Der Blick eines Freiwilligen auf Deutschland

Einen Blick zurück auf das Jahr 1997 in einem Friedensprojekt in Nordirland und nach vorn auf die weitere Zukunft in Deutschland durch die Brille des Kulturschockes eines frisch nach Deutschland zurückgekehrten Freiwilligen hat für mich in einer sehr intensiven Weise Jens Neumann in seinem letzten Rundbrief gewagt:
"Diese Collage ist vom Auge eines Heimgekehrten gezeichnet, eines Kulturgeschockten, sie ist nicht gerecht, sie ist nicht objektiv, aber sie ist wahr unter diesem besonderen Blickwinkel! ... Kei- ne Freuden schöner Götterfunken berieseln meine Ohren, sondern das lautstarke Gerede, alles in Deutsch - Deut- sche überall! Das Gerede meiner neuen Mitbürger, welches um Themen wie den Elchtest (was ist das nur?), das Tamagotschie (wie immer das auch geschrieben wird) und die Bundesliga kreisen - und alles, als ginge es um ihr Leben - dem es schon langsam an den Kragen geht bei den vielen Sozialstreichungen, welches den wilden Argumentationen der Mitbürger zufolge diese ganz schön schwer belasten muß!

...Ich kann das alles nicht mehr hören, geschweige denn verstehen, denn in meinem Ohr liegen noch die Klagen über Bomben und Tod! Verbrannte Busse vom zweiten Advent in Derry flammen noch wild und in ihrem verheerenden Farbspiel vor meinen Augen...


nach oben Volle Parkplätze - leere Autos; dreispurige Autobahnen und Bahnhöfe mit Gleisen, soweit das Auge sieht - auf Parkbänken wird nicht geparkt, sondern “getankt”, auf den Bahnhöfen sammeln sich die Ausgegrenzten und beschleunigen durch “Einspritzung” (das war keine lustige Erfahrung) ihren Lebenstakt, ihren Untergang! Andere junge Menschen sind gekleidet, als gehörten sie einem neuen goldenen Zeitalter an, voller Design, Stil und parfümiertem Selbstbewußtsein - was in den engen Räumen des Arbeitsamtes mir die Sprache verschlägt! ...Hinein in die Unbeschwertheit deutschen Lebens: schön friedlich, sorgenlos, unbedrückt, paradiesisch, Kinderüberraschung, Winterschlußver- kauf, Hans Meisers Tagesthema: “Ich bin ein Sex-Gott!”...

Wir hier sind anders, denken anders, handeln anders und das ist oft erschreckend, denn viele Vorurteile von Menschen anderer Kulturen über Deutsche bestätigen sich. Wir leben sehr gut hier, sehr sehr gut, dies möchte ich noch einmal unterstreichen, aber unser Reichtum ist nicht nur Ernte des berühmten deutschen Fleißes, sondern auch die der brutalen Ausbeutung unterentwickelter Länder - und davor schließen wir zu oft die Augen, denn nur sehr wenige sind bereit, auf etwas zu verzichten. Wir sind reich und wir haben Frieden, doch von der Weisheit letzten Schlusses sind wir noch weit entfernt! Bitte bleibt weiter so engagiert - einfach Menschen mit Herz und Rückgrat, denn das ist ja letztendlich doch alles, was uns am Ende bleibt - In Gedanken bei Euch - Jens Neumann”.

Ich bin solchen Rundbriefen sehr dankbar, denn sie fordern uns auf, über uns, unsere Gesellschaft und unsere Art zu leben immer wieder nachzudenken und zu hinterfragen. Es wird deutlich, wie ein Freiwilligendienst mit EIRENE die Menschen verändern kann und ich denke, sehr zum positiven. Mit diesen Menschen verändert sich auch unsere Gesellschaft, unsere Zukunft, und so hoffe ich, daß unser Wunsch von einer gerechteren Welt auch einmal Wirklichkeit werden kann.

Ralf Ziegler
Nordprogrammreferent



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