Internationaler Christlicher Friedensdienst

Arm und Behindert

Doppelte Bedürfnisse: Vom Überwinden von Behinderungen im Tschad

Von Madame Priscille N'Djerareau

Madame Priscille, so nennen sie ihre Kolleginnen und Kollegen im Koordinationsbüro von EIRENE, sandte uns den folgenden Artikel aus dem Tschad. Priscille ist verantwortlich für die Betreuung eines Projektes, durch das behinderte Menschen über ein Stipendienprogramm die Möglichkeit zu einer Schulbildung bzw. Ausbildung erhalten. Armut und Behinderung, so legt Madame Priscille nachdrücklich dar, bedingen sich in vielen Bereichen und machen Hilfestellungen für die Betroffenen doppelt schwierig.

Wenn im Tschad von Entwicklung die Rede ist, kann dabei nicht 10% der Bevölkerung ausgespart werden: soviel, etwa 600 000 Personen, umfaßt der Kreis der behinderten Personen in diesem Land. Auf Grund von wirtschaftlichen und finanziellen Zwängen hat der Staat die (Für-)Sorge für diese Personengruppe "zur Privatisierung freigegeben", so könnte man sagen. Karitative Organisationen, Kirchen und Verbände versuchen ein wirtschaftliches und soziales Netz zu flechten, um die staatlichen Defizite so gut wie möglich auszugleichen. Ein konkretes Beispiel dafür sind die Schulen und Ausbildungsstätten für Taubstumme und Blinde.

Aber letztlich muß sich die gesamte Gesellschaft die Frage stellen, was zu tun ist, damit diese große Gruppe von Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben ihres Landes teilnehmen kann? Behinderte Menschen im Tschad haben erschwerte, sehr begrenzte Möglichkeiten der Fortbewegung, der Aus- und Weiterbildung. Kompetente ärztliche Hilfe, fachliche Beratung und Rehabilitation sind nur in ganz rudimentären Maßen vorhanden. Und so tragen diese Menschen den Stempel einer ausgegrenzten Gruppe, deren Überleben von einem rüden alltäglichen Überlebenskampf, geprägt von den vielseitigen Schwierigkeiten ihrer besonderen Lebenssituation, abhängt.

EIRENE arbeitet im Tschad seit langen Jahren auf Seiten der Behinderten, den Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Diese Arbeit mit ihnen und für sie hatte immer auch das politische Ziel, dieser Personengruppe auch die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in der Stadt wie auf dem Land zu ermöglichen. Viele der Körperbehinderten sind gezwungen, sich kriechend im Staub vorwärts zu bewegen. Entweder fehlen ihnen die finanziellen Mittel, einfache Krücken oder einen Rollstuhl zu erwerben, oder die notwendigen Kontakte und Beziehungen zu den Institutionen, die ihnen diese Hilfsmittel zur Verfügung stellen könnten, sind nicht vorhanden.

Zwei Organisationen haben sich als Ziel gesetzt, dieser gesellschaftlichen Marginalisierung entgegenzuwirken: Der "Dienst zur Unterstützung behinderter Personen" (SAPH) und das "Komitee für Stipendienvergabe an Behinderte und deren bedürftige Kinder"(COMBHEN).

Im Wesentlichen zielen die Bemühungen von SAPH auf die Unterstützung der verschiedenen regionalen Selbsthilfeorganisationen, die mit Hilfe von EIRENE überall im Land entstanden sind. Die Unterstützung fortlaufender Ausbildung behinderter Personen auf verschiedenen Gebieten zur Stärkung des Selbstwertgefühls ist dabei ein zentraler Aufgabenbereich, um ein Bewußtsein über ihre Rechte wie auch ihre Pflichten als vollwertige Bürger und Bürgerinnen zu schaffen. Dieses Bewußtsein muß auch bei den Mitmenschen erweckt werden. Hierzu werden regelmäßige Radiosendungen und eine dreimonatig erscheinende Vereins-Zeitung genutzt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt darin, sich zusammenzuschließen und zu organisieren, um ein politisches Gewicht zu erlangen, das gegenüber den kommunalen wie nationalen staatlichen Strukturen des Landes eingebracht werden kann. SAPH engagiert sich zudem auch in der Präventionsarbeit, z.B. durch die Unterstützung von Impfkampagnen, und kümmert sich, wenn nötig, um die Ermöglichung operativer Eingriffe oder um die Zurverfügungstellung von Krücken und Prothesen für mittellose Personen.

COMBHEN sorgt hauptsächlich für schulische Grundausbildung, für Berufsausbildung und gegebenenfalls für weiterführende Schulausbildung. Dies ist ein wichtiger Aspekt, um zu zeigen, daß Kinder mit Körperbehinderung ebenso begabt sind wie 'normale' Kinder. COMBHEN unterscheidet sich von SAPH darin, daß seine Unterstützungsprogramme auch für Blinde und Hörgeschädigte zugänglich sind. So wird auch eine Zusammenarbeit zumindest auf der Ebene von Informationsaustausch mit anderen Organisationen und Verbänden, die mit Behinderten arbeiten, gewährleistet. Die Sensibilisierung von Verwandten und der Bevölkerung im Allgemeinen zur Problematik der Menschen mit Behinderung beginnt Früchte zu tragen: Viele Eltern schicken ihre behinderten Kinder nun in die Schule. In den Regionen, in denen COMBHEN aktiv ist, dreht sich die Auseinandersetzung inzwischen bei der Einschulung von Kindern nicht so sehr darum, ob sie behindert oder nicht behindert sein, als vielmehr um den Armutsfaktor, der den Schulbesuch aller Kinder einer Familie oftmals nicht erlaubt. Grundsätzlich ist der Schulbesuch zwar kostenlos, aber es gibt verpflichtende Beitragszahlungen für Elternverbände sowie den Zwang zur Anschaffung von Schulmaterialien wie Büchern, Heften, Schulkleidung etc. Für viele Eltern ist das eine zu schwere, nicht selten unüberbrückbare Bürde. In diesen Fällen eröffnet die Unterstützung von COMBHEN den aufgrund ihrer Behinderung besonders benachteiligten Kindern eine Chance zum Schulbesuch.

EIRENE unterstützt die beiden Programme und hat so in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, eine Gruppe Menschen sichtbar zu machen, die in der tschadischen Gesellschaft nicht wahrgenommen wird, weil man sie als wertlos einstufte. Wenn auch Fortschritte nur langsam erzielt werden, so sind doch erste Erfolge nicht zu verkennen, auch wenn noch viel Arbeit notwendig ist.

Für die Übersetzung danken wir Gerta und Günter Simon.

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