Internationaler Christlicher Friedensdienst

"Dinge, die für uns selbstverständlich sind, weil wir unter glücklicheren Bedingungen aufwachsen durften."

In seinem 2. Rundbrief schreibt Till Sieker über die Ziele seiner Arbeit im Straßenkinderprojekt CPP, sowie über die Weihnachtszeit und brasilianischen Karneval (Till Sieker, April 2008)

April 2007

Zweiter Bericht des Freiwilligen Till Sieker aus dem Strassenkinderprojekt Comunidade dos pequenos profetas - Die Gemeinschaft der kleinen Propheten / CPP- Recife, Brasilien.


Liebe Unterstützer, Familie, Verwandte und Freunde

Seit dem letzten Rundbrief ist schon wieder einige Zeit ins Land gegangen und ich würde Ihnen/euch gerne mitteilen, was ich in der Zwischenzeit erlebt habe.

Von der Vorweihnachtszeit hier in Recife kann man nicht viel bemerken, da bei 30 Grad und geschmück-ten Palmen einfach keine Weihnachtsstimmung aufkommen will ! Die Weihnachtsfeiertage habe ich im Inland verbracht, in der Sertão de Paraíba. Auf diese Art und Weise hatte ich Brasilien bis dahin noch nicht kennen gelernt, noch heißer, noch trockener und nur kleine Dörfer. Doch wenn die Regenzeit einsetzt blüht die dürre Gegend innerhalb von wenigen Tagen auf .

Ich habe in der Zeit bei einem Freund gewohnt, der in der Sertão in einem Projekt mit Landlosen arbeitet. Der Prozess bis die Menschen Land von der Regierung bekommen erstreckt sich über Jahre hinweg. Die Menschen wohnen in kleinen selbstgebauten Hütten am Straßenrand, direkt neben den riesigen Grundstücken der Großgrundbesitzer! Ich habe mit Jan und seinem Chef zwei solcher Siedlungen be-sucht. Die Menschen die dort wohnen , hatten nicht einmal Strom oder fließendes Wasser.

Nach Weihnachten bin ich dann mit dem Bus wieder zurück nach Recife gefahren und habe dort Silvester verbracht. Ich war mit Freunden am Strand. Am Boa Viagem waren Bühnen aufgebaut, wo am Abend verschiedenste Künstler und Gruppen Musik und Shows präsentierten. War ein echt cooler Abend, vor allem der Sonnenaufgang am Meer!!!

Das Projekt CPP hatte die ersten zwei Wochen im Januar nur bis nach dem Mittagessen geöffnet. Danach wurde das Haus geschlossen, da im Januar die Hauptferienzeit ist und viele Mitarbeiter Urlaub haben.

Mit dem neuen Jahr hat es auch eine neue Zusammensetzung des Kurses Obirin´lonan gegeben. Dieser Kurs läuft unabhängig vom normalen Tagesablauf im CPP. 120 Mädchen kommen dann abwechselnd zwei mal die Woche für drei Stunden und belegen verschiedene Kurse .

Fala de meninas> Rede der Mädchen; hier werden mit künstlerischer Hilfe alltägliche Probleme der Mädchen behandelt. In Gesprächen wird über HIV, Geschlechtskrankheiten, Gewalt gegen Frauen und Kultur gesprochen.

Reinventando o brega> Dieser Kurs befasst sich mit der in Brasilien sehr populären Musikrichtung; Brega. Die frauenverachtenden Texte werden von den Mädchen umgeschrieben und auch kritisch analysiert.

Im dritten Teil des Kurses wird künstlerisch gearbeitet .Hier erlernen die Mädchen Techniken und das in fala de menina Besprochene in Kunst um zusetzen.

Kürzlich war ich mit mehreren Kinder u. Jugendlichen wieder auf der Granga (Landwirtschaft). Dort haben wir Gemeinsam Drachen gebastelt. Es ist einfach nur erstaunlich mit welcher Leichtigkeit u. Leidenschaft die Jungen und Mädchen gebastelt haben. Nur ein paar Palmenblätter, ein bisschen Faden und Papier... und fertig war die Kiste.

Mein Drache war nicht ganz so gut. Sagen wir mal so; er flog nicht.

Carnaval no Brasil

In Recife und Umgebung beginnt der Karneval eigentlich schon nach Neujahr, es gibt an jedem Wochen-ende den so genannten Vorkarneval. Der offizielle Karneval beginnt jedoch erst im Februar und dauert vier Tage. An diesen Tagen steht die Stadt kopf !!! An jeder Ecke gibt es Frevo und Maracatu, spezielle Musik und Tänze des Nordosten. Überall gibt es brasilianische Speisen und Getränke zu kaufen. Es feiern Millionen von Menschen in den Straßen von Recife. Der Karneval wird mit dem „Galo da Madrugada“ eröffnet (Der Hahn der Morgendämmerung) Auf einer der vielen Brücken in Recife ist ein riesiger Hahn aufgebaut, ca. 25 Meter hoch. Mit diesem Umzug wird der Karneval feierlich eröffnet, ein riesiges Spektakel.

CPP:

Pädagogischer Betreuung im CPP


Im CPP werden Kinder betreut, die kein Familienleben haben, nur wenige Jahre zur Schule gingen und jetzt auf der Straße leben. Für sie ist Straßenleben ein (falsches) Bild von Freiheit; keine Verpflichtungen in Bezug auf Schule,Familie, Gesellschaft u. keinen geordneten Tagesablauf. Somit sieht in diesen Fällen die pädagogische Betreuung u. Arbeit ganz anders aus.


Die Arbeit im CPP konzentriert sich vornehmlich darauf, den betreuten Kindern und Jugendlichen eine Struktur im Leben zu geben. Darunter fallen feste Zeiten für die Teilnahme an Aktivitäten und für die Mahlzeiten, grundlegende Regeln (Respekt gegenüber dem Nächsten), ruhige Atmosphäre bei den Mahlzeiten, keine Gewalt.

Für uns Europäer u. Besucher im CPP, mag sich das nicht wie Erziehung anmuten, viele Dinge sind hier aber eben anders als in Deutschland. Grundanforderungen oder Selbstverständlichkeiten müssen hier erst noch erlernt werden

Doch unsere Vorstellungen muss man hier zurückstellen, will man mit den Kindern von der Straße arbei-ten u. sie auch verstehen.


Mahlzeiten


Bei den Mahlzeiten kommt stets ein wilder Haufen Kinder und Jugendlicher zusammen. Sich in einer Gruppe zusammenzufinden und auch hierbei den Nächsten zu respektieren, sind keine Selbstverständ-lichkeiten. So wird erst mit der Mahlzeit begonnen, wenn insgesamt Ruhe eingetreten ist.


Es geht darum, dass die Kinder lernen den Nächsten zu achten, nicht lauthals herumzuschreien, still zu sitzen, nicht während der Essensausgabe herumzurennen, pünktlich in den Speisesaal zugehen, einfach gesagt eine gewisse Ordnung einzuhalten.


Dieses ebenso nach dem Essen, solange die Anderen noch nicht fertig sind. Es wird niemand hungrig die Einrichtung verlassen müssen und das wissen alle. Doch bei der Essensausgabe will jeder der Erste sein, Geduld muß man lernen. Es sind simple Dinge die notwendig sind zu lernen.


Vor jeder Mahlzeit wird in CPP gebetet. Es ist eine brasilianische Sitte vor dem Essen zu beten, muß aber auch gelernt werden. Man könnte anhand mehrerer weiterer Beispiele die pädagogische Betreuung im CPP herausstellen. Doch ich hoffe, dass diese Beispiele erkennbar machen, dass man mit anderen Erwartungen an die Erziehung der Kinder und Jugendlichen von der Straße herangehen muss.


Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass das, was den Alltag der Kinder lange Zeit bestimmt hat und auch weiterhin bestimmen wird, nicht der Erfolg ist, sondern der Überlebensdrang und Überlebens-kampf .

Die Kinder erlernen in jungen Jahren schon einiges, um in dieser brutalen Welt zu überleben. Um ein lebenswertes Dasein aufbauen zu können, müssen zuvor auch sehr viele einfache Dinge erlernt werden.


Dinge die für uns selbstverständlich sind, weil wir unter glücklicheren Bedingungen aufwachsen durften.


Aufenthalt in Deutschland:

Da mir die Visumbeantragung durch das brasilianische Generalkonsulat in Frankfurt schwer und fast un-möglich gemacht wurde, musste ich Ende Februar für zwei Wochen nach Deutschland zurückreisen. Während dieser Zeit konnte ich die Familie, Freunde und Bekannte wieder sehen und über meine Arbeit in Brasilien berichten. Zusätzlich ermöglichte Der EINE WELTKREIS Mettingen und die RONCALLI REALSCHULE Ibbenbüren , durch Spenden die anstehende Fertigstellung der Küche im Projekt CPP !!

Im Namen des Projektes sowie der Kinder u. Jugendlichen möchte ich mich abschließend herzlich bei Allen bedanken.

Lieben Gruß

Till