Niger-Reisebericht
Konfliktbearbeitung im Niger
Das Projekt "GENOVICO"
Auch wenn in Niamey noch vor knapp sechs Wochen Schießereien zwischen Regierungstruppen und einigen aufständischen, unzufriedenen Soldaten zu hören waren, so wird die allgemeine politische Situation als relativ stabil eingeschätzt. Die Regierung selber scheint an einem Friedensprozeß interessiert zu sein, zumindest lassen dies eingerichtete Kommissionen und Versöhnungsforen vermuten, die in Konfliktregionen insbesondere auf dem Land darum bemüht sind, vorhandene Konflikte friedlich zu schlichten.
"Mit den Methoden gewaltfreier Konfliktbearbeitung haben wir mit dem Beginn des Projektes Anfang dieses Jahres beste Voraussetzungen vorgefunden. Alle Welt ist an unseren Kursen interessiert und möchte entweder selber an den Kursen teilnehmen oder MitarbeiterInnen von Organisationen für die Kurse anmelden", berichtet Günter Schönegg, EIRENE-Entwicklungshelfer im Projekt GENOVICO, das sich den Aufbau eines Netzes von nigrischen Fachleuten mit Kenntnissen von gewaltfreier Konfliktbearbeitung im Niger zum Ziel gesetzt hat. Abdoulkarim ist der nigrische Counterpart von Günter Schönegg, der früher als Ressourcenschutzexperte im Planungsministerium gearbeitet hat und schon vor vielen Jahren das erste Mal im Rahmen einer Weiterbildung von den Ideen gewaltfreier Konfliktbearbeitung gehört hat.
"Die Leute auf dem Land sind an einen Punkt angekommen, wo die traditionellen als auch die staatlichen Autoritäten ihre Probleme nicht mir lösen können, wenn sie nicht selber an einer Konfliktlösung mitarbeiten. Gesetze und traditionelle Regeln widersprechen sich immer wieder, es kommt zu unklaren Verhältnissen, zu Unsicherheit. Die Menschen merken, dass sie auf die Dauer ihre Konflikte so nicht lösen können und das die Auseinandersetzungen letztlich allen Seiten schadet. Darum ist eine Bereitschaft zu eigenständigen gemeinsamen Lösung von Problemen vorhanden. Was ihnen fehlt, ist eine Methode, die sie diesem Ziel näher bringt." Abdoulkarim bringt diese Sätze mit einer Überzeugung zum Ausdruck, die spüren lässt, das hier möglicherweise die Zeichen der Zeit positiv genutzt werden können. Denn in Zeiten relativ stabiler gesamtpolitischer Ruhe lassen sich auch lokale Konflikte einfacher bearbeiten als im Umfeld permanenter Unruhe und Unsicherheit.
Das Projekt GENOVICO ist ein Projekt einer größeren nigrischen Nicht-Regierungsorganisation namens KARKARA, die im gesamten Land tätig ist und über 120 MitarbeiterInnen beschäftigt. Im Projekt GENOVICO arbeiten lediglich Günter Schönegg als europäische Fachkraft im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes und sein Kollege Abdoulkarim, wobei sie sich in der Administation auf logistische Unterstützung durch KARKARA verlassen können. Schon im November sollen die ersten Seminare für interessierte Personen anlaufen, aus denen heraus in den kommenden zwei bis drei Jahren ein stabiles Netz aus "gewaltfreien Konfliktbearbeitern" entstehen soll.
Zunächst werden drei Seminare mit jeweils ca. 20 Teilnehmern durchgeführt, aus denen schließlich wiederum etwa 20 Personen ausgesucht werden sollen, die dann die zweijährige Ausbildung durchlaufen sollen. Sie werden an weiteren Seminaren und Schulungen teilnehmen und durch das Team von GENOVICO erhalten sie in ihrer Ausbildungszeit eine Art direkte Supervision ihrer Tätigkeiten in den jeweiligen eigenen Projekten, in denen sie landesweit tätig sind und wo sie in der Praxis Methoden gewaltfreier Konfliktbearbeitung weiterverbreiten sollen.
Einige Voraussetzungen für den Ausbildungsgang wurden aufgestellt. So müssen die Teilnehmer über pädagogische Fähigkeiten verfügen, Erfahrungen in der Arbeit mit Basisgruppen gemacht haben bzw. in konkreten Projekten tätig sein. "Eigentlich handelt es sich um eine Fortbildung, mit der die TeilnehmerInnen langfristig sogar Geld verdienen können. Denn Kenntnisse in der Konfliktbearbeitung werden heute mehr und mehr nachgefragt, Menschen mit methodischen Kenntnissen in diesem Bereich sind sehr gefragt.", schildert Günter Schönegg den Projektansatz, der mit vielen Hoffnungen verbunden ist und im ersten halben Jahr der bisherigen Projektlaufzeit sehr vielversprechende Entwicklungen durchlaufen hat. Viele Organisationen, lokale und internationale, möchten ihre MitarbeiterInnen in Methoden der Konfliktbearbeitung ausbilden lassen. "Sie merken, dass in vielen Projekten eben durch die Projekte selber Konflikte auftauchen bzw. sich mit Ablauf eines Projektes ergeben. Hier wollen die Organisationen vorbeugen, damit nicht wie in der Vergangenheit oft geschehen, Aufbauhilfen anschließend durch gewaltsame Konflikte wieder zunichte gemacht werden.
"Der Kampf um die lokalen Ressourcen z.B. unter Landbauern und Viehzüchtern nimmt immer mehr zu. Traditionelle Chefs oder auch staatliche Behörden, die oftmals auch unterschiedliche Auffassung sind, sind nicht mehr in der Lage, diese Probleme zu lösen. Die Menschen müssen selber und gemeinsam diese Konflikte gewaltfrei lösen, denn immer dann, wenn die Konflikte eskalieren, sind eigentlich beide Seiten die Verlierer gewesen. Hier fehlt es nur an Methoden, wie die Konfliktparteien zu konsensualen Regelungen kommen können, die allen Seiten ein Überleben möglich macht. Das wollen wir anbieten", bekräftigt nochmals Abdoulkarim, der von der Wirksamkeit der Methoden gewaltfreier Konfliktbearbeitung überzeugt ist.
In zwei Jahren wird auszuwerten sein, welche Entwicklung dieses erfolgversprechende Projekt gegangen sein wird. "Jedenfalls setzt EIRENE mit diesem Projekt Zeichen im Niger und wird mittlerweile als eine zentrale Anlaufstelle für gewaltfreie Konfliktbearbeitung im Niger angesehen.", resümiert Christoph van Edig, Koordinator von EIRENE im Niger. Schon in der kommenden Woche werden im Rahmen eines weiteren Projektes in Kooperation mit der GTZ erneut Kurse zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung im Niger angeboten. Ist nur zu hoffen, dass die friedlichen Rahmenbedingungen diese Arbeit auch in den kommenden Jahren zulassen.
Niamey, 12.10.2002







