Internationaler Christlicher Friedensdienst

Dritter Rundbrief von Martin Schmalzbauer

Martin Schmalzbauer berichtet von seinem Projekt Los Pipitos in Estelí, Nicaragua

Es regnet. . .

Während ich diesen Rundbrief beginne, geht gerade ein neuer orkanartiger Regenfall über Estelí nieder. Seit dem Beginn der Regenzeit verwandeln sich die – bis auf wenige Ausnahmen im unmittelbaren Stadtzentrum – nicht bepflasterten Strassen Estelís in ein Schlammbad. Der Regenfall auf die Wellblechdächer macht dazu wahnsinnigen Lärm. (Es regnet auch überall herein). Wesentlich schlimmer sieht das ganze in anderen Teilen Nicaraguas aus. In der Hauptstadt Managua stehen ganze Stadtviertel durch den über die Ufer getretenen Managua-See unter (Ab-)wasser. Einfache Häuser wurden in Scharen weggespült, Brücken stürzten ein, Wege wurden unpassierbar. Die Bildern erinnern mich stark an die Oderflut in Deutschland vor einigen Jahren. Wenn auch mit dem Unterschied, dass die betroffene Leute in Managua nun wirklich alles verlieren und in der Regel weder Ersparnisse haben noch auf Hilfe der Regierung hoffen können um ihre Häuser wieder aufzubauen. Trotz alledem freuen sich die Leute nach der langen Trockenzeit auf den Regen. Wegen des El Niño Phänomens setzt die Regenzeit ( in Nicaragua gibt es nur 2 Jahreszeiten, den trockenen „Sommer“ von Dezember bis Mai und den regnerischen „Winter“ im Rest des Jahres) in den letzten Jahren zu spät ein. Dies hat fatale Auswirkungen für die Ernte. Im letzten Jahr führte das lange Ausbleiben des Regens zusammen mit dem rapiden Fall der Kaffeepreise auf dem Weltmarkt auch in den Bergen um Estelí zu einer Hungersnot.

Zu fuss durch Estelí

Von den Pipitos am Südende der Stadt gehe ich auf der Avenida Zentral, der (natürlich) einspurigen Hauptstrasse in Richtung Zentrum, vorbei am Markt, wo man für einen Euro dreißig Bananen bekommen kann und zerlumpte Betrunkene den Bürgersteig als Schlafplatz nützen. Vorbei am Busbahnhof, bei dem Fahrergehilfen lautstarkst ihre Zielorte anpreisen.

Von hier aus hat man die Möglichkeit, in ausrangierten amerikanischen Schulbussen an die verschiedenen Ecken des Landes zu gelangen. Dabei kann man dann stundenlang neben Frauen mit kleinen Kinder auf dem Arm und Bauern mit lebenden Tieren im Gepäck stehend die Schlaglöcher und sonstigen Verkehrshindernisse geniessen. (z.B. Pferde, die gemütlich auf der Panamericana stehen und keine Lust haben, ihren Aufenthaltsort zu ändern). Kühe und Pferde, neben Massen von Hunden laufen auch in Scharen in Estelí mitten in der Stadt herum. In den Mülltonnen gegenüber der katholischen Schule können sie auch gleich ihren Magen füllen, falls diese nicht schon von Strassenkindern besetzt sind. Dabei sollte erwähnt werden, dass Müll im Prinzip in Nicaragua an allen Wegen und Strassen reichlich vorhanden ist, da man ihn nach allgemeinem Brauch einfach auf die Strasse wirft. Estelís Bürgermeister „Pancho“ hat sich nun dem Kampf gegen diese Sitte verschrieben. Einmal die Woche fährt daher die Müllabfuhr von Haus zu Haus, ausserdem wurden besagte Mülltonnen aufgestellt. Daneben wird auf Plakaten und Aufklebern der Bevölkerung gepredigt „Sei kein Schwein, halte deine Stadt sauber!“ Sogar Mülltrennung hatte der Bürgermeister (natürlich erfolglos) einzuführen versucht. Los Pipitos betreiben alleridngs auch eine Papier -Recycling Werkstatt. Weiter gehts vorbei am Revolutionsdenkmal Monumento Pancasán, von dem nur noch ein hässlicher Stein übrig ist (eine gute Analogie zur Situation des postrevolutionären Nicaragua), zu einem der drei(für deutsche Verhätnisse sehr kleinen) Supermärkte, vor dem Strassenkinder die Kunden mit dem Standardspruch „¡Dame un peso!“ um mildtätige Gaben ersuchen. Ich gehe weiter vorbei an zahlreichen kleinen Geschäften und Straßenhändlern, die alle möglichen mehr oder weniger nützlichen Güter zu verkaufen versuchen. Da die Mehrheit der Bevölkerung arbeitslos ist, versuchen viele durch Handel mit ganzegalwas ihr Überleben zu sichern. Ich komme vorbei am schönen aber leider einzigen Kinderspielplatz der Stadt. Um diesen herum befinden sich eine Vielzahl von Wandmalerein (murales). Estelí ist berühmt für seine murales, in der Stadt gibt es drei verschiedene Muralistas-Gruppen, ihre Werke sind an allen Ecken zu sehen. Viele Motive erinnern an die Revolution und zeigen z.B. Indianerkinder die sich zusammen gegen einen grossen, finster dereinblickenden Adler verteidigen, der den bösen US-Imperialismus symbolisieren soll. Nach etwa einer halben Stunde zu Fuss vorbei an Leuten, die auf Ziehwagen ihr Hab uns Gut transportieren, an Wachmänner mit Maschinengewehren, die vor jedem mehr oder weniger wichtigen Gebäuden zu finden sind und allerlei Menschen, die trotz Armut enorm aufgestylt sind um möglichst reich und nordamerikanisch auszusehen, komme ich zum Parque Central, der in quasi jeder lateinamerikanischen Stadt den mehr oder weniger grünen Mittelpunkt bildet. Hier befinden sich unter anderem die Alcaldía (Stadtverwaltung), gegenüber die Kathedrale, in der der Bischof residiert, die Marienstatue (ein Wahrzeichen Estelís), die Zentrale der Sandinisten, das Kino, in dem 5 Tage pro Woche ein Hollywoodfilm mit spanischen Untertiteln gezeigt wird, das Centro Recreativo, wo allerlei Sport-und Kulturveransatltungen stattfinden, die Ruine des mittlerweile vollständig zerstörten Hauses des Movimiento Comunal (Geschichte dazu in meinem letzten Rundbrief) und verschiedene Geschäfte. Der Platz ist ausserdem von Heerscharen von Schuhputzerjungen bevölkert und von Imbissständen, die Enchiladas und das nationale absolute Grundnahrungsmittel Gallo Pinto (Reis mit Bohnen) verkaufen. Ich gehe Richtung Osten vorbei an der Freiwilligen Feuerwehr, deren Ausrüstung eher vorsinflutlich wirkt, einer Bingo-und Billard halle, der Casa de Cultura mit dem grundsätzlich geschlossenen Stadtmuseum zur Shelltankstelle an der Panamericana. Auf der anderen Seite liegen einige der ärmeren Viertel der Stadt, barfüßige Kinder schauen aus Häusern aus Karton mit etwas Holz, Wellblech und Pappe, überall befinden sich kleine Kirchen protestantischer Sekten in denen lautstark gepredigt und vor allem gesungen wird, 5jährige Kinder schleppen Brennholz herum oder verkaufen Tortillas. Viele trauen sich hier nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Strasse, aus Angst vor den 48 Pandillas(Jugendgangs) Estelís, die allerdings vor allem damit beschäftigt sind, sich untereinander zu bekriegen und ein paar Blöcke weiter beginnt schon das Gebirge und die faszinierende Naturschöhnheit der Segovias (Norden Nicaraguas).


Bei Los Pipitos

geht die Arbeit wie gewohnt weiter. Mit den Jugendlichen der Vorwerkstatt haben wir den Hausbau nun fast abgschlossen und sind dabei, das Haus mit Erde zu verputzen. Die Behinderten sind erkennbar stolz auf ihr Werk. Daneben haben wir ihnen in den letzten Wochen beigebracht, sich die Zähne zu putzen, verschiedene Körperteile zu identifizieren und – falls sie sprechen können - zu benennen. Momentan üben wir „Papier in einer geraden Linie schneiden“, um dann später Papierpuppen zu bauen.

-Diese Woche haben wir ausserdem Pakete von Kleiderspenden aus Deutschland an Jugendliche aus armen Familien verteilt. Kleiderspenden sind natürlich ein Problem, weil daduch die einheimischen Produzenten enorm geschädigt werden. Andererseits hätte viele Jugendlichen sonst wohl nie neue Kleidung...

-Die Tischlerei der Pipitos wurde nun erst einmal geschlossen, weil ihre Kosten für das mit grossen wirtschaftlichen Problemen kämpfende Projekt zu hoch waren. Für Einnahmen sorgt dagegen die neue Kerzenwerkstatt, in der taube und stumme Jugendliche arbeiten. Ich habe vor bei meinem Deutschlandbesuch Kerzen zum Verkauf mitzunehmen.

-In der Vorwerkstatt machen die Jugendlichen langsam, aber erkennbar Fortschritte. Haffid, dessen Liebesprobleme ich im letzten Rundbrief beschrieben habe, hat nach intensivem Training nun die Zahlen 6 und 7 kennegelernt, nachdem er bisher nur bis 5 Zählen konnte. Seine neue Lieblingsbeschäftigung besteht darin, jeden Morgen in meiner Begleitung Brot von der Bäckerei der Pipitos in die Vorwerkstatt zu tragen. Für ihn bedeutet dies einen fünfminütigen Fussmarsch bei dem er grundsätzlich mindestens zweimal hinfällt. Er erkundigt sich mehrmals am Tag bei mir, ob er auch am nächsten Tag wieder Brot bringen darf... Julito, den ich im ersten Rundbrief beschrieben habe, wird immer ruhiger und „zivilisierter“ und widmet sich mit grösstem Vergnügen (erkennbar am aggressivem Grinsen) dem Ballspiel. Allerdings gibt es auch andere Beispiele. Alberto sitzt im Rollstuhl und leidet an Muskeldystrophie. Dass bedeutet, dass Schritt für Schritt die Funktionsfähigkeit seiner Gliedmassen nachlässt, bis er schliesslich relativ früh sterben wird. Seine 4 Brüder haben diese Erbkrankheit ebenfalls. Nachdem Alberto die rasche Verschlimmerung der Behinderungen und den Tod seines ältesten Bruders, der sehr lernbegierig war, miterleben musste, hat er spürbar keine Lust mehr auf nichts. Er integriert sich eher widerwillig in das normale Programm, auch wenn er natürlich (wie alle Jugendlichen) sehr gerne ins Zentrum kommt. Alberto verbringt fasst den ganzen Tag vor dem Fernseher. Seine Gedanken drehen sich aussschliesslich um japanische Zeichentrickfiguren, von denen er (ausgesprochen gute) Bilder malt. Wir versuchen nun ihn dazu zu bringen auch andere Dinge zu zeichnen. Albertos jüngster Bruder Marvin dagegen kann momentan noch gut laufen und macht einen gesunden Eindruck. Bald wird auch er im Rollstuhl sitzen. Er ist Teil einer Gruppe lernbehinderter Jugendliche, mit denen ich einen Schwimmkurs durchführe.

-Heute haben wir mit den Jugendlichen der Vorwerkstatt an spielerischen Feierlichkeiten anlässlich der Woche des Kindes teilgenommen. Die Veranstaltung war von verschiedenen Organisationen der Kinder und Jugendarbeit zusammen organisiert worden, unter anderem von INPRHU, die sich um Strassenkinder und arbeitende Kindern kümmern und ebenfalls mit EIRENE zusammenarbeiten. Wir haben dabei Spiele mit Luftballons organisiert und ich konnte daher stundenlang Luftballons für drängelnde Kinder aufblasen.

-Diese alljährlich gefeierte Woche des Kindes ist momentan überschattet von der Debatte über das Kinderschutzgesetz. Los Pipitos wenden sich zusammen mit anderen Jugenarbeits-organisationen gegen Vorschläge der liberalen Parlamentsfraktion, das Kinderschutzgesetz (das z.B. verbietet Kinder zu schlagen) zu „reformieren“, das heisst einzuschränken. Die Angeordneten machen eine zu „lasche“ Erziehung für die steigende Jugendkriminalität verantwortlich. Die Pipitos dagegen kritisieren, dass das Gesetz in Wahrheit noch kaum umgesetzt ist (der durchschnittliche nicaraguanische Vater schlägt, falls er mal nach Hause kommt seine Kinder grundsätzlich windelweich; auch viele unsere Behinderten Jugendlichen kommen daher regelmässig mit blauen Flecken an) und machen auf die soziale Ungleichheit als Hauptursache der Kriminalität aufmerksam. Daneben fordern wir die Rechte speziell behinderter Kinder stärker gesetzlich zu schützen.

-In einer ähnlichen Lobbyaktion unterstützten wir vor kurzem die Sonderschule Estelís(eine von insgesamt 3 im ganzen Land) in ihrem Kampf um ihre Gebäude. Die Sonderschule war von den Eltern mit Unterstützung von Hilfsorganisationen gebaut worden. Die Regierung hatte dazu nichts beigetragen. Als nun das Erziehungsministerium in Estelí sein Gebäude verlor(es musste an die Besitzer vor der Revolution zurückgegeben werden), besetzten sie kurzerhand das der Sonderschule für ihre Büros. Nach längerer öffentlicher Auseinandersetzung zog sich das Ministerium zurück.

-Ein anderer Arbeitsbereich der Pipitos ist das community-based Rehabilitation (CBR) Programm. Dabei arbeiten Leute aus den verschiedenen Vierteln Estelís und den Dörfern im Umkreis in der Beratung von Familien mit behinderten Kindern und werden gleichzeitig darin ausgebildet, um dezentral überall qualifizierte Ansprechpartner für Behinderte zu haben. Durch die Viertelbetreuerin meiner Wohngegend konnte ich diese Arbeit näher kennenlernen. Auf ihren Hausbesuchen trifft sich vielfach auf Familien die in absoluter Armut leben. Schon die gesunden Kinder sind dort dazu verurteilt, wie man hier sagt „Staub zu essen“. Noch viel schlimmer ist es dabei für die Behinderten.

-Meine Englischschule entwickelt sich sehr gut. Mit den Einnahmen können bereits jetzt eineinhalb Monatsgehälter fúr einen Pipitos- Mitarbeiter bezahlt werden. Dabei sind die Gebühren verglichen mit kommerziellen Sprachschulen sehr billig und dadurch auch für den Normalbürger erschwinglich. Ausserdem macht es mir Freude zu sehen wie viel Leute ,die vor drei Monaten angefangen haben zu lernen, mittlerweile schon sagen und verstehen können.

Der Kampf gegen die Korruption

ist derzeit in Nicragua Thema Nummer 1 (kurzfristig abgelöst durch die Fussballweltmeisterschaft, „el mundial“ bei der aus lateinamerikanischer Solidarität natürlich jeder eifrig für Argentinien mitzittert). Wusste während der Regierungszeit Arnoldo Alemáns im Prinzip jeder um die irrsinnige Korruption und Selbstbereicherung (Alemán allein raubte über 300 Millionen Euro) der führenden Staats„diener“, so war es doch genauso klar, dass diese ungestraft blieben, wie das in Nicaragua bei Verbrechen der (Einfluss-)Reichen so Tradition ist. Wer wie der damalige oberste Rechnungsprüfer Augustín Jarquín dagegen vorzugehen versuchte, landete im Gefängnis.

Dieses Jahr haben nun einige mutige Richter und Staatsanwälte Prozesse gegen die korrupte Regierung vorangetrieben (die beiden Hauptbeteiligten sind mittlerweile zufällig ihren Job los). Der ehemalige hochkorrupte Finanzamtschef Byron Jeréz ist mittlerweile wegen Veruntreuung von Staatsgeldern und Betrug verurteilt. Alemán selbst ist derzeit - obwohl nicht einmal gewählter Abgeordneter - Parlametspräsident und geniesst Immunität. Ob diese, wie von zuständigen Gericht gefordert, aufgehoben wird ist eher fraglich, da dazu die Stimmen einiger liberalen Abgoerdneten nötig sind, deren Fraktion sich aus treuen Alemán–Anhängern zusammensetzt.

Ausserdem enstand eine überparteiliche soziale Bewegung, die sich für die Aufklärung der Vorfälle und die Bestrafung der Verantwortlichen einsetzt. Sehr hilfreich ist, dass der neue Präsident Enrique Bolaños den Kampf gegen die Korruption unterstützt (auch wenn bei den Enthüllungen herauskam, dass sich die Liberalen auch beim letzten Wahlkampf, als Bolaños gewählt wurde, grosszügig aus der Staatskasse bedinet haben) was ihn in der Bevölkerung sehr beliebt gemacht hat, seine liberale Partei allerdings an den Rand der Spaltung treibt.

Bolaños Beliebtheit ist durch seine Wirtschaftspolitik allerdings in Gefahr. Vor einigen Tagen wurde sein Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bekannt. Dieser zwingt die nicaraguanische Regierung 42 Millionen Euro einzusparen. In Geheimverhandlungen zwischen IWF und Regierung wurde eine Steuerreform zu Lasten der ärmeren Bevölkerungsschichten vereinbart (u.a. Erhöhung der Mehrwertsteuer, Abschaffung der Zollvergünstigungen für Hilfsorganisationen). Dazu wird aufgrund der Privatisierung und Deregulierung der Energieversorgung eine Anhebung der Strom-uind Wasserpreise um fast 20% stattfinden. Dieses Massnahmen führen laurt der Tageszeitung El Nuevo Diario dazu, dass der Preis des Grundkorbes aller lebenswichtigen Güter sich um über hundert Prozent auf 420 Euro pro Monat erhöhen wird - bei einem Durschnittseinkommen von unter 75 Euro. Da sich Regierung und Arbeitgeber ausserdem weigern über eine Erhöhung des zugegeben astronomisch hohen Mindestlohnes von 2,20 Euro pro Tag zu verhandeln, ist ein enormer Kaufkraftschwund und eine weitere Verarmungswelle (man fragt sich irgendwie ob das bei der schon jetzt herrschenden Armut überhaupt noch möglich ist) die logische Folge. Dazu kommen noch die rapide sinkenden Kaffeepreise auf dem Weltmarkt (Hauptdevisenbringer des Landes). Schon jetzt ist aufgrund der niedrigen Preise Kaffeeanbau kaum mehr rentabel, was im vergangenen Jahr zur Massenabwanderung hungernder arbeitsloser Landarbeiter in die Städte führte. Ähnliches wird dieses Jahr erwartet...

Diesem Trend können Sie in Deutschland durch den Kauf von „fair gehandeltem“ Kaffee (z.B. in „Eine Welt-Läden) etwas entgegenwirken. In Miraflor (Kaffeeanbaugebiet nahe Estelí) erhalten die Bauern für einen Sack „Fair-Kaffee“ US $ 150 statt der üblichen US$ 50. Zudem sind die Preise langfristig garantiert und daher nicht von den (tendenziell deutlich nach unten) schwankenden Weltmarktpreisen abhängig. Ausserdem kommen dadurch Mittel für Kooperativen zusammen. In Miraflor konnte die dortige Kooperative zum Beispiel dort auf dem Land eine Schule bauen, was auch ein Schrtt gegen die Landflucht ist. Zudem praktizieren die Bauern nun eine umweltfreundlichere Produktionsweise (ohne Chemikalien), wodurch nicht nur der Kaffee gesünder ist, sondern auch die Böden in Takt bleiben.


Warum

kann nun eigentlich der IWF die nicaraguanische Regierung zu einem derartigen Verarmungsprtogramm zwingen ? Der IWF ist ein Finanzgremium der UNO, indem fast alle Staaten der Welt vertreten sind. Die Stimmenverteilung ist allerdings nicht demokratisch (z.B. jedes Land eine Stimme oder nach Einwohnerzahl) sondern nach der Wirtschaftskraft gerichtet, wodurch die 8 wichtigsten Industriestaaten, zu denen auch Deutschland gehört, über die Stimmenmehrheit verfügen. Zudem besitzen die USA ein de facto Vetorecht, die Länder des Südens („3.Welt“) haben überhaupt nichts zu sagen. Diese sind allerdings im Wesentlichen von seinen Entscheidungen betroffen, da sie bei den Industrieländern zu meist bis über den Kopf verschuldet sind (Nicaragua unter anderem nicht unwesentlich bei Deutschland). Zu den Aufgaben des IWF gehört es, diese Schuldenlast zu kontrollieren, Rückzahlungen und Zinsen einzutreiben.(Zu einer vollständigen Schuldenrückzahlung ist kein Land des Südens in der Lage.)Da sie sonst als Volkswirtschaft zusammenbrechen würden sind die meisten Länder des Südens gezwungen, immer wieder neue Kredite bei IWF/Weltbank aufzunehmen (dabei legen die Industriestaaten überschüssiges Kapital an), gleich unter welchen Bedingungen. Diese Bedingungen tragen den schönen Namen Strukturanpassungsprogramme (SAP) und sollen dazu dienen, die Wirtschaft des Entwicklungslandes auf Vordermann zu bringen. Zu den geforderten Massnahmen gehören unter anderem Privatisierungen von Staatsunternehmen (werden dann meist von transnationalen Konzernen aus den Industriestaaten aufgekauft), Abbau des (in der Regel kaum vorhandenen) Sozialstaats, Verbot von Subventionen für Grundgüter (führte in Indonesien z.B. zum schlagartigen Anstieg der Grundnahruingsmittelpreise um über 1000%, ähnliche Beispiele gibt es für viele weitere Länder), Reallohnsenkungen, Verbot von Umwelt-und Sozialauflagen bei Investitionen. In Nicaragua führten diese Programme zur Zerstörung eines einst für Lateinamerika vorbildhaften Sozialstaats, zum totalen Ausverkauf des Landes (die Einnahmen aus Privatisierungen kamen zudem meist dem Clan um Arnoldo Alemán zu Gute), einer irrsinnigen sozialen Ungleichheit mit einer Mehrheit an Arbeitslosen und zur totalen Verarmung der Mehrheit der Nicas. Zudem machen die SAPs die Behauptung, Nicaragua sei eine Demokratie zu einem schlechten Witz. Schliesslich ist die (mehr oder weniger) demokratisch gewählte Regierung dieses Landes den Diktaten des IWF völlig wehrlos ausgeliefert. Als das nicaraguanische Parlament im letzten Jahr als Reaktion auf die Kaffeekriese (vgl. oben) einen Unterstützungsfond für die betroffenen Bauern einrichten wollte, verbot der IWF kurzerhand diesen illegalen Eingriff in den „freien Markt“ und löste damit eine Hungersnot aus. Ähnliche Ergebnisse hatte diese Politik in allen Ländern, in denen sie angewandt wurde. Wie weit sie zur wirtschaftlichen Stabiliserung der betroffenen Ländern beiträgt zeigt als jüngstes Beispiel der Totalzusammenbruch des einztigen IWF-Musterschülers Argentinien im vergangenen Dezember. Wie unschwer zu erkennen ist, dient die IWF-Politik keineswegs dazu, die Armut in den Ländern des Südens zu bekämpfen, vielmehr hat sie sie deutlich verschärft. Der IWF dient den Interessen der Industriestaaten, indem er die Länder des Südens weiter in Abhängigkeit hält, Investitionsmöglichkeiten für transnationale Konzerne schafft (in Nicaragua dürfen in der „offenen Zone“ ausländische Unternehmen ohne jegliche Regulierung durch die Regierung unter an Sklaverei erinnernden Bedingungen produzieren lassen), und auch aus den allerärmsten Ländern fleißig Zinszahlungen heraussaugt. Die gesamten Zinszahungen der Länder des Südens hat den Wert der ursprünglich erhaltenen Kredite längst um ein Vielfaches überschritten. Zudem entsprechen nach Informationen der zuständigen Enquete-Komission des Deutschen Bundestags die jährlichen Zahlungen der Entwicklungsländer an die Industriestaaten an Zinsleistungen und aufgrund der Verschlechterungen der Terms of Trade (während die Preise für Produkte wie z.B. Kaffee, die ein Land wie Nicaragua exportiert, ständig fallen, steigen die Preise für Waren wie z.B. Autos, die Nicaragua importieren muss) dem Neunfachen der gesamten Enticklungshilfe. Zudem wird in allen wichtigen Industriestaaten die Enticklungshilfe seit Jahren gesenkt. Ausserdem sollte man bedenken, dass nach Aussagen des deutschen „Entwilcklungshilfeministeriums“ (BMZ), für jeden Euro deutscher Entwicklungshilfe an Länder des Südens 3,4 Euro daraus resultierend in Form von Aufträgen für deutsche Unternehmen zurückfliessen. Zusammenfassung: Der Hunger z.B. in Nicaragua macht den Überfluss z.B. in Deutschland erst möglich...


Mein Deutschlandbesuch

Trotz alledem werde ich vom 22.6.-10.7. nach Deutschland kommen. Ich nütze dabei die Tatsache aus, dass 2 Hin-und Rückflugtickets billiger sind als 2 Einzelflüge um Familie und Freunde in Deutschland zu besuchen. Ich habe ausserdem einen Diaovortrag über die Pipitos und Nicaragua vorbereitet und bin gerne bereit, die Dias bei verschiedenen Leuten oder Organisationen zu zeigen und über meine Erfahrungen zu berichten. Danach werde ich nach Nicaragua zurückkehren und bis Ende Januar 2003 weiter bei den Pipitos arbeiten. Für die Unterstützung meines Freiwilligendienstes möchte ich Euch/Ihnen an dieser Stelle noch mal herzlich danken und hoffe, dass Euch/Ihnen mein Rundbrief gefallen hat.

Ich schliesse ihn noch mit einer Anektote aus der estelianer Stadtgeschichte und dem 2. Teil über die Geschichte Nicaraguas ab.

Bis bald in Deutschland, Martin Schmalzbauer


Der Robin Hood von Estelí ?

Nicaragua im Jahr 1993, die Revolution ist längst vorbei. Unter Präsidentin Violeta Chamorro und dem IWF findet gerade der oben beschriebene neoliberale Staatsumbau statt. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist gross, die soziale Schere öffnet sich immer weiter. Gleichzeitig ist durch das Ende des Krieges (vgl. Absatz zur Geschichte) die Aufrechterhaltung einer grossen Armee nicht mehr nötig, so dass sie stark verkleinert wird. Für die Soldaten bedeutet dies oftmals einen Absturz zur Arbeits-und Mittellosigkeit.

So kommt es am 25.7.93 zur Revolte. Eine Gruppe von 150 Soldaten fällt unter Führung des ehemaligen Guerilla-Helden Piedrito el Hondureño in die Stadt Estelí ein und besetzt das Bankendreieck (Kreuzung in der Innenstadt, an der sich drei Banken befinden). Die Aufständischen erleichtern die Banken um ihr Vermögen und halten Teile der Stadt besetzt. Piedrito verliest eine Erklärung gegen die Umverteilungspolitik der Regierung. Kurz darauf greift die nicaraguanische Armee die Stadt an. Es kommt zu heftigen Gefechten mit 48 Toten (hauptsächlich Aufständische). Aufgrund der Unterstützung der Rebellen durch weite Teile der estelianer Bevölkerung ist es für die Armee allerdings nicht möglich ,das Problem militärisch zu lösen und man einigt sich auf einen Waffenstillstand. Die überlebenden Rebellen können fliehen, dass geraubte Geld ist nach deren Aussagen verschwunden. Allerdings hatte Piedrito seltsammerweise plötzlich Geld um ein paar Wochen später einen Schuppen in Estelí zu mieten und ihn mit Nahrungsmitteln, Baumaterialen und anderen Gütern des Grundbedarfs im Wert von mehreren tausend Dollar zu füllen. Wer arm war, konnte dort nun kostenlos einkaufen. Von dem Rest eröffnete sich Piedrito unbekümmert auf einer der beraubten Banken ein Konto. Nach dieser Aktion war der Ex-Guerillero in Estelí so populär, dass er mit dem Gedanken spielte als Bürgermeister zu kandidieren. Schliesslich entschied er sich dagegen und ist heute Bauer im Süden des Landes.


Kurzgeschichte Nicaraguas II

Nach der Revolution 1979 wurden zunächst höchste Anstrengungen im sozialen Bereich unternommen. Im „Nationalen Kreuzzug zur Alphabetisierung“ brachen tausenden junger Menschen aus den Sädten in die ärmsten Gegenden des Landes auf, um den Leuten Lesen und Schreiben beizubringen. Auf diese Weise wurde die Analphabetenquote von über 50% auf unter 10% gesenkt. Im Zuge der Landreform wurden Grossgüter an Kleinbauern und Kooperativen aufgeteilt. Bildungs-und Gesundheitssytem wurden massiv ausgebaut und waren bis zum Ende der Sandinistischen Regierungszeit vollständig kostenlos. 1983 lobte die UN-Gesundheitsinstitution das nicaraguanische Gesundheitswesen als modellhaft für die „3.Welt“.(heute dagegen muss man im Estelianer Krankenhaus bis hin zu Spritzen, Medikamenten, Narkosemitteln, Verbandssachen, alle möglichen benötigten Werkzeuge etc. selbst mitbringen und bezahlen). 1984 wurden die ersten freien Wahlen der Geschichte Nicaraguas abgehalten, bei denen die Frente Sandinista mit 62% der Stimmen gewann (die Wahlen wurden im Gegensatz zu Arnoldo Alemáns Wahlsieg 1996 von den internationalen Beobachtern als fair und sauber bezeichnet). Daniel Ortega wurde Präsident, der Schriftsteller Sergio Ramirez (während der Somoza-Diktatur in Deutschland im Exil) sein Vize. Auch wenn die Revolutionsregierung erkennbar Umverteilung zugunsten der Armen betrieb, war Nicaragua doch nie ein kommunistischer Staat. Das Privateigentum wurde im Prinzip respektiert, nie wurde eine Ein-Parteien-Diktatur errichtet, die meisten Sandinisten waren und sind zutiefst katholisch. Es gab eine ganze Reihe kirchlicher Privatschulen. Zudem wurde nie versucht, den Staat alles regeln zu lassen. Vielmehr entstand eine Reihe von Initiativen und Selbsthilfeorganisationen. Los Pipitos sind in diesem Zusammenhang 1987 als Selbsthilfeorganistaion von Familien mit behinderten Kindern entstanden. 1987 beschloss die Nationalversammlung ausserdem die Verfassung Nicaraguas, nachdem diese in Volksversammlungen in allen Ecken des Landes diskutiert worden war. Diese kann sich in Bezug auf die dort erklärt bürgerlichen und sozialen Menschenrechte leicht mit dem deutschen Grundgesetz messen lassen und ist heute noch in Kraft (auch wenn viele der Grundrechte heute nur noch auf dem Papier existieren). Daneben bemühte sich die sandinistische Regierung um gute Beziehungen zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, was allerdings nicht so ganz funktionierte... War die US-Regierung unter Jimmy Carter noch zur Zusammenarbeit mit den Sandinisten bereit, änderte sich dies nach dem Amtsantritt des Republikaners Ronald Reagan 1981 deutlich. Die nationale Revolution des 4 Millionen Einwohner-Landes war auf einmal „totalitärer Kommunismus“ und eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA. Reagan ließ einen Wirtschaftsboykott über Nicaragua verhängen, was dass Land - bis zur Revolution quasi-Kolonie der USA und fast ausschliesslich vom Handel mit ihnen abhängig - schwer traf. Zudem brachten die USA fast alle ihre Verbündeten dazu, Nicaragua mit zu isolieren. Auch die Bundesrepublik beendete 1982 die Zusammenarbeit mit Nicaragua. Zudem verminten die US-Marines den einzigen Frachthafen des Landes, Corinto. Unterstützung bekam Nicaragua dagegen von Kuba, dem Ostblock (nicht zuletzt von der DDR, was das recht ungewohnte Phänomen hervorruft, dass man als Deutscher oft gefragt wird aus welchem Teil man denn kommt und die Leute dann enttäuscht sind, wenn man „Wessi“ ist) und einer Reihe von Solidaritätsinitiativen aus kirchlichen, gewerkschaftlichen und linken Gruppierungen aus den westlichen Ländern. Viele davon entsandten Solidaritätsbrigarden nach Nicaragua (z.B. die katholische Landjugend Amberg-Sulzbach). In diesem Zusammenhang begann auch EIRENE 1983 die Arbeit in Nicaragua. All dies konnte gegen die Massnahmen der USA allerdings nicht viel ausrichten. Diese bewaffneten ehemalige somozistische Nationalgardisten, zu denen sich später verschiedenen Gruppen von meist bitterarmen und ungebildeten Söldern stießen und gründeten damit die Contra (Kontrarevolutionäre). Diese terroristische Gruppierung begann dann den Bürgerkrieg gegen die Regierung, besser gesagt gegen die Zivilbevölkerung, massakrierte in den Bergen die Bauern und verübte Terroranschläge in den Städten.(Ich habe mittlerweile viele ehemalige Contras kennengelernt. Es sind auch nur normale Menschen, aber ihre Verbrechen sind einfach Fakt.)

Daneben führten die USA einen Propagandakrieg, in dem sich ihre Propagandasender nicht scheuten zu verbreiten, die sandinistische Impfkampagne diene dazu die Leute zu vergiften und mit „Kommunismus“ zu infizieren, mit den kostenlosen Schulspeisungen bezwecke Daniel Ortega, die Kinder zu mästen um sie dann zu schlachten etc. Jährlich wandten die USA 80 Milliarden US$ zur Bekämpfung der Sandinisten auf, mehr als das 40 fache (!) des Bruttoinlandsprodukts von unter 2 Milliarden US $. Trotz der überlegenen amerikanischen Waffen (z.B. US- Kampfflugzeuge, die unter anderem mehrfach Estelí bombardierten) der Contra konnten sie diesen Krieg militärisch gegen ein bewaffnetes Volk nicht gewinnen. Was sie allerdings erreichten, war die Regierung zu zwingen, ihre Ressourcen auf den Krieg zu reduzieren, wodurch die zu Beginn der 80er errreichte Verbesserung des Lebenstandards wieder zurückging. Zudem beeinträchtigte der Belagerungszustand den ursprünglich freiheitlich-demokratischen Geist der Revolution. Die Regierung wurde autoritärer, es kam zu Fällen von Zensur und Inhaftierungen politischer Gegner. Ausserdem beganen einige Sandinisten die militärischen Kommandostrukturen zum eigenen Machtausbau und zum Aufbau von Privilegien zu nutzen. Dadurch entstand neue soziale Ungleichheit. Daneben sahen sich die Sandinisten gezwungen die allgemeine Wehrpflicht einzuführen und junge Männer an die Front in den Krieg zu schicken. Angsichts von Krieg und Wirtschaftsblockade war außerdem die Wrtschaft in einem sehr schlechten Zustand, die Inflation galoppierte, die Regierung begann im sozialen Bereich zu sparen. Leidtragende waren vor allem die Armen, für die die Revolution ja eingentlich gemacht worden war. Dies alles, vor allem aber die zahllosen Toten aus dem Contrakrieg führte dazu, dass viele Menschen die Revolution aufgaben und sich von den Sandinisten abwandten, da ihnen klar war, dass USA und Contra diesen Krieg gegen die Sandinistische Regierung führten und eine andere Regierung logischerweise das Ende des Krieges bedeuten würde. Die Mehrheit war nicht mehr bereit, Sandinos Losung „¡Patria Libre o morir!“ (freies Vaterland oder sterben!) zu folgen. Bei den Wahlen 1990 (dass es so etwas im angeblich totalitären Kommunismus überhaupt gab!), siegte daher knapp die UNO (nationale Oppositionsunion ), ein Bündnis aus allen 14 antisandinistischen Parteien, das sofort nach der Wahl wieder auseinanderbrach und bezeichnender Weise in der Botschaft der USA gegeründet worden war......



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