Bericht:

Lebenszeichen aus Costa Rica - 1. Rundbrief von Florian Stepper

Von: Florian Stepper

Florian hat seine ersten neun Monate in Costa Rica gut überstanden, sich eingelebt und sich nach einigen Schwierigkeiten endlich seinem Wunschprojekt der "Umwelterziehung" widmen können.

Ein kleiner seines Lebens in Costa Rica:

"...Nicht nur meine WG, sondern auch die direkte Umgebung ,nämlich mein Barrio, Jardines 2, welches deutlich zu den ärmeren Bezirken gehört und in San Rafael einen äußerst schlechten Ruf genießt, haben es mir doch irgendwie angetan. Es ist hier so ganz anders als imRest des etwas spießigen und kleinbürgerlichen San Rafael. DasLeben spielt sich hier viel mehr auf der Straße ab, die Türenstehen offen, Kinder spielen zwischen den vielen Hunden aufder Straße Fußball und es herrscht eine angenehme Gemeinschaft.Wenn ich morgens zur Arbeit laufe, werde ich von allen Seiten gegrüßt, kaufe mir bei der kleinen Pulperia, der lateinamerikanischen Ausgabe des Tante Emma Ladens, mein Frühstück oder lasse dieses, wenn ich mal gerade knapp bei Kasse bin, anschreiben.Ab und an werde ich dann von einem der vielen schwarzarbeitenden Taxifahrern mitgenommen wenn sie die gleiche Strecke fahren, die ich laufen würde. Auf dem Rückweg dann begegne ich meist dem anderen Gesicht von Jardines 2. Spätestens um 13 Uhr sind die vielen Alkoholiker wieder auf den Beinen und beginnen einen neuen Tag um sich das Geld für den Schnaps am Abend zusammen zu schnorren. Perspektivlosigkeit, Desinteresse, Arbeitslosigkeit, ähnlich wie bei uns nur in einem viel größeren Ausmaß zieht der Alkoholismus hier seine Kreise und betrifft vor allem die vielen Jugendlichen des Barrios, macht aber auch nicht halt vor den Älteren. Immer mal wieder trinke ich Kaffee mit einem älteren Mann aus unserem Viertel, welcher nach einem gescheiterten Wiedereingliederungsversuch in die Gesellschaft, nach langer Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit, erneut auf der Straße und im Alkoholismus gelandet ist und nun auf einem ausrangierten Pickup in der Einfahrt eines Hauses schläft, in welchem sich knapp 15 Nicaraguaner einige wenige Zimmer teilen. Das kleine Viertel kann mit seinen vielen Gesichtern vielleicht ein bisschen wie ein Querschnitt durch die costaricanische Gesellschaft gesehen werden. Reichtum, Drogenabhängigkeit, Prostitution, Obdachlosigkeit, Hilfsbereitschaft und ein Ansatz von Solidarität, Armut, Arbeitslosigkeit, eine sehr niedrige Bildungsrate, Perspektivlosigkeit, eine hohe Anzahl an Immigranten, offene und warmherzige Menschen, all dies lässt sich um wenige Häuserblocks herum finden, stößt aber auf äußerst geringes Interesse bei sozialen Vereinen und Projekten oder geschweige denn bei der nur 5 Gehminuten entfernten Universität. ...".