Internationaler Christlicher Friedensdienst

In der Schule und der Zeit vor dem Abitur ging es um Leistung und Erfolg - hier geht es um Begegnung, um zwischenmenschliche Beziehungen und Gemeinschaft.

Hannah Nitschmann erzählt von ihren ersten drei Monaten in der Lebensgemeinschaft "Arche" nach Jean Vanier. (Dezember 2007)

 

Liebe Unterstützer/innen, liebe Freunde, liebe Verwandte und Bekannte, liebe EIRENIES und alle, die es noch werden wollen,


Jetzt stehe ich also vor der Herausforderung, die Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken der letzten drei Monate in Worte zu fassen und in einem übersichtlichen Rundbrief zu strukturieren. Keine leichte Aufgabe, aber am Besten fange ich einfach von vorne an:


Mein Dienst begann mit einem zweiwöchigen Vorbereitungsseminar von EIRENE(mehr Infos unter www.eirene.org), der Organisation, die mich während meines Dienstes begleitet. Mit sehr sympathischen Mitfreiwilligen erlebte ich eine Zeit der intensiven Vorbereitung, des Kennenlernens, eine sowohl fröhliche und ausgelassene Zeit, als auch eine Zeit mit besinnlichen und ruhigen Momenten, in der ich mich mit dem bevorstehenden Jahr auseinander setzte. Die erste Woche verbrachten wir in Neuwied, wo sich die Geschäftsstelle von EIRENE befindet. Wir lernten EIRENE, die Mitarbeiter und Strukturen besser kennen und ich hatte zunehmend das Gefühl, sehr gut aufgehoben zu sein. Die zweite Woche verbrachten wir in Odernheim am Glan. Das Wetter hätte besser sein können, aber wir ließen uns den morgendlichen Sprung in den Fluss, das Kanufahren und Wandern nicht nehmen.

Inhaltlich beschäftigten wir uns auf dem Seminar unter anderem mit den Themen Entwicklungszusammenarbeit, interkulturelles Lernen,Vorurteile, mit möglichen Konflikten im Projektalltag, aber auch viel mit uns selbst, unserem Lebensweg, unseren Zielen, der Motivation und der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die Einheiten waren mit Hilfe unterschiedlicher Methoden (Planspiele, Rollenspiele, Gruppenarbeit etc.) sehr abwechslungsreich gestaltet und liebevoll vorbereitet und umgesetzt.

Ich fand es faszinierend, wie aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen eine Gruppe zusammenwuchs und eine vertraute Atmosphäre entstand, in der man sich in dieser kurzen Zeit doch relativ gut kennen und schätzen lernte.

An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an EIRENE, die Teamer und alle Teilnehmer!


Nach diesem sehr gelungenen Start, verbrachte ich noch eine Nacht zu Hause, bevor ich mit einem vollgepackten Auto, von meiner Mama begleitet, nach Namur fuhr. Ich war gespannt und wollte, vom Ausreisekurs zusätzlich motiviert, in mein Projekt starten, das „Abenteuer Arche“ beginnen.


Mein Projekt, das ist die Archegemeinschaft in Namur. Ich möchte zuerst versuchen, das Konzept der Arche im Allgemeinen kurz zu erläutern: Die Arche ist eine Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne geistiger Behinderung. Viele Menschen mit geistiger Behinderung (im Archevokabular „Personen“ genannt) haben keine Familie- oder keine, die ihnen die Begleitung geben kann, die sie brauchen. Sie haben oft mehrere Einrichtungen erlebt und suchen einen Ort, wo sie zu Hause sein können. Die Arche möchte so ein Ort sein, sie möchte Menschen mit einer geistigen Behinderung „mit an Bord“ nehmen, ihnen einen Platz geben und sie davor beschützen, in unserer Leistungsgesellschaft unter zu gehen. Für mich steht das Symbol der Arche(in Anlehnung an die Arche Noahs) auch für Vielfalt, für Unterschiede und trotzdem für Gemeinschaft. In den Foyers(=Häusern) der Arche leben Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und ihrer ganz persönlichen Geschichte zusammen und ergänzen sich mit ihren Stärken und Schwächen zu einem Miteinander, zu einem Ganzen.



Die Arche ist sich bewusst, dass sie nicht alle Menschen mit einer geistigen Behinderung aufnehmen kann. Sie ist keine Lösung, sondern möchte ein Zeichen sein, ein Zeichen dafür, dass eine wahrhaft menschliche Gesellschaft auf der Annahme und der Achtung ihren ärmsten und schwächsten Gliedern gegenüber gegründet sein muss.“

(aus der Charta der Gemeinschaften der Arche)


1964 entstand das erste Haus der Arche: Jean Vanier nahm zwei geistig behinderte Männer in ein kleines Haus in Trosly-Breuil auf, einem Dörfchen bei Compiègne in Frankreich.

Von dieser ersten Gemeinschaft aus, die in Frankreich und in der römisch-katholischen Tradition entstanden war, entwickelten sich viele weitere Gemeinschaften in jeweils sehr verschiedenen religiösen und kulturellen Umfeldern. Mittlerweile gibt es 131 Arche-Gemeinschaften in 34 Ländern auf allen Kontinenten.

Jean Vanier habe ich bereits auf einem Seminar kennen gelernt. Er hat mich beeindruckt mit seiner Art, mit den Personen umzugehen, seiner Gabe, mit einfachen Worten sowohl behinderte als auch nicht behinderte Teilnehmer zu erreichen und seiner Erscheinung, die Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt.



Nun aber zur Archegemeinschaft Namur, die aus zwei Foyers und einer Behindertenwerkstatt, wo ich den halben Tag verbringe, besteht. «Le Tournesol»(die Sonnenblume) ist der Name meines Foyers und nun schon seit 3 Monaten mein Zuhause. Ich lebe hier mit sechs Personen(Rita, Natalie, Viviane, Arsène, David und Noёl) zwischen Mitte 20 und Mitte 50 Jahren und der Verantwortlichen des Foyers, Martine. Und so sitze ich hier gerade, Laptop auf dem Schoß, in meinem kleinen Zimmer, das ich mir mit persönlichen Dingen gemütlich eingerichtet habe und in dem ich mich sehr wohl fühle. Das Haus ist allgemein sehr hell und freundlich und die Farben der Einrichtung erinnern tatsächlich an eine Sonnenblume unter blauem Himmel... Wir haben einen kleinen Garten und sogar einige Hühner- ein Haus wie jedes Andere, gut integriert in die Nachbarschaft, in der Rue des Anges (Straße der Engel) in Bouge, einem Vorort von Namur.

Und was genau ist jetzt meine Aufgabe im Foyer, was ist meine „Arbeit“ dort? Ja, das hab ich mich anfangs auch gefragt. Es fiel mir nicht ganz leicht, meinen Platz im Foyer zu finden. Aufgaben, die erledigt werden müssen, um einen Haushalt am Laufen zu halten, sind verteilt. Freunde des Foyers kommen, um zu putzen und zu bügeln, meine Verantwortliche macht die Wäsche, kauft ein und kocht. Das Auto ist nur auf sie versichert, das heißt die Fahrten fallen auch in ihren Aufgabenbereich. Die Personen haben auch ihre festen Aufgaben im Haushalt und ich bewegte mich anfangs ganz vorsichtig, auf der Suche nach Aufgaben, die ich übernehmen kann, ohne einen Platz streitig zu machen(, was ich in dem Fall dann auch ganz schnell zu spüren bekam). Martine hält die Fäden in der Hand, hat die Verantwortung inne und lebt den gewohnten Rhythmus, der sich über Jahre im Foyer etabliert und bewährt hat. Sie ist unheimlich wertvoll für die Personen und das Foyer. Sie teilt sich sogar mit einer Person ihr Zimmer und steckt all ihre Energie und unermüdliche Motivation in die Arche. Sie ist seit 15 Jahren die Konstante für die Personen, an die sie sich wenden. Sie können sich im gewohnten Umfeld entwickeln, ohne sich an ständig wechselnde Mitarbeiter zu gewöhnen, die ihre Vorstellungen umsetzen und Regeln verändern oder neu aufstellen. Auch dank dieser Tatsache sind die Personen im Tournesol sehr selbstständig und auf den ersten Blick in ihrem Zuhause kaum auf Hilfe angewiesen.

Diese eingespielte Routine vermittelt(e) mir den Eindruck, Gast zu sein, akzeptiert und angenommen, aber ich sah keine Möglichkeiten auch eigene Vorstellungen und Ideen einzubringen, mich in einer gewissen Weise im Foyer zu verwirklichen.

Martine ließ mir lange Zeit mich einzuleben und mich an alles zu gewöhnen, schonte mich und so lebten wir etwas aneinander vorbei. Ich war auf der Suche nach Verantwortlichkeiten, sie machte alles selbst und teilte mir nur das Nötigste mit. «Etre avec» (dabei sein) schien meine „Aufgabe“ zu sein- für mich nicht ausreichend für ein ganzes Jahr.

Ich habe diesen letzten Absatz bewusst in der Vergangenheit verfasst, denn es hat sich zum Glück viel getan in den vergangenen drei Monaten. Ich habe meinen Platz im gegebenen Rahmen gefunden und fühle mich wirklich sehr wohl. Ich habe das Gefühl, nicht mehr austauschbar, sondern Teil des Tournesols zu sein. Ich habe mir eigene Zuständigkeiten erkämpft und kann mit Martine meine Vorschläge besprechen, für die sie offen ist. Sie bezieht mich in Entscheidungen mit ein, fragt mich nach meiner Meinung und überträgt mir Verantwortung.

Meine Mitbewohner habe ich ins Herz geschlossen und ich habe mittlerweile zu jedem Einzelnen einen Zugang gefunden und Spiele/Aktivitäten entdeckt, die ich mit ihnen machen kann. Da ich nicht wirklich an der Hausarbeit beteiligt bin, habe ich alle Zeit der Welt, mich mit den Personen zu beschäftigen- eigentlich eine tolle Stellung:-) Da hab ich nämlich wirklich meine Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten. Natürlich musste sich das auch erst entwickeln, brauchte Zeit und Vertrauen. Das Verhältnis zu den Personen und die Annäherung verlief ganz unterschiedlich. Es ist toll zu sehen, wie sich die Beziehungen entwickeln und ich genieße die vielen kleinen Gesten und Aufmerksamkeiten, die die Personen mir schenken und die mich bestätigen. Ich erlebe täglich Momente mit den Personen, die mir Freude bereiten. Selbst Arsène, der immer einen sehr lustlosen und teilnahmslosen Eindruck macht, kann ich mittlerweile zum Spielen animieren. Mit Viviane, die am selbstständigsten von den Personen in meinem Foyer ist und bis auf wenige Ausnahmen nicht zum Spielen zu haben ist, chatte ich im Internet, der neuesten Errungenschaft im Foyer. Der Pfarrer, der der Gemeinschaft sehr nahe steht, ist eigentlich ständig online und so diktiert sie mir, was sie ihm sagen möchte, und ich tippe alles ab. So bekomme ich ein bisschen mit, was sie so beschäftigt und verbringe Zeit mit ihr. Sie ist immer noch sehr skeptisch mir gegenüber, aber wir gehen täglich ein bisschen mehr aufeinander zu.

Diese Zeit hier ist eine unheimlich bereichernde zwischenmenschliche Erfahrung. Die Behinderung meiner Mitbewohner spielt im Alltag keine Rolle. Jeder ist wichtig, jeder hat seinen Platz und trägt zum Funktionieren des Foyers bei. Ich bin genauso auf die Personen angewiesen, auf ihre Zuneigung und Hilfe, um mich zurechtzufinden und wohl zu fühlen, wie sie in unterschiedlichen Situationen auf meine Hilfe angewiesen sind.

Ich finde es eine tolle Erfahrung, wie sich innerhalb so kurzer Zeit die Werte verschieben. In der Schule und der Zeit vor dem Abitur ging es um Leistung und Erfolg- hier geht es um Begegnung, um zwischenmenschliche Beziehungen und Gemeinschaft.

Ich spare mir eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Personen in meinem Foyer, weil ich irgendwie den Eindruck habe,sie damit ein wenig vorzuführen. Ich möchte aber trotzdem etwas konkreter werden und versuchen meinen Tagesablauf detaillierter zu beschreiben:

Den halben Tag verbringe ich im Atelier «le lumçon» (die Schnecke), der Werkstatt der Archegemeinschaft Namur. Dort arbeitet ein Teil der Personen meines Foyers, aber auch viele Personen, die bei ihren Eltern leben. Es arbeiten ca. 15-20 Personen im Atelier. Jede Person hat ihren individuellen Stundenplan, der auf seine/ihre Fähigkeiten abgestimmt ist. Es gibt verschiedene Aktivitäten, die von Assistenten angeleitet werden: Gartenarbeit, das Zubereiten des Mittagessens, «cannage»(das Beflechten von Stuhllehnen und Sitzflächen), «sous-traitance» (Zuliefererarbeiten für Fotografen, d.h. das Einrahmen und Eintüten von Fotos oder auch das Aufkleben von Etiketten/Adressen auf Einladungen und Hefte), «peinture sur soie»(Seidenmalerei) und Arbeiten mit Perlen, die verkauft werden. Es werden außerdem Aktivitäten wie Schwimmen, Musik und Reittherapie angeboten. Es ist schön zu sehen, wie stolz es die Personen macht, für einen Fotografen zu arbeiten oder Aufträge für Privatpersonen zu erledigen, die ihre Stühle zur Reparatur bringen.

Dienstags findet laut Stundenplan die Mitarbeiterbesprechung des Foyers statt. Aber eigentlich kommt das so gut wie nie vor. Der Tag hier ist fest strukturiert und durch Pausen eingeteilt. Den ersten Teil des Vormittags (bis 10:30 Uhr) hab ich also theoretisch eine Besprechung, praktisch verbringe ich ihn im Atelier, wo ich mit einem Mitarbeiter und den Personen die Einkäufe fürs Mittagessen mache. Ich bin mittlerweile für den Nachtisch zuständig, das heißt ich habe meinen eigenen Einkaufskorb und suche mit einzelnen Personen die Zutaten zusammen. Das Essen soll ausgewogen sein und so steht für diesen Tag immer Kuchen auf dem Speiseplan. Ich habe zu Hause eigentlich nie Kuchen gebacken, aber dankbar für jede Verantwortung, die mir übertragen wird, mache ich nun (mit praktischen Tipps per SMS von meiner Mama) den Nachtisch. Das ist ein tolles Gefühl zu sehen, wie die Personen stolz den Kuchen verteilen, den sie mit mir gebacken haben. Meistens können wir auch stolz darauf sein:-), denn bisher ist nichts angebrannt und es war genug für alle da. Bis zum Mittagessen (12:30 Uhr) helfe ich dann, wenn der Nachtisch fertig ist, beim Zubereiten der Hauptspeise. Nach dem Essen räume ich die Küche mit auf und wenn es dann nichts Konkretes mehr für mich zu tun gibt, schwinge ich mich aufs Rad und fahre zurück ins Foyer.

Das Lumçon liegt am anderen Ende der Stadt und die Strecke entlang der Sambre und der Meuse ist echt schön und ich kann beim Radfahren gut abschalten. Im Foyer angekommen, bereite ich den Nachmittagstee/kaffee vor, der auch fester Bestandteil der Tagesstruktur ist und empfange Natalie und David, die in anderen Ateliers arbeiten und früher nach Hause kommen. Nach dem Kaffeetrinken gehen die Personen meistens auf ihr Zimmer. Wenn der/die ein oder andere Lust hat zu bleiben, biete ich an, mit ihnen zu spielen oder zu malen. Ansonsten erledige ich,was im Foyer anfällt- es gibt eigentlich doch immer was zu tun, man muss nur den Blick dafür bekommen.

Dienstags kommt immer eine befreundete Familie des Foyers zum Abendessen. Mit den Kindern kommt noch mehr Leben ins Haus.

Um 18:30Uhr essen wir zu Abend. Ich genieße es, in der Arche immer in einer großen Runde zu essen, davor gemeinsam zu singen und danach gemeinsam den Abwasch zu machen.

Dienstags ist es schon zur Tradition geworden mit den Eltern und meiner Verantwortlichen noch eine Runde «Blokus» zu spielen, ein Gesellschaftsspiel, das sich hier großer Beliebtheit erfreut. Danach sitze ich entweder mit den Personen vor dem Fernseher, wir reden, spielen oder erledigen, was im Haushalt noch anfällt. Ich kann mittlerweile auch entspannen, wenn ich die Abende (strickend) im Gemeinschaftsraum verbringe und genieße die vertraut-gemütliche Atmosphäre. So um ca 21:30 gehen die Personen dann alle ins Bett. Ich begleite David jeden Abend (und jeden Morgen), um sicherzugehen, dass er sich auch ordentlich bzw. überhaupt die Zähne putzt und nicht Fußcreme auf die Bürste schmiert(ist alles schon vorgekommen), behandele die Warzen von Noël (wie auch an jedem Morgen) und verbringe vor dem Schlafengehen noch eine Stunde in Ruhe auf meinem Zimmer. Diese Stunde vergeht im Handumdrehen und manchmal fehlt mir die Zeit für mich etwas.

Jeden Mittwoch findet morgens der Französichkurs bei Cécile, einer Freundin der Gemeinschaft statt. Mit Carla, meiner Mitfreiwilligen, die im Bartrès, dem anderen Foyer (ca. 5 km entfernt), arbeitet, sind diese 1 ½ Stunden eine kleine Insel im Alltag. Es macht mir total viel Spaß und ich lerne viel dazu. Cécile macht das auf freiwilliger Basis und ist total motiviert uns weiter zu bringen. Carla spricht schon viel besser Französisch, aber Cécile schafft es, den Unterricht so zu gestalten, dass wir beide etwas dazulernen. Wir machen Einheiten zu Grammatik, Landeskunde (Geschichte der belgischen Pralinen;-) ) und haben schon «Monsieur Ibrahim et les Fleurs du Coran» gelesen und gemeinsam besprochen.

Bevor wir zum Mittagessen im Atelier sein müssen, gehen Carla und ich meisten noch ein bisschen in die Stadt. In Namur gibt es ganz viele schnuckelig-gemütliche Cafés und Teestuben, einfach zum Wohlfühlen und Abschalten. Mit Carla verstehe ich mich total super, was unheimlich viel wert ist! Es tut gut, sich mit jemandem austauschen zu können, der die Leute kennt und sich in einer ähnlichen Situation befindet. Wir bummeln, gehen Kaffeetrinken, reden und lachen, vergessen für kurze Zeit die Arche und tun UNS was Gutes. Das vergisst man hier oft, denn das Projekt ist schon sehr einnehmend. Aber zum Glück gibt es diese Stunden mit Carla!

Nach dem Mittagessen begleite ich die Personen entweder zur Reittherapie oder arbeite mit ihnen bei der Sous-Traitance- da wechsele ich mich mit Carla ab. Die Zuliefererarbeiten leiten wir mittlerweile alleine an. Es ist schön zu sehen, dass uns Freiwilligen zunehmend mehr zugetraut wird.

Alle zwei Wochen findet abends im Foyer eine Besprechung statt, in der alle Personen und Mitarbeiter sagen können, wie es ihnen im Foyer geht, was sie besonders toll fanden oder was sie stört. Ich persönlich habe diese Möglichkeit bisher aber erst einmal wahrgenommen, um ein Problem anzusprechen. Aber ich finde es immer spannend zu hören, was die Personen beschäftigt oder an was sie sich positiv erinnern.

Mittwoch abends hab ich frei und da ich das Auto nicht fahren darf, kommt mich Carla mit dem Auto ihres Foyers im Tournesol besuchen. Wir machen es uns auf meinem Zimmer gemütlich, kochen Schokopudding, hören Musik, reden oder gehen gelegentlich in die Stadt was trinken oder ins Kino.

Donnerstags hab ich vormittags eigentlich frei, aber da fahren wir mit dem Atelier zum Brotbacken und das ist immer total nett: jeder darf sich ein Lied wünschen, das beim Kneten gesungen wird und die Atmosphäre ist einfach schön. Mit Carla mache ich vorher einen kleinen Einkauf und wir bereiten seit kurzer Zeit mit einigen Personen den Nachtisch zu.

Nachmittags habe ich meine kleine Suppen-AG. Das heißt ich mache mit drei Personen den Einkauf und bereite die Suppe für den nächsten Tag zu. Auch Suppe hatte ich vorher nie gekocht, aber langsam bekomme ich ein Gespühr für das Verhältnis von Gemüse und Wasser. Ich werde hier also zur perfekten Hausfrau ausgebildet :-)

Abends begleite ich David, wenn er sein Bad nimmt. Ich wasche ihm die Haare und den Rücken und passe anschließend auf, dass er das Badezimmer wieder so verlässt, wie er es vorgefunden hat.

Jeden zweiten Donnerstag findet eine veillée(Messe) im Bartrès oder im Tournesol statt. Dazu ist die ganze Gemeinschaft eingeladen, also auch die Personen aus dem Atelier mit ihren Eltern und Freunde der Gemeinschaft. Ich mag die Atmosphäre und kann mich mittlerweile auch bei den Vorbereitungen einbringen.

Freitags mache ich den ersten Teil des Vormittags Sous-Traitance und den zweiten Teil helfe ich in der Küche. Nachmittags hab ich wieder bis 15:30 frei und bereite dann das Kaffeetrinken vor. In meiner freien Zeit räume ich mein Zimmer auf, putze es gelegentlich, schreibe Briefe oder Tagebuch, surfe im Internet, mache meine Hausaufgaben oder gehe joggen(leider viel zu selten). Mein „Mittagschläfle“ hab ich mir ganz abgewöhnt,- hört, hört!- denn dazu ist die freie Zeit einfach zu knapp und zu wertvoll.



So läuft im Groben meine Woche ab, aber doch irgendwie immer anders. Die Personen reagieren oft unerwartet und überraschend. Außerdem ist immer was los, es werden Feste vorbereitet und gefeiert, es kommen Freunde des Foyers zu Besuch- kurz es mangelt nie an Abwechslung. Manchmal verbringe ich auch einen Abend mit einer Person aus dem Tournesol im Bartrès. Es ist schön, dass mir das andere Foyer irgendwie auch schon vertraut ist.





Das Wochenende verläuft immer anders. Martine schüttelt irgendwelche Aktivitäten, Ideen oder Einladungen oder aus dem Ärmel. Wir sind also viel unterwegs, einen Tag am Meer, einen Ausflug in den Zoo, ins Kino, in die Stadt, zu Bekannten oder auf Feste anderer Gemeinschaften- wir sind irgendwie immer dabei:-). Ich bewundere Martine für ihre unermüdliche Unternehmungslust und Energie. Sie ergreift bei der Planung schon ziemlich die Initiative. Bis ich meinen Gedanken zu Ende gedacht habe, steht das Programm schon fest. Natürlich gibt es auch feste Bestandteile am Wochenende: Samstag morgens putze ich mit Rita ihr Zimmer, weil sie es sonst unter Wasser setzen würde, mache mit ihr und Natalie einen Spaziergang ins Altenheim, um eine Person zu besuchen, die früher im Atelier gearbeitet hat, danach ein kleiner Einkauf...

Sonntags gehen wir morgens zur Messe und danach gibt’s Pommes, eigens von Viviane zubereitet mit Fleisch. Jeden Sonntag das Selbe, ich wage auch nicht, diese Gewohnheit in Frage zu stellen. Aber ich nehme mir vor, meine Kochkünste für den Samstag häufiger anzubieten.



Und zu guter Letzt komme ich zu meiner Freizeit. Montag ist mein freier Tag, den ich mit Carla verbringe. Uns gehen die Ideen nicht aus, unsere Freizeit gemeinsam zu gestalten: Wir gehen regelmäßig schwimmen, spazieren, bummeln, Kaffee trinken :-) oder frühstücken ein ordentliches Vollkornbrot in einem der Foyers(das gibt es tatsächlich in einigen Supermärkten zu kaufen, also scheint es auch Belgier zu geben, die beim Frühstück gerne kauen!), picknicken auf der Zitadelle, verbringen einen Tag in Brüssel... Die Montage tun einfach gut und manchmal wünschte ich mir eine Woche voller Montage.

Wir haben uns die «carte sportive» besorgt, mit der wir das Sportangebot der Uni nutzen können: Wir gehen zum Yoga und zum Tanzen. Die Reihenfolge ist lustig- erst völlige Entspannung beim Yoga und danach Bewegung, laute, lebendige Musik und Auspowern beim Tanzen. Ich kann den Tanzstil gar nicht benennen, wohl so eine bunte Mischung und von außen bestimmt lustig anzusehen. Es macht auf alle Fälle richtig Spaß und es tut gut, junge Leute zu treffen, die mit den Begriffen „Arche“, „Foyer“ und „Personen“ nichts anfangen können. Ich genieße es, ein junger Mensch unter vielen zu sein, raus zu kommen und einfach etwas Gutes für Körper und Seele:-) zu tun.

Nach dem Tanzkurs müssen wir den „Nachtbus“ (23:15 Uhr) nehmen, um ins Foyer zu kommen. Die Busverbindung zu den Foyers ist echt schlecht. Ab 20 Uhr enden die regulären Fahrten und von der Haltestelle, die der Nachtbus anfährt, muss ich auch noch einen halben Kilometer nach Hause laufen, aber das ist es mir wert.

Die Zeit bis der Bus kommt „überbrücken“ wir bei einem belgischen Bier in einer der Studentenkneipen.



Einmal im Monat habe ich ein Wochenende frei. Das Foyer ist geschlossen und die Personen fahren zu ihren Familien/Pflegefamilien/Bekannten, um den Kontakt zu pflegen. Einige Personen gehen ungern und würden es als ungerecht empfinden, wenn die Assistenten bleiben. Ich sehe es als tolle Möglichkeit, Abstand zu gewinnen und etwas vom Land zu sehen. Nach den Wochenenden in Brüssel, Paris oder an der belgischen Küste kann ich mit neuer Energie ins Projekt zurück!

Manchmal habe ich diese Pausen auch wirklich nötig, denn da steht es mir bis zur „Arche-Oberkante“: wenn Rita mal wieder „mein Zimmer aufräumt“, dabei meine Schuhe für nicht mehr gut genug befindet und weg wirft(sie wurden nie mehr gesehen) und ich Gegenstände, die auf dem Boden lagen im Mülleimer finde(na, wenigstens finde ich sie wieder!).Wenn Natalie mir zum 10ten Mal am Tag die Freundschaft kündigt, oder mich schon am Frühstückstisch beschimpft, wenn ich mit dem Namen meiner Vorgängerinnen angesprochen werde- dann brauche ich einfach Abstand. Diese Phasen kommen zum Glück selten vor und ich habe dann auch immer eine kleine Insel(freies Wochenende, Montage!!!) vor Augen.

An Weihnachten fahre ich zum ersten Mal zurück nach Hause. Ich habe mir das lange überlegt und bin jetzt auch sehr glücklich mit meiner Entscheidung, denn ich möchte diese Vorfreude nicht missen. Obwohl sich das Heimweh bisher sehr in Grenzen hielt. Irgendwie ist es zu Hause ja auch nicht mehr so, wie ich es verlassen habe, die meisten Freunde sind auf der Welt verstreut...Alles hat seine Zeit und ich möchte diese Erfahrungen hier nicht missen! Außerdem bekam ich ja auch schon Besuch aus der Heimat:-) Ich freue mich natürlich trotzdem riesig auf eine ruhige und geruhsame Woche mit meiner Familie und meinen Freunden, darauf, den eigenen Rhythmus zu leben, das zu tun (und zu essen-Vollkornbrot und Müsli!!!), worauf ich Lust habe.

Das Leben in einer Gemeinschaft fordert schon viele Kompromisse und die größte Herausforderung ist der morgendliche Konflikt den Kaffee mit CAMPINA Milch zu trinken (da blutet mein Greenpeace Herz) oder eben schwarz. Ich nehme mir vor, mir die Vokabeln anzueignen und das Thema mal anzusprechen, um das Tournesol zur gentechnikfreien Zone zu erklären- das bin ich meinen Idealen schon schuldig, nachdem ich diese halbherzige Mülltrennung schon mitmachen muss.

Außerdem nehme ich mir vor, meine Gitarre endlich aus der Ecke zu holen, meine Kenntnisse wieder aufzufrischen, um mit den Personen zu musizieren. David „spielt auch Gitarre“ uns so habe ich eine weitere Möglichkeit meinen Platz etwas auszugestalten.

Jawoll, das schreibe ich hier und jetzt in meinen Rundbrief, damit ich euch/Ihnen in drei Monaten einen Lagebericht schuldig bin!!!



In diesem Sinne wünsche ich euch/Ihnen eine schöne Adventszeit und ein geruhsames Weihnachtsfest! Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei meinem Förderkreis, der mir diese erfahrungsreiche und bereichernde Zeit mit all den großzügigen Spenden ermöglicht!!!!!!!!MERCI BEAUCOUP!



Hannah