Projektort: Ökodorf

Kontakt zu neuem Projekt in Südfrankreich geknüpft

"Hier kann es unmöglich sein", meint Alain Schwaar, Vorsitzender von EIRENE, und schaut aus schwindelerregender Höhe am Rand einer Klippe in die tiefe Schlucht, wo sich im Tal die Ardèche, ein Fluß in Südfrankreich, schlängelt. Da kann ich ihm nur zustimmen und hole den Pro- spekt heraus, auf dem sich ein kleines Dorf am Ufer der Ardèche an die Felsen schmiegt. Nach weiterem Suchen und Fragen erfahren wir, daß wir einen kleinen Fußpfad entlang gehen sollen, der steil in die Tiefe führt.

Wir sind auf der Suche nach einem neuen Projekt und befinden uns auch wohl kurz vor dem Ziel. Hier in dieser einsamen Gegend haben in den 70er Jahren ein paar Idealisten ein verfallenes und verlassenes Dorf aufgekauft mit der Idee, dieses Dorf wieder aufzubauen - nach ökologischen Gesichtspunkten - und dort auch zu leben und zu arbeiten. Das hört sich interessant und vielversprechend an, und so begeben wir uns auch zuversichtlich auf den kleinen Fußpfad. Steil, eng und steinig ist der Weg, die Aussicht dafür atemberaubend: "Und das nennt sich Ökodorf", schimpfe ich. "Wie kommt man denn in dieses Dorf, mal wieder nur mit dem Auto, kein öffentliches Verkehrsmittel weit und breit", und damit verliert das ganze Projekt schon an Glaubwürdigkeit.

nach oben Endlich wird dann der Blick auf ein paar Steinhäuser frei. Ein junger Mann kommt uns entgegen: "Ihr hört Euch nach Besuchern an. Wollt Ihr zu Yann? Momentchen, ich hole ihn." Gespannt bleiben wir stehen und warten. Nach ein paar Minuten springt der gleiche Mann hinter einer Säule hervor und ruft: "Herzlich willkommen, ich bin Yann!" und lacht dabei aus vollem Herzen. Und so fröhlich und unbekümmert wie der Anfang bleibt dann auch die Stimmung für den Rest des Tages. Wir werden fürstlich bewirtet, stellen tausend Fragen und Yann zeigt uns das ganze Dorf.

Zu fünf jungen Menschen leben sie dort und anfangs hatten sie enorme Schwierigkeiten, von der Bevölkerung akzeptiert zu werden. Aber ein regelmässiger Tag der offenen Tür und ihre Gesprächsbereitschaft trugen dazubei, daß Ängste und Vorurteile ausgeräumt werden konnten. Hilfreich war außerdem, daß sie Ziegen halten und Käse herstellen. Eine traditionelle Einnahmequelle der Bevölkerung, die heutzutage jedoch nicht mehr als rentabel gilt. Aber neben dieser Wiederbelebung alter Strukturen setzen die BewohnerInnen des Dorfes auch viele neue und ungewohnte Akzente: wie Nachhaltigkeit und Umweltbewußtsein.

In Frankreich ist dies noch mehr als in Deutschland ein ungewohnter Gedanke. Ungewohnt erscheint daher auch vielen, daß Solarstrom, Wärmepumpen, Bio-Getreide und zahlreiche Seminare zu diesen Themen den Alltag im Dorf prägen. Aber daß diese Themen auch durchaus anziehend wirken, beweisen die vielen Kinder und Jugendlichen, die inzwischen von Frühjahr bis Herbst in Gruppen anreisen, um vor Ort zu diskutieren und mitanzupacken: im Garten, bei den Hühnern und Ziegen, im Häuseraufbau, bei kleineren Arbeiten - überall werden immer zupackende Hände gebraucht.


Die Nachfrage nach Seminaren und Unterbringung ist so groß, daß sich das Team entschloß, einen Teil der Gebäude dem vorgeschriebenen hohen Stan- dard des Jugend-und Sportministeriums anzupassen. Nun sind sie anerkannter Tagungsort und können auch jüngere Kinder und Schulklassen empfangen. Alain und ich waren beeindruckt. Und auch Simone Hoffmann, ehemalige EIRENE Freiwillige, die in Frankreich lebt, hat bislang nichts Vergleichbares in Frankreich kennengelernt. Und meine erste Frage, ob dieses Dorf denn nur mit dem PKW erreichbar sei, fand gleich zu Beginn der Begegnung eine entsprechende Antwort. Wandert man im Tal eine Viertelstunde gemächlich am Fluß entlang, erreicht man einen Ort mit Bushaltestelle. Und der Bus fährt dann zum Bahnhof. Und genau so wird auch die erste EIRENE-Freiwillige demnächst dorthin starten, um sich im Projekt vorzustellen und um einen zehntägigen Projektbesuch zu machen. Über eine erste EIRENE-Freiwillige ab Januar 99 würde ich mich sehr freuen, denn ich denke, es wäre ein weiterer Partner in unserem Nordprogramm gefunden, von dem wir noch einiges lernen können.

Christiane Bals Referentin Nordprogramm  




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