Internationaler Christlicher Friedensdienst

Ich bin glücklich! Die Begegnungen und Erfahrungen hier bereichern mich wirklich.

Dominik Jourdan gibt einen ausführlichen Einblick in sein Projekt Arche Namur in Belgien und seine Arbeit mit Menschen, die eine Behinderung haben. (Januar 2007)

Angefangen hat alles damit, dass ich mich zwischen Zivil- und Wehrdienst entscheiden musste. Irgendwo stieß ich dann auf die Möglichkeit einen Zivildienst im Ausland ableisten zu können. Offiziell nennt sich das dann zwar „Anderer Dienst im Ausland“ oder „Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland“ und unterscheidet sich in manchen Dingen vom regulären Zivildienst (Länge, Bezahlung...) aber es wird am Ende wie ein abgeleisteter Zivi anerkannt. Da ich mir schon länger vorgenommen hatte einmal etwas mehr von der Welt zu sehen als Bad Salzuflen und Möglichkeiten wie Schüleraustausch oder Auslandsschuljahr nicht genutzt habe oder nicht nutzen konnte, war das nun die Gelegenheit zuzuschlagen. Nun kann man aber nicht einfach in ein anderes Land gehen, dort für 9 Monate z. B. in einem Altenheim mithelfen und schwups... hat man seinen Zivi gemacht. Man braucht dafür eine sogenannte Entsendeorganisation. Und was macht diese Organisation? Na, sie entsendet... und zwar zu einer anderen Organisation im Ausland. Neben dem Herstellen des Kontakts gehört zum Entsenden aber auch die Betreuung und Beratung des Freiwilligen vor der Abreise, im Ausland und schließlich nach der Abreise (zumindest bei meiner Organisation) - mit allem was dazu gehört von Versicherung bis Taschengeld. Diesen Part übernimmt in meinem Fall netterweise die Friedensorganisation EIRENE (griech.= „Frieden“). EIRENE engagiert sich bereits seit knapp 50 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika und Lateinamerika. Seit 1980 entsendet EIRENE auch Freiwillige in die Industrieländer (West-Europa, USA und Kanada), hauptsächlich in Projekte mit sozial Benachteiligten und Randgruppen. So haben bereits über 1200 Freiwillige über EIRENE einen Freiwilligendienst im Ausland gemacht. Dank EIRENE begann mein Dienst mit einem superguten, zwei-wöchigen Ausreise-Seminar. Dort verbrachte ich mit ca. 20 anderen Freiwillige meine vorerst letzten Tage in Deutschland. Der „Ausreise-Kurs“ bot die Gelegenheit über mich und den bevorstehenden Auslands-Aufenthalt nachzudenken, aber auch einfach „nur“ 20 supernette und interessante Menschen kennenzulernen, mit ihnen zusammensitzen, zu reden, Spaß zu haben, Kanu zu fahren, Fußball und Theater zu spielen, zu musizieren.... Diese zwei Wochen waren sehr intensiv und bereits eine interessante Erfahrung. Beispiel: An einem Nachmittag + Abend in der 2. Woche haben wir uns in Gruppen von 4-5 Leuten zusammengesetzt und dann wurde einer nach dem anderen ausgewählt, dem die anderen aus seiner Gruppe ein Feedback gaben, wie z. B. „Wie war mein erster Eindruck von dir?“, „Was wird dir im Ausland meiner Meinung nach leicht fallen?“, „Auf welche Probleme könntest du stoßen?“ usw. Diese Einheit war für mich eine der interessantesten und intensivsten. Der „Ausgewählte“ durfte aber erst nachdem sich alle zu den verschiedenen Fragen geäußert hatten, selbst etwas dazu sagen. Am meisten beeindruckt hat mich, wie gut wir uns gegenseitig einschätzen konnten – nach nicht einmal 2 Wochen! Am Ende dieser zwei Wochen hatte sich eine richtige Gemeinschaft gebildet. So war es dann fast ein bisschen traurig, dass sich diese Gruppe vorerst wieder auflöste und in verschiedene Richtungen verteilt.

Gleichzeitig war aber auch schon die Vorfreude und die Neugier groß: Was erwartet mich in dem neuen Land, in dem neuen Projekt? (Alle die in einem Projekt innerhalb Europas sind, hatten bei dieser Frage schon einen kleinen Vorsprung, weil sie (wie ich auch) ihre Projekte schon einmal für 1-2 Wochen besucht hatten.) Wie komme ich mit den neuen Aufgaben zu Recht? Wie ist es im neuen Land auf sich allein gestellt zu sein (also ohne bekannte Gesichter, Freunde, Familie...)? Diese und weitere Fragen wollten beantwortet werden.

Als ich dann in Namur in Belgien ankam, wurde ich wie schon bei meinem Projektbesuch in der „Arche“ herzlich empfangen. Doch halt! Was ist das eigentlich genau, diese „Arche“? 1964 entschied sich ein Mann namens Jean Vanier (der Gründer der Arche, der sich übrigens noch bester Gesundheit erfreut und z. B. Seminare für Arche-Mitarbeiter leitet) gemeinsam mit Thomas Philippe und zwei Männern mit geistiger Behinderung in einem Haus in Trosly (Frankreich) zu leben. So entstand das erste „Foyer“ (Haus) der Arche und aus dieser kleinen Gemeinschaft entwickelten sich weltweit viele weitere Arche-Gemeinschaften. Heutzutage gibt es über 100 Archen in 24 Ländern (auch in Deutschland) auf allen fünf Kontinenten. Die Arche hat ihre Wurzeln in der katholischen Kirche, aber in ihr leben und arbeiten Menschen vieler verschiedener Konfessionen, Weltanschauungen und Nationalitäten. Finanziert werden die Gemeinschaften durch staatliche Mittel und Spenden. Das Prinzip der Arche ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung wie in einer Familie zusammen leben, sich gegenseitig helfen, den Haushalt schmeißen, Aktivitäten unternehmen, Feste feiern und, und, und...

Meine Arche in Namur besteht aus zwei Foyers und einem „centre de jour“ ( Behinderten-werkstatt). Das Foyer, in dem ich wohne, heißt „Bartrès“ und befindet sich in einem etwas dörflichen aber schönen Vorort Namurs ungefähr 10-15 Minuten mit Bus/Auto vom Zentrum entfernt. Das andere Foyer „Le Tournesol“ (= die Sonnenblume) liegt ebenfalls in einem Vorort Namurs und ist etwa genauso weit entfernt, was ich etwas schade finde, da so die beiden Foyers nicht viel gemeinsam unternehmen. Das „centre de jour“ mit dem Namen „Le Lumcon“ liegt noch mal in einer anderen Ecke Namurs (20 min Autofahrt von Bartrès). Dorthin geht ein Teil der „personnes“ (=Personen, wie die behinderten Menschen in der Arche genannt werden) aus den beiden Foyers, aber es kommen zusätzlich auch noch „personnes“ von außerhalb, die meist bei ihren Eltern wohnen. Im „Lumcon“ werden werktags von ca. 09.00 bis 15.30 Uhr verschiedene Aktivitäten angeboten. Täglich gibt es eine Gruppe die „cannage“ macht, eine Gruppe macht „sous-traitance“ und eine „cuisine“, dass heißt sie bereitet das Mittagessen in der Küche vor. Bei „cannage“ werden die Sitz- und Rückenflächen von alten Stühlen neu geflochten. Bei „sous-traitance“ (=Zuliefern) werden z. B. Fotos in Plastiktüten verpackt und zugeschweißt (im Auftrag verschiedener Fotogeschäfte Namurs) oder Adressen auf die regelmäßig erscheinende Zeitschrift der Arche Namur „La Colombe“ (Die Taube) aufgeklebt, die dann an alle Freunde der Arche, andere Arche-Foyers etc. versendet werden (und das sind nicht wenige Adressen!). Die Arbeit bei „sous-traitance“ hängt also davon ab, was gerade anliegt. Zusätzlich zu diesen Haupt-Aktivitäten wird ein Mal pro Woche Sport, Brotbacken, Reit- und Musiktherapie und 2 Mal pro Woche Schwimmbad angeboten. Außer Musiktherapie findet alles an anderen Orten statt, zu denen dann jeweils ein Teil der „personnes“ mit dem Bulli hinfährt. Im Lumcon arbeiten immer ca. 20 „personnes“ und um die fünf Assistenten, so werden die Menschen wie ich genannt, die in der Arche arbeiten. Ihr könnt euch also vorstellen, dass dort immer gut was los ist, was manchmal ermüdend und nervig, häufig aber auch sehr lustig sein kann. Außerdem sind fast immer 2-3 Praktikanten für ein paar Tage, 1-2 Wochen oder selten länger da und helfen mit - eigentlich müsste ich von Praktikantinnen sprechen, weil sie bisher bis auf zwei Ausnahmen alle weiblich waren. Diese Arbeit scheint beim männlichen Geschlecht nicht so beliebt zu sein. Aber so kann ich immerhin die Männerquote erhöhen. Der ständige Wechsel der Praktikanten ist einerseits schön, weil man so immer wieder neuen Menschen begegnet (ansonsten ist man nämlich, die meiste Zeit nur mit Menschen aus der Arche-Gemeinschaft zusammen), andererseits ist es aber auch schade, weil die Praktikanten dann wieder abhauen, wenn man sich gerade etwas besser kennenlernt.

So jetzt wisst ihr ein bisschen, was im Lumcon so vor sich geht, aber ihr wisst noch nichts über mein neues zu Hause hier in Belgien: Bartrès. Das Foyer Bartrès besteht seit 1979 und wurde in den 90er Jahren leicht umgebaut. Im Erdgeschoss befindet sich ein Wohn- und Esszimmer, eine Küche, ein Waschraum, ein Büro, ein Lagerraum (für Bettwäsche, Handtücher... und zum Einschließen der Süßigkeiten), eine Toilette und ein kleiner Gebetsraum, der in jedem Arche-Foyer vorhanden ist. Wir haben das Glück, das eine Assistentin bei uns ihr Klavier in diesem „oratoire“ stehen hat. So kann ich immer wenn ich Lust und Zeit habe (letzteres eher selten) ein bisschen auf den Tasten klimpern. In der 1. und 2. Etage findet man die Schlafzimmer und Bad bzw. Dusche und WC.

Mein Zimmer liegt auf der 2. Etage am Ende des Flurs, so dass ich immer ganz schön sprinten muss, wenn ich mal etwas vergessen habe. Ich habe wohl das speziellste Zimmer im Haus, da sich in der Mitte des Raumes aufgrund der Dachschräge eine kleine Treppe (3 Stufen) befindet, die nach unten führt. Die zweite Hälfte des Raumes liegt nämlich ca. 50 cm tiefer, was ja nicht weiter schlimm wäre... wenn nicht schlauerweise der Herr Konstrukteur die Heizung im oberen Teil des Zimmers installiert hätte... Und die Wärme steigt wohin? Richtig, nach oben! Da das Haus zusätzlich noch schlecht isoliert ist, habe ich zwei „Klimazonen“ in meinem Zimmer: Wenn ich reinkomme strömt mir die Wärme nur so entgegen und wenn ich die Treppe hinuntergehe frieren mir die Füße ab. Ratet mal wo mein Bett steht...

Nachdem ihr jetzt einigermaßen wisst, wie unser Haus aussieht, nun aber zu den Menschen, die hier wohnen: In Bartrès wohnen zur Zeit fest sieben Menschen, davon fünf mit Behinderung. Neben mir wohnt hier noch eine andere deutsche Assistentin. F. bleibt allerdings nur für 9 Monate, fährt also drei Monate eher als ich zurück nach Deutschland. Es ist schön, dass ich mit ihr jemanden in meinem Alter hier habe. Wenn Belgier dabei sind, reden wir in der Regel nur französisch, aber abends ermüdet vom langen Tag oder in der freien Zeit, tut es dann auch mal richtig gut sich in die Küche zu hocken und auf Deutsch einfach wild drauflos reden zu können ohne Überlegen zu müssen, wie jetzt noch mal diese Formulierung oder jenes Wort war. Mein Französisch reicht mittlerweile aus um mich mehr oder weniger gut zu verständigen und sich auch mal mit einem frankophonen Belgier länger unterhalten zu können. Allerdings ist es mir auch schon passiert, dass mir ein Mann am Bahnhofsschalter in Namur auf niederländisch geantwortet hat, weil er dachte ich wäre Flame (Bewohner Flanderns, nördliche Hälfte Belgiens, wo man niederländisch spricht).

Meine Etage teile ich mir in der Regel nur mit R. (die anderen beiden Zimmer auf der 2. Etage sind Gästezimmer). R. ist 30 Jahre alt und die „Person“ für die ich am stärksten zuständig bin, was hauptsächlich bedeutet, dass ich ihn mehrmals pro Woche ins Bett bringe. „Ins-Bett-bringen“ bedeutet darauf achten, dass er seine Zähne gründlich putzt, dass er sich ordentlich rasiert, Warzen an seinen Füssen behandeln und mit ihm die Kleidung für den nächsten Tag raussuchen. Was erst mal nicht weiter schwierig klingt hat mich gerade am Anfang eine Menge Nerven gekostet hat. R. hat Trisomie 21 und er hat eben so seine eigenen Strukturen und Vorstellungen, die einem Menschen ohne Behinderung nicht immer ganz logisch erscheinen. Bei R. kann und muss ich lernen Geduld zu haben. Er kann viele Dinge ohne Hilfe machen, aber macht die Dinge häufig umständlicher als es nötig wäre. Wenn ich ihn bitte, sich die Zähne zu putzen, setzt er sich vor den Schrank auf den Boden, holt aus seiner Reisetasche seine Kulturtasche, zaubert aus dieser erst mal Taschentücher, Shampoo etc. hervor und legt sie neben sich, bis er irgendwann Zahnbürste und Rasierer beisammen hat. Wenn ich dann sage, dass es doch einfacher wäre die Zahnbürste am Waschbecken zu lassen, antwortet er: „Non, ca va aller.“ (Nein, das geht schon.) Generell ist R. eher still und zurückhaltend, aber wenn er in seinem Zimmer ist, dreht er die Musik auf volle Lautstärke und singt lauthals mit... Immer wieder sehr lustig. =) Aber auch sonst kann es mit ihm lustig sein, wenn er mal wieder irgendwelchen Quatsch macht. Ansonsten ist er künstlerisch begabt. Seine Bilder wurden in Namur mit anderen Bilder zusammen ausgestellt und dann noch mal besonders ausgewählt und an einem anderen Ort mit den besten Bildern ausgestellt.

Neben R. wohnt bei uns noch eine andere Frau mit Trisomie 21. M. erinnert in manchen Dingen an Raph, ist aber charakterlich verschieden. Ich glaube, vor der Zeit hier hatte ich ein bisschen das Bild im Kopf, dass sich Menschen mit Behinderungen, besonders wenn es die gleiche ist, nicht so stark unterscheiden. Aber das entspricht ganz und gar nicht der Realität... Jeder mit dem ich hier zu tun habe, hat seine völlig eigene Persönlichkeit. M. ist leider recht launisch. So kann es mit ihr echt lustig sein, dann jagt sie einen durch Wohnzimmer und Küche und „beschimpft“ einen als „banane“ oder „patate“ (=Kartoffel) oder sie hält eine minutenlange „Festrede“ bei einer der vielen Feiern in der Arche. Wenn sie aber dagegen schlechte Laune hat, meckert sie die ganze Zeit und es ist sehr anstrengend mit ihr. Ihre große Leidenschaft ist ihr, wie sie es sagt, „truc“ (=Ding): Mandalas und Disney-Figuren zum Ausmalen. Beim Abendessen betont sie häufig: „Après, je vais faire mon truc.“ (Danach, mache ich aber mein „truc“). Obwohl sie nicht mehr so gut sieht, schafft sie es mit erstaunlicher Genauigkeit die Mandalas auszumalen.

J. ist keine „Person“ im eigentlichen Sinne. Er hat nämlich keine geistige Behinderung sondern eine psychische Störung. Er ist eher ein Einzelgänger und mag es nicht, wenn zu viele Menschen anwesend sind, besonders wenn es laut ist. Damit ist er also nicht unbedingt geschaffen für ein Leben in der Gemeinschaft, aber er möchte sie auch nicht verlassen. Tag für Tag leert er sämtliche Papierkörbe im Haus und spricht dabei leise vor sich hin. Auch steht er mitten in der Nacht auf, isst etwas und deckt den Frühstückstisch. Er regt sich sofort auf, sobald man ihn um etwas bittet oder auf etwas hinweist. Und er mag es überhaupt nicht, wenn jemand lacht. Das macht das Leben mit ihm natürlich auch nicht gerade leichter, weil er häufig direkt verbal dazwischen geht, betont, dass er Lachen nicht mag. Da das Foyer unter seiner Angst auch nicht leiden darf, ignorieren wir das entweder oder erklären ihm, dass ein Leben ohne Spaß und Lachen nicht vorstellbar ist für uns. Dann geht er meist nach draußen und raucht. All diese Dinge machen es nicht gerade leicht eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

E. ist die Älteste im Foyer. Sie hat auch keine geistige, aber eine körperliche Behinderung. Seit ihrer Geburt sind ihre Beine verformt, so dass sie mittlerweile nur noch mit Wägelchen laufen kann oder im Rollstuhl geschoben wird. Sie ist geistig noch recht fit, aber ihr Alter macht sich mehr und mehr bemerkbar. Seit ein paar Monaten beschwert sich häufig darüber wie schlecht es ihr geht und scheint am liebsten eine individuelle Rund-um-Betreuung zu wollen. Man kann sich aber auch gut mit ihr unterhalten, dann erzählt sie von früher und ist ein bisschen wie eine eigene Oma. Sie hat eine Freundin, die jeden Tag um die 5 Mal anruft (keine Übertreibung!). Das meiste was ich mitbekommen habe, waren 8 Anrufe von ihr. Manchmal ruft sie auch einfach nur an um dem Assistenten, den sie zufällig dran hat, einen Witz zu erzählen.

Schließlich wohnt hier noch P.. P. hat eine Krankheit, die seine Organe schneller altern lässt und er ist fast taub, so dass man mit ihm laut und deutlich sprechen muss, aber die Verständigung klappt meist ziemlich gut. Er ist relativ autonom. Wenn wir gemeinsam das Abendessen vorbereiten, macht er dann auch mal Dinge von sich aus, kümmert sich zum Beispiel um die Suppe. Mit ihm kann man auch viel Spaß haben, so hab ich auch schon mit ihm alleine ein paar Ausflüge gemacht, wie ein Volleyball- und Fußballspiel anschauen oder Spazieren gehen im Park.

Ansonsten arbeiten hier im Foyer noch meine „responsable“ (=Verantwortliche, also quasi die Chefin im Foyer) und drei andere fest angestellte Assistenten. Diese wohnen aber nicht im Foyer und kommen abwechselnd für einen Tag und/oder eine Nacht. Zusätzlich gibt es noch die sogenannten „Freunde des Foyers“, die meistens für ein Wochenende aushelfen oder sich um E. kümmern, an den Tagen, an denen sie nicht ins Lumcon geht.

So jetzt habt ihr hoffentlich einen kleinen Einblick gewonnen, mit wem ich hier lebe und arbeite. Doch wie sieht mein Leben eigentlich aus? Montags ist mein freier Tag. Meistens hat sich während der anderen Tage schon eine Menge angesammelt, die ich noch erledigen möchte (wie zum Beispiel diesen Rundbrief zu schreiben). Gleichzeitig versuche ich mich aber auch zu erholen, weil dies mein einziger kompletter freier Tag ist.

Dienstags beginnt mein Tag mit dem „lever“. „Lever“ bedeutet einen Teil der „personnes“ zu wecken, aber auch die Küche zu putzen und die Wäsche zu versorgen (waschen, aufhängen, zusammenlegen etc.). Nachdem alle „personnes“ bis auf E. weggefahren sind, beginnen wir unsere „réunion d’equipe“ (Meeting der festangestellten Assistenten). Direkt im Anschluss geht’s dann ins Lumcon zum Mittagessen und danach helfe ich bei der Musiktherapie. Um 16.00 Uhr ist mein Arbeitstag beendet und ich fahre entweder zum Foyer zurück oder gehe noch in die Innenstadt oder ins Internet-Café.

Mittwochs Vormittag fahren F. und ich zu unserem Französisch-Kurs und anschließend ins Lumcon. Nach dem Mittagessen arbeite ich bei „cannage“. Bevor der Winter begonnen hat, habe ich mittwochs nachmittags meist den Rasen gemäht, was gar nicht so einfach war, weil die Rasenfläche auf einem ziemlich steilen Abhang liegt. Das könnte nun die Zeit sein, sich etwas zu erholen, aber häufig liegt noch was an – von Wäsche waschen bis Geburtstagskarten basteln. Das „Ins-Bett-Bringen“ von Raph dauert meist mit allem drum und dran eine halbe, manchmal eine dreiviertel Stunde. Bis der oder die Letzte (meist Mary) im Bett ist, müssen wir dann im Wohnzimmer präsent sein. Das ist in der Regel gegen 22.00 Uhr. Um 15.30 Uhr beginnt dann meine ca. zwei-stündige Pause. Alle zwei Wochen haben wir vor dem Abendessen noch „réunion de foyer“. Das ist ein Meeting, bei dem jeder erzählt wie es ihm geht und was er in den letzten Tagen gemacht hat. Anwesend sind die „personnes“, die „responsable“, F., eine Psychologin und ich. Anschließend bereiten wir alle gemeinsam das Abendessen vor: Jeden Abend machen die anwesenden Assistenten mit den „personnes“ eine Suppe und einen Salat, es sei denn es sind noch Reste vom Vortag da. J. nimmt wie an den meisten Gemeinschaftsaktivitäten nicht teil, deckt aber dafür den Tisch, E. darf aufgrund ihres Alters im Sessel bleiben und M. ist meistens ziemlich in ihr „truc“ vertieft, so dass es alles andere als leicht ist, sie dazu zu bewegen mitzuhelfen. Und dann wird fleißig Gemüse geschnippelt... Das Essen beginnt immer mit J., der sich bekreuzigt und die Formel dazu zunächst auf französisch und danach auf niederländisch sagt. Wenn jemand „Neues“ anwesend ist, sagt er anschließend zur Erklärung, dass er aus dem zweisprachigen Brüssel kommt. Dann wird gemeinsam ein Lied gesungen. Nach dem Essen ist genauso fester täglicher Bestandteil der Abwasch. Nach dem Abwasch (gegen 19.45 Uhr) kann dann jeder machen, was er möchte, was bei M. natürlich bedeutet: Mandalas ausmalen. R. holt sich meist sein „Vier gewinnt“, mit dem er sich scheinbar stundenlang alleine beschäftigen kann, nur indem er die roten und die gelben Steine Spalte für Spalte in das Spiel steckt, oder er geht in sein Zimmer Musik hören. P. schmeißt meist die Glotze an und E. schaut mit oder döst vor sich hin.

Donnerstags fahre ich alle zwei Wochen vormittags zum Brotbacken mit dem Lumcon, ansonsten habe ich den Vormittag frei. Beim Brotbacken stellen sich alle um einen großen Tisch, mischen die Zutaten zusammen und dann wird der Teig geknetet. Währenddessen macht jeder reihum einen Liedvorschlag, den dann alle zusammen singen, das ist immer wieder sehr lustig. Wenn der Teig im Ofen ist, machen wir einen Spaziergang und wer möchte kann noch zu einer kleinen Messe gehen. Ab 16 Uhr fange ich dann wieder im Foyer an zu arbeiten.

Freitags mache ich wieder das „lever“ und fahre dann mit dem Lumcon ins Schwimmbad. Nach dem Mittagessen + Geschirr waschen/abtrocknen beginnt meine drei-stündige Pause und ab 17 Uhr arbeite ich wieder im Foyer.

Die Wochenenden laufen immer etwas unterschiedlich ab. Wer, wann seine Pause nimmt und wer, wann unten sein muss, sprechen wir unter den jeweils anwesenden Assistenten ab und hängt auch davon ab, welche Aktivitäten für das Wochenende geplant sind. Am Wochenende können die „Personen“ aufstehen wann sie wollen, außer E., für die jeden Morgen eine Krankenschwester kommt und sie wäscht und anzieht. Samstags vormittags putzen die „Personen“ ihre Zimmer und mit uns den Flur und das Bad.

Ein Wochenende im Monat habe ich frei, denn dann ist das Foyer geschlossen und alle müssen das Haus verlassen. Die „Personen“ gehen zu ihren eigenen Familien oder in sogenannte „familles d’accueil“ (=Empfangsfamilien).

Zum Schluss noch die große Frage: Wie geht es mir in der Arche? Zunächst einmal: Ich bin glücklich! Die Begegnungen und Erfahrungen hier bereichern mich wirklich. Es ist schön zu sehen, wie gut ich doch zurecht komme in einem Land, dessen Sprache ich nur teilweise beherrsche. Es macht Spaß mit Menschen mit Behinderungen zusammenzuarbeiten. Sie haben so eine offene und unbeschwerte Art. Wenn wir zusammen singen, dann singt auch (fast) jeder mit, egal wie schaurig-schön es klingt – und wenn man den Text nicht kennt, singt man eben irgendetwas. Auch lerne ich den Haushalt zu machen und Verantwortung zu übernehmen – von „Essen zubereiten für 8 Personen“ bis „nicht vergessen eine der Personen mit dem Auto abzuholen“. Was mich stört ist, dass ich es selten sofort schaffe, das zu erledigen, was ich mir vorgenommen habe. In den Pausen muss ich mich auch mal etwas hinlegen und abschalten und dann fällt es mir schwer mich dazu aufzuraffen etwas anderes zu tun. So habe ich auch meine Gitarre mitgenommen, um mir Gitarre spielen beizubringen, aber ich schaffe es zeitlich und von der Motivation einfach zu selten zu spielen, um wirklich voranzukommen. Um die freie Zeit effektiv zu nutzen, muss ich mich gut organisieren, mir genau überlegen, was ich machen will. Ich habe hier gelernt wie wertvoll Zeit sein kann und mir wurde bewusst, wie viel ich davon schon in früheren Jahren, als ich sie teilweise im Überfluss hatte, für unwichtige Dinge ver(sch)wendet habe. Es gibt auch mal Momente, in denen es keinen Spaß macht, superanstrengend ist, oder ich von Assistenten und/oder „personnes“ richtig genervt bin. Aber spätestens nach ein paar Stunden ist es dann wieder gut. Und schließlich kann ich auch aus den negativen Erfahrungen etwas mitnehmen.

Zum Schluss also noch mal ein dickes MERCI BEAUCOUP, denn ihr seid es, die mir diese Erfahrungen ermöglichen!

Viele Grüße, Euer Dominik