Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.

Ich muss sagen, dass mir Brüssel, die Arche und mein neues Zuhause sehr gut gefallen. Es sind die kleinen Momente die mich hier superglücklich machen und mein Herz vor Freude springen lassen.

Anne-Christin Reinhardt beschreibt ihre ersten Monate in der Arche-Gemeinschaft in Brüssel. Von Alltäglichkeiten und Besonderheiten des Lebens in Gemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung... (Dezember 2007)

 

1. Rundbrief aus der Arche „Le Toit“ in Brüssel




Liebe Eltern, Brüder, Verwandte, Freunde, Bekannte, Unterstützer und Interessierte!


Seit mehr als drei Monaten lebe und arbeite ich nun hier in Brüssel in einer Arche, welches eine Lebensgemeinschaft von behinderten und nicht behinderten Menschen ist.

Dahin entsendet wurde ich von der christlichen Organisation EIRENE. Das ist ein internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland anerkannt ist. 1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Es sind Frei­willige und EntwicklungshelferInnen mit EIRENE in Afrika, Lateinamerika, sowie Europa, den USA und Kanada im Rahmen eines Auslandsdienstes tätig. Weitere Informationen fin­det man im Internet unter www.eirene.org

Begonnen hat mein Dienst am 2. September, mit einem zweiwöchigen Ausreisese­minar. Dort wurden alle Ausreisenden auf ihr Jahr in der Fremde vorbereitet. Gleichzeitig war es eine Möglichkeit Freundschaft mit Menschen zu schließen, die ihr Jahr in einem ähnlichen Projekt oder im selben Land verbringen. Das Highlight war für mich ein Abend, an dem wir Mädels uns selbstbehaupten sollten und doch tatsächlich 2,4 cm dicke Holz­bretter mit der Faust zerschlagen haben. Das hat mir noch einmal ganz deutlich gezeigt, was alles in einem stecken kann, von dem man noch nichts weiß.

Nach diesen zwei ereignisreichen Wochen, ging es für mich gleich weiter mit dem Zug nach Brüssel. Lauter Fragen schwirrten mir durch den Kopf: „Wer holt mich ab? Mit wem arbeite ich zusammen? Werden wir uns verstehen? Was wird aus meinem franzö­sisch?“ Bloß gut, dass die Fahrt schnell vorbei war und meine Vorgängerin Miriam mich abholte und alle Fragen gern beantwortete. Sie erklärte mir, das ich mich gleich am Montag für einen Französischkurs einschreiben werde, das ich meinen Dienst mit einem freien Wochenende starte und und und. Dann kaum in meinem neuen Zuhause angekommen, wurde ich von allen anderen Assistenten begrüßt.

Hier im Haus wohnen Michel (ein Priester), Angèle (eine Ordensschwester die hier nur von Montags bis Donnerstags wohnt und den Rest der Woche in ihrem Kloster), Mieke (eine belgische Assistentin) Alexander und Theresa (genau wie ich, deutsche Assistenten) und natürlich sieben Personnes ( abgeleitet von personnes handicapées, was soviel heißt wie behinderte Personen). Ich möchte an dieser Stelle nicht alle vorstellen, da das bei sie­ben Personen auf einmal große Verwirrung auslösen würde. Aber mittlerweile kennen wir uns untereinander schon ziemlich gut und ich muss gestehen, meine neuen Mitmenschen bereits sehr lieb gewonnen zu haben. Ich freue mich nach jedem freien Tag oder freien Wochenende, alle wiederzusehen und erneut an die Arbeit zu gehen. Ich kann meine Aufgaben hier, mit Tätigkeiten beschreiben und doch fasst es nicht alles zusammen, was ein Leben hier ausmacht. Einkaufen, kochen, putzen, aufräumen, spazieren gehen, Wä­sche waschen und bügeln sind zwar die Dinge die ich tue, aber was noch viel wichtiger ist, dass man einfach da ist. Das niemand das Gefühl bekommt, allein zu sein. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich entschlossen habe, Weihnachten hier zu verbringen. Ich möchte die Menschen, die ich so lieb gewonnen habe, nicht am Fest der Liebe und Familie allein lassen. Denn wir sind hier fast wie eine Familie. Und es gibt auch durchaus Situationen, die mich sehr an meine Familie, speziell meine jüngeren Geschwister, erinnern. Dennoch darf man nicht vergessen, dass alle Personnes Erwachsene sind und bei Entscheidungen mit einbezogen werden wollen. Das ist manchmal gar nicht so einfach unter einen Hut zubringen. Doch mittlerweile hab ich ja schon ein bisschen Übung. Ich denke auch das sich nach all den neuen Eindrücken in den ersten Wochen schon der Alltag eingeschlichen hat, was womöglich mit dem streng geplanten Wochenrhythmus zutun hat. Trotzdem gibt es keinen typischen Arbeitstag, weil keiner dem nächsten gleicht. Aber ich will dennoch an einem ganzen Tagesablauf beschreiben, was ich hier so mache:

Dreiviertel sieben klingelt mein Wecker und ich zieh mich an. Danach wird Jean ge­weckt. Alles was er tut, macht er langsam und bedächtig, deshalb wird er auch als erster geweckt. Er schlägt die Augen auf, lächelt mich an, steht auf und beginnt die Autos, die jede Nacht auf seiner Bettkante stehen, in sein Regal zu räumen. Derweil geh ich in die Küche und fange an Kaffee und Wasser zu kochen und Brot zu schneiden. Pierre kommt dann auch dazu und wir frühstücken gemeinsam, er arbeitet in einer anderen Werkstatt und steht deshalb auch ein bisschen zeitiger als alle anderen auf. Zwischen dem Früh­stück geh ich immer mal wieder nach Jean schauen, um ihn zum Weitermachen zu moti­vieren, da er sonst nach 20 Minuten immer noch Zähne putzen würde. Außerdem be-kommt Angéle ihr Strümpfe angezogen, denn dabei braucht sie ein bisschen Hilfe.

Halb acht weckt dann Theresa Jerôme, Valérie und Jean-Luc und alle frühstücken gemeinsam. Pierre macht sich dreiviertel acht auf den Weg zu seiner Arbeit und halb neun werden dann die anderen von einem Mitarbeiter des Grain (das Atelier, wo alle arbeiten) abgeholt. Außer Valérie, die erst um neun abgeholt wird.

Gegen neun trudeln dann auch unsere „Rentner“ ein. Yvonne und Ivan sind die bei­den ältesten Personnes in unserem Foyer und manchmal wirklich wie ein altes Ehepaar. Ich mag es sehr, mit ihnen zu frühstücken, da sie immer versuchen mich zu veralbern. Ein­mal meinte Ivan: „Es scheint heute aber viel Sonne!“ Ich denke noch ein bisschen darüber nach und überlege was wir an Vokabeln zum Wetter gelernt haben und sage ganz stolz: „Nein es scheint keine Sonne. Es regnet heute.“ Aber schon legt Yvonne nach und meint: „Es scheint heute so viel Sonne, ich werde meinen Hut brauchen!“ Ich denke immer noch nach und gehe davon aus, dass ich irgendetwas nicht verstanden habe. Doch dann merke ich, dass die beiden sich prächtig amüsieren und mich doch glatt reingelegt haben.

Um neun kommt dann auch Alexander dazu und es geht an die Hausarbeit. Es wer­den Toiletten geputzt, Wäsche gewaschen und zusammengelegt, eingekauft, hier und da aufgeräumt, gefegt oder einfach nur Marmeladenfingerspuren beseitigt. Die hier übrigens nachzuwachsen scheinen. Während wir fleißig sind, kommt Mieke kurz vorbei und schnappt sich etwas zum Frühstück, denn heute ist ihr freier Tag, den man als Assistent einmal pro Woche hat und da muss man wirklich versuchen, dass man „rauskommt“ und mal abschaltet.

Halb eins gibt es dann Mittagessen, welches natürlich vorher noch zubereitet wer­den muss. Dann wird gemeinsam Mittag gegessen und danach beginnt für uns Assisten­ten die freie Zeit am Tag, die meist zwei gute Stunden umfasst. Das ist immer ganz abhän­gig, von dem was gerade an dem Tag ansteht. Jeden Montag nutzen wir beispielsweise diese Zeit für die „Réunion“, zu deutsch, für eine Besprechung aller Assistenten, Michels (dem Priester) und der Responsablen/Verantwortlichen des Foyers, um die nächste Wo­che abzusprechen, aber auch zu schauen, wie es den einzelnen Bewohnern geht, wo viel­leicht Probleme existieren, um dann Lösungen und Wege zu finden, die für jeden Einzel­nen ein Wohlfühlen in der Gemeinschaft zum Ziel haben.

Und jeden Dienstag und Donnerstag nutzte ich die Zeit um zu meinem Französisch­kurs zu gehen. Das ist für mich immer toll, denn noch bin ich super motiviert Französisch zu lernen und es ist ja auch witzig, mal wieder zur Schule zu gehen.

Gegen Vier kommen dann alle aus dem Grain nach Hause und es gibt Goûter (Kaffeetrinken). Das ist eine sehr wichtige Zeit, weil man hier die Personnes das nächstemal nach dem Frühstück trifft und somit erfährt, ob sich die Laune geändert hat oder nicht. Alle Neuigkeiten werden ausgetauscht, wer wo und wer mit wem zusammengearbeitet hat. Das gibt schon mal ein ganz schönes durcheinander denn jeder will ja erzählen was er gemacht hat.

Später wird das Abendbrot vorbereitet, jede Personne hat einen festen Tag an dem sie hilft und so wird zusammen Gemüse für einen Salat geschnippelt oder die Reste aus dem Kühlschrank zu einem Auflauf gezaubert. Nach dem Abendbrot bleiben bis zur Nachtruhe noch eine gute Stunde, in der Spiele gespielt werden. Jeden Dienstag Abend ist ein Gebet bei dem auch gesungen wird und in der Adventszeit wurde jeden Abend der Adventskalender geöffnet, der ein Stück Schokolade und eine kleine Geschichte enthielt.

Gegen neun sind dann endlich alle schlafen gegangen und man hat mal Zeit für sich, zum entspannen, um andere Assistenten aus den anderen Foyers zu treffen, oder in die Stadt zu gehen.

Ich muss sagen, dass mir Brüssel, die Arche und mein neues Zuhause sehr gut gefallen. Ich habe das Gefühl durch meine Aufgaben hier sehr gewachsen zu sein, weil ich ein Stück Verantwortung trage, aber auch einfach durch das Zusammenleben eine andere Perspektive auf das Leben in einer Gemeinschaft und auf das Leben an sich bekommen habe. Es sind die kleinen Momente die mich hier superglücklich machen und mein Herz vor Freude springen lassen.

Doch ohne die fleißige Unterstützung von Euch/Ihnen wäre mir eine solche Erfahrung nicht möglich gewesen, deshalb an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Unterstützer.



Ich wünsche Euch/Ihnen fröhliche Weinachten und ein gesundes neues Jahr!


Ganz liebe Grüße sendet Euch/Ihnen eure/ihre Anne-Christin Reinhardt


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