Projekt mit Körperbehinderten im Tschad:
Über Höhen und Tiefen

In ihrem letzten Rundbrief ziehen Hanneke und Henk van Apeldoorn, niederländische Entwicklungshelfer von EIRENE im Tschad seit 1996, ein Resümee ihrer Arbeit im Projekt AEHPT, dem Verband körperbehinderter Menschen im Tschad.

verhoeven.jpg - 4194 Bytes Henk und Hanneke wurden Ende Januar von Straßenräubern überfallen, eine Kopfverletztung von Hanneke machte eine frühzeitige Rückkehr nach Holland notwendig. Ende März wollen sie ihre Arbeit abschließen und endgültig nach Europa zurückkehren.

Seit 3 Jahren leben wir im Tschad. Wir arbeiten mit körperbehinderten Mitgliedern des Verbandes AEHPT (Association d'entre-aide des handicapés physiques). In den letzten Jahren sind etwa 30 Vereine dazugekommen, so daß es jetzt insgesamt 60 Vereine im Land verteilt gibt. Zu unseren Aufgaben gehörte auch, den Initiator des Rehabilitationszentrums "Admido" in Bedaya (wo wir auch wohnen) beim Aufbau des Zentrums konzeptionell und praktisch zu unterstützen und den Verband in weiteren Aktivitäten zu beraten (rentable Projekte und Prävention von Behinderungen).

1996 trafen wir einen erkrankten Verband AEHPT in NŽDjamena an, erkrankt durch zuviel Geld und Macht. Der AEHPT war "Mutterverein" von 30 "Tochtervereinen" in verschiedenen Regionen. Eine hierarchische Struktur mit entsprechenden Nachteilen, in der Wenige im Namen Vieler profitierten. So mußten z.B. alle Aktivitäten und die gesamte Korrespondenz über NŽDjamena laufen und der größte Teil des Geldes blieb dabei in der Hauptstadt hängen. Unsere Aufgabe war es, die Vereine im Süden des Tschad zu unterstützen (etwa 20 zu der Zeit).

Unabhängigkeit (Autonomie) war das Rezept. Im Februar 1997 organisierten wir eine Jahresversammlung für alle lokalen Vereine. Dort entschieden sie, daß sie nicht mehr in den hierarchischen Strukturen weiterarbeiten wollten, sondern als "gleichberechtigt" angesehen werden wollten. Ab diesem Zeitpunkt hatte ein Behindertenverein in einem kleinen Dorf die gleichen Rechte und Einflüsse wie der Verein in der Hauptstadt. Die neue Struktur, mit der die Vereine unterstützt werden sollten, erhielt den Namen SAPH (Service Appui aux Personnes Handicapées). Dabei handelt es sich um ein kleines Team, das in direktem Kontakt mit den lokalen Behindertenvereinen steht.

nach oben Neue Bedürfnisse

Besuche vor Ort und verschiedene Kurse brachten die Vertreter von verschiedenen Vereinen zusammen. Dabei stellte sich heraus, daß es viele gemeinsame Probleme gab. An erster Stelle stand das Problem mangelnder Mobilität der Mitglieder (denn das ist der erste Unterschied zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten). Weitere Themen waren die Vertretung der Rechte von Behinderten, Prävention von Behinderung, Konfliktbewältigung, Buchführung, Projektorganisation, Formulierung von Projektanträgen.

Im Mai 1997 wurde während eines Frauenkurses das Interesse an "bien-être familial" deutlich. Es ist ein Sammelbegriff für Kenntnisse über den eigenen Körper, Verhütung, Schwangerschaftskontrolle, Prävention von Geschlechtskrankheiten, AIDS und die Aufklärung der Jugendlichen auf diesen Gebieten. Zu unserer Überraschung haben sich auch männliche Mitglieder der Vereine sehr für die Themen interessiert. Seit 1997 ist "bien-être familial" ein fester Bestandteil aller Kurse.

Neue Planung

Mittlerweile versuchten wir mit dem SAPH-Team neue Pläne zu entwickeln, die sich stärker an den spezifischen Bedürfnissen der einzelnen lokalen Vereine ausrichteten. Auf der folgenden Jahresversammlung (Februar 1998) präsentierten wir die Pläne der SAPH. Die Pläne wurden in Programme verarbeitet. Von nun an sollten aktive und zahlende Mitglieder profitieren. Die Mobilität wurde durch vermehrte Anzahl und leichteren Zugriff auf Dreiräder (Rollstühle) und kostenfreien Tranport zum Rehabilitationszentrum erhöht.

pan20.jpg - 13731 Bytes Die Unterstützung der Mitglieder untereinander nahm in der Beratungsarbeit viel Platz ein. Mit diesen Themen sind die SAPH-Animateure die meiste Zeit beschäftigt. Versammlungen (Treffen) führten zu konkreten Aktivitäten und wurden interessanter, die finanzielle Unterstützung für die Vereine im Zuge des Projektes wurde angehoben, war aber gleichzeitig weniger wichtig geworden, weil mehr Geld durch mehr Mitgliederbeiträge vorhanden war. Geld in der Vereinskasse wurde selbstverdientes Geld. Durch Speicherung von Getreide, Erdnüssen und anderen Nahrungsmitteln sowie dessen Verkauf fiel manchmal der Gewinn doppelt so hoch aus wie die Investitionskosten aus.

Ein zusätzlicher Vorteil war und ist, daß ein Verein die Vorräte in Zeiten der Not an die Mitglieder des Vereins billiger abgeben kann. Auch bei Krankheit und bei Beerdigungen (die hier ein große Rolle spielen) können Mitglieder vom Verein finanzielle Unterstützung bekommen. Ein Verein kann auch auf eigenes Risiko einen Kredit vergeben. Braucht der Verein neue Gebäude, werden von Mitgliedern selbst die Steine hergestellt.

nach oben Die schönsten Momente

Die Methode, die wir in den verschiedenen Kursangeboten anwendeten, heißt "Training for Transformation", eine sogenannte partizipative Methode. Sie ist im englisch-sprachigen Afrika entwickelt worden. Wir haben nach dieser Methode schon in Rumänien, Albanien und nach dem Völkermord auch in Ruanda gearbeitet. Die Methode bildet Erwachsene aus, wobei mit den Problemen und Bedürfnissen der betreffenden Menschen begonnen wird. Was wissen wir schon davon, was es bedeutet, in einem Land wie dem Tschad behindert zu sein!? Die Behinderten selbst sind in diesem Punkt die Experten. Wir arbeiten mit einer Methode, die Menschen mündig macht, Männer oder Frauen, jung oder alt, Alphabet oder Analphabet, behindert oder nicht...! Wir spüren mit den Menschen gemeinsam die Probleme auf, die sie betreffen, die sie ärgerlich oder emotional werden lassen und denen sie machtlos gegenüberstehen.

Diese Gefühle sind meistens der Motor, um aktiv zu werden. Die Problemsituationen werden mit Rollenspielen, Übungen, Malen, Geschichten nachinszeniert. Danach setzen sich die Menschen in Kleingruppen zusammen, um an Hand von Fragen die Probleme zu diskutieren. Diese Methode hilft den Menschen, ihr eigenes Problem zu analysieren, eine Vision zu entwickeln, um dann Schritt für Schritt zu einem realisierbaren Plan zu kommen. Jedesmal, wenn man in den Augen der Kursteilnehmer ein zweifelndes Lichtlein sieht, wenn man wahrnimmt, wie sie nachdenken, oder hört, wenn sie manchmal aussprechen: "Sie meinen, daß sich wirklich was ändern kann? Und daß ich darin ein Rolle spielen kann?": Das sind die schönsten Momente der Arbeit.

Im Dezember 1998 gab es noch einen Höhepunkt. Hannekes Kolleginnen organisierten völlig eigenständig ein Frauenseminar für analphabetische Frauen. Sie waren erfolgreich, obwohl es äußerst schwierig ist, mit Analphabetinnen zu arbeiten. Dieses erfolgreiche Ereignis bietet einen guten Boden und macht Mut für die zukünftige Weiterarbeit.

Leider wurde dieser Erfolg am 21.12.1998 durch ein tragisches Ereignis getrübt. Zeneba, eine der beiden Animatrices, Vorreiterin und enorm wichtige Person für die behinderten Frauen im Norden des Tschad, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
ADMIDO

Das Mini-Rehabilitationszentrum existiert jetzt ein Jahr. Im letzten Jahr wurden monatlich etwa 10 Kinder behandelt. Manchmal bleiben sie kurz, manchmal 3 - 4 Monate. In der näheren Umgebung wurden ungefähr 600 behinderte Kinder gefunden. Leider ist die Situation oft so, daß die Eltern zuviel Arbeit in der Landwirtschaft haben, sie zu wenig Geld haben (sie müssen sich im Zentrum selbst verköstigen), sie die Situation nicht verändern wollen oder zu einem traditionellen Heiler gehen. Wenn man ein Kind sieht, das anfangs nur auf Händen und Füßen gehen konnte und nach ein paar Monaten im Rehabilitationszentrum - manchmal nach einer Operation - stolz und aufrecht, wenn auch auf Krücken, gehen kann, dann ist das ein wunderbares Geschenk für die Arbeit, die wir hier tun.

Die meisten Behinderungen sind durch Polio (Kinderlähmung) enstanden. Nur 11 % der Kinder im Tschad sind geimpft (Einschätzung der WHO). Der Tschad ist so groß, das selbst die teuerste Impfkampagne nicht alle Kinder erreicht. Durch einen Mangel an Verkehrsmitteln für die Impfteams müssen die Mütter oft mit zwei oder drei Kindern unter 6 Jahren einige Stunden zur nächsten Impfstation gehen. Das verhindert häufig die Impfungen. Diese Impfstationen gibt es nur in der Zeit, in der die Kampagne läuft. Für die reguläre Impfung müssen sie noch viel längere Strecken zurücklegen. Diese Woche läuft die dritte Kampagne, seit wir im Tschad sind.

nach oben Was ist unser Beitrag zur Problemlösung?

tafel.gif - 17404 BytesDie Menschen kennen Polio nicht und wissen nicht, daß es eine Krankheit ist, der man vorbeugen kann. Aus diesem Grund haben wir das "Handitheatre" eingeführt. Die Theatergruppe setzt sich zusammen aus Behinderten, die auf Händen und Knien kriechen. Das Stück handelt von einem Kind, das an Polio erkrankt ist. Nach der Vorführung läßt ein Animateur das Publikum selbst Ursachen und Lösungen für dieses Problem finden. Der überzeugendste Moment ist, wenn Ndjintera, der Präsident des Behindertenvereins von Bedaya, sagt: "Wenn sie nicht wollen, daß ihr Kind so wird wie ich". Das Handitheatre zieht mit einem Kuhwagen von Dorf zu Dorf. Sie waren schon in etwa 60 Dörfern.

ADMIDO hilft auch den Impfteams mit einem Auto oder einem Moped, entlegene Dörfer aufzusuchen. Im März 1998 wurde der Initiator von Admido und unser bester Mirarbeiter, Herr Nguem, zum "Chef de Canton" (ein politischer Posten) von Bedaya gewählt. Schlecht für unsere Arbeit, gut für Bedaya. Im Oktober wurde der Rehabilitationsmitarbeiter von ADMIDO versetzt, um an einem anderen Ort als Lehrer zu arbeiten. Das ist ein weiterer Schlag, der unsere Arbeit zurückwirft. Drei Monate später wurde sein Platz durch eine der besten Krankengymnastinnen im Tschad neu besetzt, doch leider konnten wir sie nicht behalten. So steht ADMIDO wieder vor einer neuen Herausforderung. Es zeigt, wie schwierig es im Tschad ist, ohne Hilfe von außen etwas Dauerhaftes aufzubauen.



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