliche Milieu, während die Muslime sich völlig fehl am Platz fühlen und Ljubinka als orthodoxe Christin hoffnungslos zwischen den Gruppen hin- und hergerissen wird.

    In der Auswertung dieser Woche heißt es dann in einem Brief an die Gastgeber: "Die Erfahrung, die wir mit Euch und unter uns in Eurem Lebenszentrum gemacht haben, ist für uns von enorm großer Bedeutung. Die bis zur Verzweiflung schmerzhaften und schwierigen Augenblicke ließen uns in Ottmaring daran zweifeln, daß ein Dialog zwischen den Religionen überhaupt möglich ist. Einen Monat danach wissen wir, daß es ein schwieriger Dialog bleiben wird, aber daß er auch unabdingbar notwendig ist und wir ihn weiterhin führen wollen. Vanja beschrieb es sehr passend: 'Wir sind in unseren Konfrontationen so weit gekommen, daß wir nicht mehr wußten, wer wir sind und wer unser Gegenüber ist. Das ist der Punkt, an dem einige Menschen Krieg anfangen. Wir haben wieder angefangen, miteinander zu reden. Es ist etwas ziemlich tiefes, was wir gemeinsam erlebt haben'... Uns ist klar geworden, daß wir es gewagt haben, Themen und Unterschiede anzusprechen, die man üblicherweise tabuisiert und die negiert werden. Wir waren unter der Oberfläche, 'unter der Haut'." (...)

    Sonntag in Sarajevo
    oder Sabbat
    oder freitags zur Zeit des Mittagsgebets

    "Isuse Boze (Jesus Gott)", stöhnt eine Frau in der Straßenbahn.
    "Ach", sagt eine andere, "daß es den noch gibt."
    "Selam alejkum", sage ich am Telefon, um einen Termin beim Mufti zu erbitten.
    "Ach, Sie können ruhig "Dobar dan" sagen, wir sind doch hier in Bosnien."

    "Haben Sie eben 'tacno' oder 'tocno' gesagt?" wird Ljubinka von einem Anrufer gefragt. "Tacno, Warum fragen Sie? Ist das für Sie wichtig?" "Nein, ja", sagt er etwas verwirrt, "Sie erinnern mich an eine Frau, die ich sehr geliebt habe. Sie hat genauso 'tacno' gesagt, genauso."




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