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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen.
„Ich habe inzwischen das Gefühl, meinen Platz innerhalb des Büros gefunden zu haben“
Jutta Wieding macht einen Freiwilligendienst bei Climate Action Network Europe in Brüssel und gibt in ihrem zweiten Rundbrief einen Überblick über die verschiedenen Bereiche, an denen CAN Europe arbeitet. (April 2007)
Gut...und noch mehr!
Seit acht Monaten bin ich inzwischen in Brüssel. Schon wieder ist so viel Zeit vergangen, so viel hat sich geändert. Doch es sind Veränderungen, die zum Teil schwer in Worte zu fassen sind, weil es nicht nur die äußeren Umstände sind, die sich verändert haben, sondern mindestens genauso viele dieser Veränderungen sind Dinge, die ich anders sehe, als noch vor ein paar Monaten.
Home is where the heart lies?!
Eine der größten sichtbaren Veränderungen in meinem Leben ist der Umzug aus dem Wohnheim in ein Zimmer bei einer etwas merkwürdigen, aber liebenswürdigen älteren französischen Dame, die mit ihrem Mann zusammen hier in Brüssel dieses alte Künstlerhaus gefunden hat. Der Mann ist nicht mehr da, übrig geblieben sind jede Menge faszinierender Bilder und freie Zimmer, die sie vermietet. Dieses Haus ist ein Abenteuer: eine Haustür mit unzähligen Schlössern, die nie verriegelt sind, abbröckelnde Tapete, die mit Sicherheit schon viele Schicksale gesehen hat, der Geruch nach altem Haus. Ein Keller voller Zeug, eine Küche in der zwar drei Öfen stehen, aber nur der alte Gasherd funktioniert und ein Telefon, das an die Türklingel angeschlossen ist und zu jeder Tages- und Nachtzeit klingelt... Hier hause ich gemeinsam mit zwei Deutschen, von denen man ziemlich wenig sieht, dem netten Bosnier Vedran und der Schwedin Ossa, die unser Zusammenleben ein bisschen organisiert und der niemand glauben würde, dass sie schon 35 ist. Eine Umgebung, in der ich mich wohler fühle als in einem durch organisierten Wohnheim, mit einem komfortablen großen Zimmer und Abendessen pünktlich um 7 Uhr.
Manchmal ist es einfach Zeit, sich in etwas Neues, Unbekanntes und Unsicheres zu stürzen, auch wenn man nicht genau weiß, wo man landet: für mich war es ein Stückchen Freiheit, dass ich jeden Tag wieder genieße. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe liege ich auf unserem Dach, das ich zur Terasse umfunktioniert habe, genieße die Sonne und den Ausblick über die Dächerlandschaft und verwilderten Gärten rund um mich.
Klimawandel...bitte was?
Im letzten Rundbrief habe ich etwas über CAN als Netzwerk und über meine Arbeit im Besonderen geschrieben. Doch Klimawandel ist ein Begriff der sich, beim zweiten Mal hinschauen in verschiedene Bereiche aufteilt. Inzwischen wird mir bewusst, dass trotzdem alle wiederum untereinander im Zusammenhang stehen. Anhand meiner Arbeitskollegen möchte ich die verschiedenen Bereiche, an denen CAN Europe arbeitet kurz umreißen.
K. kommt aus Großbritannien (hat aber auch die amerikanische Staatsangehörigkeit, die sie jedoch durch ihren sehr britischen Akzent sehr gut versteckt) und arbeitet seit ungefähr einem Jahr bei CAN Europe. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Thema „Post 2012“ und nebenbei mit erneuerbaren Energien.
Nach 2012 – also nachdem das Kyoto Protokoll ausgelaufen ist, brauchen wir einen Anschlussvertrag. Und darüber sollten die Politiker möglichst bald anfangen nachzudenken, denn sonst besteht die Gefahr, dass zwischen beiden Verträgen eine Lücke entsteht, und dafür haben wir nach den Berechnungen des 4. Berichts des IPCC (International Panel on Climate Change – einer von der UN eingesetzten Gruppe von Wissenschaftlern, die Klimaforschung betreiben) keine Zeit mehr. Die UNFCCC (UN Klimarahmenkonferenz) ist die Konferenz auf der ein neuer Vertrag beschlossen werden muss. Dabei ist es CAN z.B. besonders wichtig, dass die USA sich diesmal ebenfalls verpflichten, ihre Emissionen innerhalb des international festgelegten Rahmens zu reduzieren, und das CDM (Clean Development Mechanism – dazu später noch eine ausführlichere Erklärung) aus dem Protokoll ausgeschlossen, oder möglichst gering gehalten wird.
Erneuerbare Energien ist ein weiteres wichtiges Thema, in dem es in diesem Jahr bereits einige erfreuliche Entwicklungen gegeben hat. Der EU-Umweltrat und der EU-Energierat haben sich geeinigt, dass innerhalb der EU bis 2020 20% der Energie aus erneuerbaren Energieressourcen gewonnen werden soll. Und wenn sich andere Länder ebenfalls vergleichbare Ziele setzen, dann sogar 30%. Eine der neusten Entwicklungen ist, dass Norwegen sich entschlossen hat, die „Herausforderung“ anzunehmen.
Das sieht also ziemlich viel versprechend aus. Ein „aber“ der NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) liegt darin, dass es nicht nur wichtig ist, erneuerbare Energien zu nutzen, sondern auch nachhaltige. Solarzellen und Windkraft sind nicht das Problem. Doch was ist zum Beispiel mit Ethanol? Wie viel Biomasse können wir anbauen, ohne die biologische Vielfalt, oder unseren Nahrungsmittelbedarf zu gefährden? Und dann gibt es noch ein Verfahren, das sich CCS (CO2 Capture and Storage – CO2 Abscheidung und Lagerung) nennt. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren, das angeblich „saubere Kohle“ hervorbringt. Dabei gibt es verschiedene Methoden mit denen CO2 aus der Kohle aufgefangen und entweder unter die Erde oder an den Grund des Ozeans gepumpt wird, um bis in alle Ewigkeiten dort zu lagern. Mit diesem Verfahren ist es möglich, Ölquellen effizienter zu nutzen; dafür wird CCS im Moment hauptsächlich genutzt. NGOs kritisieren, dass dieses Verfahren immer noch nicht genug erforscht ist. Wie lange ist z.B. „Bis in alle Ewigkeiten“? Doch viele behaupten, dass wir nicht in der Lage sind, CO2 ohne CCS genügend zu reduzieren, um gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Letzteres sind zwei Punkte, in denen sich selbst die NGOs untereinander nicht einig sind.
T. ist sowohl zweiter flämischer Belgier als auch zweiter Mann (sehr zur Freude meines Chefs) im Büro und arbeitet erst seit Mitte März bei uns. Er ist für ein Projekt zum EU ETS (Emissions Trading Scheme – Emissionshandelssystem) zuständig. Er ist auch Ansprechpartner für CDM (Clean Develoment Mechanism) und JI (Joint Implementation).
Um die Kyoto-Ziele möglichst kostengünstig erreichen zu können wurden drei sogenannte flexible Mechanis-men (Flex-Mechs) zur Senkung von CO2 eingeführt. 1. Emissionshandel, 2. einen Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (CDM) und 3. Gemein-schaftsreduktion (JI).
Das europäische Emissionshandelssystem ist unabhängig vom Kyoto-Protokoll eingesetzt worden, zwar als Mechnismus um die Ziele zu erreichen, aber auch um sicher zu gehen, dass außerhalb der internationalen Vereinbarungen Emissionsreduktionen in der EU gemacht werden. Das EU ETS ist in zwei Phasen zu je drei Jahren geplant, von denen die zweite 2008 beginnt. Das heißt, wir befinden uns gerade im letzten Jahr der ersten Phase und es gilt, das System zu überprüfen und die Ergebnisse auszuwerten. Auch hier sind sich die verschiedenen Organisationen nicht einig. Das System sieht vor, dass jeder Staat seinen Industrien so viele Emissionskredite zuspricht, wie ihnen zustehen. Letztes Jahr sind mysteriöser Weise viel zu viele Kredite verteilt worden, was zu einem Zusammenbrechen des Emissionsmarkts geführt hat. Ist das nun das Scheitern des Systems, oder nur ein Fehler, der auf Uner-fahrenheit zurückzuführen ist?
CAN-Europe vertritt die Meinung, dass es eher Letzteres ist und der Erfolg des Systems dazu beitragen könnte einen internationalen Emissionshandel zu etablieren.
Der „Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung“ ist ein weiterer Flex-Mech, bei dem ein Unternehmen in die CO2-Einsparung in einem anderen Entwicklungsland investiert. Wird das Projekt in einem Industrieland durch-geführt, heißt das ganze „Gemeinschaftsreduktion“ und bildet den 3. flexiblen Mechanismus, den das Kyoto Protokoll vorsieht. Die Regulationen für diese die letzten beiden sind ein essentieller Teil der Arbeit von NGOs, weil es wichtig ist, dass die Unternehmen tatsächlich in nachhaltige Entwicklung investieren, und nicht einfach ihre veralteten Technologien in Ländern bauen, in denen der Standard niedriger ist. Außerdem ist die Frage, in wie weit diese Mechanismen innerhalb des EU ETS als CO2 Einsparung eines Unternehmens anerkannt werden oder in wie fern diese Projekte zusätzlich zu den eigenen (domestischen) Einsparungen durchgeführt werden.
K. ist aus Trinidad, hat aber in Großbritannien studiert und lebt jetzt mit ihrem deutschen Mann seit drei Jahren hier in Brüssel. Sie ist unsere Informations- und Presse-Managerin. Beginnend im Mai wird sie anfangen, an einem Projekt zu Klimawandel und Entwicklung zu arbeiten.
Sie hilft mir außerdem bei der Betreuung des Jugendnetzwerks.
Mit K. arbeite ich sehr viel zusammen. Sie betreut die CAN Webseite, die Kontaktdatabase und unser Computersystem, ist für die Bücherei und die Archivierung von Publikationen und Dokumenten zuständig. Auch unser Newsletter „Hotspot“ wird von ihr zusammengestellt. Sie veröffentlicht Pressemitteilung und beantwortet die vielen Anfragen, die CAN bekommt, oder leitet sie weiter.
Klimawandel und Entwicklung wird ein immer wichtigeres Thema, weil gerade die ärmsten Gegenden dieser Welt als Erstes und am Schwersten von den Folgen von Klimawandel betroffen sind und das, obwohl sie sehr wenige Emissionen produzieren. Dabei haben diese Länder die geringsten Möglichkeiten, sich den Auswirkungen anzupassen. Bei Schwellenländern wie China und Indien ist die Frage, wie man verhindern kann, dass die CO2 Level weiter drastisch steigen, ohne dass man den wirtschaftlichen Aufstieg behindert.
M. ist Deutscher, lebt bereits seit fünf Jahren hier in Brüssel und ist Direktor von CAN-E. Er ist Spezialist für Emissionshandel, kennt sich aber in allen Themen rund um Klimawandel ziemlich gut aus. Er ist für Fundraising und die dafür notwendigen Berichte verantwortlich und trifft die Absprachen mit dem Vorstand. Sonst ist er für alles andere verantwortlich, und es gibt kaum etwas im Büro, auf das er nicht wenigstens einen Blick geworfen und sein „Okay“ gegeben hat. Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er auf Konferenzen und Seminaren überall in Europa – meistens bedeutet das entweder Deutschland oder Brüssel. Er wird häufig gebeten, Vorträge über die NGO Positionen zu halten. Ansonsten geht es darum, Präsenz zu zeigen und Stellung zu beziehen.
R. ist Belgierin und pendelt zwischen Antwerpen und Brüssel. Sie arbeitet nur Teilzeit, hätte aber bestimmt genug Arbeit für einen Vollzeitjob. Sie ist für unsere Finanzen zuständig und bereitet die Buchhaltung vor. Gleichzeitig ist sie zusammen mit M. für die Personal-einstellung und dergleichen verantwortlich und deshalb auch meine offizelle Ansprechpartnerin im Büro. Für sie gehe ich einkaufen und bringe die Rechnungen zum Buchhalter und mache dergleichen Botengänge.
Und ich... Ich habe inzwischen das Gefühl, meinen Platz innerhalb des Büros gefunden zu haben. Zwar nicht als vollwertige An-gestellte, wohl aber als vollwertige Kollegin. Meine Aufgabe sehe ich vor allem, da zu sein, wenn die anderen Hilfe brauchen. Aber zusätzlich habe ich die Kapaztät, die Arbeit zu machen, die gemacht werden muss, aber keine Priorität innerhalb des laufenden Arbeitsplans hat: die Umstruktrierung der Bibliothek, das Durchsehen der Akten, die Archivierung von Newsletters und den Briefen und Positions-papieren, die geschrieben werden.
Zusätzlich dazu hatte in der letzten Zeit immer wieder die Gelegenheit, mit an Treffen und Konferenzen teilzunehmen. Das ist immer ziemlich spannend. Ich war bei der Sitzung des Energierats im Parlament und habe dabei festgestellt, dass Politik eingentlich hinter verschlossenen Türen passiert und das, wo die Presse und das „Volk“ dabei sind, meist nur die abschließenden Prozesse sind. Ich war bei dem Treffen des UNEP, wo der zweite Bericht über die Aus-wirkungen von Klimawandel vom IPCC diskutiert wurde. Dabei habe ich gesehen, was passiert, wenn sämtliche UN Mitglieder und NGOs jede Zeile eines Berichts gutheißen müssen. Ich war bei NGO-Konferenzen und habe festgestellt, dass zwar alle gefährlichen Klimawandel verhindern wollen, aber dass es verschiedene Wege gibt, von denen sie meinen, dass sie ans Ziel führen. Ich war bei einer Pressekonferenz der Green 10 (einem Zusammen-schluss von 10 führenden Umwelt NGOs) und habe festgestellt, dass NGOs immer mehr wollen, als die Politiker tun. CAN-E hatte die erste Haupt-versammlung dieses Jahres und im Gegensatz zu der letzten konnte ich jetzt den Diskussionen folgen und sah viele Gesichter wieder, bzw. sah die Gesichter zu dem Haufen E-Mails, den ich mit einer Person ausgetauscht hatte.
Und natürlich das Climate Youth Network. Nächste Woche ist der McPlanet Kongress in Berlin, zu dem wor uns ursprünglich wieder alle treffen wollten. Bei der Oragnisation bin ich über viele Hindernisse gestolpert, die ich nicht vorhergesehen hatte: Visaprobleme, Uni-Examen, wechselnde Personen in Jugendgruppen... Trotzdem werden wir einen Workshop machen, bei dem wir die Arbeit des Jugendnetzwerks vorstellen und hoffentlich ein paar neue Jugendgruppen dazu bekommen. Ich freue mich schon sehr auf die Konferenz, denn das Programm zum Thema „Klima der Gerechtigkeit“ sieht sehr vielversprechend aus. Mit Workshops, Diskussionsrunden und einer großen Abschlussdemo.
Und sonst...
Zu Anfang des Jahres hatte ich eine lange Reihe von Dingen, die ich unbedingt machen wollte, wenn ich hier bin. Jetzt stelle ich fest, dass die Arbeit der Mittelpunkt meines Lebens ist und dass das auch gar nicht schlecht ist. Nur ein bisschen ungewohnt, da ich es gewöhnt bin immer einen übervollen Terminkalender zu haben. Inzwischen genieße ich es, mich viel mit all den Menschen auf ein Bier zu treffen, die ich in den vergangenen Monaten kennen gelernt habe und die mir so wichtig geworden sind. Ich habe eine protestantische Gemeinde gefunden, die ich sehr mag. Leider ist Sonntag morgens so schwer frei zu halten. Langsam aber sicher habe die wichtigsten Städte der Flanderns gesehen. Außerdem werden die Entdeckungsspaziergänge durch Brüssel immer mehr zu Exkursionen da der Radius des bekannten schon relativ weit reicht.
Wie geht es weiter?
Immer häufiger werde ich gefragt, wann man Dienst zu Ende wäre. Für mich ist das ein bisschen komisch, weil es mir erstens zeigt, dass tatsächlich schon mehr als die Hälfte meiner Zeit hier vorüber ist, aber auf der anderen Seite habe ich erstmal noch ein paar Monate, die hier noch sehr vielversprechend sind. Der Mai wird ein Reisemonat werden: Nach der Konferenz in Berlin werde ich zu dem Zwischenseminar von EIRENE in Süfrankreich fahren, um all die Freiwilligen aus „frankophonen“ Ländern, sprich: Belgien und Frankreich wiederzusehen und unsere Erfahrungen auszutauschen. Danach habe ich eune Woche Urlaub, um die den Aufenthalt im Süden ausnutzen zu können.
Liebe sommerliche Grüße aus Brüssel und vielen Dank an euch/Sie alle, die durch jegliche Art der Unterstützung dazu beitragen, dass diese Zeit hier so viele Erfahrungen und so viel Freude bringt! Auf ins letzte Quartal...
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