Internationaler Christlicher Friedensdienst

„Ich fühle mich wohl in Brüssel und die Arbeit in dem Projekt bereitet mir viel Freude.“

Leonhard Ingenpaß macht seinen Freiwilligendienst in dem Projekt Bouillon de Cultures in Belgien und stellt uns seine Organisation in seinem Rundbrief vor. (Mai 2007)

Belgien, Brüssel, Schaerbeek:

Belgien ist in einen niederländisch sprechenden Part, Flandern und einen französischsprachigen Teil, Wallonie aufgeteilt. Daneben gibt es eine deutschsprachige Eupener Minderheit. Jede der Gemeinschaften kann über Kultur und Schulpolitik entscheiden. Die Regierungsform in Belgien ist eine parlamentarische Monarchie. Die Hauptstadtregion Brüssel ist offiziell zweisprachig. Bedingt durch den Sitz der EU ist Brüssel sehr international, sodass man auf den Straßen alle möglichen Sprachen aufschnappen kann. Brüssel besteht aus 19 Kommunen und zählt insgesamt etwas über 1 Million Einwohner. Mein Arbeitsplatz sowie meine Wohnung befinden sich in Schaerbeek. Mit einer Fläche von rund 8 km² und 110.000 Bewohnern hat dieser Stadtteil von Brüssel eine hohe Bevölkerungsdichte. Schaerbeek zeichnet sich überdies durch die höchste Dichte an Einwanderern innerhalb Europas aus. Geht man die Straßenblocks meines Projektes entlang, könnte man denken, man wäre in Ankara oder Istanbul. Männer mit langen Bärten, die man schon um 10 Uhr morgens bei Minztee oder Kaffee beobachten kann; Händler, die ihre Ware auf französisch und türkisch anpreisen, waren meine ersten Eindrücke. Ein paar Häuserzeilen weiter wohnen viele Marokkaner und nicht weit entfernt, findet man das schwarzafrikanische Viertel.

Bouillon de Cultures – Mein Arbeitgeber

Die Assoziation, für die ich hier in Brüssel arbeite, heißt „Bouillon de Cultures“, was umgangssprachlich übersetzt für „Kultursuppe“ steht. Das Bouillon befindet sich in der Rue Philomene 41 in einer alten Grundschule. Die Organisation hat ca. 25 Angestellte, von denen wiederum ca. die Hälfte einen Immigrantenhintergrund haben. Bouillon ist somit ein Beispiel für interkulturelle Zusammenarbeit. Zielsetzung des Projektes ist es, Kinder und Jugendliche schulisch zu fördern, um ihnen so einen späteren Schulabschluss zu ermöglichen. Dabei beschränkt sich die Förderung nicht nur auf Schulkinder, sondern bezieht auch die Jüngeren mit ein, deren Entwicklung in ihrem häuslichen Umfeld nicht immer gegeben ist. Die pädagogische Herangehensweise der Förderung entspricht dabei vielfach nicht der typischen islamischen Rollenverteilung. Ca. 95% der Besucher unserer Einrichtung sind türkischer oder marokkanischer Herkunft. Das bedeutet, dass die meisten Jugendlichen durch ihr islamisches Elternhaus geprägt sind. Bouillon de Cultures ist bemüht, einen dynamischen Austausch zwischen der belgischen und der arabischen/islamischen Kultur zu ermöglichen, mit dem Ziel einer besseren Integration der Zuwanderer.

Täglich besuchen ca. 120-140 Personen unser Projekt und nehmen die Angebote der vier verschiedenen Bereiche wahr. Zum einen gibt es den Sektor „Aurora“ für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Das Programm dieses Bereiches besteht aus der Hausaufgabenhilfe. Ein großes Problem besteht darin, dass Kinder im Grundschulalter oft noch nicht einmal die französische Sprache beherrschen. Daraus resultierend kommt der Hausaufgabenhilfe eine größere Bedeutung zu als die bloße Korrektur von Mathematikaufgaben. Nach der Hausaufgabenhilfe bietet das „Atélier creatives“ die Möglichkeit, zu malen und zu basteln und einmal in der Woche eine „Animation Sportif“, in der es sportlich zugeht. In den Ferien werden besondere Aktivitäten wie Kino - oder Zoobesuche angeboten. Durchschnittlich 60 Kinder nehmen dieses Angebot wahr.

Der Sektor für Jugendliche im Alter zwischen 12 und 15 Jahren heißt „Action Josephat“ und besteht aus „@toutspossible“ einer „Ècole des devoirs“ also Hausaufgabenhilfe und dem „Maison des jeunes“ einem Jugendzentrum. Im „@toutspossible“ sind mehr als 40 Jugendliche eingeschrieben, von denen abhängig von Jahreszeit und Wetter mehr oder weniger Jugendliche das Angebot wahrnehmen. Zum Team gehören in diesem Bereich 3 fest angestellte Mitarbeiter und einige freiwillige Kräfte, die sich in Gruppen sowie face á face um die Jugendlichen bemühen. Das „Maison de Jeunes“ bietet einen Raum, ausgestattet mit Kicker, Billardtisch und einigen Sofas, in dem sich die Jugendlichen aufhalten können. Daneben werden verschiedene „Atéliers“ angeboten, wie z.B. ein Fussballverein, eine Theatergruppe, ein Circus Atélier oder ähnliches. In der Ferienzeit sind, wie auch im „Aurora“, Aktivitäten wie Kino oder auch mehrtätige Ausflüge, wie zum Beispiel in die Ardennen im Programm.

Die „Groupe d'entraide scolaire“ - GES ist ein weiterer Sektor von „Boullion de Cultures“. Dieser Bereich beschäftigt sich mit allen Jugendlichen, die älter als 16 Jahre sind. Aufgabe dieses Bereiches ist die Hausaufgabenhilfe /Lernhilfe. Die Gruppe der Jugendlichen, die GES besuchen, ist vielschichtiger als die der anderen Gruppen. Es gibt sowohl Jugendliche, die sich auf ihren Schulabschluss vorbereiten, als auch Schüler, die für Aufnahmetests auf weiterführenden Schulen (Berufsschulen / FH / UNI ) vorbereitet werden. Der gute Ruf des GES ist über unserem Viertel hinaus bekannt. Dies ist nicht zuletzt auf die herausragenden Qualifikation der Mitarbeiter und ihr hohes Engagement zurückzuführen. Zwei fest angestellte Mitarbeiter und nahezu 15 Freiwillige bemühen sich um die Besucher der Einrichtung. Das Angebot der GES wird durch einen Informatikraum abgerundet, in dem die Jugendlichen die Möglichkeit haben, im Internet zu surfen. Außerdem werden auch hier Ausflüge angeboten.

Das Restaurant „Sesame“ ist der letzte der 4 großen Sektoren von Boullion de Cultures. Es ist ein non- profit Restaurant. Das Restaurant beschäftigt teilweise Mitarbeiter mit einem schwierigen sozialen Hintergrund. Die Arbeit in dem Restaurant ist für viele das Sprungbrett für den richtigen Arbeitsmarkt. Das Restaurant „Sesame“ versteht sich als ein interkultureller Treffpunkt, in dem in einer ungezwungen Atmosphäre über Politik und Familie diskutiert wird.

Meine Aufgaben

Neben den vielen Möglichkeiten, mich direkt an den Projekten von Bouillon de Cultures zu beteiligen, warten auf mich einige Jobs hinter den Kulissen. Regelmäßig arbeite ich mit S. dem Hausmeister und helfe ihm bei kleineren oder größeren Aufgaben oder ich sitze im Sekretariat und falte mit der immer gut gelaunten F. Briefe. An den Nachmittagen bin ich häufig im Maison de Jeunes anzutreffen. Auch war ich mit den Jugendlichen von Action Josephat auf einer viertägigen Freizeit in den Ardennen in der Nähe von Spa. Ansonsten bin ich nachmittags häufig bei GES und gebe Englisch oder Deutschnachhilfe. Dort habe ich bereits einen festen Kreis von Jugendlichen, die mich regelmäßig auf Hilfe und Unterstützung bei ihren Hausaufgaben ansprechen. Einen Großteil meiner Zeit habe ich im Restaurant „Sesame“ gearbeitet. Die Arbeit in der Küche und Umgang mit den Gästen bereitet mir viel Freude.

Abschließend noch einige Bemerkungen zum Projekt und seiner Finanzierung und wie euer Geld eingesetzt wird. Bouillon de Cultures hat in etwa 25 Mitarbeiter, überwiegend auf Teilzeitbasis beschäftigt, da vormittags die Kinder und Jugendlichen die Schule besuchen. Täglich besuchen durchschnittlich 75 Kinder und Jugendliche unser Projekt. Fast alle von ihnen sind eingeschrieben; ihr Kostenbeitrag liegt bei etwa 20 € pro Semester. Das Bouillon finanziert sich ansonsten überwiegend aus Spenden und Subventionen.

Zu guter Letzt danke ich euch für eure Unterstützung. Ich fühle mich wohl in Brüssel und die Arbeit in dem Projekt bereitet mir viel Freude. Schöne Grüße aus dem derzeit sonnigen Brüssel wünscht euch Euer Leonhard Ingenpass