Internationaler Christlicher Friedensdienst

Rumänien in der EU - Aus der Perspektive einer Kleinstadt ist da vieles noch gewöhungsbedürftig.

Darüber und über das Leben und Arbeiten mit behinderten Kindern und Jugendlichen berichtet Julia Möller in ihrem 2. Rundbrief. (April 2007)

Schon wieder sind gut 4 Monate vergangen, seit meinem ersten Rundbrief. Es ist viel passiert, so dass wohl nicht alles in diesem Rundbrief Platz haben wird. Trotzdem kommt es mir so vor, als hätte ich gerade erst vor dem Computer gesessen, um meine ersten drei Monate zusammen zu fassen. Diesen Brief möchte ich natuerlich wieder nutzen, um Euch und Ihnen zu berichten, wie es mir in den vergangenen Monaten ergangen ist, aber ich moechte auch einige der Kinder und Jugendlichen, mit denen ich täglich arbeite, ein wenig näher vorstellen. Dazu komme ich am Ende meines Briefes, zunaechst gibt’s einige Anekdoten, Geschichten und Gedanken.

Der Winter Winter in Rumänien - da dachte ich an riesige Schneemassen, klirrende Kälte und Eisblumen am Fenster. Weit gefehlt, denn dieser Winter war ein sehr milder! Die kälteste Temperatur, die ich mitbekommen habe, lag bei -7°C. Schnee habe ich auch nur zweimal und nur für wenige Tage gesehen. Trotzdem hatte ich aber das Vergnügen, auf Grund von eingefrorenen Autotüren durch den Kofferraum einsteigen zu müssen und große Eisschichten von den Scheiben zu kratzen. Trotz der relativ hohen Temperaturen, war es in meiner Wohnung doch ziemlich kalt. In den nicht beheizten Räumen, Küche und Bad, konnte ich des Öfteren meinen Atem sehen, außerdem brauchte ich keinen Kühlschrank - das Fensterbrett reichte bei vielleicht 7°C Raumtemperatur vollkommen aus. Manchmal war sogar die Milch etwas angefroren… In meinem Zimmer hatte ich meistens recht angenehme Temperaturen von 15-17°, weil mein Nachbar, Herr Stefani, jeden Morgen, nachdem ich zur Arbeit gefahren war, mit einem Zweitschluessel Feuer gemacht hat un miene Wohnung bei meiner Rückkehr vorgeheizt war. Es gab jedoch auch einige Tage und Nächte, in denen ich bei 8 Grad im Bett gebibbert habe. Eine ziemlich unangenehme, im Nachhinein aber doch auch gute Erfahrung.

Ich kann zwar nun keine spannenden Schneegestöber- oder Weiße-Weihnachts-Geschichten erzählen, aber eigentlich bin ich doch ganz froh, dass es in diesem Jahr keinen typischen Winter gab!

Die Feiertage Weihnachten habe ich zusammen mit Anni und Steffi, zwei anderen Eirenies, hier verbracht. Wir haben uns das Krippenspiel in der evangelischen Kirche angeschaut, ich habe zum ersten Mal mit dem Chor im Gottesdienst gesungen, wir haben viel Zeit mit Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen, Büchern und Spaziergängen verbracht und so eine richtig schöne, ruhige, entspannte Woche verbracht. Zwar hat sich bei mir kein wirkliches „Weihnachtsgefühl“ eingestellt, denn dazu war doch alles zu anders als sonst - ohne meine Familie und Weihnachtsbaum -, aber ich habe die Zeit sehr genossen und bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Silvester habe ich mit vielen anderen Freiwilligen in Apold, einem kleinen Dorf in der Naehe, verbracht. Die Anreise war für mich etwas kompliziert, da ich es – im Gegensatz zu Anni und Steffi - nicht mehr geschafft habe, in Sighi;oara aus dem fahrenden Zug zu springen und so bis in die naechste groessere Stadt fahren musste, wo ich 1,5Stunden auf einen Bummelzug zurück warten musste. Die doch sehr kalte Eingangshalle des Bahnhofs war nicht sehr einladend und so war ich sehr froh, als mich die Putzfrau zu sich in ihr kleines warmes Zimmer einlud. Dort haben wir uns eine Stunde lang über Gott und die Welt unterhalten (dank meines inzwischen einigermaßen entwickelten Sprachvermögens klappte es erstaunlich gut) und die Wartezeit ist schnell herumgegangen. Die Silvesterparty war dann sehr gelungen, wir hatten viel Spaß und haben das EU-Jahr auf der Kirchenburg in Apold eingeläutet. Es war wohl das erste Mal, dass ich gar kein Feuerwerk am Himmel gesehen habe, und so war es wieder einmal eine ganz andere, neue, schöne Erfahrung.

Rumänien in der EU An dieser Stelle würde ich gerne von irgendwie gearteten Veränderungsansätzen erzählen, aber davon, dass Rumänien seit dem 1.1.07 zur EU gehört, ist eigentlich kaum etwas zu merken. Vor Silvester fuhren hier sehr viele Autos – wie in Deutschland zur Fußball-WM - mit EU-Fahnen über die Straßen und ich denke, die Polizeikontrollen sind seit Anfang des Jahres verstärkt. Die Menschen machen sich teilweise Hoffnungen auf ein „besseres Leben“, jetzt wo sie in der EU sind, viele haben aber auch Angst vor den verschärften Auflagen. So dürfen sie ihr Schwein nicht mehr im Hof schlachten und beim Ţuica (Pflaumenschnaps) brennen soll es Veränderungen geben. Zum Honig schleudern dürfen bald nur noch Metallgeräte genutzt werden, was sich viele Imker nicht leisten werden können. Das alles ist aber noch sehr weit weg und kommt nur sehr selten zur Sprache.

Ein Rudel Deutscher bei der Diakonia Fägaras; Im Laufe des Januars hat sich die Anzahl der deutschen Freiwilligen bei der Diakonia verdoppelt. So haben sich zu dem Ehepaar, von dem ich bereits in meinem letzten Rundbrief berichtet habe, und mir noch 3 weitere Praktikanten gesellt: Zwei Jungs aus Heidelberg, die fuer 5 Monate hier arbeiten und Kathrin, die im letzten Winter ihr Sonderpaedagogikstudium beendet hat, und vor ihrem Referendariat im November fuer 8 Monate hier im Heim arbeitet. Durch diese neuen Umstaende hat sich mein Leben hier doch sehr veraendert. Ich verbringe sehr viel weniger Zeit alleine bei mir in der Wohnung, treffe mich mal zum gemeinsamen Kochen oder Bier trinken, zum Spielen oder einfach nur zum Beisammensein. Eine sehr schoene Umstellung, fuehlte ich mich doch gerade im Winter oft etwas einsam hier.

Mittendrin oder nur dabei? Haeufig stelle ich mir die Frage, ob ich nun wirklich in Rumaenien angekommen bin, ob ich mich eingelebt habe oder immer noch in erster Linie Besucher bin. Natuerlich weiss ich, dass ich in dieser doch sehr kurzen Zeit nicht wirklich „mittendrin“ sein kann, aber dennoch habe ich das Gefuehl, dass ich nun richtig angekommen bin und das kleine alte, gemuetliche Haus in Fägaras; mein 2. zu Hause geworden ist. Das Gefuehl, nun richtig los legen zu wollen bei der Arbeit und nicht mehr so viel mit dem „Einleben“ beschaeftigt zu sein, habe ich seit Januar, und bis auf einen sehr kurzen Zeitraum, in dem es mir nicht so gut ging (dazu im naechsten Abschnitt mehr), fuehle ich mich hier unheimlich wohl und kann mir nichts Besseres vorstellen. Auch habe ich das Gefuehl, von meinen Arbeitskolleginnen richtig aufgenommen und akzeptiert zu sein. Sie nehmen mich als ihre Kollegin und nicht „nur“ als Freiwillige wahr, erzaehlen mir von ihren Sorgen und Aengsten, lachen mit mir und geben mir Kochtipps. Ich geniesse die Zeit hier wirklich sehr! Jedoch gibt es auch so viele Momente, in denen ichglaube, dass ich eigentlich kaum eine Ahnung habevon dem „wahren Leben“ in diesem Land. Und vor vielen Dingen, die mir hier haeufig begegnen, verschliesse ich die Augen, weil ich nicht weiss, wie ich z. B. mit dem Anblick von Kindern von vielleicht 12 Jahren, die am Bahnhof in Plastiktueten Lack schnueffeln, um high zu werden, um ihren Alltag zu ueberstehen, umgehen soll. Oder mit einem Bettler, der sich auf seinen mit Stofffetzen umhuellten Knien durch die Strassen Bukarests schiebt. Oder mit Strassenkindern, die mit ihren kaum 1 Jahr alten Geschwistern durch Strassen oder U- Bahnen laufen, um ein paar Lei zu erbetteln. Fast all diese Bilder sehe ich bei Besuchen in groesseren Staedten. Hier in Făgăraş sind diese Dinge seltener zu sehen und so habe ich das Gefuehl, wenig von dem doch sehr grossen Elend hier in Rumaenien mitzubekommen. Jedoch gibt es auch hier in der Kleinstadt Situationen, in denen ich mich frage, ob dieses Land wirklich schon EU-fähig ist.. In Făgăraş gibt es ein „Dorf“, in dem Roma leben. Diese sind noch immer von vielen Rumaenen nicht akzeptiert, es herrschen unheimlich viele Vorurteile. (Leider weiss ich ueber dieses Thema (noch) viel zu wenig, sodass ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen moechte.) Die Roma in diesem Teil von Fägaras; leben in so primitiven Verhaeltnissen, wie man sie sich als „deutsches Stadtkind“ kaum vorstellen kann, bzw. mit Fernsehbildern aus 3. Welt Laendern in Verbindung setzt. Die Familien leben in aermlichsten Verhaeltnissen, haben oft nur Huetten aus Holz oder Blech, mit notduerftig zusammengeflickten Daechern. Sie leben auf engem Raum mit vielen Familienmitgliedern, haben kein fliessendes Wasser und wahrscheinlich auch keine Oefen, um die Winter im einigermaßen Warmem zu ueberstehen. Um ihre Huetten und in dem kleinen Bach tuermen sich Muellberge. Auf der nahen Muellkippe sieht man Kinder, die nach noch brauchbaren Gegenstaenden suchen. Es ist ein so unwirkliches Bild, wirklich aufgenommen und verarbeitet habe ich es, glaube ich, noch immer nicht. Aber auch schon bei „kleineren“ Situationen kommt es mir so unwirklich vor, dass Rumaenien seit dem 1. Januar in der EU ist. Z.B., wenn mir mal wieder ein Pferdekarren auf der Strasse entgegen holpert, oder wenn ich sehe, wie die Menschen in den Doerfern ihr Wasser aus dem naechsten Fluss holen; wenn ich die haeufig so primitiven Haeuser sehe,... . Trotz alledem, oder vielleicht auch gerade deshalb, bin ich unglaublich froh, hier zu sein. Ich denke, ich habe mich schon ziemlich veraendert in den vergangenen 8 Monaten; weiss jetzt, was fuer ein Glueck ich habe, in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen zu sein; und dass man sich auch mit so viel weniger Luxusgegenstaenden zufrieden geben kann, … .

Von Konservendosen und Holzsalz Damit bei mir keine Langweile aufkommt, schaffe ich es immer wieder, mir meinen Alltag mit kleinen Zwischenfällen zu verschönern. Da wären zum Beispiel eine überschwemmte Küche, ein mehrere Tage lang schwimmendes Badezimmer und einige Mäuse, die meinen Vorratsschrank plünderten. Außerdem habe ich mir Anfang Dezember mit dem Deckel einer Konservendose ziemlich übel in den Daumen geschnitten. Weil ich nicht wusste, ob der Schnitt vielleicht genäht werden sollte, habe ich eine erste (und hoffentlich auch einzige) Bekanntschaft mit dem Krankenhaus in Fägaras; gemacht. Dort stand mir ein Arzt im Kittel des „Bergspital Ober…“ gegenüber. (Dazu passt auch, dass ich zwei Friseurinnen gesehen habe, eine mit einem EDEKA-Kittel, die andere mit dem Namensschild „Priv. Doz. von …“. Den Kleiderspendern aus Deutschland sei gedankt.) Aber zurück zum Daumen. Der wurde zum Glück nicht genäht, sondern nur großflächig desinfiziert und verbunden. Vorsorglich bekam ich auch noch eine Tetanusimpfung, durch die mein Oberarm mehrere Tage lang heiß, rot, geschwollen und schmerzend war… Die Wunde am Daumen ist nach 9 Wochen endlich wieder verheilt und bis auf eine etwas verformte und taube Fingerkuppe ist wieder alles in Ordnung!

Um meine Mitmenschen zu erfreuen passieren mir ab und zu auch wirklich nette Sprachpatzer. So sollte ich in der Weihnachtszeit im Supermarkt Zitronensalz kaufen, für Lebkuchen, die der Handarbeitskreis backen wollte. Zwar sagte mir eine der Frauen, dass ich „Sare de lămâie“ kaufen sollte, aber ich hörte nur mit halbem Ohr zu, weil ich mich im Notfall auf mein Wörterbuch verlassen konnte. So stand ich dann im Supermarkt, habe die kleinen Tuetchen nicht gefunden und wusste natürlich nicht mehr, was Zitronensalz heißt. Mein Wörterbuch befand sich aber leider nicht in meiner Jackentasche… Ich hatte noch im Kopf, dass das rumänische Wort für Zitrone mit „L“ anfängt und fragte eine Verkäuferin nach „Sare de lemn“, was übersetzt „Holzsalz“ heißt. Nach einem verdutztem Gesicht und Umschreibungsversuchen hatte ich dann aber letztendlich doch das richtige Tütchen in der Hand. Ein anderes Mal wollte ich in einem Restaurant sagen, dass ich kein Fleisch esse (=„ Eu nu mănânc carne.“), habe aber aus Versehen „Eu nu mănânc câine“ gesagt, was „Ich esse keinen Hund“ heißt. Abgesehen von solchen Zwischenfällen kann ich mich inzwischen aber gut unterhalten und verstehe einen Großteil von dem, was mir erzählt wird.

Was ich sonst noch gemacht habe Im Dezember hatte ich die Moeglichkeit dabei zu sein, als ein Schwein zu Wurst verarbeitet wurde. Fuer mich als Fast-Vegetarier war das eine echte Ueberwindung, aber doch sehr spannend und ein kleiner Eindruck vom „normalen“ Dorfleben hier in Rumaenien. Auch konnte ich an einer orthodoxen Beerdigung teilnehmen. Dieser Einblick in die hier ueberwiegende Religion mit ihren Riten und Braeuchen war sehr interessant.

An den Wochenenden habe ich fast immer etwas unternommen. Ich habe viele andere Freiwillige besucht oder habe an einem Wochenende mit HIV- infizierten behinderten Jugendlichen als Betreuerin mitgeholfen, dass Heidi und Almut, zwei Eirene-Freiwillige aus Bukarest, organisiert haben. Der Anfang des Jahres war dann von Abschiedsparties bestimmt, weil Stephanie aus Bukarest und Florian und Sarah aus Sibiu zurück nach Deutschland gegangen sind.

Um all die Besuche zu machen bin ich natürlich viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Rumänien gefahren. Zwar kommt man mit den sehr verbreiteten MaxiTaxis schnell von A nach B, dafür sind aber die Gespräche mit den Zugnachbarn sehr viel spannender und interessanter. Auch das Trampen gehört mittlerweile zu meinen Fortbewegungsmitteln, wenn ich eine mitfahrende Person habe. Das ist wirklich eine nette Möglichkeit, billig in eine andere Stadt zu kommen, man kann sich unterhalten und ich kam so auch mal in den Genuss, LKW zu fahren.

Im Februar stand dann auch noch mein 20. Geburtstag vor der Tür, der glücklicherweise auf einen Samstag fiel. Ich habe zusammen mit zwei anderen Freiwilligen, die kurz vor mir Geburtstag hatten, gefeiert. Es war allerdings kein GeburtsTAG, sondern gleich ein ganzes Wochenende. Schon Donnerstag habe ich den ersten Besuch bekommen und so ging es bis Samstagabend, als wir gut 20 Personen waren, weiter. Es war ein sehr schöner Tag, der mit tollen Geschenken, Frühstück im Bett, Sonnenschein und einem langen Spaziergang begonnen und nachts um halb 5 nach einer wirklich lustigen Party geendet hat. Weil das Wetter am Sonntag so schön war haben wir uns alle nach draußen gesetzt, den Gitarrenspielern und Sängern zugehört, gegessen und den schönen gemütlichen Tag genossen. Es war einer der schönsten Momente, die ich hier in Rumänien erlebt habe und wohl auch einer der schönsten Geburtstage in meinen vergangenen 20 Lebensjahren!

Mitte Maerz bin ich fuer 10 Tage nach Deutschland gefahren, um den wohl letzten Besuch aus Rumänien nach Hause abzustatten. Es war eine sehr schoene Zeit, in der ich mich ausruhen konnte, es genossen habe, von Mama bekocht zu werden, meine Familie wieder sehen konnte und viele meiner Freunde getroffen habe. Jedoch habe ich mich auch wirklich gefreut, zurueck nach Rumaenien zu kommen, wo der Fruehling auf mich gewartet hat.

Die Osterfeiertage habe ich in einem kleinen Dorf in der Moldau-Region, nahe Băcau verbracht, wo zwei andere deutsche Freiwillige in einem Kinderheim mit "normalen" Kindern arbeiten. Ich habe zusammen mit einem der beiden Samstag und Sonntag im Heim gearbeitet, wir haben Ostereier bemalt und gefaerbt und am naechsten Tag gesucht, Hefeteighasen gebacken, waren viel draussen, weil das Wetter so schoen warm war, haben Samstagnacht die Osternachtsmesse besucht und viel gegessen. Es waren schoene Feiertage und ich habe die Zeit mit den Kindern sehr genossen. Es ist schon eine ganz andere Arbeit als die meine und ich habe die Abwechslung sehr genossen.

Seit dem 2. April hat nun endlich das Therapiezentrum, Bethesda heisst es, eroeffnet. Es gibt einen Snoozle-Raum mit einer großen Matratze, einem Becken mit IKEA-Bällen, Ausstattung beschreiben)…, in dem sich die Kinder entspannnen und ihre Sinne stimuliert werden koennen, ein grosses Bad mit Badewanne, eine Kueche und einen grossen Raum, in dem sich der Grossteil der Gruppe aufhaelt. Da ich erst eine gute Woche dort gearbeitet habe, in der Vieles sehr chaotisch zuging, weil sowohl fuer uns Mitarbeiter als auch fuer die Kinder alles noch so neu war, moechte ich von meiner Arbeit dort erst in meinem naechsten Rundbrief genauer berichten. Aber ich denke, ich kann schon jetzt sagen, dass mir die Arbeit sehr viel Spass macht und machen wird, auch wenn es doch sehr viel mehr Arbeit bedeutet (nicht nur wegen eines 8h-Tages).

„Meine Kinder“ Ich werde nicht jedes einzelne Kind, mit dem wir arbeiten, vorstellen, sondern habe einige „Charaktere“ heraus gesucht, um einen kleinen Einblick in meine Arbeit zu geben.

Da ist M., 13 Jahre alt, der sehr starke epileptische Anfälle hat. Er ist einer der zwei Jugendlichen aus Sinai, die sprechen können. Er versteht alles, was man ihm sagt und ist sehr aktiv. Er kümmert sich um seine Mitbewohner und möchte uns gerne bei unserer Arbeit helfen. Auf Grund seiner Erkrankung bricht er plötzlich aus dem Stand zusammen. In letzter Zeit hat er oft bis zu drei Krisen im Laufe des Vormittags, und hat deswegen immer Wunden an Augenbrauen und Kinn, die nur schwer oder gar nicht zu heilen. Wir versuchen, ihn kognitiv ein wenig zu fördern, indem wir ihn Bilder zu den Oberbegriffen Tiere und Fahrzeuge sortieren lassen. Oder wir suchen mit ihm Memoriepaare und versuchen, ihm eine Vorstellung von Mengen zu geben. Er versteht es unheimlich gut, abzulenken, wenn er etwas nicht weiss. Nach einer Frage schweigt er dann ganz kurz und erzaehlt dann etwas ganz anderes, in der Hoffnung, man vergisst die gestellte Frage und geht auf ihn ein. Unser primaeres Ziel ist es vor allem, seine Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Denn sobald ein Auto oder Lastwagen am Fenster vorbei faehrt, oder der Laermpegel der anderen Kinder noch hoeher ist als normaler Weise, hat er seine eigentliche Aufgabe vergessen und ist gefesselt vom Drumherum.

B. ist 14 Jahre alt. Er ist spastisch gelähmt und kann fast nicht sprechen. Wenn man sich aber an seine Laute gewoehnt hat, versteht man doch ein „Bună dimineaţa“ (Guten Morgen) oder den ein oder anderen Namen. Er ist fast immer gut gelaunt, lacht uns gerne mit seinem riesigen Mund an und faehrt mit seinem Rollstuhl mehr oder weinger sicher durch die Gegend. Mit ihm üben wir, seine rechte Hand zu benutzen, mit der Linken Dinge mit allen Fingern zu greifen, sodass er mittlerweile alleine mit einem speziell gebogenen Löffel essen kann. Außerdem bemühen wir uns, seine Beine zu bewegen, da er es auf Grund der Spastik allein nicht kann. Zusätzlich möchten wir mit ihm auch kognitive Uebungen machen, so zum Beispiel die Farben lernen.

M. ist 13 Jahre alt. Er hat Trisomie 21 und ist ein sehr schwieriger Junge. Er beschaeftigt sich relativ wenig mit den anderen Kindern. Nimmt er jedoch Kontakt auf, bedeutet das meist, dass er die anderen Kinder schlaegt. Auch wir Betreuer kriegen des Oefteren mal einen Schlag auf den Ruecken oder auch ins Gesicht ab. Er hat uns auch schon das ein oder andere Mal in Brei gebadet, wenn er uns die Schuesseln beim Essen aus der Hand geschlagen hat. Măli hat eine unglaubliche Kraft und versteht nicht, wenn man ihm sagt, dass es den anderen Kindern weh tut, wenn er sie schlaegt. Wir vermuten, dass er das Schlagen entweder als Weg, Aufmerksamkeit zu erlangen, oder aber als Spiel ansieht. Er sitzt oft sehr lange mit einem anderen Maedchen aus der Wohngruppe zusammen und laesst sich von ihr mit seiner Hand ins Gesicht schlagen. Wie man ihm diese Verhaltensweisen abgewoehnen kann, weiss leider bisher noch niemand. Wir versuchen, ihm Aufmerksamkeit dann zu geben, wenn er ruhig ist. Dann setzt sich Măli gerne in unseren Schneidersitz, laesst sich hin und her schaukeln oder spielt mit unseren Haenden.

Dann gibt es noch A., 18 Jahre alt, die am liebsten allein in ihrem Zimmer ist, nicht redet und sehr still und schuechtern wirkt, aber doch einen sehr ausgepraegten Willen hat und deutlich zeigt, was ihr nicht gefaellt. Oder Gheroghe, spastisch gelaehmt, der fast immer in seinem Bett liegt, an seiner Hand lutscht und sich das Treiben um ihn herum anschaut. Oder Ş., neben M. das andere sprechende Kind in Sinai, die sich liebend gerne an uns festklammert und dann oft nur durch die Kraft einer zweiten Frau zum Loslassen zu bewegen ist. Oder E., die in ihrem Rollstuhl sitzt und sehr viel mit ihrem Oberkoerper schaukelt und hyperventiliert, wahrscheinlich, um in einen Trance-artigen Zustand zu gelangen.

I. ist 13 Jahre alt. Er ist stark geistig behindert, wir wissen nicht, ob oder was er versteht. Er ist sehr stark spastisch gelaehmt. Nimmt man ihn hoch, fuehlt er sich an, wie ein Brett. Seine Beine sind ueberkreuzt und unbeweglich. Auch seine Arme sind permanent angewinkelt. Er fasst nichts mit seinen Haenden an, reagiert nur mit seinen Augen auf Bewegungen oder Geraeusche. Sein Unbehagen drueckt er aber sehr deutlich durch Wimmern aus.Weil er eigentlich den ganzen Tag nur auf dem Ruecken liegt, geben wir ihm in der „Therapie“ die Moeglichkeit, seine Position zu veraendern. Er liegt dann fuer oft 15 Minuten in Bauchlage auf einem sehr weichen Kissen. So hat er keine Schmerzen durch Druck auf seine Arme und entlastet seinen Ruecken.

S. ist schon 19 Jahre alt und damit eine „Ausnahme“ im Haus Jaboc, in dem ich ebenfalls regelmäßig bin. Er ist blind, stumm und wahrscheinlich auch taub. Er verbringt seine Tage und Naechte auf einer kleinen Holzwiege. Dort liegt er in Embryo-Haltung auf dem Ruecken oder dem Bauch, hat meist seine Arme ueber dem Kopf verschraenkt und nimmt gar keinen Kontakt zu seiner Umwelt auf. Auch mit ihm ist die Arbeit sehr schwer, wir versuchen, dass er sich an unsere Gegenwart gewoehnt und Koerperkontakt akzeptieren lernt.

A. ist ein 12 jaehriger Junge. Er kann nur A-Laute von sich geben, hat aber ein sehr gutes Sprachverständnis. Er wirkt meist etwas langsam, unbeteiligt und traege. Wenn wir aber mit ihm arbeiten, entdecken wir immer wieder, dass mehr in ihm steckt. Weil er sich von alleine kaum bewegt, machen wir mit ihm viel Gymnastik. Und hat er die Uebungen ueber einen langen Zeitraum immer wieder durchgefuehrt, hilft er selbst mit, lacht oder „erzaehlt“ uns etwas. Er wird wahrscheinlich nie laufen koennen, lernt aber gerade, ohne Stuetze zu sitzen.

In Jaboc leben ausser diesen doch sehr „schweren Faellen“ auch fuenf Kinder, die vormittags in den heimeigenen Kindergarten gehen. Sind die Fuenf wieder zu Hause, ist unheimlich viel los. Sie wollen Fangen spielen, sich auf den Schoss setzen oder warten etwas ungeduldig auf das Essen. C., der einzige Junge in Jaboc, der sprechen kann, kuendigt gerne Versammlungen an, oder fragt, mit welchem Auto man gekommen ist. Auch M. wohnt in Jaboc. Sie ist blind, kennt sich aber in den Raeumen gut aus und laeuft sehr schnell von A nach B.

Ich hoffe, dass Ihr und Sie nun eine kleine Vorstellung von meiner taeglichen Arbeit bekommen habt/ haben. Die Arbeit ist oft nicht einfach, weil eben fast keines der Kinder spricht und weil die geistigen und koerperlichen Behinderungen sehr stark sind. Man muss sich immer wieder neu anspornen und ermutigen, um sich ueber die ganz kleinen, kaum sichtbaren Fortschritte freuen und nicht zu resignieren. Ich mache diese Arbeit aber wirklich gerne und bin sehr zufrieden!

Neue Motivation bekomme ich auch, wenn ich ab und an etwas mit den „Grossen“ unternehme, die leichtere Behinderungen haben. Ich habe mit ihnen gebastelt, gespielt, oder besuche sie einfach kurz bei ihrer Arbeit im Atelier, in dem sie handwerkliche Arbeiten verrichten. (Die Produkte, Leuchtturmkerzenständer, Taschen, Webteppiche, … kann man bald auch in Deutschland käuflich erwerben.)Dann geniesse ich es, wenn fuenf Jugendliche gleichzeitig auf mich einreden, in meinen Haaren rumkruschteln, mich umarmen und mir zig mal hintereinander die gleiche Frage stellen.

So, das war er, mein zweiter Rundbrief aus Făgăraş in Rumaenien. Ich hoffe, es hat Euch und Ihnen ein wenig Spass gemacht, von meinem Leben hier zu lesen.

Alles Liebe und La revedere! Julia

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