Internationaler Christlicher Friedensdienst

Man kann wirklich etwas bewegen...

Elke Bitzer (Entwicklungshelferin in der Stiftung "Arco Iris" - Regenbogen) berichtet von ihrer Arbeit mit Frauengruppen und von der Situation der Strassenkinder in La Paz

"Meine Frauengruppe in der Stadt hat sich in der Zwischenzeit stabilisiert. Wir sind nun eine kleine Gruppe von ca. 7 Frauen. Wir haben uns geeinigt, das wir nur die bereits begonnen Arbeiten, wie Handschuhe, Fingerpuppen, Spieltiere und Bären in verschiedenen Größen her stellen und diese vermarkten. Wir sind dabei Abnehmer für unsere Produkte hier in Bolivien, sowie in Deutschland zu suchen. Da wir nicht in die Fundacion Arco Iris eingegliedert sind, war unsere Überlegung selber eine Art Organisation zu Gründen, die sich aus den Einnahmen der verkauften Gegenstände selber tragen soll. Wir werden demnächst unsere eigenen Etikette mit unserem Namen machen lassen, die dann in unsere Arbeiten eingenäht werden. Unser Name den wir uns gemeinsam ausgesucht haben ist in Aymara, der Sprache der Indichen Bevölkerung hier in La Paz, "Warminaca" und bedeutet übersetzt ganz einfach "Frauen"."

"Mit der anderen Frauengruppe, den Aymaras aus Gran Bretania habe ich mit dem Nähmaschinen nähen angefangen. Der Zulauf war enorm. Die Maschinen reichten nicht für alle, es entstand ein riesiges Durcheinander, da sie alles auf einmal machen wollten. Schnitte ausschneiden, aus den Modezeitschriften die ich mitgebracht hatte, zuschneiden und nähen und das alles ohne Vorkenntnisse. Deshalb teilte ich die Frauen in 2 Gruppen ein. Mit einer Gruppe habe ich das Weben angefangen und mit der anderen Gruppe hilft mir zum Glück nun eine Frau die etwas vom Nähen versteht. "



Das Leben der Schuhputzer - die große Gründonnerstagsaktion

"Aus dem Bericht eines Freiwilligen, Zivildienstleistenden, der in der Fundacion Arco Iris mit den Schuhputzern auf der Straße gearbeitet hat, möchte ich das Dasein eines Schuhputzers etwas näher bringen.

Schuhputzer zu sein, und das war eines der ersten Dinge, die Alexander aus Deutschland erkennen mußte, eine Arbeit ohne Würde! Er putzte wie die Schuhputzer in den Straßen La Paz vermummt die Schuhe und mußte am eigenen Leib erfahren, daß man als einer dieser vermummten Gestalten behandelt wird wie der soziale Müll der Gesellschaft! Wenn er sich dann als "weißer Ausländer" zu erkennen gab, waren die Leute schockiert. Teilweise entwickelte sich ein Gespräch, in dem die Leute sich beschämt eingestehen müssen, daß auch sie voller Vorurteile gegenüber den Schuhputzern sind. ...die Schuhputzer seien Diebe und "schnüffeln" Klebstoff, sind noch harmlos [Vorurteile], manche halten die Jungs schlichtweg alle für Vergewaltiger und Mörder. Sich tagtäglich in den Staub zu knien und so den zahllosen Passanten in einer niedrigen, unterwürfigen Haltung den Straßendreck von den Schuhen zu putzen, ist keine anerkannte Arbeit. Die meisten Leuten bringen diesen Schuhputzern nur Verachtung entgegen. Die Gesellschaft sieht nicht, daß hinter jeder Kapuze ein Name und eine Geschichte steckt. Seien das nun Pepino, Sapo, Juan.Carlitos oder Mariella, jeder von den vielen Kindern und Jugendlichen putzt Schuhe aus der Notwendigkeit heraus.

- Weil ihr Vater die Familie verlassen hat und nun die älteren Kinder das Überleben ihrer jünge ren Geschwister sichern müssen. - Weil sie sich ohne die paar Groschen, die sie sich im Staub kniend verdienen, nie ihr Studium finanzieren könnten. - Weil sie teilweise selbst schon Kinder haben, schwanger sind, meistens ohne Unterstützung ihrer Familie in einem Kellerloch leben, und sich und ihre Babys nur mit Schuhe putzen ernähren können...

Ausgehend von all den Lebensgeschichten, von den Problemen, Sorgen und Nöten formte sich in Alexander eine Idee, zusammen mit zwei anderen Freiwilligen die zusammen mit ihm die Schuhputzer auf der Straße betreuten.... Prominente einzuladen, die am Gründonnerstag dem Beispiel Jesus folgen sollten. Je näher der Gründonnerstag kam, den genau an diesem Tag müßte man eine solche Aktion starten, damit auch wirklich allen die Verbindung zwischen den Schuhputzern und dem Beispiel Jesu klar würde, je näher der 12. April rückte, desto ernster wurde Alexander die Sache. Angangs von allen belächelt kam dann doch viel Unterstützung von den anderen beiden Mädchen, Irina und Jasmin, die zusammen mit Alexander auf der Straße arbeiteten und vom Padre Jose Neuenhofer, der ein Treffen mit dem Erzbischof von La Paz arrangierte. An diesem Treffen hing im Grunde alles ab, ob der Erzbischof bereit wäre als einer der Prominenten auch mit zu putzen. Einigermaßen unsicher und besorgt, sind die drei dann zu dem Treffen gegangen, schilderten dem Erzbischof ihre täglichen Erfahrungen der Straßenarbeit und die unwürdige Situation, in der die Schuhputzer sich befinden und kamen auf ihre Idee zu sprechen. Zur großen Überraschung war das Oberhaupt der Erzdiözese La Paz begeistert. Nach dem Motto : "Eine Kirche die nicht dient, dient zu nichts!"...

Die beiden Hauptziele der Kampagne waren zum Einen, den Schuhputzern klarzumachen, daß ihre Arbeit eine gute Arbeit ist, auf die sie stolz sein können, etwas, woran die meisten bis dahin selbst nicht glauben konnten, mit einem zerstörten Selbstbewußtsein und ohne Selbstachtung....

Neben dem Erzbischof von La Paz und zwei weiteren Bischöfen, dem Vizepräsidenten Boliviens, dem Oberbürgermeister von La Paz, mehreren Ministern, Abgeordneten und Senatoren putzten an diesem Tag auch den UNICEF-Chef von Bolivien, der Präfekt des Departamentes La Paz, der Polizeipräsident Boliviens und mehrere Menschenrechtler Seite an Seite Schuhe. Die Großen des Landes setzten sich auf die kleinen, wackeligen Holzbänkchen der Schuhputzer und zogen sich die schwarz - und braun verschmierten Westen der Jungs und Mädels an. An diesem Tag war auch gleichzeitig - Dia del Nino- Tag des Kindes. Alle Kinder, aller Projekte der Fundacion Arco Iris waren bei dieser Aktion vertreten und demonstrierten mit selbst gemalten Plakaten und Sprechchören für ihre Rechte als Kinder und ihre Menschenwürde. Wenn auch mehr oder weniger unfreiwillig - völlig überrascht - bekamen die Entscheidungsträger des Landes auch konkrete Forderungen und Anklagen zu hören. Die Vereinigung einer Gruppe von Schuhputzern marschierte plötzlich und ungeplant auf den Platz und klagte die Politiker an. Sie demonstrierten gegen die Ungerechtigkeiten des Systems und forderten Taten und Veränderungen. Reporter von allen nationalen Zeitungen und die vielen Fernseh- und Radiosender schenkten den Schuhputzern nicht nur Beachtung, sondern hörten sich in den zahlreichen Interviews und Fragerunden die Geschichten und Schicksale der sonst so Vergessenen an.

An diesem Tag, hatten die Jungs und Mädels viel Aufsehen erregt, nicht nur in La Paz sondern in ganz Bolivien und auch international. An diesem Tag wurde ihnen erstmals ein offenes Ohr und Aufmerksamkeit geschenkt. Man kann wirklich etwas bewegen, wenn man bereit ist zu dienen."