EIRENE aktuell
Stellungnahme zum Terroranschlag in den USA
Der Frieden kommt nicht mit Gewalt! Von oben nicht und nicht von selbst! (24. September 2001)
"Die Menschen haben fortwährend versucht, Gewalt und Krieg damit zu rechtfertigen, dass Selbstverteidigung unumgänglich sei. Man war sich über die Regel einig, dass der Gewalt des Angreifers nur durch die überlegene Gewalt des Verteidigers zu begegnen sei. So sind die Menschen weltweit in einen wahnwitzigen Rüstungswettlauf hineingeschlittert, und noch ist nicht abzusehen, wann der Tag kommen wird, das Schwert mit dem Pflug zu vertauschen."
Mahatma Gandhi, Harjan 31.8.1947
Auch eine Woche nach den Anschlägen von New York und Washington, die unzählige unschuldige Menschenleben forderten und unsägliches Leid verursachten: Wir können es nicht glauben, was dort passiert ist. Entsetzen, Fassungslosigkeit, tiefe Trauer und Mitgefühl für die Opfer, ebenso wie das Gefühl der Hilflosigkeit, der Angst, der Unsicherheit, der Bedrohung waren erste Reaktionen, die uns tagelang beherrschten. Wir trauerten mit den Opfern, gedachten ihrer in Meditationen und Gottesdiensten, auf Kundgebungen und Demonstrationen, jeder auf seine Weise. Ein solcher Anschlag ist durch nichts, aber auch gar nichts zu rechtfertigen. Es war ein Akt der Unmenschlichkeit, der Barbarei, des Bösen. Er machte in erschreckender Weise deutlich, wozu Menschen in der Lage sein können.
Gleichzeitig waren wir bei EIRENE auch erleichtert, als bereits 24 Stunden nach den Attentaten von New York und Washington klar war, dass keine/r unserer Freiwilligen in den USA zu den Opfern gehörte. Eine Freiwillige, die einige freie Tage in New York verbrachte, verschlief an dem Unglücksmorgen den eigentlich geplanten Besuch im World Trade Center.
Aus den USA - und nicht nur von dort - kamen schnell die ersten Rufe nach Rache und Vergeltung. Ein solcher Angriff auf die zivilisierte Welt dürfe nicht ungesühnt bleiben. Der Terrorismus müsse bekämpft und ausgelöscht, seine Handlanger müssten unschädlich gemacht werden. Und nicht nur die Täter, sondern auch die Sympathisanten müssten verfolgt werden. US-Präsident Bush kündigte militärische Vergeltungsschläge an. Weltweit ist angesichts der Bilder, die uns Tag für Tag neu die Katastrophe vor Augen führen, die Solidarität mit den Amerikanern und dem amerikanischen Volk so groß wie nie zuvor in der Geschichte. Der Akt der Barbarei wird als Angriff auf die Freiheit der zivilisierten Welt verstanden, für die die USA in besonderer Weise zu stehen scheinen.
Gleichzeitig wächst die Angst, dass Gegenschläge der USA unabsehbare Folgen haben könnten. Es ist von Krieg und Feldzug die Rede. Die Furcht vor einem möglichen Krieg zwischen den Kulturen beunruhigt die Menschen. Aber muss nicht ein solcher Terroranschlag mit aller Härte bestraft werden? Kann eine solche Tat ungesühnt bleiben? Wir sind uns bei EIRENE darin einig, dass die Drahtzieher ausfindig gemacht werden müssen und alles daran gesetzt werden muss, die Urheber dieses Verbrechens zu bestrafen. Doch darf es dabei um Rache gehen, wie es Präsident Bush formuliert hat? Neben dem Ruf nach Vergeltung werden auch kritische Stimmen laut
Aber es gibt auch Stimmen, die sich kritisch äußern, die eine militärische Antwort auf den Terror als ebenfalls terroristischen Akt bezeichnen, weil auch dabei unschuldige Menschen zu Opfern würden. Terror mit militärischer Gegengewalt zu beantworten würde nur die Spirale der Gewalt weiter drehen. Und es sind Partnerorganisationen von EIRENE in den USA und aus Lateinamerika, die noch weitergehende Fragen stellen: Warum dieser Anschlag? Warum auf die USA? Welche Beweggründe dafür mag es gegeben haben? War es nur blindwütiger Terror? Was sind die möglichen Wurzeln bzw. Ursachen, die zu einem solchen Terroranschlag geführt haben? Sind die USA wirklich das freiheitsliebende und zivilisierte Land, als das sie jetzt beschrieben werden?
Unsere Partnerorganisationen in den USA wie die Church of the Brethren oder das Mennonite Central Commitee sind es, die zu Besonnenheit aufrufen. Sie warnen vor Überreaktionen, machen sich für muslimische Minderheiten in den USA stark, die bereits zu Opfern von ersten gewalttätigen Übergriffen geworden sind. Und sie sind es auch, die als Amerikaner Fragen stellen, die wir uns in Deutschland - eine Woche nach dem Anschlag - kaum zu stellen trauen: Sind die USA vielleicht nur deshalb Angriffsziel Nummer Eins der Terroristen geworden, weil dieses Land möglicherweise selber Terror ausgeübt hat in seinen Bemühungen, sich Länder und Völker nach seinem Willen zu unterwerfen? John Rempel, Vertreter der mennonitischen Kirche bei den Vereinten Nationen, schreibt in einem 'Christlichen pazifistischen Kommentar': "Es gibt viele Menschen, die die USA als ein unschuldiges Opfer von Barbarei beschreiben. Sie insistieren darauf, dass unser Land immer nur für das Gute gestanden habe und verdecken damit die Tatsache, dass es viele Momente in der Geschichte gegeben hat, in denen die USA militärische Gewalt angewandt haben bis hin zu terroristischen Methoden, um der Welt unseren Willen aufzudrängen."
Es sind diese Stimmen, die uns darauf aufmerksam machen, dass nach der unmittelbaren Reaktion der Trauer und des Mitgefühls auch nach den Gründen bzw. Hintergründen für das Geschehene gefragt werden muss.
Fragen, die Partnerorganisationen von EIRENE aus den USA und aus Lateinamerika in den vergangenen Tagen gestellt haben
- Warum, so fragen uns Projektpartner aus Lateinamerika, sind wir in der zivilisierten Welt scheinbar so gleichgültig gegenüber den Tausenden von toten Kindern und Erwachsenen, die täglich in Afrika, Lateinamerika und Asien an Unterernährung umkommen? 12 Millionen im Jahr.
- Wo war der Protest europäischer Regierungen, sich dem Staatsterrorismus entgegenzustellen, als die USA in Chile die Militärs bei ihrem Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende unterstützten (übrigens am 11. September 1973) und die Militärdiktatur in Chile wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas durch Militärberater und politische Rückendeckung förderte? Zehntausende, Hunderttausende starben in Folterkellern und Gefängnissen. Daran hatte die zivilisierte Welt ihre Mitverantwortung, denn ihre Regierungen haben größtenteils den Mantel des Schweigens darüber gebreitet.
- Haben wir vergessen, dass die USA die Contra-Mörder gegen die sandinistische Regierung in Nicaragua ausrüstete, trainierte und finanzierte und sich schließlich weigerte, einen Schuldspruch des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag zu akzeptieren, der die USA für diesen Terror gegen Nicaragua verurteilt hatte?
- Wo blieb der Aufschrei der Empörung der westlichen Regierungen, als die USA in Vietnam zum Massenmord und mit Napalm zur Politik der verbrannten Erde ansetzten?
- Warum, so wird von arabischer Seite gefragt, wurde in den vergangenen Monaten nicht über die vielen Toten und Verletzten unter der Zivilbevölkerung durch die Bombenangriffe auf den Irak berichtet und getrauert? Auf diese Weise wurde durch die zivilisierte Welt Hass gezüchtet, der sich nun auf so furchtbare und blindwütige Weise Bahn brach.
Nein, es geht nicht um Rechtfertigung der Terrortaten von New York und Washington. Noch einmal: Was dort geschehen ist, bleibt ein Verbrechen. Das ist Terrorismus, der mit rechtstaatlichen Mitteln bekämpft werden muss und für den die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Aber: "Fragen wir uns, warum der Anschlag uns gegolten hat?", so eine selbstkritische Stimme von Freunden aus den USA. "Fragen wir uns, was sich an unserer Politik ändern muss, damit derartiges sich nicht wiederholt."
Nichts wird mehr sein wie vor dem 11. September 2001, ist überall zu hören. Wenn sich dies in einer Form von Umkehr bewahrheiten sollte, die Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet, die soziale Ungerechtigkeit als zentrales Übel der Welt begreift, die Versöhnung und Verständnis zwischen und unter den Kulturen ins Zentrum der Politik setzt, dann wäre vieles nicht mehr wie vor dem 11. September 2001. Katastrophen sind in der Bibel immer mit dem Aufruf zur Umkehr verbunden. "Zieht den neuen Menschen an ", sagt Paulus. "Legt ab Bosheit, Verleumdung" - und Feindbildorientierung, könnte man ergänzen. Wenn wir für Gerechtigkeit arbeiten, dafür, dass die an den Rand gedrängten Völker im neu zu erbauenden Welthandelszentrum einen Platz haben und ihr Recht bekommen, dann sind wir auf dem Weg zum neuen Menschen und zur erneuerten Gesellschaft, die das Evangelium meint.
Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen und der wir uns stellen müssen. Und das ist die Herausforderung, die uns die Terrorkatastrophe letztlich wieder vor Augen führt. Was können wir tun? Vergebung statt Hass und Umkehr statt Rache könnten aus der Katastrophe einen ersten Schritt zur Verständigung machen. Konkret bedeutet dies:
- Die Politik zu besonnenem Handeln auffordern, damit nicht erneut das Blut unschuldiger Menschen vergossen wird. - Wachsam sein, dass dieser Angriff des Terrorismus nicht dazu benutzt wird, die Ausgaben für Militär und Rüstung noch weiter nach oben zu schrauben.
- Solche Organisationen unterstützen, die sich für weltweite soziale Gerechtigkeit, für Frieden und für Völkerverständigung einsetzen.
- Dort den Mut zum Einschreiten aufbringen, wo sich Wut und Hass gegen ausländische arabische MitbürgerInnen entlädt.
- Sich gegen verallgemeinernde Schuldzuweisungen wenden und eine differenzierte Analyse in die Gespräche und Diskussionen einbringen.
- Nicht zulassen, dass jetzt im Namen der Terrorbekämpfung freiheitliche Grundrechte leichtfertig aufgegeben und eingeschränkt werden.
- Sich dem traditionellen Denken, dass Gewalt nur mit Gegengewalt beantwortet werden kann, widersetzen, damit endlich aus Schwertern Pflugscharen werden können.







