Die letzten drei Monate hatte ich das Gefühl, zu ernten, was die Anfangsmonate wachsen musste
Hannah Nitschmann reflektiert ihr Leben in der Archegemeinschaft in Namur und denkt über persönliche Veränderungen während dieser Zeit nach. (Juli 2008)
Hannah Nitschmann Bouge, den 30.06.08
Arche Namur/Belgien
Dienstzeit 09/07-09/08
Rundbrief Nummer 3
Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen, liebe Freunde, Verwandte und Bekannte, liebe EIRENIES,
Es ist Montagabend und ich sitze mit Zettel und Stift ausgerüstet auf der Zitadelle und genieße die Abendsonne- quel bonheur!
Es ist kaum zu glauben, dass es schon wieder soweit ist, einen Rundbrief zu verfassen. Die vergangenen drei Monate waren eine sehr abwechslungsreiche Zeit. Ich war viel unterwegs und habe viel erlebt, von dem ich euch jetzt berichten möchte:
Die ersten beiden Aprilwochen war ich meine Freundin Laura in Israel besuchen, die dort ihr freiwilliges soziales Jahr macht.
Diese Reise war für mich eine sehr intensive, erfahrungsreiche und unvergessliche Zeit. Wir fanden ein gutes Maß zwischen Unternehmungen und ruhiger, entspannter Zeit für uns. Ich genoss die gemeinsame Zeit und die alte Vertrautheit in vollen Zügen- Heimat für die Seele!
Es war mir sehr wichtig und ich freue mich, dass ich „Lauras Welt“, ihre Freunde und ihre Arbeit kennen lernen konnte!
Staunend nahm ich die vielen Eindrücke auf, die in diesen Tagen auf mich einströmten und entdeckte fasziniert dieses facettenreiche Land- in Worten unbeschreiblich!
Im Westjordanland bekam ich noch einmal einen ganz anderen Einblick. Was ich bis dahin über den Konflikt in den Medien hörte, erreichte mich kaum mehr und schien so weit weg. In dieser kurzen Zeit „vor Ort“ habe ich viel gesehen, erfahren und dazugelernt, was mich sehr nachdenklich machte, teilweise wütend und auch traurig.
Nur vier Tage nach meiner Rückkehr ins Projekt fand das week-end communautaire statt. Alle personnes aus den Foyers, dem Atelier und die Mitarbeiter mit ihren Familien nahmen daran teil. Inhaltlich ging es um das Leben in der Gemeinschaft: Was macht die Gemeinschaft lebendig, was gibt mir persönlich Kraft, worin soll die Gemeinschaft noch wachsen und welche Ziele gibt es in nächster Zukunft. In einer symbolischen Einheit konnte man sich gegenseitig Wassertropfen widmen, die die Quelle füllten. Ich habe viele Tropfen und schöne Worte empfangen und nutzte selbst die Möglichkeit DANKE zu sagen, an die personnes und auch an Martine, um ihr nochmal eine positive Rückmeldung nach unserer Aussprache zu geben.
Natürlich gab es auch Spiel, Tanz und Spaß. Ich konnte leider mental nicht so präsent sein, wie ich gerne wollte. Es war mir alles etwas zu viel- ich musste erstmal wieder ankommen. Zudem fand das Wochenende in Banneux statt, einem Pilgerort nahe Liège, an dem vor 75 Jahren angeblich Maria erschienen ist. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz, denn zu Marias Füßen für die Gemeinschaft zu beten und ehrfürchtig Gesänge anzustimmen war mir sehr fremd.
Trotzdem behalte ich das Wochenende in sehr positiver Erinnerung, weil ich viele Menschen nochmal besser kennen lernte.
Mein freies Wochenende im April verbrachte ich mit Carla und Theresa in einer alternativen Gemeinschaft, genannt „de brouwerij“, in der Nähe von Antwerpen, in die uns Rietje, eine Mitarbeiterin vom Bartès, eingeladen hat. Es war ein Ausflug in eine andere Welt. Das Leben ist sehr einfach- Wasser muss man sich vom Brunnen pumpen, zum Kochen erst Feuer machen, es gibt Brennnesselsuppe und aufs Brot Bärlauch. Es gibt einen großen verwilderten Garten, in dem man tagsüber arbeitet. Zu dieser Zeit war der Frühling in voller Blüte- einfach wunderschön. Ich fühlte mich wie im Märchenwald. In der Gemeinschaft ist jeder willkommen, aber man darf nicht länger als drei Tage dort leben, denn es soll kein Fluchtort vor der Realität sein. Es gibt eine Philosophie und allerlei Rituale und Geschichten, sogar eine eigene Sprache an diesem Ort. Mir fiel es schwer meinen Platz zu finden, weil ich nicht wusste, was von mir erwartet wird und ich das Ganze sehr spannend und bereichernd, aber auch einfach skurril, fremd und abgefahren fand. Es gelang mir trotzdem mich auf meine Weise darauf einzulassen. Eine Erfahrung, die ich sicherlich nicht so schnell vergessen werde!
Der Mai und der Juni waren ebenso abwechslungsreich: ich bekam viel Besuch und lernte so Belgien selbst nochmal viel besser kennen. Ich fand es aber auch schön und wichtig, meinen Freunden und meiner Familie das Tournesol/Lumçon zu zeigen und ihnen die Menschen vorzustellen, mit denen ich lebe, weil sie einfach ein so wichtiger Teil von mir geworden sind.
Ich fand es toll und war stolz zu sehen, wie herzlich mein Besuch von den Bewohnern aufgenommen wurde!
Mitte Mai fuhr ich für eine Woche auf das Zwischenseminar von EIRENE nach Südfrankreich. Es war toll, alle wiederzusehen! In einer entspannten und noch immer vertrauten Atmosphäre erzählte jede/jeder anhand einiger Leitfragen von den Erfahrungen der letzten Monate. Es war spannend zu hören, wie unterschiedlich die Erfahrungen doch sind und wie jede/r anders geprägt wird. Es war für mich auch sehr interessant, die Marokkofreiwilligen kennen zu lernen, weil ich mir beim Auswahlseminar überlegt hatte, mich auch für Projekte in Marokko zu bewerben.
Das Programm ließ genug Zeit zum Entspannen, Lesen, Baden in eiskaltem Quellwasser - einfach zum Seele baumeln lassen.
Wir waren in einem Haus der Gemeinschaft von Lanza del Vasto untergebracht- inmitten wunderschöner, unberührter Natur. Lanza del Vasto hatte nach einer Begegnung mit Gandhi eine Bewegung ins Leben gerufen, die nach dem Prinzip der Gewaltfreiheit lebt: ohne Strom, ohne fließend Wasser, vegetarisch, einfach und weitgehend autark (es gibt dort eine Käserei, einen großen Gemüsegarten und eine kleine Backstube).
Diese Gemeinschaften gibt es heute in mehreren Ländern.
Ich fand es toll, einen Einblick in das Leben der Gemeinschaft zu bekommen und die Menschen kennen zu lernen. So arbeiteten wir einen Vormittag im Garten mit (die Bete werden noch mit Pferdepflug bearbeitet), tanzten gemeinsam traditionelle Tänze (das war echt klasse und hat so richtig Freude gemacht), entdeckten das Gelände, nahmen am Gebet teil...Ganz besonders toll fand ich das Brotbacken bzw. Teigkneten bei Sonnenaufgang. Das Frühaufstehen hat sich total gelohnt, denn es war eine einmalige Stimmung und einfach ein genialer Start in den Tag!
Anschließend hatte ich mir noch eine Woche Urlaub genommen und war mit anderen EIRENE Freiwilligen ein paar Tage am Mittelmeer im Regen zelten- baden waren wir trotzdem. Als auch das letzte Hemd klamm war, brachen wir unser Zelt ab und verbrachten noch eine Nacht in Montpellier, bevor sich unsere Wege wieder trennten. Es war eine schöne Zeit!
Ich fuhr noch weiter und besuchte Mitfreiwillige in ihren Projekten in Béziers und Fontès. In Fontès hatte ich sogar die tolle Möglichkeit, einen Tag mit Thomas bei den Compagnons Bâtisseurs (meinem Projektwunsch Nummer 1) zu arbeiten. Die Compagnons renovieren Häuser bedürftiger Menschen und verlangen dafür kein Geld, sondern deren Mithilfe. Mir hat es super viel Spaß gemacht mit anzupacken- eine wirklich schöne Erfahrung. Merci beaucoup Thomas an dieser Stelle!
Als ich von meiner Reise zurück kam, war meine Nachfolgerin von EIRENE schon da. Sie hat sich hier sehr schnell eingefunden und ich glaube, sie kommt mit einem guten Gefühl im September für ein Jahr.
Charakterlich sind wir völlig verschieden. Ich staunte und schlackerte mit den Ohren, als ich beobachtete, wie frei sie sich im Foyer bewegt, Dinge einfach anders macht und ihre Bedürfnisse nicht zurückstellt. In Gedanken erlebte ich noch einmal meine Anfangszeit, hinterfragte und betrachtete mein Vorgehen aus einem anderen Blickwinkel und stellte mir viele Fragen.
Letztlich habe ich akzeptiert- I did it my way und das ist gut so!
Ich habe hier jetzt wirklich meinen Platz gefunden, erfahre Anerkennung, Vertrauen wächst und Beziehungen vertiefen sich. Ich habe den Eindruck, dass man mich jetzt wirklich kennt und ich einfach ich selbst sein kann. Die letzten drei Monate hatte ich das Gefühl, zu ernten, was die Anfangsmonate wachsen musste. Es läuft einfach und ich fühle mich pudelwohl im Foyer. Ich habe ein Verhältnis zu jedem einzelnen meiner Mitbewohner aufgebaut, das einzigartig und für mich so bereichernd ist. Selbst mit Martine läuft es richtig gut. Wir waren sogar mal zusammen ein Bierchen trinken und anschließend gemeinsam essen. Ich habe auch viel über sie erfahren und kann offen mit ihr reden. Ich lerne sie von einer anderen, menschlichen Seite kennen und auch schätzen. Ich hab sie gerne- das hätte ich anfangs nicht für möglich gehalten.
Meine Postion neben Martine verändert sich, ich habe mehr Autorität. Ich empfinde das als sehr positiv, muss mich aber auch neuen Herausforderungen stellen. Besonders D. provoziert mich häufig und testet seine Grenzen, wenn ich mit den personnes alleine im Foyer bin. Ich komme gegen ihn an, aber stoße dabei an meine Grenzen. Einmal eskalierte die Situation und er begann Sachen zu werfen, mich und die anderen zu beschimpfen und trat mich. Nur mit einem Anruf auf Martines Handy konnte ich ihn auf sein Zimmer bewegen, auch wenn ich damit meine Autorität untergrub. Aber die anderen wurden unruhig und ich riskierte die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Das Verhältnis zu D. bleibt eine Herausforderung, der ich aber gewachsen bin.
Der Sommer bringt auch frischen Wind ins Foyer- wir sind viel mehr draußen und ich genieße die gemeinsame Gartenarbeit sehr. Jeder hat seinen Platz und es entsteht ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl.
Im Sommer scheint das Leben leichter, unbeschwerter, Namur erwacht zum Leben und ich genieße meine Zeit hier sehr. Wenn mir mal die Motivation fehlt, sind es die unerwarteten, privilegierten Momente mit den personnes, die mich vor Freude strahlen lassen und mir neue Kraft geben.
Mit dem Foyer gehen wir seit einiger Zeit regelmäßig in einem Warmwasserpool schwimmen, den uns ein Physiotherapeut zur Verfügung stellt. Es ist eine tolle Aktivität und ich lerne jeden einzelnen nochmal anders kennen. Mit den personnes die Entspannungsübungen im Wasser zu machen, ist für mich immer ein ganz besonderer Moment.
A. wird übrigens nicht mehr ins Foyer zurückkehren. Das Foyer kann seinen Bedürfnissen nicht mehr gerecht werden. Es wird ein Platz für ihn in einem Pflegeheim gesucht. Ich hatte in der Zeit hier zu ihm noch kaum ein Verhältnis aufgebaut, aber es tut mir weh zu sehen, wie sehr diese Nachricht die anderen Bewohner trifft. Voraussichtlich ab Oktober wird das Tournesol einen neuen Bewohner beheimaten.
Mitte Juni brach ich auf einen Retraite (grob übersetzt: Besinnungstage) in die französischen Alpen nahe Grenoble auf. Ich bedauere oft, mental entweder noch oder schon auf Reisen zu sein und ich brauche immer eine gewisse Zeit, bis ich mich mental wieder voll auf mein Projekt einlassen kann. Ich merke auch, dass ich die personnes mit meiner häufigen Abwesenheit enttäusche und habe selbst oft den Eindruck, sie zu vernachlässigen. So brach ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf.
Die Arche bietet allen Freiwilligen diese Möglichkeit, um zur Ruhe zu kommen, sich Zeit zu nehmen, um die Archeerfahrung zu reflektieren, andere Freiwillige kennen zu lernen und einfach eine schöne Zeit zu haben. Die hatte ich wirklich und ich konnte mich vor Ort dann auch mental voll auf dieses Seminar einlassen, Tag für Tag leben und auskosten. Wir wanderten täglich 6-7 Stunden. Es tat unheimlich gut, sich mal wieder so richtig körperlich auszupowern, abends alle Muskeln zu spüren und erschöpft, aber zufrieden ins Bett zu fallen.
Die ersten Tage hatten wir graues Regenwetter- sich gegenseitig die Hände zu reichen, um sich über Matschpfade zu helfen, stärkte die Gruppendynamik:-). Ich lernte viele nette Leute kennen, die in den Archen in Frankreich, Irland, England und Deutschland arbeiten.
Eine Referentin erzählte uns jeden Morgen von ihren Archeerfahrungen und stellte Parallelen zu Geschichten aus der Bibel her, aber auf eine sehr offene Art und Weise. Sie hatte eine tolle Art zu reden und war authentisch.
Uns wurden täglich Fragen „mit auf den Weg“ gegeben, über die wir während der Wanderungen nachdenken sollten und die wir am Ende des Tages in Kleingruppen besprachen.
Was habe ich in der Arche (über mich selbst) gelernt, welche Talente/Grenzen erkannt, was bin ich bereit zu geben und was gebe ich dafür auf, welches „Handicap“ trage ich selbst mit mir herum (Vergangenheit,Charakterzüge?!)...Ich nahm mir diese ganzen Fragen sehr zu Herzen und während den langen Märschen, auf denen wir streckenweise in Schweigen liefen, kamen mir tausend Gedanken. Ich grübelte unheimlich viel über mich nach, wusste am Ende nicht mehr so recht, wo oben und unten ist und hatte den Eindruck, neben mir zu stehen. Im Nachhinein waren diese ganzen Überlegungen unverhältnismäßig und es brauchte erst wieder ein paar Tage, um zurück auf den Boden zu kommen, mir klar zu machen, dass ich alle Zeit für Veränderungen habe und mir vielmehr das bisher Erreichte vor Augen zu führen- wieder mit mir zufrieden zu sein.
Nach dem Retraite blieb nur noch eine gemeinsame Woche mit Carla, bevor sie zurück nach Deutschland ging. Während der Woche versuchte ich einfach die gemeinsame Zeit noch zu genießen und machte mir nicht bewusst, dass alles zum „letzten Mal“ sein würde.. Als wir mit der Gemeinschaft Carlas Abschied feierten, realisierte ich erst, dass sie bald weg sein würde. Eine Kerze wurde herum gegeben und jede/r sprach seinen persönlichen Dank aus. Das war so schön und rührend (Noel: „Danke, dass du immer Benzin für den Rasenmäher geholt hast“), dass ich die ganze Feier über mit den Tränen kämpfte.
Theresa, Carla und ich haben uns richtig gut angefreundet, unternahmen in den letzten Wochen viel zusammen, hatten tolle Gespräche und einfach eine schöne Zeit!
Es ist komisch ohne Carla. „Namur“- das ist für mich auch Carla, mein Stückchen Heimat in der Fremde. Sie fehlt mir. Wir halten Kontakt und werden uns wiedersehen. Die WG ist in Planung;-)
Ich hatte auf einmal auch so Lust auf Veränderung und ging spontan zum Friseur, um mir die Haare abschneiden zu lassen- sieht super aus und läutet für mich irgendwie eine neue Etappe ein.
Es ist schön, dass Theresa und ich gleich lange hier bleiben, auch wenn wir leider nicht den gleichen freien Tag haben.
Die Sommerzeit in der Arche bietet tolle Aussichten. Nächste Woche fahre ich mit der ganzen Gemeinschaft für 10 Tage nach Österreich und im August mache ich noch mit dem Foyer Urlaub. Langsam aber sicher neigt sich meine Zeit in Namur dem Ende zu. Ich genieße meine verbleibenden Wochen sehr. Ich kenne die Menschen um mich immer besser, habe sie alle sehr lieb gewonnen,ich habe meinen Platz gefunden und es läuft einfach.
Ich freue mich aber auch auf eine neue Etappe: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten! Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen! Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.“ (Hermann Hesse)
Wo und wie diese neue Etappe aussehen wird steht in den Sternen. Ich bin offen für alles, was kommt und finde in dieser Ungewissheit einen besonderen Reiz nach dem komplett durchgeplanten Archeleben. Ich freue mich alte Freiheiten wieder zu gewinnen.
Ich danke Ihnen/euch an dieser Stelle noch mal ganz herzlich für die Unterstützung, die mir diesen Dienst und all diese Erfahrungen ermöglicht!
Liebe Grüße aus Namur von Hannah







