Menschen mit Behinderung stehen oftmals auch in der Entwicklungszusammenarbeit im Hintergrund. Wir stellen Ihnen ein Projekt in Nicaragua vor.

Los Pipitos

Katharina Pförtner ist Behindertenpädagogin und arbeitet seit vielen Jahren als Entwicklungshelferin in Nicaragua. Zu nächst im Rahmen des Solidarischen Lern- und Fachdienstes von EIRENE, anschließend mit einem Vertrag über Dienste in Übersee und derzeit wieder mit einem Entwicklungshelfervertrag von EIRENE unterstützt Katharina das Projekt "Los Pipitos" in der Regionalhauptstadt Estelí im Nordwesten des Landes.

Im folgenden Artikel beschreibt sie den Projektan satz und die Projektplanungen der kommenden Jahre.

nach oben In bezug auf die Länder der Dritten Welt geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, daß 10 Prozent der Bevölkerung mit Behinderungen leben. Landesstatistiken gehen sogar von höheren Zahlen aus. Bei meinem Besuch in Quito, Ecuador, wurde mir im November letzten Jahres von Fachleuten die Zahl von 13 Prozent angegeben.

Behinderung wird von Cabor Jiroler (Zeitschrift der Bundesarbeitsgemeinschaft Behinderung und Dritte Welt 1998) definiert als nicht realisierbare Interaktion einer beeinträchtigten Person mit seiner sozialen Umgebung. Aufgrund der fehlenden Infrastruktur für Personen mit Behinderung und der Armutssituation ihrer Familien sind oftmals die betreuenden Personen, meist die Frauen, gleichermassen behindert.

Behinderung marginalisiert auch viele Mütter in einer Gesellschaft, in der ihnen die Schuld zugeschoben wird und ihnen weder für sich noch für ihre Kinder Alternativen und Entwicklungsmöglichkeiten angeboten wird.



Los Pipitos, ein Verein von Eltern mit behinderten Kindern

Das Konzept der gemeindenahen Rehabilitation (engl. Community Based Rehabilitation, CBR) sieht vor, Behinderte im Rahmen ihren realen Lebensbedingungen zu fördern und nach Möglichkeit ihr Lebensumfeld ihren Bedürfnissen anzupassen. Grundsätzlich soll bei diesem Ansatz auf die vor Ort verfügbaren Ressourcen zurückgegriffen werden (technische Mittel, Personal, etc.), zeitlich begrenzte Rehabilitationsmaßnahmen (Operationen, Anpassung von Hilfsmitteln, Fördermaßnahmen, etc.) werden einbezogen.

Wir sehen in diesem Konzept die einzige Möglichkeit, die zuvor angedeutete Problematik anzugehen. Denn eine Sichtweise, die lediglich individuell auf die Person mit Behinderung ausgerichtet ist, läßt unzulässigerweise den Zusammenhang und gesellschaftlichen Kontext der Menschen mit Behinderung außen vor und schränkt deren Entwicklungschancen ein.

Los Pipitos ist ein gemeinnütziger Selbsthilfeverein. Er vereint Mütter und Väter von behinderten Kindern, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder ihrem kulturellen Hintergrund. Los Pipitos in Estelí wurde als Ortsverein der nationalen Organisation im Jahr 1990 gegründet.Heute gehören dem Ortsverein 550 Eltern an.

Seit 1992 wurde mit Unterstützung aus Deutschland (u.a. durch EIRENE) begonnen, behinderten Kindern eine sonderpädagogische Gruppenförderung anzubieten und deren Eltern anzuleiten, die Kinder ko-therapeutisch zu betreuen. Im gleichen Jahr habe ich meine Arbeit im Projekt in meiner Funktion als Behindertenpädagogin aufgenommen. Schwerpunkte meiner Aufgabenstellung sind die Anleitung der pädagogischen Arbeit an und die Durchführung von Fortund Weiterbildungen.


nach oben Seit 1994 existiert ein Förderprogramm zum Erlernen bestimmter handwerklicher Fertigkeiten, an dem inzwischen 30 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 35 Jahren teilnehmen (75 % Frauen, 50% geistig Behinderte, 30% Mehrfachbehinderte, 10% Körperbehinderte, 10% Sinnesgeschädigte). Die Jugendlichen erhalten die Möglichkeit einer individuellen Förderung und sozialen Integration, während sie vorher entweder zu Hause eingeschlossen waren oder praktisch auf der Straße lebten. In beiden Fällen waren sie Risiken ausgesetzt und erfuhren in der Regel keinerlei Betreuung.

Ebenfalls seit 1994 arbeiten Los Pipitos mit einer Sprachschule zusammen, deren Einnahmen dazu dienen, einen Beitrag zur Selbstfinanzierung der verschiedene Programme zu leisten. Wir bieten intensive Spanischkurse, Exkursionen und ökotouristische Programme in ganz Nicaragua an.

Daneben ist es ein Ziel der Arbeit, Familien, deren behinderte Kinder noch nicht an therapeutisch-pädagogischen Maßnahmen teilnehmen, zuhause aufzusuchen und sie von der Notwendigkeit einer Förderung ihrer Kinder zu überzeugen. Der Aktionsradius von Los Pipitos erstreckt sich auf das Stadtgebiet und die umliegenden ländlichen Gemeinden (San Nicolas, San Roque, La Montanita, El Regadio, Santa Cruz und Miraflor) . Freiwillige Koordinatorinnnen arbeiten in den ländlichen Siedlungen, beraten die Eltern behinderter Kinder und halten den Kontakt mit offiziellen Stellen. Diese Beraterinnen (span.: Promotoras), weitere Familienangehörige und Fachpersonal aus dem Gesundheits- und Erziehungswesen werden zu regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen eingeladen. Ich entwickelte in diesem Zusammenhang ein Fortbildungsprogramm für Eltern und BetreuerInnen zum Thema Erziehung von geistig Behinderten zuhause.

Gemeinsam mit den Familien, Jugendlichen und Kindern wird eine intensive Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Die Bevölkerung wird sensibilisiert und die Integrationsmöglichkeiten für die behinderten Menschen werden dadurch verbessert. Los Pipitos haben z.B. ein halbstündiges wöchentliches Radioprogramm, in dem die Ziele und Erfolge des Vereins sowie geplante Vorhaben vermittelt werden.Eine Möglichkeit, die Kommunikation und Annäherung schafft.




Neues Projektvorhaben: Jugend- und Berufsförderzentrum für behinderte und nicht-behinderte Jugendliche

Das neue Projekt planen Los Pipitos in Zusammenarbeit mit EIRENE und der Christoffel-Blindenmission. Ein Finanzierungsantrag für ein Projekt mit einer Laufzeit von fünf Jahren wurde bei der Europäischen Gemeinschaft eingereicht. Obwohl bereits im Herbst vergangenen Jahres eingereicht und als positiv beurteilt, liegt leider bis heute schriftliche Bewilligung der EU auf den Projektantrag vor.

In der Projektkonzipierung bauten wir auf die gesammelten Erkenntnisse und Erfahrungen unserer bisherigen Arbeit auf und wollen einen zusätzlichen Aspekt der Prävention, Rehabilitation und Integration angehen: die berufliche Vorbereitung und anschließende Integration, d.h. Anpassung der gesellschaftlichen Bedingungen an die Bedürfnisse der Jugendlichen, um ihnen eine gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Unser besonderes Augenmerk gilt in diesem Projekt den Frauen und Mädchen und speziell den Personen mit geistiger Behinderung. Bei diesem Personenkreis handelt es sich um eine Zielgruppe, die am stärksten ausgegrenzt werden und denen sich in Nicaragua bisher kaum Förderungsmöglichkeiten bieten.

Das Projekt will Lösungsansätze entwickeln und umsetzen, die die soziale und ökonomische Situation der Herkunftsfamilien der Behinderten aller Art verbessern können. In bezug auf die soziale Situation der behinderten Mädchen und Jungen soll versucht werden, ihr Selbstbewußtsein, ihr Bildungsniveau und ihre handwerklichen Fähigkeiten so zu stärken, daß sie in die Lage versetzt werden, speifische Tätigkeiten selbständig auszuführen. Sie können so ihr Selbstwertgefühl stärken, was eine Integration in die Ge- sellschaft erleichtert. Sie sollen befähigt werden, sich in vor Ort ansässige Werk stätten oder ihre Familienbetrieben zu inegrieren, um hier eigenständige Arbeiten zu verrichten und so die Familien personell und finanziell zu entlasten. Nichtbehinderte Jugendliche, die aufgrund ihrer Arbeitstätigkeit im informellen Sektor oder aufgrund sozialer Integrationsprobleme bisher keine Schulausbildung abgeschlossen haben, sollen in Kurzausbildungslehrgängen und Orientierungskursen berufliche Fähigkeiten entwickeln.

Dies soll in sechs verschiedenen Werkstätten geschehen, in denen die Jugendlichen mindestens 2 Jahre entsprechend ihrem individuellen Entwicklungstempos verbleiben. Daneben soll das Zentrum die Begegnung zwischen nichtbehinderten und behinderten Jugendlichen fördern. Rehabilitationsmaßnahmen in verschiedenen Bereichen (physisch, psychisch und ergotherapeutisch) unterstützen die Berufsausbildungsmaßnahmen und fördern die Möglichkeiten der Integration.


nach oben Veränderung der Konzepte in der Entwicklungszusammenarbeit

Es ist immer wieder festzustellen, daß Organisationen im Süden, die im Sektor der Behindertenarbeit tätig sind, chronisch unter Geldmangel leiden, da dieses Aufgabenfeld wenig von den "reichen" Geldgebern der entwickelten Länder wahrgenommen wird. So gehört die Behindertenarbeit in den Konzepten vieler noch immer zum sozial-karitativen Bereich. Die Möglichkeit der Entwicklungsfähigkeit der Behinderten und ihrer besonderen Problemlagen in den armen Gesellschaften wird oftmals nicht gesehen.

Ein Ziel unserer Arbeit sollte es deshalb sein, auch in diesem Bereich Überzeugungsarbeit zu leisten, um eine nachhaltige Veränderung zugunsten von Prävention, Rehabilitation und Integration von Behinderten als Bestandteil der armutsbekämpfenden Maßnahmen in Entwicklungsländern zu betrachten. In den unterschiedlichsten Bereichen der Behindertenarbeit sollten wir den Ansatz der gemeindenahen Rehabilitation (CBR) auch für unsere Länder überprüfen und daraus lernen. Solche Ansätze gibt es nur sehr selten, bei uns überwiegen noch immer ausgrenzende und zentralisierte Ansätze der Behindertenförderung, die letztlich eine wirkliche Integration der behinderten Menschen in die Gesellschaft verhindern.





Homepage      Südprogramm      Nordprogramm      Freiwillige
News      Infomaterial      Kampagnen      Kontakt mit uns