Internationaler Christlicher Friedensdienst

Freiwillig in einer kompakten Stadt

Daniel Bechstein beschreibt erste Eindrücke aus seinem Projekt in Brüssel (Dezember 2004)

Daniel Bechstein

Climate Action Network Europe

Brüssel, Belgien

Rundbrief Nr. 1

Frühjahr 2005


EVS Workshop

Am 29. August war es soweit. Am Morgen hieß es dann Abschied nehmen und ab in den Zug nach Mechelen. Von dort fuhr ein Bus in die kleine Ortschaft Sint-Katelijne-Waver, wo das EVS (= European Voluntary Service – Europäischer Freiwilligendienst = EFD) „Language and Orientation Camp“ von der flämischen Partnerorganisation durchgeführt wurde. In diesem Camp waren alle möglichen Freiwilligen, aus der ganzen Welt (z.B. Honduras, Costa Rica, Japan, Taiwan, Ägypten, Rumänien) vor allem jedoch EVS Freiwillige aus der erweiterten EU. Da alle im Camp sehr aufgeschlossen waren, sind wir schnell in Kontakt gekommen und haben uns gut verstanden. Auch nach dem Camp haben wir Kontakt gehalten und uns gegenseitig besucht.

Da das Seminar ein Camp war, war es natürlich klar, dass wir auch um diese Jahreszeit Zelten würden. Für diejenigen, die keine eigene Luftmatratze mitbringen konnten, sollte eine gestellt werden. Weil aber zu wenige da waren, wurde ich von den anderen beneidet, als ich mit einigen anderen nach drinnen in ein echtes Bett ziehen durfte. Die Mücken waren nur noch das einzige, was einem ruhigen Schlaf entgegenstand.

Ansonsten hat das Seminar jedoch sehr viel Spaß gebracht: es gab ein nicht all zu volles Programm mit genügend Freizeit zum Austausch untereinander.

Die offizielle Campsprache war Englisch, da wir aber alle im flämischen Teil Belgiens (und in Brüssel) eingesetzt wurden, gab es jeden Tag 3 Stunden einen Niederländischcrashkurs. Mir ist es, wie den meisten anderen Deutschen, jedoch weitestgehend leicht gefallen die elementaren Grundkenntnisse zu erwerben. Für viele (gerade aus dem nichteuropäischen Raum) war er nicht einfach, jedoch notwendig um sich später dann im meist niederländischsprachigen Projekt verständigen zu können.

Ich fand es schade, dass ich schon nach einer Woche wieder gehen musste, da sich das EVS Seminar und der Eirene Ausreisekurs zeitlich überschnitten, freute mich aber auch gleichzeitig auf das nächste Seminar.


Eirene Workshop – Ausreisekurs

Mit dem Zug am Mittag in Belgien wieder losgefahren, dauerte es noch ein paar Stunden bis ich über Brüssel und Köln in der Eirene Geschäftsstelle in Neuwied angekommen war. Dort wurde ich – wie auch schon im EVS Camp – von allen freundlich empfangen und wir konnten auch bald mit dem Abendessen anfangen. Eine Sache gefällt mir als Vegetarier bei Eirene Seminaren immer sehr gut – es gibt nur rein fleischlose Mahlzeiten. Dort habe ich auch meine „belgischen Kollegen“ (Lennart, Lynn, Rabea, Nicolas) kennen gelernt und mich mit ihnen sofort gut verstanden.

Im Gegensatz zum EVS Workshop war das Programm von Eirene etwas voller. Die gesamten zwei Wochen waren fast vollends von morgens bis abends durchgeplant, sodass jeder abends ziemlich k.o. war. Dadurch konnten wir zwar alle möglichen interessanten Themenblöcke durchnehmen, es fehlte jedoch schon etwas an Freizeit. Das besserte sich aber in der zweiten Woche etwas, als wir in die Bannmühle nach Staudernheim – einem Tagungshaus von Eirene Deutschland in einer ehemalige Mühle auf einem Bauernhof – umzogen. Dort hatten wir viel Spaß und haben auch die viel zu schnell anrückende Abschiedsparty gefeiert. Alles in allem war das Seminar interessant und die anderen Freiwilligen natürlich auch sehr nett sodass die zwei Wochen wie im Flug vergingen.

Angekommen in Brüssel

Nach einer Bahnfahrt von Staudernheim nach Berlin, einem Tag fürs packen und Wäsche waschen aller Sachen in Berlin und einer langen Autofahrt nach Brüssel war ich endlich angekommen. Durch ein gutes Timing (5 Minuten nach dem der einzige autofreie Sonntag 2004 in Brüssel vorbei war) bin ich ohne Stau und Verkehrschaos in die Stadt zu meiner Unterkunft – dem ICA – gekommen. Nun war ich also da in der Stadt in der ich ein Jahr meinen Europäischen Freiwilligendienst leisten sollte. Am nächsten Morgen ging es gleich zu meinem Projekt, wo ich erst einmal einen ganzen Berg angesammelte e-mails abarbeiten musste, da wir noch keinen Spam Filter haben. Am nächsten Tag ist meine Mutter mit dem Auto wieder nach Hause gefahren und ich war von nun an auf mich allein gestellt.

Viele neue Sachen mussten nun angeschafft werden, aber auch sonst gab es noch viel zu tun und zu klären.


Meine Wohngemeinschaft – die ICA

Das „Institute of Cultural Affairs“ ist nun mein neues zu Hause für das kommende Freiwilligenjahr. Es liegt fünf Minuten von meiner Arbeit entfernt im Stadtteil Saint Josse – am östlichen Rand des Zentrums Brüssels. Es ist eine Wohngemeinschaft in der zur Zeit etwas über 40 Leute aus der ganzen Welt leben, jedoch kein einziger Belgier. Unter den Bewohnern sind auch viele d.h. gut 10 Deutsche mit denen ich dann doch eher Deutsch spreche aber dadurch leider nicht mein Englisch verbessere. Jeder hat ein eigenes mehr oder weniger kleines Zimmer, wobei ich das Glück habe, zwei durch eine Tür verbundene dieser sehr kleinen Zimmer zu bewohnen.

Die meisten Residents im ICA arbeiten als Praktikant bei den EU-Institutionen, Lobbyverbänden oder Landesvertretungen. Da diese Praktika meistens nur ein paar Monate dauern, findet auch ein schneller Wechsel der Bewohner statt. Einerseits lernt man dadurch viele nette Leute kennen, andererseits gehen sie dann auch gerade wieder, wenn man sie etwas besser kennen gelernt hat. Die ICA hat auch einen Seminarraum und ein paar spezielle Zimmer, die für Bed & Breakfast Gäste vermietet werden.

Eine sehr gute Sache im ICA ist, dass jeden Abend von den Leitern der ICA (den Amerikanern Anna und Jim) gekocht wird. Vor allem Samstags zaubert Jim, der früher einmal Koch war, immer ein 3 Sterne Essen, was allen ausgezeichnet schmeckt. Auch durch weitere Aufgabenteilung (z.B. Küchendienst zweimal pro Woche und ein „space care“ – Sauberhalten eines bestimmten Bereiches – lässt sich sehr viel Zeit gegenüber einer eigenen Wohnung sparen, in der man alles selber machen müsste. Da das ICA nicht allzu weit vom Zentrum Brüssels entfernt ist (+/- 15-20 min), und Brüssel eine ziemlich kompakte Stadt ist, kann man fast überall (gesamte Innenstadt + Europaviertel = wichtigster Teil Brüssels) zu Fuß gehen. Ein weiterer Vorteil des ICAs ist eindeutig, dass man sehr viele Leute kennen lernt, die auch für eine begrenzte Zeit in Belgien leben und mit denen man auch viel unternehmen kann: manchmal gehen wir zusammen in die eine oder die andere Bar oder machen uns einen gemütlichen DVD bzw. Viedeoabend.



Mein Projekt – CAN-Europe

Seit dem 20. September bin ich schon Freiwilliger des Climate Action Networks – Europe. CAN-E ist eine 1989 gegründete NGO, die sich – als Dachverband verschiedener europäischer Umweltorganisationen – dem aktiven Klimaschutz (vor allem auf EU Ebene) widmet. Sie versucht Aktionen zu koordinieren und veröffentlicht neben Briefen an EU Funktionäre, Positionspapieren und Presseerklärungen auch den regelmäßig erscheinenden Newsletter Hotspot.

Neben mir und Klaas dem Praktikanten aus den Niederlanden gibt es noch fünf Hauptamtliche Mitarbeiter:


Im Büro sprechen wir eigentlich immer Englisch, sodass immer jeder verstehen kann, was gemeint ist. Meine Arbeit im Büro ist meist administrativer Natur. Zum einen bin ich für eingehende Post und e-mails zuständig. Das umfasst einerseits den Werbemüll (gerade die Flut von Spam emails) aus zu sortieren, andererseits aber auch Anfragen zu bearbeiten oder gegebenenfalls weiterzuleiten. Ich führe ebenfalls bei unseren wöchentlichen Büromeetings Protokoll, was in zweifacher Hinsicht gut für mein Englisch ist. Einerseits muss ich bei den meetings gut zuhören und das wesentliche aufschreiben, andererseits danach aus den Notizen ein stichpunktartiges Protokoll verfassen.

Da ich in mehreren internen Mailinglisten bin, bekomme ich auch sofort vieles über aktuelle Problematiken (z.B. über Neues von der Klimakonferenz COP 10) – aber auch Bewegungen, wie z.B. die russische Ratifizierung des Kyoto-Protokolls, mit.

Für mich gibt es auch immer etwas neues zu tun. Oft erledige ich auch Besorgungen für das Büro und schaue manchmal auch in anderen Büros von Umweltorganisationen vorbei. Seit Ende Oktober habe ich auch einen Parlamentspass, der mir während meines Aufenthalts hier in Brüssel Zutritt zum EU Parlament verschafft. Dieser wird vor allem ab nächstem Jahr wichtig, wenn ich ein eigenes kleines Projekt habe, z.B. an einem Bericht über erneuerbare Energien (Biomasse) arbeite, um mich mit Parlamentariern ohne größere Schwierigkeiten öfters im Parlament zu treffen.

Wenn ihr am Newsletter von CAN-Europe interessiert seit, könnt ihr ihn auf unserer Homepage (http://www.climnet.org/hotspot/hotspot.htm) ansehen.


Reisen in Belgien

In Belgien ist das Reisen mit der Bahn sehr günstig. Für 4,3 Euro kann man als Jugendlicher eine beliebige einfache Fahrt zu einer anderen belgischen Station bekommen. Davon habe ich schon ein paar mal profitiert, als ich mit anderen Freiwilligen die Nordseeküste, Antwerpen, Brügge und Luxemburg besucht habe oder in Gent unterwegs war. Da die Entfernungen in Belgien nicht sehr groß sind und Brüssel weitestgehend zentral liegt, kommt man in unter 3 Stunden überall hin.

Brüssel ist auch in Westeuropa ziemlich zentral gelegen, dass ich auch das eine oder andere mal Paris besuchen kann und ich vielleicht auch noch mal in London vorbei schaue.


Sprachen

In Belgien gibt es offiziell drei Landessprachen: Niederländisch, Französisch und Deutsch. Niederländisch oder auch Flämisch wird in Flandern (Nord-Belgien) gesprochen, im Süden (in der Wallonie) sprechen die Wallonen Französisch und in einem kleinen Teil um Eupen wird Deutsch gesprochen, da dieser Part nach dem Ersten Weltkrieg von den Deutschen an Belgien abgetreten wurde. Brüssel ist offiziell zweisprachig (französisch und niederländisch), aber durch die ganzen EU Institutionen geht hier alles noch etwas internationaler zu. Viele Leute sprechen ebenfalls gut Englisch, aber auch Deutsch ist hier weiter verbreitet als man ahnt.

Mittlerweile kann ich durch die tägliche Anwendung schon sehr gut Englisch sprechen, mein Französisch ist aber eher schlecht als recht. Da alle Sprachkurse dieses Jahr schon voll waren, werde ich nächstes Jahr einen Französischkurs an der Universität belegen.

Durch den Sprachkurs im EVS Seminar kann ich nun auch etwas niederländisch sprechen. Die niederländische Grammatik ist zwar weitestgehend mit der deutschen identisch, jedoch gibt es schon ein paar Unterschiede. Die meisten niederländischen Wörter sind zwar zu irgendeinem deutschen Wort ähnlich, so dass ich schnell etwas Niederländisch verstehen kann, jedoch ist das sprechen meist schwieriger, da man gerade die deutschen Wörter nur etwas niederländisch betont. Die Flamen wissen dann zwar meistens, was gemeint ist, ich lerne aber nicht wirklich Niederländisch.


Brüssel

Brüssel ist eine tolle Stadt. Gerade im Vergleich zu Berlin ist es sehr klein und kompakt. Man fast alles zu Fuß erreichen. Der Nachteil dabei ist, dass es nicht so viele Grünflächen und Gewässer gibt und die Stadt auch im allgemeinen etwas dreckiger ist, da alles sehr dicht bebaut ist. Etwas außerhalb sorgt jedoch auch ein kleiner Wald für Erholung. Brüssel ist auf jeden Fall sehr interessant, und man kann hier auch viel sehen und unternehmen.


Die anderen Eirene Freiwilligen in Belgien

Lennart wohnt bei mir direkt um die Ecke, gute 5 Minuten zu Fuß entfernt. Dadurch sehen wir uns recht häufig, schauen z.B. den einen oder anderen Film an oder testen eins der hunderten belgischen Biere im nahe gelegenen Biercircus. Er arbeitet in einem Projekt vor allem mit Kindern aus sozial schwachen Familien (meist marrokanische oder türkische Einwanderer) und betreut sie bei ihren Hausaufgaben oder unternimmt mit ihnen Aktivitäten.

Lynn, Nicolas und Rabea arbeiten in einer Arche mit geistig Behinderten. Rabea in Namur, die anderen beiden auch in Brüssel. Dort leben sie jeweils in einer großen Wohnung mit knapp 10 Behinderten zusammen und helfen ihnen bei allem, was sie nicht selber oder die Behinderten für einander tun können.

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