Aus der Geschichte heraus den Blick in die Zukunft richten
Einleitung zum Geschäftsbeicht 1997/98

"Das gute Neue ist niemals so ganz neu. ... Utopisch Gewolltes leitete sämtliche Freiheitsbewegungen, und auch alle Christen kennen es in ihrer Art, mit schlafendem Gewissen oder mit Betroffenheit, aus den Exodus oder messianischen Partien der Bibel."
So schreibt Ernst Bloch in "Das Prinzip Hoffnung". Der Blick in die Geschichte gibt auch den Blick frei auf die Zukunft. In diesem Sinne haben wir uns bei EIRENE im vergangenen Jahr mit unserer 40-jährigen Geschichte beschäftigt und uns aufs Neue unserer Aufgabe vergewissert.


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40-JAHRE ENGAGEMENT FÜR GEWALTFREIHEIT UND ENTWICKLUNG

Mit diesen beiden Stichworten sind auch wesentliche Teile des Programms von EIRENE in Vergangenheit und Gegenwart umrissen. Es gibt eine Kontinuität, die durch aktuelle Entwicklungen noch einmal bestätigt worden ist. Unsere Veranstaltungen waren deshalb nicht in erster Linie Rückschau, sondern wir haben damit einen Beitrag zur Bearbeitung von Problemen geliefert, die auch für die Zukunft noch weiter anstehen werden. Dabei sind besonders hervorzuheben:
  • Die Jubiläumsveranstaltung mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf am 18.2., bei der der Generalsekretär, Konrad Raiser, mit Blick auf aktuelle Konflikte eine Neubestimmung des Verhältnisses von Gerechtigkeit und Frieden forderte: "Es sind Situationen, in denen die Bereitschaft, Frieden zu stiften, die Bereitschaft, Akte der Versöhnung zu leisten, die Voraussetzung dafür ist, daß überhaupt Gerechtigkeit geschaffen werden kann. Jedenfalls: eine einlinige kausale Abhängigkeit des Friedens von der Erfüllung der Voraussetzung von Gerechtigkeit führt uns in eine absolute Sackgasse."
  • In dem von uns herausgegebenen Sammelband "Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat - Friedensfachdienste für den Norden und den Süden" sind einerseits Erfahrungen von EIRENE aus diesem Arbeitsfeld, das in den letzten Jahren erst neu in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden ist, dokumentiert. Andererseits wird auch verdeutlicht, daß Frieden und Entwicklung nur unterschiedliche Zugänge zum gleichen Arbeitsfeld sind. Die Entwicklungsarbeit muß sich dieser Herausforderung wieder neu stellen und entsprechende Instrumente und Methoden erarbeiten. Aktive Gewaltfreiheit ist allerdings mehr als eine Methode. Wenn die Bemühungen nicht durch die Lebenspraxis gedeckt sind, werden sie langfristig immer ins Leere laufen.
  • Vom 5.-7. November führten wir mit der Akademie Klausenhof und mit Unterstützung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der Ev. Kirche eine Fachtagung zu diesem Thema durch, um den Dialog mit und zwischen VertreterInnen unser Partner in Nord und Süd fortzusetzen. In diesem Austausch Süd-Süd, Süd-Nord und Nord-Nord lag der besondere Wert der Veranstaltung. Es wurde diskutiert, in welcher Weise Gewalt in den unterschiedlichen Projekten erlebt wurde. Ebenso wurden Fragen des methodischen Vorgehens erörtert, wenn es um die Überwindung von Gewalt geht. Dabei relativierte die Erfahrung, daß andere auf dem gleichen Weg sind, die eigenen Probleme.
    Den TeilnehmerInnen wurde deutlich, daß Entwicklungsprobleme nicht nur im Süden existieren. Auch in den Industrieländern werden täglich politische Entscheidungen zu Fragen der industriellen und sozialen Entwicklung hier im Norden gefällt, die am status quo rütteln. Und damit sind Konflikte unausweichlich. Auch in Europa werden in zunehmendem Maße diese Konflikte wieder gewaltsam gelöst. Die wirtschaftliche Polarisierung, die Auflösung sozialer Verbände und die ethischen Orientierungsschwierigkeiten führen zu einem beängstigenden Gewaltpotential auch in den hochentwickelten Industriegesellschaften. Die Tagung war ein Beitrag zum Programm "Gewalt überwinden" des ÖRK. Mit dieser Inititative wollen die Kirchen ein Zeichen setzen, das dem immer noch legitimierten Einsatz von Gewalt auf der Welt den Boden entziehen und einen Beitrag zu einem dauerhaften, auf Gerechtigkeit gründen - den Frieden leisten soll. Eine besondere Kampagne "Friede für die Stadt" konzentriert sich auf sieben über die Welt verteilte Städte (Rio de Janeiro, Belfast, Boston, Colombo, Kingston, Suva, Durban), in denen originelle Ansätze zur Versöhnung zwischen Gemeinschaften, die durch Gewalt in Konflikte hineingezogen wurden, gefördert werden sollen. In zwei dieser Städte sind auch Freiwillige von EIRENE tätig. Die TeilnehmerInnen an der Tagung verabredeten, ihre Aktivitäten im Rahmen dieses Programms zu koordinieren und aufeinander abzustimmen.  



ENTWICKLUNGSARBEIT IN OST UND SÜD

Ein in Jajce/Bosnien-Herzegowina geplantes Wiederaufbau- und Entwicklungsprojekt ließ sich nicht realisieren. Einerseits blieben die Bemühungen, das Projekt in Jajce zu finanzieren, auf allen Ebenen erfolglos; dies obwohl eigentlich genügend Mittel hätten zur Verfügung stehen sollen. Es wurde allerdings durch Entwicklungen in Jajce auch immer fraglicher, ob dieses Projekt überhaupt ein Erfolg werden könnte. Die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung durch eine der Konfliktparteien, in diesem Fall die bosnisch-kroatische Administration, war außerordentlich groß. Es erschien deshalb nicht sinnvoll, die Bemühungen fortzusetzen. Die Kooperation mit Schüler helfen leben ist allerdings fortgesetzt worden.

ENTWICKLUNGSARBEIT IM TSCHAD

Im Tschad hat EIRENE seine Kooperation mit den Regionalverbänden der Behindertenorganisation AEHPT fortgesetzt. Ziel ist der Aufbau eines orthopädischen Zentrums in Bedaya und die Stärkung der lokalen Verbände. Da es sich bei diesen um relativ schwache Organisationen handelt, werden sie nicht direkt mit der Verantwortung der Projektdurchführung belastet. Projektpartner ist die für Nicht-Regierungsorganisationen zuständige Abteilung im Planungsministerium. Dadurch erhoffen wir uns eine schonende, an die Kapazitäten der lokalen Verbände angepaßte Förderung.

Aus dem ländlichen Entwicklungsprojekt in Bedogo wurden die EntwicklungshelferInnen von EIRENE abgezogen. Die weitere Begleitung und Beratung der lokalen Bauernorganisation CODEB, unserem Partner, übernimmt die tschadische Organisation ASSAILD, mit der EIRENE schon früher kooperiert hatte. Die Sicherheitslage hat sich erneut zugespitzt. Im Süden des Landes überfielen im Oktober Regierungstruppen ehemalige Rebellen der FARF in Moundou sowie mutmaßliche Sympathisanten. Sie machten damit das im April 1997 geschlossene Friedensabkommen zwischen der Regierung und den Rebellen endgültig gegenstandslos. Bei den Angriffen wurden 80-100 Menschen getötet.
Auch das Haus des Vorsitzenden der EIRENE-Partnerorganisation ATNV (Association Tchadienne pour la Non-violence), Julien Beassemda, in Moundou wurde überfallen und geplündert. Er hatte wesentlich zum Zustandekommen des Friedensabkommens beigetragen. Mit der Aktion der Regierung wurde die Region erneut destabilisiert. Auch die Arbeit und persönliche Integrität der Vermittler sind damit bei der Bevölkerung nachhaltig diskreditiert. Julien Beassemda vermutet darüber hinaus Zusammenhänge hinsichtlich seines Engagements zu der geplanten Ölförderung im Süden des Tschad durch ein Konsortium aus ESSO, Elf und Shell.
EIRENE unterstützt die tschadischen Organisationen ihrem Bemühen, die Einhaltung von bei ökologischen Mindeststandards und die wirksame Einbeziehung der Bevölkerung in die Planung sowie Entscheidungen über die Verwendung der Einkünfte aus der Ölförderung zu erreichen.  

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UNSERE ZUSAMMENARBEITMIT DEM NIGER

Das politische Leben im Niger hat sich im letzten Jahr kaum entspannt. Es kommt immer wieder zu Zusammenstößen zwischen der Regierung und oppositionellen Gruppen, teiweise sogar zu Meutereien der Militärs, um ihren Sold einzufordern. Die Entwicklungsprojekte von EIRENE in Agadez und Faray wurden trotz der Unsicherheiten fortgesetzt. Hauptaufgabe im PAAP-Projekt in der Region Agadaz ist die Übergabe des Projektes an eine noch zu gründende nigrische Organisation. Kurzfristig wird im Rahmen von Nothilfemaßnahmen noch ein Projekt erarbeitet, um den zerbrechlichen Frieden in der Region des Aïr zu unterstützen. Bestandteil dieses Projektes werden auch Maßnahmen zur Bearbeitung von Konflikten sein, vor allem Trainings in aktiver Gewaltfreiheit. Trotz der schwierigen Begleitumstände verläuft die Arbeit im Projekt Kookari iri bon se (nach dem Konzept der selbstgetragenen Entwicklung - Autopromotion) im Süden des Niger (Faray/Dosso) programmgemäß.  



GROSSE VERÄNDERUNGEN IN NICARAGUA


Nach den Wahlen im Oktober 1996 in Nicaragua wurden umgehend personelle Veränderungen in allen Etagen der Verwaltungen vorgenommen, wie sie seit dem Ende der Somoza Diktatur nicht zu verzeichnen waren. Dies führte dazu, daß die Partnerorganisationen keine kon- tinuierlichen Ansprechpartner in den Ministerien vorfanden, mit denen sie die vor den Wahlen begonnenen Gespräche und Verhandlungen hätten fortsetzen können. Auswirkungen dieser Situation gab es vor allem in bezug auf das CAPRI-Projekt an der Atlantikküste. Ein bereits durch das Agrarreforminstitut INRA zugesagter Besitztitel für die in der Projektregion Ipri Tingni lebenden UmsiedlerInnen wurde nicht erteilt und damit die Fortführung des Projektes unmöglich gemacht.
Neue Gesetze werden die Arbeit der einheimischen und der internationalen NGO's entscheidend beeinflussen. Ein Gesetz zur Steuerbegünstigung international operierender NGO's (so auch EIRENE) wurde abgeschafft. Die nun zu zahlende Mehrwertsteuer dürfte zu einer Verteuerung der Projekte insgesamt führen, da die Anschaffungskosten gerade bei Investitionen ansteigen werden.
Zum anderen wurde eine Gesetzesvorlage vorbereitet, um die Finanzsituation und die internationalen Verbindungen der einheimischen NGO's kontrollieren zu können. So sollen die NGO's nur dann mit internationalen NGO's kooperieren, wenn das nicaraguanische Kooperationsministerium dem Vorhaben zustimmt. Sollte dieses Gesetz verabschiedet werden, hieße dies, daß eine unabhängige Partnerwahl nicht mehr möglich wäre.
Im Zuge der Kampagne "Saubere Kleidung" unterstützte EIRENE einen offenen Brief der Frauenverbände, die für gerechtere Arbeitsbedingungen in den taiwanesischen Fabriken der nicaraguanischen Freihandelszone eintraten.  

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NORDPROGRAMM - EIN LÜCKENFÜLLER MIT PROFIL

Das Nordprogramm befindet sich weiterhin auf Expansionskurs. Es sind dabei derzeit in Deutschland einige wichtige Entwicklungen zu beobachten: Unter dem Stichwort Ehrenamtlichkeit ist die Freiwilligkeit von Sozialwissenschaft und Politik neu entdeckt worden. Es ist vermutlich nicht ganz falsch, wenn die Gründe für dieses Interesse vor allem im veränderten Verständnis der Rolle des Staates und damit auch in der Finanzkrise der öffentlichen Haushalte gesucht werden. Damit soll freiwillige Arbeit zum Lückenbüßer für fehlende staatliche Sozialpolitik gemacht werden. In einem positiven Sinne füllt der freiwillige Dienst tatsächlich eine Lücke, die sich oft für junge Menschen nach der Schule oder Lehre auftut. Er wird damit zu einem wesentlichen Bestandteil der Sozialisation. Er ermöglicht es, über den Tellerrand der bisherigen Erfahrungen hinauszuschauen, die Lebensbedingungen von Menschen in anderen Kulturen und anderen sozialen Verhältnissen kennenzulernen. Die eigenen Fähigkeiten werden in den Dienst anderer gestellt. Dadurch erleben Freiwillige die Befriedigung, die aus dem Engagement für andere erwächst. Bei EIRENE ist im freiwilligen Dienst schon immer diese positive Funktion betont worden. Das Nordprogramm ist in den letzten Jahren kontinuierlich ausgeweitet worden. Mit jetzt 50 ist die Zahl der Einsatzplätze für Freiwillige in Europa und Nordamerika in den letzten drei Jahren nahezu verdoppelt worden. Dies war nur möglich aufgrund großer Anstrengungen in der Geschäftsstelle und mithilfe der finanziellen Beiträge der Unterstützungskreise, die von den Freiwilligen aufgebaut worden sind. Ein Wegfall der Wehrpflicht, für den EIRENE sich nachdrücklich einsetzt, würde zwar die Struktur des Nordprogramms wesentlich ändern, denn überwiegend sind die Freiwilligen zivildienstpflichtig. Wir erhoffen uns aber dann eine stärkere öffentliche Förderung des freiwilligen Dienstes auch im Ausland, so daß das Programm eher noch ausgeweitet werden sollte. Die Verabschiedung eines von EIRENE bereits seit langem geforderten Freiwilligengesetzes wäre dann unumgänglich.  



DIE FINANZEN 1997

Der Jahresabschluß 1997 zeichnet ein überwiegend freundliches Bild. Insbesondere das Ergebnis bei den privaten Spenden, die sich auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr bewegten, hat es uns ermöglicht, die Arbeit ohne größere Einbrüche fortzuführen. Der Kirchliche Entwicklungsdienst der Ev. Kirche in Deutschland hat EIRENE trotz massiver eigener Finanzprobleme weiterhin unterstüzt und wir hoffen darauf auch in Zukunft. Der ausgeglichene Abschluß war allerdings - und das muß deutlich gesagt werden - nur möglich durch intensive Sparmaßnahmen und damit verbundene Belastungen in der Geschäftsstelle.
Auch 1997 erhielten wir wieder das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen, mit dem uns die korrekte Durchführung unserer Arbeit bescheinigt wird.

Allen MitarbeiterInnen, den Hauptund Ehrenamtlichen, und allen UnterstützerInnen von EIRENE möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich dafür danken, daß Sie unsere Arbeit im Jahr 1997 wieder möglich gemacht haben.

Eckehard Fricke
(Geschäftsführer)  



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