Die Armen auch in Zukunft stärken

Wenngleich es im Jubiläumsjahr 1997 für EIRENE allen Grund zur Freude und zum Feiern gab, so ließ sich dies im Hinblick auf die Situation in unseren Gastländern nicht in gleichem Maße sagen.

Die Lage hat sich gerade in Nicaragua für große Teile der Bevölkerung weiter verschlechtert, da es bislang nicht gelungen ist, den Trend zur Verarmung umzukehren. So wird allgemein davon ausgegangen, daß die 1993 von der Weltbank genannten Statistiken, nach denen über 50 % der Menschen in Armut und fast 20 % in extremer Armut leben, heute noch ungünstiger ausfallen.

Daß die Frauen dabei überproportional betroffen sind, überrascht wenig angesichts der Tatsache, daß über 40% aller Haushaltsvorstände weiblich sind. Frauen haben sich aber nicht nur mit den Begleitumständen von Armut auseinanderzusetzen, sie sind oft auch mit der Gewalttätigkeit ihrer Männer konfrontiert, über deren Ausmaß allerdings bislang kaum verläßliche Angaben existieren.

Es herrscht Unfrieden zwischen den Geschlechtern und dies muß in den Projekten, in denen wir mitarbeiten, konzeptionell auch reflektiert werden. EIRENE hat seit mehreren Jahren kon sequent Ansätze verfolgt, in denen Frauen sich über ihre Gewalterfahrungen austauschen und Strategien zur Abwehr von Gewalt entwickeln konnten.  

nach oben EIRENE ist darum bemüht, die Geschlechterproblematik als Querschnittaufgabe zu sehen. Das heißt, Projekte werden nur dann unterstützt, wenn sie keine negativen Auswirkungen auf die Situation von Frauen haben. In jedem Fall aber ist zu gewährleisten, daß die Projektauswirkungen geschlechtsspezifisch analysiert werden und ein möglichst hoher Nutzen für Frauen erzielt wird.

Die angestrebte nochmalige Förderung unseres Projektpartners CIPRES und des Projektes "Bauern lernen von Bauern" in der Region Río San Juan ist in diesem Sinne zu sehen, denn es geht in dieser letzten Phase des Projektes darum, die Beteiligung von Frauen an den entwicklungsrelevanten Strukturen in der Region abzusichern und ihre Situation durch einkommensschaffende Maßnahmen zu verbessern. Bis zum Jahre 2001 sollen diese Strukturen gefestigt sein, um anschließend eigenständig weiterfunktionieren zu können.

EIRENE tut sicherlich gut daran, frauenspezifische Ansätze in den kommenden Jahren gezielter zu verfolgen und sich thematisch auch vor Neuland nicht zu scheuen. Konzeptionelles Neuland hat EIRENE auch in der Zusammenarbeit mit der Vereinigung ehemaliger Kriegsgegner, CODEPARD, betreten, wobei unser Engagement auf Grund der Zerstrittenheit zwischen den VertreterInnen der einzelnen Gruppen vorerst beendet erscheint. Dabei hatte gerade dieses Projekt für EIRENE als Entwicklungs- und Friedensdienst eine Herausforderung dargestellt, auf die wir uns gerne eingelassen hätten. Ich bin mir auch sicher, daß EIRENE an einem solchen Vorhaben das eigene Profil besonders hätte deutlich machen können. Die mittelamerikanischen Länder leben nicht mehr im Krieg, haben bislang allerdings auch noch keinen Frieden herstellen können. Denn wahrer Frieden gründet auf sozialer Gerechtigkeit. Die Aufgabe von EIRENE ist es meines Erachtens, hier einen, wenn auch bescheidenen, Beitrag zu leisten. Versöhnungsprozesse unterstützen zu wollen bedeutet allerdings nicht unmittelbar die Teilnahme an Befriedungsmaßnahmen.

EIRENE ist in diesem Sinne auch keine neutrale oder gar vermittelnde Instanz, denn die Solidarität von EIRENE gilt zuerst den Entrechteten und Armen und all denjenigen, die bislang keine Möglichkeiten hatten, sich zu artikulieren. Ihrer Stimme Kraft zu verleihen, dafür zu sorgen, daß sie vor Ort wie auch hier bei uns nicht ungehört bleibt, dies ist und bleibt in der Essenz unsere Aufgabe.

Martina Richard
Lateinamerikareferentin  



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