|
Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.
"Wenn mich einer vor meiner Dienstzeit gefragt hat, was ich den machen würde, so kann ich ihm jetzt sagen, ich mache so gut wie alles...die Arbeit eines Friedensdienstlers ist sehr vielseitig unf abwechslungsreich"
In seinem 2. Rundbrief berichtet Raphael neues über seine Arbeit, wie zum Beispiel dem Deutschkurs, der gerade am Anlaufen ist (Raphael Kreysing, Mai 2008).
Rundbrief Nr. 2 Crato, im April 2008
Liebe Unterstützer, liebe Entsender, liebe Freunde, liebe Bekannte und auch meine liebe Familie...
Hier nun mein 2ter Rundbrief zu meinem Friedensdienst in Brasilien. Zwischen meinem erstem Rundbrief und dem jetzigen sind nun 4 Monate vergangen und ich fand es an der Zeit euch mitzuteilen, was so alles passiert ist, sich verändert hat und was ich so alles erlebt habe. Wenn mich einer vor meiner Dienstantrittszeit gefragt hat, was ich denn machen würde, was meine Aufgaben wären, so kann ich ihm jetzt sagen, ich mache so gut wie alles, ich bin Betreuer, Maurer, Koordinator, Dachdecker, Kaufmann, Bauingenieur, Klempner, Ansprechpartner und vieles mehr. Die Arbeit eines Friedenstdienstler ist sehr vielseitig und abwechslungsreich.
Einschulungstage
Zwischen Februar und März fanden Einschulungstage statt, an diesen Tagen konnten die Mütter morgens ihre Kinder zum Kindergarten oder ihre älteren Kinder zu Kursen anmelden. Die Anmeldung verlief so, dass für jedes neue Kind eine Akte angelegt wurde mit Namen der Eltern, Adresse und persönlichen Besonderheiten wie z.B. Ängste und Krankheiten usw. Für die nicht neuen Kinder wurde deren Akte nur vervollständigt, sollte was neues hinzugekommen sein.
Die erste Woche/meine Arbeit im Projekt
Socorro sagte mir schon im Voraus, dass die erste Woche die schwierigste sein würde, da viele Kinder zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum alleine von zu Hause weg sein würden. Meine Aufgabe in dieser Woche war es, mich mit den ganz ''schwierigen'' Kindern zu beschäftigen. Ich habe diese Kinder dann an die Hand genommen und bin mit ihnen in unseren Spielpark um sie mit Wippen und Rutschen abzulenken, leider hat das nur bei ganz wenigen Kindern funktioniert, die meisten waren so verzweifelt, verwirrt und verängstigt, dass plötzlich die Mutter nicht mehr da ist, so dass sie nur weinten und nach Hause wollten. Durch diese erste Woche habe ich zu einigen Kindern eine gute Vertrauensbasis aufbauen können, die auch noch bis heute besteht, jedes Mal wenn sie mich sehen gibt es erstmal ein großes Hallo mit vielen Umarmungen. Auch sonst, wenn ein Kind mal weinen sollte, bin ich manchmal der erste Ansprechpartner/Tröster. Die anderen Betreuer leisten alle eine super Arbeit, trotzdem ist mir aufgefallen (nicht im negativem-/positivem Sinne), dass die Kinder einen ganz anderen Bezug zu mir haben. Gründe könnten mein Geschlecht und mein Alter sein.. Ich finde es immer wieder lustig, wenn die Kinder mich mit ''tia'' ansprechen was im deutschen ''Tante'' bedeutet (alle Betreuerinnen werden mit Tia/Tante angerufen), auch wurde ich schon gefragt, ob ich eine Frau sei (an dem Tag hatte ich ein paar Ringe an meinen Fingern. Ansonsten bestehen meine Hauptaufgaben weiterhin darin, auf die Kleinen aufzupassen, mit ihnen zu spielen, Nase zu putzen, vollgepinkelte Hosen zu wechseln, mit den Kindern auf Toilette zu gehen, sie zu füttern (in seltenen Fällen) usw. Ich bin weiterhin sehr froh diesen Weg des Freiwilligendienstes zu gehen, da mir meine Arbeit weiterhin sehr am Herzen liegt und mir sehr viel Spaß macht. Es ist nicht immer leicht mit gewissen Situationen fertig zu werden, aber das gehört nun mal zu einem Friedensdienst in Brasilien dazu.
Familienbetreuung
Nachdem ich meine ersten Hausbesuche zusammen mit Hermano durchgeführt habe, habe ich angefangen mir selbst einen Betreuungskreis aufzubauen. Diese Arbeit besteht hauptsächlich darin, sozial schwache Familien zu betreuen, Gespräche zu führen und evtl. besonders schlimmen Fällen mit Mitteln wie Essen, Medikamente oder Kleidung zu unterstützen. Ich betreue in etwa (direkter Weise) ca. 4 Familien, das sind in etwa 24.Personen, Väter und Mütter mit eingeschlossen.
Rotary Club Recklinghausen
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Mitglieder vom Rotary Club Recklinghausen. Wir haben eure Spende Ende März erhalten, so dass wir gerade planen, was für Material wann und wo eingekauft wird. Leider haben wir zur Zeit noch ein anderes großes Hilfsprojekt, da wir beide Projekte nicht gleichzeitig angehen können, müssen wir dieses Projekt leider ein bisschen auf später verschieben. Trotzdem haben wir schon in einem Haus mit dem Errichten eines Toilettenhäuschens begonnen das in 1-2 Tagen fertiggestellt sein wird. Wir wollen mit eurer Spende in 4 Familienhäusern für sanitäre Einrichtungen sorgen, leider kann ich noch nicht all zu viel zu diesem Thema schreiben, da sich alles noch im Anfangsstadium befindet. Trotzdem nochmal ein ganz herzliches Dankeschön dem Rotary Club Recklinghausen.
Häuser entstehen
Auf einem unserer Hausbesuche haben wir feststellen müssen, dass manche Häuser kurz vor dem Einstürzen stehen. Die Wände sind so schief und bröcklig, dass so manche Wand durch den Regen schon fort gespült wurde und nun Plastiksäcke als notdürftige Wand dienen. Hermano hat aufgrund dieser Lage Kontakt zu der Hilfsgruppe ''Ajuda e.V.'' geknüpft und zu Yohannes Schulte einem ehemaligen Freiwilligendienstler. Ajuda e. V. ist ein Hilfsverein, dieser Verein wurde von einem ehemaligen Freiwilligendienstler ins Leben gerufen, um von Deutschland aus auch weiterhin durch Spendengelder zu helfen. Mit den zusammengekommenen Spendengeldern werden 2 schwer beschädigte und vom Einsturz bedrohte Häuser ausgebessert bzw. eins muss aufgrund der schiefen Wände und der kompletten Fehlkonstruktion abgetragen und komplett neu errichtet werden. Beide Familien sind mit Eifer bei der Sache, tatkräftige Unterstützung erhalten sie von den Nachbarn und meiner Wenigkeit.
Gefängnis
Jeden Sonntag kaufen Hermano und ich auf dem nahe gelegenen Markt Lebensmittel und Früchte für das Projekt und das städtische Gefängnis ein. (wie bereits im ersten Rundbrief erwähnt) Die Anzahl der Frauen hat sich in kurzer Zeit auf 7 erhöht. Eine der Insassen ist die Mutter von richtig niedlichen Mädchen (2 Jahre und 3 Jahre alt), die Ältere (3 Jahre) hat bereits die Mutterrolle übernommen, da die Mutter lieber klauen geht, um sich Drogen zu beschaffen. Als ich der Mutter schilderte, wie die beiden miteinander umgehen, spielen, toben, schmusen, musste sie vor Sehnsucht weinen.
Ein anderer Fall: eine verheiratet Frau will mit einem anderem Mann eine neue Beziehung aufbauen, sie ermordet ihren Ehemann, um an die Lebensversicherung zu kommen, das ganze ging recht schief, die Polizei kommt dahinter und sperrt sie für lange Zeit hinter Gitter, sobald sie frei kommt wird die Familie des ermordeten Ehemannes versuchen sie umzubringen/umbringen zu lassen. Dieser Fall wurde auch im Fernsehen ausgestrahlt. Als ich diese Frau das erste Mal im Gefängnis antraf, dachte ich, sie sei wegen Drogendelikten da, da sie so schüchtern, so verängstigt war, als ich dann aber Hermano daraufhin ansprach, erklärte er mir den Fall. Sie hat einfach nur Angst dass die Leute mit ihr schimpfen, oder dass sie sogar ermordet wird.
Die Projektumgebung
Die Viertel aus denen die Kinder kommen sind geprägt von Armut, Gewalt, Drogen, Müll
usw. also nicht gerade die beste Umgebung für ein Kind zum Aufwachsen. Hin und wieder kommt es auch wieder vor, dass schon morgens betrunkene Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Projektes ihren Rausch ausschlafen oder einfach so rumliegen, weil sie durch den Alkoholkonsum nicht mehr hoch kommen. Für die Kinder sind solche Bilder bereits zum Alltag geworden. Vor kurzem hat die Militärpolizei mehrere Razzien in der Projektgegend durchgeführt, es wurden 4 Männer und 2 Frauen wegen Drogenhandel, Diebstahl, Hehlerei und illegalen Waffenbesitz festgenommen. Dass das Ganze nicht so abläuft wie in Deutschland, kann man sich gut vorstellen. Ein besonders schwerer Fall ist der einer Frau aus der Projektstraße, sie wird für mehrere Jahre hinter Gittern sein, da sie mehrere Straftaten auf einmal begangen hat. Sie wird wegen organisierten Verbrechens angeklagt. Sie hat Dieben die geklaute Ware abgekauft und wieder verkauft, von dem Geld hat sie Drogen gekauft und diese von Kindern auf der Straße wieder verkaufen lassen. Zudem wird sie noch wegen Waffenbesitzes angeklagt und Drogenbesitzes. Das Traurige an dieser Geschichte ist, dass ihre Kinder, für lange Zeit alleine sein werden. Auch sehe ich immer mal wieder wie Leute auf der Straße ihre Drogen rauchen, so dass es jeder sehen kann. Diebe haben keinen Skrupel in die Häuser zu gehen und im Beisein der Bewohner Sachen (Fernseher, DVD-Player usw.) zu klauen. Dies führt natürlich zu direkten Auseinandersetzungen zwischen den Hausbewohnern und den Dieben, sollte die Militärpolizei die Diebe zu fassen kriegen (was häufiger geschieht) werden die Diebe nicht gerade mit Samthandschuhen von der Polizei angefasst bevor sie ins Gefängnis verfrachtet werden. Das Verhalten der Polizei soll als Abschreckung dienen. Ein Freund von mir hat sich extra deswegen einen deutschen Schäferhund zugelegt und ist gerade dabei, ihn abzurichten um sich und seine Familie vor solchen Situationen zu schützen.
Meine Ausmusterung/Rückstellung
Eine heikle Geschichte, die bereits in Deutschland losging. Aber am Besten fange ich ganz von vorne an zu erzählen. Dadurch, dass ich in dem glücklichem Besitz von zwei Staatsbürgerschaften bin, muss ich mich auch in den jeweiligen Ländern Deutschland/Brasilien (mit deren Dokumenten sprich Reisepass usw.) ausweisen können. Mein alter brasilianischer Reisepass war schon seit mehreren Jahren abgelaufen und es wurde Zeit, einen neuen zu beantragen, um meinen Friedensdienst antreten zu können. Dies ging nur mit gleichzeitiger Beantragung eines brasilianischen Militärausweises. Im brasilianischen Konsulat in Frankfurt (wo ich 2mal vorsprechen musste) wurde mir nach Fertigstellung des Reisepasses und des Militärausweises nahegelegt, dass ich einmal im Jahr eine Wehrdienststelle in Brasilien aufsuchen muss, um mir einen 1jährig gültigen Stempel abzuholen, damit ich nicht eingezogen werde. Nachdem dieses Datum nun vor der Tür stand, machte ich mich auf zur ´Casa tiro de guerra`, der örtlichen Wehrdienststelle, dort waren zuerst alle hilflos mit meiner Situation überfordert (2 Staatsbürgerschaften). Nach 3 Besuchen, Unterschriften, Erstellen von neuen Dokumenten und und und wurde ich nun endlich am 28.April zusammen mit ca 80 anderen jungen Männern zur Reserve abgestellt, sprich ich muss nur dann meinen Militärdienst antreten, wenn ich gerufen werden sollte, oder wenn ich mich freiwillig melde. Somit besteht schon mal keine Gefahr mehr eingezogen zu werden (vorerst!).
Der Deutschkurs
Mein erster Deutschkurs bestand aus 7 Schülern im Alter von 15 bis 21 Jahren. Vor meinem ersten Deutschunterricht war ich schon ein bisschen aufgeregt, da ich nicht wusste, was von mir verlangt wird und wie ich mich so als Lehrer geben würde, da ich das ja noch nie gemacht habe. Zum Einstieg habe ich meinen Schülern ein bisschen Schokolade mitgebracht, um die Stimmung zu lockern. Der Kurs verlief auch sehr gut, leider sprangen mir nach und nach die Schüler ab, was mich traurig und nachdenklich stimmte, da sie mir irgendwelche Lügen erzählten aus Angst ich würde sauer werden. Ich habe die jeweiligen Schüler zur Seite genommen und unter 4 Augen mit ihnen gesprochen. Der wahre Grund war, dass sie gemerkt haben, dass es einfach nicht das richtige für sie ist, daraufhin habe ich ihnen erklärt, das mir das auch schon oft passiert ist, dass ich eine Sache angefangen habe und gemerkt habe,dass ich das eigentlich gar nicht will. Nachdem ich dann 3 Wochen wegen einer Infektion krank zu Hause bleiben musste, ist der Kurs im Sand verlaufen.
Kommendes Jahr hat die Tanzgruppe die Möglichkeit nach Deutschland zu fahren und dort Tänze aufzuführen und das Projekt zu präsentieren. Aus diesem Grund habe ich den Jugendlichen angeboten meinen Deutschkurs zu besuchen, um schon mal einen Grundstock der deutschen Sprache zu erlernen. Aufgrund der großen Schüleranzahl und dem kleinem Klassenraum habe ich die Tanzgruppe in zwei Gruppen aufgeteilt, die eine hat am Mittwoch und die andere am Freitag Unterricht, jeweils von 14 Uhr nachmittags bis 16 Uhr, auf Wunsch auch bis 17 Uhr. Leider erschienen zur ersten Unterrichtstsunde am Donnerstag nur 4 Schüler und zur Unterrichtstsunde am Freitag erschien nicht ein Schüler. Dies stimmte mich und Hermano sehr sauer, da all diese Schüler nach Deutschland fahren wollen, aber nur 10% von ihnen ein Interesse an neuen Sachen zeigen. Nachdem wir nochmal mit ihnen gesprochen hatten, passierte dasselbe am kommenden Freitag nochmal, nicht ein Schüler erschien zum Freitagsunterricht, nach Androhung von Hermano, dass diejenigen, die nicht am Deutschkurs teilnehmen, nicht nach Deutschland fahren werden, bin ich mal gespannt wie viele Schüler kommenden Freitag erscheinen werden.
Mein Unterricht besteht darin, ihnen etwas von Zahlen, Gesprächsführung, Uhrzeit, Farben, Grammatik, Kultur usw. beizubringen. Das Ganze ist mit Spiel und Spaß verbunden, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie anstrengend es sein kann, nachmittags noch Unterricht zu haben. Neben dem Lernen werden noch kleine Theaterstücke durchgeführt, Filme in deutscher Sprache geguckt (mit portugiesischem Untertitel), deutsches Essen gekocht, Texte studiert und selbst verfasst und vieles mehr...
Mein 3ter Rundbrief wird evtl. Ende August erscheinen, bis dahin wünsche ich allen Lesern alles Gute und viel Gesundheit!
Einen herzlichen Gruß aus dem heißen Crato wünscht Euch
Euer Raphael
Homepage EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst
|