Wird EIRENE noch im kommenden Jahr sein Ostprogramm erweitern? Über den Stand der Überlegungen ein Interview mit Uta Pioch

„Let´s go east!”

Liesse sich nicht doch ein EIRENE-Ostprogramm realisieren? In welchen Laendern? Mit welchen Projekten? Wie ließe sich das organisieren?

Schon lange bewegen diese Fragen die EIRENE-Gemueter. Die ersten Gehversuche zeigten grosse Erfolge, EIRENE mußte jedoch auch Niederlagen einstecken. Erfolgreich waren zum Beispiel die ersten Entsendungen von Freiwilligen. Nachdem der Bann gebrochen war und der ehemalige Geschäftsstellenzivi einen Dienst in St. Petersburg geleistet hatte, begann EIRENE die Zusammenarbeit mit "Schüler helfen Leben". Acht Freiwillige dieser Schülerinitiative konnte EIRENE seitdem nach Bosnien entsenden. Dort bringen sie in beeindruckender Weise die im Krieg noch verfeindeten Jugendlichen in Sommerlagern und Jugendprojekten zusammen. Erfolglos mußte demgegenüber der Versuch bleiben, ein eigenes EIRENE-Projekt in der bosnischen Stadt Jajce aufzubauen. Dieses Projekt war in seiner Struktur wie ein Entwicklungshilfeprojekt des Südprogramms konzeptioniert, die nötige BMZ-Kofinanzierung wurde jedoch nicht bewilligt.

Mit welchem Konzept, welcher Organisationsstruktur und an welchen Orten wäre angesichts dieser Erfahrungen ein zukünftiges EIRENE-Engagement im östlichen Europa somit sinnvoll? Um diesen Fragen intensiv nachzugehen, hat sich die EIRENE-Geschäftsstelle eine zeitweilige Verstärkung eingeholt. Uta Pioch, ehemalige USA-Freiwillige und Diplom-Politologin, spezialisierte sich in ihrem Studium auf die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse in Osteuropa. Sie erarbeitet derzeit ein Konzept, wie ein EIRENE-Ostprogramm gestaltet werden könnte. Über die ersten und noch vorläufigen Ergebnisse ihrer Arbeit gibt sie im folgenden Interview Auskunft.


nach oben Uta, du bereitest zur Zeit den Aufbau eines Ostprogramms vor, wie ist dein Arbeitsauftrag genau zu verstehen?

Ich erkunde die Möglichkeiten der EIRENE-Freiwilligenarbeit in Mittel- und Südosteuropa und zeige diese in einem Vorschlag an EIRENE auf. Das Ziel meiner Arbeit ist es, ein Konzept unter den der Fragestellung zu entwickeln,
  • welche inhaltlichen Schwerpunkte für die EIRENE-Arbeit im Osten besonders wichtig wären
  • welche Kriterien der Projektwahl und welche konkreten Projekte sinnvoll erscheinen
  • wie die sich organisatorische Umsetzung nach dem Strickmuster des Nordprogramms gestalten ließe
  • wie eine "EIRENE-Osterweiterung" finanziert werden könnte.


  • Welche inhaltlichen Akzente sollte EIRENE deines Erachtens für ein Engagement im Osten setzen?

    Die gesellschaftlichen Entwicklungen der ehemals sozialistischen Staaten haben nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer hervorgebracht. Die Schere zwischen arm und reich hat sich sehr schnell aufgetan, ohne gleichzeitig ein soziales Auffangnetz für diejenigen zu schaffen, die durch die wirtschaftlichen und politschen Veränderungen besonders hart getroffen werden: Arbeitslose, Jugendliche ohne Ausbildungsplätze, Rentner und schließlich die Kinder, die nicht die nötige Zuwendung erfahren , insbesondere Waisenkinder, behinderte Kinder sowie Straßenkinder. Einen wichtigen Schwerpunkt sehe ich somit in der Arbeit für diejenigen, die als "Transformationsverlierer" bezeichnet werden können.

    Die instabile Lage osteuropäischer Staaten und die politischen und wirtschaftlichen Krisen haben darüber hinaus auch weitere Konsequenzen und wirken sich u.a. negativ auf die latent bestehenden Spannungen zwischen den verschiedenen Ethnien aus. Ich würde mir wünschen, daß EIRENE im Bereich der Menschenrechtsarbeit die langjährigen Erfahrungen aus der Verständigungsarbeit in Nordirland einbringen könnte.

    Gehören nicht auch Frauen zu den "Transformationsverlierern"?

    Ja, auf alle Fälle. Ein zentraler Aspekt der EIRENE-Ostarbeit sollte auch die Orientierung an den spezifischen Schwierigkeiten von Frauen im gegenwärtigen Transformationsprozeß sein. Frauen werden in gravierendem Maße vom Arbeitsmarkt gedrängt und halten zudem innerfamiliär für die psychische Verunsicherung des gesellschaftlichen Umbruchs her.

    Einige Frauen suchen Auswege aus der ökonomischen Perspektivlosigkeit in der Prostitution oder der erkauften Ehe in den Westen. Die Unterstützung von Projekten zur Verhinderung des Frauenhandels sowie von Frauenhäusern durch die Mitarbeit von EIRENE-Freiwilligen halte ich für ganz wesentlich.


    nach oben Und was heißt das konkret? In welche Länder wird EIRENE die ersten Freiwilligen schicken?

    Was EIRENE tatsächlich machen wird, liegt nicht in meiner Hand. Mein Vorschlag jedoch wäre, zwei regionale Schwerpunkte zu setzen und zum einen Freiwillige in EU-Anwärterstaaten zu entsenden, zum anderen bewußt die von der EU ausgegrenzten Länder in das Konzept der EIRENE-Freiwilligenarbeit einzubeziehen. Der Eintritt in die EU bedeutet für die entsprechenden Staaten eine massive Intensivierung der wirtschaftlichen Umstrukturierung, womit sich auch die gesellschaftlichen Folgeprobleme gravierend verschlimmern werden. Ich schlage vor, in der Aufbauphase Freiwillige nach Tschechien und Polen zu entsenden. Insbesondere in Polen werden die radikalen landwirtschaftlichen Reformen des Agrarstaates noch ungeklärte ökologische und soziale Folgen mit sich bringen. Geichzeitig werden die zukünftig hinter der EU-Außengrenze liegenden Staaten von ihren bisherigen Kooperationsstaaten isoliert. Um so wichtiger ist es, nicht zuzulassen, daß diese Länder ins Abseits gedrängt werden. Die Zusammenarbeit mit Projekten in Rumänien und Bulgarien könnte Brücken über diese Grenzen hinweg schlagen und ein wichtiges Zeichen der solidarischen Verbindung setzen.


    Den ersten Schritt tust du nun durch deine Reise nach Rumänien und Bulgarien. Welche Projektvorschläge wirst du bei der Rückfahrt im Gepäck mitbringen?

    Ich werde verschiedene Straßenkinderprojekte besuchen, ich werde mit dem Dachverband der Roma-Initiaven sprechen, ich habe Kontakt zu sehr interessanten Menschenrechtsprojekten aufgenommen und werde ein Frauenhaus vom Blaukreuz besuchen. Ich bin mir sicher, daß darunter nicht nur spannende, sondern auch geeignete und praktikable EIRENE-Projekte sind. Die Antwort aber, welche Einsatzstellen sich daraus tatsächlich für EIRENE-Freiwillige ergeben könnten, erfahren Sie dann im nächsten Rundbrief.




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