Buscando el Camino - Auf der Suche nach dem Weg
Patrick Rossol berichtet über sein Projekt "Casa Hogar Luz" in Costa Rica
RUNDBRIEF IV
BUSCANDO EL CAMINO – AUF DER SUCHE NACH DEM WEG
Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
nach sehr langer Zeit schreibe ich jetzt wieder meinen Rundbrief aus Costa Rica um Euch über meine Arbeit und mein Leben hier auf dem neuesten Stand zu halten. Ihr könnt diesen Rundbrief gerne an interessierte Freunde und Bekannte weitergeben, denn schließlich ist ein weiterer Zweck der Rundbriefe generell auch, die Möglichkeit seinen Zivildienst im Ausland zu erfüllen, bekannt zu machen.
Mit diesen Rundbriefen will ich dazu ermutigen, den allgemeinen Zivildienst nicht nur abzuleisten, sondern auch für sich selbst zufrieden stellend zu erfüllen. Auf meinen eigenen Erfahrungen basierend kann ich behaupten, dass es sich lohnt, den Zivildienst nicht nur als lästiges Hindernis anzusehen, sondern ihn vor allem als Chance völlig andere Lebensbereiche kennen zu lernen wahrnimmt.
MOMENTANE SITUATION
Sicher haben sich jetzt schon viele gefragt, was denn mit dem Titel dieses Rundbriefes
„Buscando el Camino – Auf der Suche nach dem Weg“
eigentlich genau gemeint ist.
Mit diesem Titel habe ich versucht, annähernd meine Stimmung und jetzige Situation auszudrücken und in Worte zu fassen. Ich stehe im Moment sozusagen an einer Weggabelung in meinem Leben und es ist schwierig den richtigen Weg zu finden. Gerade jetzt, von so weit weg Entscheidungen über mein zukünftiges Leben in Deutschland zu fällen ist nicht einfach. Allerdings zeigt alleine die Tatsache, dass ich diesen Rundbrief nun endlich fertig gestellt habe, dass mir langsam die Lichtstrahlen aus der Richtung des Weges entgegen scheinen, den ich jetzt Schritt für Schritt betreten werde.
In diesem Sinne: Lest den Rundbrief wie meinen Wegbegleiter, der einen Teil dieser wichtigen Suche nach der Zukunft enthält.
Nach fast einem ganzen Jahr hier in Costa Rica blicke ich jetzt schon manchmal zurück auf das, was schon hinter mir liegt; der schwierige Anfang, das langsame „Fußfassen“ in einer fremden Kultur, in einem fremden Land und in einer fremden Sprache. Kurz vor meinem Deutschlandaufenthalt habe ich mich dann richtig wohl in Costa Rica gefühlt und war schon ein Stück froh, dass ich noch einmal, wenn auch nur für eine Zeit zurückkehren konnte.
ZUR JETZIGEN SITUATION IM HOGAR LUZ
Das Hogar Luz beherbergt im Moment 47 Bewohner, wobei sich diese Zahl in der letzten Zeit immer wieder geändert hat, da während ich in Deutschland war, ein Heimbewohner unerwartet gestorben ist und vor einem Monat ein weiterer.
Allerdings hatten wir auch wieder zwei Neuzugänge, so dass sich an der Einwohnerzahl statistisch gesehen nichts geändert hat. Allerdings lassen diejenigen, die auf Grund ihrer Behinderung oder anderen Umständen sterben, immer eine Lücke im Hogar Luz zurück, die nicht wieder auffüllbar ist.
Gewisse Situationen oder gemeinsame Erlebnisse erinnern mich immer wieder an diese, trotz oder gerade wegen ihrer Behinderung, starken Persönlichkeiten, die mich in meinem Leben ein Stück weit mitgeprägt haben.
Ich habe die Bewohner hier im Hogar Luz sehr zu schätzen gelernt und es existiert so eine Art Familiengefühl. Hinter jedem „Muchacho“ verbirgt sich jene starke Persönlichkeit, die genau dieselben Ansprüche an das Leben hat, wie unsereins auch.
"Todos somos diferentes - y en la diferencia esta la igualdad"
(Wir sind alle unterschiedlich – und in den Unterschieden liegt die [unsere] Gleichheit)
Zwischen den Heimbewohnern selbst herrscht ein geschwisterliches Verhältnis, was sich vor allem in den andauernden Konkurrenzkämpfen um Zuwendung, Nahrung oder sonstige „Ressourcen“ zeigt. Vor allem bei unvorbereiteten, unerfahrenen und verunsicherten Besuchern wird oft mit den unterschiedlichsten Methoden um die Aufmerksamkeit gerungen. Da die meisten Besucher beim Anblick vor allem der „schwereren Fälle“ mit Betroffenheit reagieren, wird diese Betroffenheit noch dadurch gesteigert, wenn einige „Muchachos“ plötzlich in Tränen ausbrechen oder alle denkbaren und nicht denkbaren Geräuschen von sich geben, um die Aufmerksamkeit zu erregen.
In diesen Situationen ist eine äußerst wichtige und fundamentale Tatsache zu beachten: Behinderte sind genau so Menschen wie wir auch. Diese Aussage scheint vielen jetzt vielleicht überflüssig, weil man doch automatisch, allein der Moral wegen davon ausgehen müsste. Aber genau dieser einseitige moralische Hintergrund dieser Rechtfertigung verbindet vielen Menschen die Augen und aus dem Behinderten wird ein armer Mensch, der keine andere Funktion hat, als zu leiden. Mit dieser Denkweise macht man aus einem Behinderten leider nur einen halben Menschen. Man muss erkennen, dass gerade Menschen mit speziellen Bedürfnissen und gewissen Einschränkungen in ihrem Leben sich nicht einseitig ausdrücken, sondern sich genau so gut an ihrem an ihm erfreuen; lachen, spielen und träumen können, meistens sogar noch viel intensiver als wir. Durch diese Intensität des Erlebten, müssen wir sogar erkennen, dass behinderte Menschen ein Stück menschlicher sind als wir und wir deswegen sehr viel von ihnen über uns selbst lernen können.
Ein Beispiel, dass sich bei jedem Besuch wiederholt ist, dass Alberto ein 25-jähriger Heimbewohner, sich automatisch gut aussehende Frauen aus einer Besuchergruppe aussucht und anschließend versucht mit selbigen zu entfliehen und einen Spaziergang ins Dorf zu machen.
Von diesen emotionalen Bindungen der Behinderten bin auch ich keineswegs verschont. Es kommt durchaus öfters vor, dass man zum Ziel von Eifersuchtsattacken oder Intrigen wird. Seit zwei Monaten haben wir wieder eine Sonderschullehrerin, die mit mir im Bereich der Sonderschulerziehung arbeitet. Wenn ich mit jener Person also in die „Salas“ (Wohnzimmer) eintrete, kann es vorkommen, dass mir böse Blicke von allen Seiten entgegenkommen und man mich bewusst für einige Tage ignoriert.
BÜROKRATIE
Im Moment arbeiten wir in meinem Arbeitsbereich, der „Educación Especial“ an einem Bericht für das Bildungsministerium, dass die verschiedenen Fähigkeiten der Bewohner des Hogar Luz aufzeigen soll und sie in gewisse Kategorien einteilt. Anhand von diesen Kategorien soll, der Theorie nach, dann die Arbeit ausgerichtet werden. Das Problem bei diesem „Expediente“ (Verfahren) ist, dass wir ein sehr breites Spektrum von „Muchachos“ (so werden oft die Heimbewohner genannt) beherbergen und wir mit zwei Personen nicht in der Lage sind, effektiv mit 47 Personen zu arbeiten, die alle verschiedene Behinderungen aufweisen. Das Ideal wären mehrere Personen, die sich individuell auf die verschiedenen Gruppen einstellen könnten und ausschließlich mit diesen zusammenarbeiten würden. In der jetzigen Situation ist es effektiv nicht möglich allen Heimbewohnern die nötige Zuwendung und Förderung zu garantieren, die angemessen wäre.
Dies mag einerseits an der Mittelknappheit im Bereich Personal liegen, anderseits an der Unzuverlässigkeit und Unfähigkeit des Bildungsministeriums auf Dauer eine(n) Sonderschullehrer(in) zu entsenden. Jedes Jahr wird hier jede Stelle im Sonderschulbereich neu auf ihre Nützlichkeit überprüft und es macht manchmal den Anschein, dass hierbei je nach Wetterlage entschieden wird. Deswegen versuchen wir im Moment zu erreichen, dass einerseits dauerhaft eine Person im Sonderschulbereich angestellt wird, so wie, falls das nicht der Fall ist, eine dauerhafte Qualität der Arbeit zu erreichen, indem der Rest des Personals regelmäßig geschult wird und indem wir Akten für jeden Heimbewohner anlegen, damit im Fall eines Wechsels Dokumente zur schnellen Einarbeitung vorliegen.
Dieses „Aktenanlegen“ artet aber meistens in dem hier durchaus üblichen und vor allem beliebten Bürokratiewahn aus, der von jeder Institution in Costa Rica ausgeht. In vielen Situationen dient dies vor allem zur Selbstverwaltung und der Freude daran, ständig neue, aber zu jenem Zeitpunkt durch die zähe Bearbeitung schon wieder alte, Berichte zur Lage der Dinge auf dem Schreibtisch vorzufinden. Nach einem halben Jahr fängt man dann an, mit den „aktuellen Daten“ die dann erst recht „hochaktuellen“ Probleme zu lösen.
Die logische Konsequenz aus diesem Aktenirrsinn ist, dass es öfters zu Situationen kommt, in denen durch diese Bearbeitungsmethoden Schaden verursacht wird. Dazu trägt die sehr hierarchische Organisation von SOS Kinderdorf International hier in Costa Rica noch bei, da leider in den wenigsten Fällen die aktuellen Prozesse und Strukturen berücksichtigt werden und einfach ohne oder nur mit Hilfe von mangelhaften Konsultation von oben entschieden wird. Durch die gesellschaftlich bedingte Konfliktscheu in Lateinamerika kommt leider selten zu Protest von unten und alle Unzufriedenheit drückt sich meistens durch eine mangelnde Arbeitsmoral aus, die dann in vielen Fällen nur noch darauf aus ist, Geld zu verdienen. Im konkreten Fall bedeutet das, dass Arbeiten, die zum Pflichtbereich gehören, gerade noch befriedigend erledigt werden, wobei alles zusätzliche dann eher als Belästigung und der Situation unangemessen gewertet wird.
Im Bereich der Behindertenarbeit ist dieser Umstand nicht gerade hilfreich und ist für mich persönlich oft sehr besorgniserregend.
SITUATION DES LANDES
Die momentane Weltwirtschaftskrise scheint Costa Rica bis jetzt noch keine ernsthaften Schäden zugefügt zu haben. Das liegt zum einen daran, dass die Hauptdevisenbringer Costa Ricas (Bananen und Tourismus) sich trotz allen Befürchtungen gut halten. Erstaunlicherweise ist der Tourismussektor sogar noch um ein gutes Stück angewachsen, trotz den Folgen des 11. September. Für das folgende Jahr wird ebenfall ein Zuwachs erwartet.
Zurzeit wird im Parlament die neue Finanzpolitik diskutiert, was sich bei drei etwa gleichstarken Fraktionen als schwierig erweist. Das Wunder ist bis jetzt, dass keiner der Parteien die Situation offensichtlich populistisch ausnutzt. So wie so scheint es beim Wähler besser anzukommen, wenn alle konstruktiv mitarbeiten. Den ersten Gerüchten zufolge wird im Bereich des Ministeriums für Arbeit stark gekürzt und im Bildungsbereich die Mittel angehoben. Wie allerdings das Staatsdefizit bekämpft werden soll ist noch eine völlig andere Frage.
Von 1970-1987 wurde Costa Rica massiv finanziell von den Vereinigten Staaten unterstützt (1,3 Milliarden US$ in Form von Krediten und Zuschüssen, jedes Jahr ein durchschnittlicher Zuschuss von US$ 76.470.588 für ein Land von zu dieser Zeit 2-3 Millionen Einwohnern), um so das Land als eine Art Schutzwall gegen die sozialistisch geprägte Revolution in Nicaragua zu benutzen. Diese Quellen sind nun mit dem Ende des kalten Krieges endgültig verebbt und suchen seitdem nach einem Ersatz.
ZUKUNFTSAUSBLICK
Während ich merke, wie die Zeit hier in Costa Rica rasend schnell zu Ende geht, bin ich in letzter Zeit intensiv damit beschäftigt einen Studienort zu finden und mich endgültig auf ein Fach festzulegen, was mir auf Grund meiner verschiedenen Interessen nicht sehr leicht fällt, obwohl es schon seit längerer Zeit einige „Favoriten“ gibt.
Ich werde aber trotz dieser wichtigen Entscheidungen, die noch anstehen, meine Zeit in Costa Rica noch bis zum Ende genießen. Es macht mir nach wie vor sehr viel Spaß im Ausland zu leben und ich werde es wahrscheinlich nie ganz sein lassen können. Ich kann nur sagen, dass es kaum so eine gute Gelegenheit gibt über seinen eigenen Horizont hinauszublicken, wie durch einen Auslandsaufenthalt.
Ich danke Euch allen für eure Unterstützung und Eure vielen Grüsse,
Euer Patrick







