"Querbeet beschreibe ich meine ersten Eindrücke und Erlebnisse in Rumänien"
Heidi Nitzsche schreibt über ihr Projekt "Chance for Life" in Bukarest (März 2005)
Rundbrief 1
Heidi Nitzsche
Projekt: "Chance for Life", Bucuresti/ Romania
Dienstzeit: Januar 2005 – Juni 2006
Bukarest, den 22.03. 2005
Buna ziua, Guten Tag …
Da ist er - mein erster Rundbrief. Er hat schon viel erlebt!
Einige Teile habe ich aus Versehen geloescht. Er fuhr per Disskette durch
halb Bukarest und jetzt schicke ich ihn uebers Internet oder per Post direkt
in Deine/ Ihre Wohnung.
Und ich packe auch ein paar Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher (natuerlich
auf rumaenisch) dazu. Der Fruehling hat mich heute auf dem Weg zur
Arbeit begleitet.
Ich hoffe, er ist auch in Deutschland angekommen!
Querbeet beschreibe ich meine ersten Eindruecke und Erlebnisse in Rumaenien.
Pickt Euch einfach heraus, was Euch interessiert.
1. Arbeit
A) Placement CenterVidra - "Nu imi place scoala!"
B) Forumtheater - "Hai-di, hop- top, in capitala…!"
2. Wohnen - Stuckdecke und Eckbadewanne
3. Sprache - " Ich muesse fahren ganze weit ueber."
4. Hunde
5. Kultur
A) Wie in der DDR …
B) Maennerfreundschaften und rosa Handtuecher…
6. Leben
1. Arbeit
A) Placement Center Vidra - "Nu imi place scoala!" (Mir gefaellt die Schule
nicht!)
Das hat Michel an die Tafel geschrieben. Er hat freitags keine Lust auf
Lernen.
Michel wohnt im Vidra Placement Center. Das Kinderheim, in dem 46
HIV-infizierte und AIDS-kranke Kinder wohnen, befindet sich in Vidra, eine
Autostunde von Bukarest entfernt. Unser Projekt "Chance for Life" betreut 12
dieser Kinder.
Momentan unterrichten 2 Lehrerinnen die grosse und die juengere Gruppe in
Mathematik, Rumaenisch und Geschichte. Ehrenamtliche Mitarbeiter
unterstuetzen die Kinder bei ihren Aufgaben und beschaeftigen sie 1-2
Stunden bis zur Mittagszeit. Ich fahre fast taeglich nach Vidra, spiele und
bastle mit den Kindern oder unterrichte Englisch. Mit meinen knappen
Rumaenischkenntnissen macht das Spieleerklaeren besonders viel Spass….
Oft nehme ich auch an Ausfluegen, Theaterbesuchen oder dergleichen
teil.
Ich bin fuer die Kinder da und versuche ihren Beduerfnissen entgegen
zukommen, soweit ich das kann. Sie brauchen Ermutigungen und Wertschaetzung.
Durch ihr Aufwachsen im Krankenhaus und im Heim zeigen alle Kinder mittlere
bis starke Verhaltensauffaelligkeiten.
Mihai, z.B. flippt voellig aus, als das Bild, was ich ihm malen sollte,
nicht seinen Vorstellungen entsprach. Er zerreisst es, wirft es aus dem
Fenster und zertritt seine Walkmankopfhoerer. Elena ist haeufig traurig und
still. Gestern berichtete sie mir aber voller Begeisterung, dass sie sich
soooo sehr auf unseren Circusbesuch freut.
"Imi place scoala". Mir, Heidi, gefaellt die Arbeit in der Schule, weil sie
mich herausfordert, erlernte Interventionsmoeglichkeiten anzuwenden, weil die Kinder auch lustig und nett sind … und weil ich sie mag.
Beim ersten Besuch im Vidra Center spuerte ich einen dicken Klos im Hals.
Ich ging durch das gruene Eisentor und musste beim Pfoertner meinen
Personalausweis abgeben.
Das Haus hat unverstaendlicherwiese im Obergeschoss Gitter an den Fenstern
und im Aufenthaltsraum stehen nur ein paar abgenutzte "DDR-Stuehle". Ein
Junge zeigte mir sein Zimmer: weisse Waende und drei Doppelstockbetten;
keine Bilder, keine persoenlichen Dinge. In einem Maedchenzimmer sah es
etwas wohnlicher aus. Poster von EMINEM schmueckten die Wand. Draussen auf
dem Hof rannten fuenf Strassenhunde umher. Die Kinder kuemmern sich um sie.
Im Kinderheim Vidra aufzuwachsen, bedeutet fuer die Kinder, Isolation von
"normalen Leben" anderer Teenager in Familien und in der Stadt.
In dem kleinen Dorf Vidra ist fuer mich jedoch auch das schoene "andere,
laendliche Rumaenien" erlebbar! Sauberere Luft als in der Bukarester
Innenstadt gibt es hier auf jeden Fall. Waherend ich darauf warte, mich in
ein Maxitaxi nach Bukarest zu quetschen, sehe ich oft beladene Pferdewagen
ueber die Pflasterstrasse fahren.
B) Forumtheater -"Hai-di, hop- top, in capitala…"
Nein, ich bin hier nicht gemeint. "Los, hop-hop, in die Hauptstadt..." ist
in einem Schauspielskript zu lesen. Fuenf Teenager aus Vidra und vier
Jugendliche aus anderen NGOrganisationen spielen zusammen Forum-Theater.
Angeleitet werden sie von zwei Schauspielerinnen aus dem "Ion Creanga"
Kindertheater. Ich begleite sie 2-3 mal woechentlich zu den Proben.
Was meint Forumtheater? Direkt nach der Aufuehrung in Schulen und
oeffentlichen Plaetzen diskutieren die Akteure mit dem Publikum ueber das
Gesehene. Die Zuschauer koennen sich aktiv einbringen und ihre bessere
Loesungsvariante spielen. Unser Forumtheater thematisiert "Diskriminierung
gegenueber Rumaenen aus Moldavien"(Nordoestliche Region in Rumaenien).
Unsere Zeit ist zwar mit haufigen Proben gefuellt, aber die Kids haben Spass
daran. Sie entdecken neue Talente. Marcia staunt, wie gut sie pantomimisch
"Schminken" darstellen kann.
Wie die Arbeit mit den Kindern in Vidra begonnen hat, welche Ziele "Chance
for Life" damit verfolgt und welche Veraenderungen passieren werden; all das
habe ich schon fleisig fuer unseren Newsletter ins Deutsche uebersetzt.
Leider funktioniert dieser Teil der Homepage grad nicht! Alle Interessenten
sollten dennoch unsere Seite besuchen: www.chanceforlife.ro.
2. Wohnen - Stuckdecke und Eckbadewanne
Nie haette ich erwartet, dass wir in Rumaenien so komfortabel leben wuerden.
Wir wohnen im Block, wie ca. 65% aller Bukarester. Aber wir haben weisse
Waende, Stuck an der Decke und Eckbadewanne! Zusammen mit Maria, einer
rumaenischen Studentin und Fritjof, ebenfalls Eirenefreiwilliger, erfreu ich
mich gemuetlicher WG-Gespraeche, unerledigter Putzplaene und Obermieter, die
taeglich Muell aus dem Fenster werfen.
In Bukarests Hauptstadt kann man natuerlich auch anders wohnen. Ich habe
schon Studentenwohnheime besucht mit Eisenbett und Gaskocher auf dem
Fussboden, oder eine 2-Zimmer-Studenten-WG, die sich 8 Personen teilen. Ich
war in grossen hellen Wohnungen, ebenso wie in Lehmhuetten auf dem Feld,
ausserhalb der Stadt. Dort holen die Romafrauen ihr Trinkwasser vom
Wasserhahn auf der Strasse.
Ueberall in der Stadt kann ich alte Menschen oder (Strassen)Kinder treffen,
die auf dem Buergersteig oder auf der Parkbank "wohnen".
3. Sprache " Ich muesse fahren ganze weit ueber."
So sieht derzeit mein Niveau der Kommunikation aus!
Ich liebe die rumaenische Sprache, sie klingt in meinen Ohren wie eine
Mischung aus Italienisch und Russisch. Sitze ich in der U-bahn, dann nutze
ich haufig die Zeit zum Vokabellernen. Aber ich bin noch ziemlich am Anfang.
Hauefig "lausche ich hochkonzentriert" auf die Unterhaltungen, um den Sinn
zu verstehen.
Die "muendliche Sprache" erscheint mir so bedeutend wie kaum zuvor. Manchmal
bin ich stolz, viel verstanden zu haben, andermal regt es mich auf,
"daneben" zu sitzen. Dann ich fuehle mich, als nehme ich nicht wirklich am
Alltagsgeschehen teil. Wenn meine Kids, die Nase ruempfen, weil ich
wiedermal die falsche Grammatik angewendet habe, kann ich nicht immer locker
drueber lachen! Manchmal zaehle ich heimlich bis zehn, bis ich Mut habe, an
der Haltestelle jemanden nach dem Weg zu fragen.
4. Hunde
Ach noe, ich habe keine Angst vor Hunden! Aber mein Respekt vor ihnen hat
stark zugenommen. Erstens gibt es hier in Bukarest anscheinend tausende
Strassenkoeter, die gern Passanten anklaeffen. Zweitens hatte ich gleich zu
Beginn meiner Zeit ein praegendes Erlebnis mit Hunden: Beim
Sonntagsspaziergang mit Sarah, Eirenefreiwillige in Fagaras, wanderten wir
unwissend auf einem Privatgelaende. Zwei grosse Koeter verscheuchten uns mit
Klaeffen und ca.10 Bissen in Sarahs Waden! Wir hatten Glueck im Unglueck.
Sofort kam eine Nachbarfamilie zu Hilfe. Der Vater desinfizierte Sarahs
Wunde mit Tuica (selbstgebrannter Schnaps).
Nachmittags lernte ich noch das Fagaraser Krankenhaus kennen, wo Sarah eine
Spritze bekam. Seit diesem Sonntag schlage ich grosse Boegen um
Strassenhunde!
5. Kultur …
A) Wie in der DDR …
Im Internet wird Bukarest (1, 94 Mio Einw. (2001); 7% erwerbslos; 13% unter
15 J.) als das "Paris des Balkans" beschrieben. Ich war noch nie in Paris
und kann keine Vergleiche anstellen. Solche Unmengen an Wohnblocks, Mitte
der 80er Jahre erbaut, existieren in Paris sicherlich nicht. Die
U-bahnstationen, die Spielplatzgeraete, die Statuen von "Helden der
Arbeit…etc.", die Reklamebuchstaben an einigen Geschaeften erinnern mich in
ihrem "Design" stark an DDR-Flair. Die Hoeflichkeit, Kleidungsstil,
Putzfimmel der Frauen mittleren Alters - genauso habe ich auch die
DDR-Mitbuerger meiner Kindertage in Erinnerung. Gleichzeitig
treffe ich aber auch auf die neue westliche Konsumwelt. Mehr und mehr
(auslaendische) Supermaerkte wie "carrefour", und bald auch "Kaufland"
spriesen aus dem Boden.
Outfit und Verhalten der Grossstaedter unterscheiden sich auf dem ersten
Blick kaum von anderen europaeischen Metropolen.
B) Maennerfreundschaften und rosa Handtuecher
Als Auslaender erscheint mir dennoch vieles fremd. Ich beobachte viel, um
besser verstehen zu koennen. So faellt mir z.B. auf, dass hier Maenner in
der Oeffentlichkeit viel haeufiger unter sich sind als in Deutschland: In
Gruppen zum Biertrinken und Schachspielen, zu zweit in der Stadt oder in
oeffentlichen Verkehrsmitteln. Mir scheint sie pflegen Maennerfreundschaften
intensiver als in Deutschland.
Im taeglichen Leben aendert sich mein bisheriges Bild ueber "die" Rumaenen.
Anders als erwartet, habe ich z.B. sehr selten unter Unpuenktlichkeit leiden
muessen.
An einem orthodoxen Gottesdienst habe ich vor zwei Wochen teilgenommen. Sehr
viel verstanden habe ich nicht, aber die Kirchgaenger beobachtet: Viele alte
Frauen, oder Muetter mit einer Horde Kinder, … .Nach dem Gottesdienst
koennen sich die"Beduerftigen", Lebensmittel aussuchen, die alle
Kirchbesucher zusammengetragen haben. Allzuviel weiss ich noch nicht ueber
die orthodoxe Froemmigkeit. Die rosa Handtuecher haben mich z. B.
verwundert:
Traditionell zieht die Trauergemeinde hinter dem Sarg her, der auf einem
Auto oder Pferdewagen transportiert wird. Alle Autospiegel sind mit einem
rosa Handtuch verbunden. Ich vermutete, dass das der "billige"Ersatz fuer
den Trauerfloor sei.
Eine Kollegin erklaerte mir jedoch, dass die Trauergemeinde ihr Gesicht in
einem beosnderem Wasser waescht. Dafuer brauchen sie die rosa Handtuecher.
Aha!
6. Leben
Die Menschen.
Sei es in der Strassenbahn, mit einem Fremden, der mir begeistert erzaehlt,
dass seine Freunde auch in Deutschland sind - im Gefaengniss;
Seien es Gleichaltrige, mit denen ich mein Interesse fuer Kunst und Theater
teile oder die alte Dame auf dem Dorf Vidra, die mir von ihren Garten
erzaehlt - ich mag die Rumaenen! (ausser den Typ, der mein Handy gestohlen
hat!!!) Sie strahlen Lebensfreude und Lebendigkeit aus.
Das Essen.
Mamaliga cu Smantana (Maisbrei mit saure Sosse) Salate de Vinete,
(Auberginensalat), selbstgemachter Wein… Hm, foarte bine. Am meisten
geniesse ich es ueber Maerkte zu schlendern. Dort haben die Haendlern
Gemuese und Obst zu kunstvollen Pyramiden aufschlichtet. Mit dieser
Farbenvielfalt und Natuerlichkeit kann keine Supermarktathmosphere
konkurrieren.
Als Auslaender.
Im Kreise meiner Kollegen und deren Freunde, der Kids auf Arbeit, Marias
Freunden und Leuten aus den Gemeinden, die ich besucht habe, wurde ich
herzlich aufgenommen. Die Rumaenen sind Auslaendern gegeueber sehr offen und
sehr interessiert. Jeder kennt hier Friedrich Nietsche (auch die Dame auf
dem Amt, die meinen Visum deswegen aber auch nicht schneller
bearbeitet!!!).Viele moechten wissen, wie das Leben in Deutschland
verlaeuft. Ich kann es ihnen erzaehlen und dabei merke ich, dass mein
distanziertes Verhaeltnis zur deutschen Nationalitaet abnimmt.
Weil ich bisher nur die rumaenische "BILD" die "Libertate" gelesen, kann ich
noch nicht viel ueber politische oder internationale Ereignisse schreiben.
Ich sehe nur taeglich die Werbeplakate. Kandidaten mit Shampooflaschen
bewerben sich fuer das Buergermeisteramt. (Sinngemaesser Werbespruch:
'Wuerden wir alles Geld, was wir fuer Steuern zahlen in den Strassenbau
investieren, koennten wir sie mit Shampoo reinigen!')
Seid lieb gegruesst von
Haidi







