Neues aus Nicaragua
Friederikes Neuigkeiten von Los Pipitos
Estelí, den 8.8.03
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Und so wäre ich bei meinem Hauptthema dieses Dienstes, den Pipitos, angelangt.
Seit Weihnachten hat sich hier einiges getan, vor allem in den Gruppen, in denen ich mitarbeite. Erst einmal gab es im Dezember die Verabschiedung derer, die zwei Jahre im Zentrum gearbeitet haben, von denen einige die Möglichkeit hatten zurückzukehren und die anderen, die nun wieder die Tage in den Familien verbringen, weil natürlich die Chancen auf dem nicaraguanischen Arbeitsmarkt für Behinderte sehr schlecht stehen.
Nach den Weihnachtsferien ging es für uns Anfang Januar ohne die Jugendlichen mit dem neuen Jahr los, und die Zeit bis Anfang Februar wurde mit Planen, Hausbesuchen und Anmeldungen verbracht. Jede Gruppe entwirft Halbjahrespläne, die ungefähr angeben sollen, was in welchem Monat und Zeitraum gemacht wird. Die Gruppenleiterinnen (Promotoras) sind aber hauptsächlich mit Besuchen beschäftigt und arbeiten mit den Promotoras aus den verschiedenen Stadtteilen zusammen, die meist besser Bescheid wissen, wie es wem geht und wo Familien mit behinderten Kindern wohnen. Für mich war das eine neu Erfahrung, denn ich kannte bis dahin nur den inneren Kern Estelís und habe mich so in den wirklich armen Vierteln der Stadt wieder gefunden. Es ist manchmal nicht ganz einfach zu verdauen und schwer begreifbar, wie Familien mit 6 bis 8 Personen in einer Holzhütte, die so groß wie mein Zimmer ist und kein fließend Wasser und Strom hat, leben, sich im dreckigen Fluss baden, dort waschen und ihr Trinkwasser daraus nehmen. Es macht mich gerade deshalb traurig, da ich machtlos demgegenüber bin und ohne diese Alltagssorgen, woher ich das Geld für den nächsten Tag nehme, unbeschwert leben kann.
Im Februar wurden dann die alten und neuen Gesichter bei den Pipitos begrüßt und was sehr schön ist, dass nun auch nichtbehinderte Jugendliche mit uns arbeiten und in der Schreinerei sogar eine Art Ausbildung machen können.
Meine morgendliche Gruppe hat sich durch den Jahreswechsel ebenfalls etwas gewandelt und kann nun noch weniger als Werkstatt durchgehen, da einige doch recht fitte Jugendliche im Dezember mit verabschiedet wurden oder in eine andere Werkstatt gewechselt haben, was für meine zuständige Promotora und mich mehr Aufsicht als Produzieren bedeutet.
Zurzeit arbeiten wir mit 9 Mädchen und Jungen, die, wie im letzten Jahr ebenfalls, kleine Teppiche weben, versuchen Stoffreste gerade zu schneiden oder mit uns Pappmachepapier herstellen. Alberto, ein Junge, der an Muskelschwund leidet und sich nur noch schwer bewegen kann, zeichnet für sein Leben gerne und so haben wir nun jedes Fenster mit Windowcolour geschmückt (die uns noch eingetrocknet wäre), da er sonst die meiste Zeit in seinem Rollstuhl sitzt und "nur" verbale Hilfe geben kann, die gerade dann nützlich ist, wenn Orling, der an Spastik und geistiger Behinderung leidet, mal wieder vergessen hat, wo er beim Weben gerade stehen geblieben ist. Es ist jedoch sehr schwierig, eine Beschäftigung für alle zu finden, da jeder Einzelne eine andere Vorraussetzung durch seine Behinderung hat, da die Promotoras nie eine richtige Ausbildung machen konnten und nur durch Fortbildungen ein wenig mehr über Sonderpädagogik erfahren haben. Aber ich denke, auch wenn es bei uns des öfteren schwimmt, wichtig ist der Aspekt, dass jeder von den Jugendlichen gerne ins Zentrum kommt und etwas für sich sehr Bedeutendes vollbringen kann und eine Beschäftigung hat. Ich gehe gerade in diese Gruppen so gerne, nicht zuletzt wegen der Herzlich- und Freundlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Mit meiner Mitarbeiterin Marcia verstehe ich mich sehr gut, obgleich mir oft die kulturell geprägten Unterschiede zu schaffen machen und eben nicht immer alles rosig läuft.
Meine Nachmittage habe ich Anfang des Jahres in den Kindergruppen verbracht, eine Art Frühförderung, wo die Eltern mit ihren Kindern spielen und etwas zu essen bereiten, kam mir dort aber etwas nutzlos vor und bin in "mein" Tütenkollektiv zurückgekehrt. Ich denke, dass dies im Endeffekt die richtige Entscheidung war, denn dort kann ich etwas mehr helfen und habe zu Maria Julia, die im Rollstuhl sitzt, gerade ihren Schulabschluss nachholt und alles im Griff hat, ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Insgesamt arbeiten dort vier Jugendliche mit Maria Julia und mir, von denen aber nur zwei täglich erscheinen. William und Hugo kommen nur sehr selten, was eigentlich schade ist, da die beiden trotz körperlicher und geistiger Behinderung ein Potenzial haben, was der Gruppe nur zugute kommt. Mittlerweile hat dieses "Kollektiv" den Kiosk auf dem Gelände übernommen, um nicht mehr täglich in einem recht kleinen und dunklen Raum Tüten zu kleben, die leider nur sehr schwer verkauft werden. Den meisten Ladenbesitzern ist der Preis zu hoch und so kaufen sie lieber die billigen Plastiktüten, die natürlich zu unseren selbst gemachten Papiertüten kein Vergleich sind. Des öfteren schon bin ich durch die Geschäfte gegangen und habe versucht, Aufträge zu bekommen, aber in den meisten Fällen wird man nur abserviert. Der Kiosk ist daher eine sehr gute Alternative für die Gruppe, auch wenn es hier ebenfalls einige Probleme gibt. Zum einen müssen sie an die Mitarbeiter Kredit geben, was nun mal in Nicaragua völlig normal ist, da ohne diese Möglichkeit kaum einer etwas kaufen würde. Das führt dazu, dass alle konsumieren und konsumieren ohne zu bezahlen und Maria Julia eigentlich am Ende des Monats das Geld bekommen sollte, im Notfall von der Verwaltung, die dies von den einzelnen Gehältern abzieht, aber manchmal etwas langsam ist und sie öfters auf den nächsten Tag vertröstet. Problematisch ist die Tatsache, dass eine der Jugendlichen manchmal einfach etwas an ihre Freunde verteilt, ohne das Geld dafür zu nehmen oder sich gerne selbst bedient. Im Grossen und Ganzen ist die Umstellung auf den Kiosk aber die bessere Lösung und gibt allen Beteiligten eine neue Perspektive.
Gerade, wo ich dies hier alles notiere, um Euch/Ihnen ein bisschen von Nicaragua zu erzählen, kommen mir die Probleme, die die einzelnen Gruppen haben, sehr klein vor, gerade wenn ich betrachte, mit welch anderen Problemen auch Los Pipitos kämpft, aber für die Beteiligten, wie z.B. Maria Julia, bedeutet dies sehr viel, denn sie hat zwar Unterstützung durch zuhause, aber das hier, ist ihr Alltag und der kann durch manche Zwischenfälle sehr frustrierend werden.
Aber auch so gibt es neben der Arbeit Aktivitäten von den Pipitos oder aber auch mal für die Pipitos, wie z.B. den Teleton, eine kommerzielle Geldsammelaktion, deren Initiatoren ein Krankenhaus in Managua bauen wollen, das gerade der Behandlung von behinderten Kindern zugute kommen soll. Die letzten Jahre hatte sich diese Veranstaltung auf Managua beschränkt, wurde dieses Jahr aber in jeder größeren Stadt durchgeführt. Hier in Estelí traten Künstler aus der Gegend auf, vor allem Schulen kamen mit Tanzgruppen geströmt und jeder, der wollte, konnte sich mit einem Beitrag beteiligen. Zwischendurch wurden immer die neusten Ergebnisse des Geldstandes durchgegeben und natürlich kräftig bejubelt.
Jetzt, im August, steht eine Woche ganz im Zeichen der Behinderten, was bedeutet, dass Los Pipitos einen Zug durch die Strassen macht, es Spielnachmittage gibt und es wahrscheinlich ein Konzert geben wird.
Nun, mein Leben besteht nicht nur aus der Arbeit hier, zumal die Wochenenden immer zur freien Verfügung stehen und auch des öfteren Ferien angesagt sind.
Als ich hier angefangen habe, gab es sehr viele Deutsche im Projekt, was natürlich nicht so förderlich fürs Spanischlernen und Kontakteknüpfen war.
Die meiste Zeit haben wir eben doch gemeinsam verbracht, auch wenn sich jeder nebenher mit Einheimischen angefreundet hat, was aber nur selten zu einer Verknüpfung der Menschen geführt hat.
Seit März sind nun David, der Nachfolgefreiwillige für Martin, und ich alleine hier, was mir anfangs Mühe gemacht hat, denn ich habe die meiste Zeit in meinem Zimmer verbracht und bin nur selten weggegangen. Seit ich aus Deutschland zurückgekommen bin, habe ich aber das Gefühl, dass sich mein Spanisch weiter verbessert hat und ich offener für die Menschen hier geworden bin. Es fällt mir leichter, Einladungen anzunehmen und mich zu integrieren und vor allem auch die viele Zeit, die ich alleine bin, für mich sinnvoll zu gestalten.
Mit der Familie, in der ich lebe, verstehe ich mich auch ganz gut, dort habe ich mein Zimmer, kann mich selbst versorgen und werde nicht ständig in Familienprobleme eingeweiht, die mich eigentlich nichts angehen. Trotzdem ist das wahrscheinlich nicht das Gelbe vom Ei, meine Gastmutter quengelt täglich über Geldprobleme, obwohl sie nicht arm ist, ihr Enkel schaltet jeden Morgen den Fernseher auf volle Pulle und da die Zimmer nur durch Holzwände getrennt sind, bekommt man jeden Atemzug des Nachbarn mit.
Nicaraguaner haben die Angewohnheit, dass sie es "laut" lieben, und so schaltet die Hausangestellte Radio und Fernsehen gleichzeitig ein, obwohl sie gerade draußen am Waschen ist (Wäsche wird hier von Hand gewaschen). Das kann manchmal sehr anstrengend sein, zumal sich das nicht nur auf Nachmittage beschränkt, sondern jeden Morgen Musik zum Aufwachen läuft und ich in meiner ganzen Zeit in Nicaragua nicht länger als bis um 8 Uhr schlafen konnte. Es liegt einfach daran, dass die Menschen einen völlig anderen Tagesablauf haben, da die Mehrheit um 5 Uhr morgens aufsteht, um Hausarbeiten zu erledigen und sich abends um neun ins Bett legt, da die Sonne jeden Tag um 18 Uhr untergeht. Ich muss sagen, ich habe mich daran in diesem einen Jahr, das ich nun hier bin, nicht gewöhnt und es war ein sehr komisches Gefühl, als ich in Deutschland bis um 22 Uhr draußen ohne Licht sitzen konnte.
Zurzeit haben wir Winter hier, d.h. die Regenzeit ist zurückgekehrt und die Welt ist endlich wieder grün. Nach sechs Monaten ohne Regen, ein Weihnachten in der größten Hitze unter Palmen und dem vielen Staub, der sich täglich überall breit gemacht hat, ist dies eine Wohltat, obwohl die Temperaturen sich nicht einschneidend verändert haben. Aber nun braucht man abends in Estelí wieder einen Pullover und die Nächte sind angenehm kühl.
Ein Jahr ist lang, es bleibt daher auch viel Zeit um zu reisen, und dies natürlich am liebsten mit Menschen die man kennt. Nach Weihnachten hatte ich Besuch von zwei alten Klassenkameradinnen, die eine zweimonatige Reise gemacht haben und auch einen Teil der nicaraguanischen Kultur kennen gelernt haben. An Ostern kam ein Teil meiner Familie und wir haben uns in den Trubel der heiligen Woche gestürzt, in der die Mehrheit der Nicas Rum trinkt und sich ans Meer begibt.
Vor zwei Wochen wurde ich von meiner Gastschwester eingeladen, sie in ihrem momentanen Wohnort, Siuna, der in der Nordatlantikregion liegt, wo sich nur wenige Menschen angesiedelt haben, zu besuchen. Dort herrscht ein tropisches Klima und er ist die Goldkammer Nicaraguas - es wird jedoch nichts mehr abgebaut. Die Vegetation ist unglaublich, doch unter den Menschen herrscht viel Armut. Da ich in der Woche im Juli da war, in der die Revolution gefeiert wird, wurde natürlich viel getrunken, Revolutionslieder gebrüllt und es gab einen kleinen Festakt, um dem 24. Jahrestag dieses bedeutenden Ereignisses zu gedenken.
Zum Schluss möchte ich Euch/Ihnen nun einen kleinen Überblick über die Geschichte Nicaraguas geben:
1502: Christoph Kolumbus erreicht die Ostküste Nicaraguas während seiner vierten und letzten Reise.
1524: Francisco Hernández de Córdoba gründet die Städte León und Granada und begründet damit die koloniale Periode.
1633: Die Engländer beginnen Angriffe an der Karibikküste Nicaraguas und errichten Siedlungen, die der englischen Krone unterstehen.
1821: Am 15. September wird die Unabhängigkeitserklärung von Mittelamerika in Guatemala unterzeichnet.
1823: Die Federación Centroamericana wird gegründet.
1843: England errichtet ein Protektorat an der Mosquitia, der Karibikküste Nicaraguas.
1855: Während des Krieges zwischen Legitimisten und den Demokraten landet William Walker an der Spitze einer Söldnertruppe in Nicaragua.
1856: Mit Unterstützung der USA ernennt sich William Walker zum Präsidenten Nicaraguas.
1856-1857: Mit Hilfe einer mittelamerikanischen Armee siegen die Nicaraguaner und vertreiben die Piraten aus dem Land. William Walker wird in La Ceiba, Honduras, erschossen.
1857-1887: Während dieser dreißig Jahre wechseln sich eine Reihe von Präsidenten der konservativen Partei an der Macht ab.
1893: Die liberale Revolution bricht unter der Führung von José Santos Zelaya aus. Nachdem er die Präsidentschaft übernommen hat, beschließt Zelaya, dem nordamerikanischen Anspruch auf das uneingeschränkte Recht zum Bau eines interozeanischen Kanals durch Nicaragua bestimmte Grenzen aufzuerlegen. Die Vereinigten Staaten akzeptieren das nicht und beschließen, diesen in Panama zu bauen. Als Zelaya aber wegen des Kanals Verhandlungen mit anderen euro-päischen Nationen eröffnet, nutzen die Vereinigten Staaten eine Revolte, um ihn zu zwingen, zurückzutreten.
1909: Adolfo Díaz ersetzt Zelaya in der nicaraguanischen Regierung. Die Vereinigten Staaten eignen sich die Banken des Landes, den Zoll und die Eisenbahn an. Amerikanische Marineinfanteristen landen 1912 in Nicaragua, um die konservative Regierung zu schützen, und bleiben beinahe ununterbrochen bis 1933 im Lande, um die nordamerikanischen Interessen zu schützen und die Wahlen zu überwachen.
1927-1933: Der General Augusto César Sandino erhebt sich gegen die nordamerikanische Besatzung und initiiert den ersten Guerillakrieg des Kontinents. Die Vereinigten Staaten bilden die nicaraguanische Armee unter dem Befehl von Anastasio Somoza García aus und ziehen sich 1933 aus Nicaragua zurück.
1934: Nach dem Abzug der nordamerikanischen Marineinfanteristen befiehlt Somoza, Sandino zu ermorden, als dieser nach einem von Präsident Juan Bautista Sacasa veranstalteten Bankett zur Feier der gerade unterzeichneten Friedens-vereinbarung, in der die sandinistischen Truppen akzeptieren, die Waffen niederzulegen, aus dem Haus des Präsidenten in Managua kommt.
1935: Anastasio Somoza García zwingt Präsidenten Sacasa zum Rücktritt und macht sich im folgenden Jahr in Wahlen, in denen er der einzige Kandidat ist, zum Präsidenten Nicaraguas.
1954: Ein Rebellionsversuch gegen Somoza aus den Reihen der Armee endet in einem Massaker.
1956-1963: Anastasio Somoza García wird in León von dem Dichter Rigoberto López Pérez ermordet. Sein Sohn Luis Somoza ersetzt ihn als Präsident. Dessen Bruder Anastasio übernimmt die Leitung der Guardia Nacional.
1956-1959: Es werden mehr als vierzig bewaffnete Rebellionsversuche gegen die Somoza-Diktatur organisiert, die alle fehlschlagen. Die Beteiligten werden erschossen oder eingesperrt.
1961: Carlos Fonseca Amador gründet die Frente Sandinista de Liberación Nacional.
1962: Luis Somoza stirbt an einem Infarkt.
1967: Anastasio Somoza Debayle übernimmt die Präsidentschaft, nachdem er ein Massaker gegen friedliche Demonstranten der Opposition angeordnet hat, die ihn zwingen wollte, auf seine Kandidatur zu verzichten.
1972: Ein Erdbeben zerstört Managua. Somoza, der 1971 pro forma die Macht an eine Zivilregierung abgetreten hatte, ernennt sich selbst zum Präsidenten des Notstandkomitees und übernimmt de facto die Herrschaft über das Land.
1973: Somoza lässt sich erneut zum Präsidenten von Nicaragua wählen. Im Dezember führt die FSLN einen Überfall auf das Haus von Chema Castillo durch. Dem Einsatzkommando gelingt die Befreiung aller politischen Gefangenen. Somoza erklärt den Ausnahmezustand und die Pressezensur, die bis 1977 anhält.
1975-1977: Die Unterdrückung weitet sich auf das gesamte Land aus. Hunderte von Bauern werden ermordet, gefoltert, lebendig aus Hubschraubern geworfen. Die FSLN verliert viele ihrer Führungskader, unter ihnen Carlos Fonseca und Eduardo Contreras.
1975: Die sandinistische Front spaltet sich in drei Flügel.
1977: Am 5. September hebt Somoza den Ausnahmezustand und die Pressezensur auf. Am 13. Oktober greift die die FSLN die Militärstützpunkte San Carlos und Ocotal an, am 15. Oktober den Stützpunkt der Guardia Nacional in Masaya.
1978: Die Somoza- Diktatur befiehlt den Mord an Pedro Joaquín Chamorro, Leiter der Tageszeitung 'La Prensa'.
Die Privatunternehmer rufen einen Generalstreik aus; es kommt zu einem Aufstand im indianischen Viertel von Monimbó.
1978: Erneut werden Pressezensur, Belagerungszustand und Ausnahmezustand verhängt, ab September auch Ausgangssperre.
1978-1979: Volksaufstände, angeführt durch die FSLN, breiten sich im ganzen Land aus. Die Unterdrückung nimmt zu. León, Matagalpa, Estelí, Chinandega, Diriamba und Managua werden von der Guardia Nacional bombardiert.
1979: Versuche, durch Vermittlung und Dialog das Regime zu retten und eine Verhandlungslösung zu finden, scheitern. Am 16. März vereinen sich die drei Gruppen der FSLN. Am 16. Juni wird die Gründung der Junta De Gobierno de Reconstrucción Nacional verkündet, zusammengesetzt aus Violeta Chamorro, Daniel Ortega, Sergio Ramírez, Moisés Hassan und Alfonso Robelo. Die ÖA verlangt den Rücktritt Somozas und weigert Sich mehrheitlich, den Antrag der Vereinigten Staaten zu unterstützen, eine Friedenstruppe nach Nicaragua zu Schicken. Anastasio Somoza verlässt das Land am 17. Juli. Die Guardia Nacional läuft auseinander. Am 19. Juli erreichen die sandinistischen Kräfte siegreich Managua und übernehmen die Kontrolle über das Land.
1979: Die sandinistische Regierung initiiert ein weitreichendes Reformprogramm, verstaatlicht die Bank, konfisziert alle Besitztümer Somozas und seiner Verwandten, gründet die sandinistische Volksarmee und die Sandinistische Polizei und verkündet, dass sie das Land nach drei Prinzipien regieren wird: gemischte Wirtschaft, Blockfreiheit und politischer Pluralismus.
1980: Es organisiert sich eine riesige nationale Initiative, um den Analphabetismus im Land zu bekämpfen. Tausende von jungen Leuten gehen aufs Land, um dort die nationale Alphabetisierungskampagne zu führen. Man verkündet den freien Zugang zu medizinischer Versorgung für alle Nicaraguaner und den kostenlosen Unterricht in den Schulen der ersten und zweiten Stufe und in der Universität. Man schafft ein Area Propiedad, Del Pueblo, um die von der Familie Somoza konfiszierten Güter zu verwalten. Ronald Reagen wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Die Privatunternehmer geraten in Widerspruch zum Sandinismus, als dieser die Beteiligung von Volksorganisationen im Staatsrat verlangt.
1981: Reagen beschuldigt die sandinistische Regierung, Waffen an die Guerilla in Salvador zu schicken, und sperrt die Übergabe eines Darlehen von 15 Millionen US-Dollar an Nicaragua, genauso wie ein Darlehen für den Kauf von Weizen. Zeitungsberichte informieren über die Bildung der ersten Lager der Konterrevolution in Florida. Die USA üben Druck auf die inneramerikanische Entwicklungsbank aus, um die Darlehen an Nicaragua zu behindern. Die nicaraguanische Regierung konfisziert das Eigentum der Personen, die das Land verlassen und brachliegende oder verlassene Besitztümer haben.
1982: Reagen billigt den Plan der verdeckten Operation gegen Nicaragua und einen Fonds von 19 Millionen US-Dollar, der vom CIA verwaltet wird. 70 000 Gesundheits-brigadisten nehmen an einer groß angelegten Kampagne gegen Kinderlähmung teil. Die USA legen ihr Veto ein gegen ein Darlehen von 500 000 US-Dollar der BID an Nicaragua. Das Repräsentantenhaus verbietet dem Pentagon und dem CIA, Antisandinisten auszubilden oder zu bewaffnen.
1983: Das Gesetz über den obligatorischen Militärdienst wird in Nicaragua verkündet. Der Kongress der USA billigt 24 Millionen US-Dollar zur Unterstützung der Konterrevolution.
1984: Kommandos des CIA verminen die einschlägigen Häfen von Nicaragua. Nicaragua erhebt Einspruch vor Dem internationalen Gerichtshof in Den Haag. Dieser ordnet an, dass die USA die Verminung der Häfen und die Unterstützung der Contra aufzuheben hat. Nicaragua hält Wahlen ab; es gewinnt die FSLN. Reagen wird wieder gewählt und bedroht Nicaragua mit einer direkten Militärintervention. Die Aufklärungsflüge über Nicaragua beginnen.
1985: Die Regierung Reagen verhängt ein Wirtschaftsembargo gegen Nicaragua. Der amerikanische Kongress bewilligt weitere 20 Millionen US-Dollar für die Contra. Nicaragua verkündet strenge Maßnahmen zur wirtschaftlichen Anpassung im Land.
1986: Das Repräsentantenhaus der USA bewilligt 100 Millionen US-Dollar für die Contra und autorisiert den CIA, Operationen gegen Nicaragua durchzuführen. Der internationale Gerichtshof in Den Haag verurteilt das Handeln der USA und urteilt, dass sie Nicaragua für die verursachten Schäden entschädigen müssen. Die USA erkennen das Urteil nicht an. Es kommt zur Iran-Contra-Affäre, als das Repräsentantenhaus die Benutzung geheimer Fonds des CIA in der Kampagne gegen Nicaragua verbietet. Die nicaraguanische Bevölkerung leidet unter erheblichen Rationierungen von Grundnahrungsmitteln und Benzin. Die Elektrizität wird wegen der Sabotage von Hochspannungsmasten durch die Konterrevolution rationiert. In diesen Jahren sterben Hunderte von Jugendlichen bei Kämpfen. Die sandinistische Regierung greift immer mehr auf den Vertikalismus zurück, die Gesellschaft militarisiert sich zunehmend.
1988 Man verhandelt mit der Leitung der Konterrevolution über einen Waffenstillstand. Der amerikanische Kongress stimmt der Lieferung von wirtschaftlicher Hilfe und der Begünstigung jener politischen Parteien zu, die der nordamerikanischen Politik in Nicaragua nahe stehen. Der amerikanische Kongress bewilligt 9 Millionen US-Dollar, um die Wahlkampagne der oppositionellen Koalition UNO (Unión Nacional Oposidora) zu finanzieren.
1989: Für 1990 werden unter breiter internationaler Beobachtung Wahlen vorbereitet.
1990: An der Spitze der Koalition UNO gewinnt Violeta Chamorro die Wahlen. Die FSLN nimmt ihre Niederlage an und übergibt die Macht. Chamorro betreibt eine Politik der Versöhnung und erreicht Frieden im Land.
1990-2000: In den neunziger Jahren ist Nicaragua unter den Regierungen von Violeta Chamorro (1990-1996) und Arnoldo Alemán (1996-2001) wieder zu einem wirtschaftlich und sozial tief gespaltenen Land geworden, so wie es das auch vor 1979 war, nur diesmal ohne einen Diktator oder eine repressive Armee. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind die Indikatoren für menschengemäße Entwicklung seit 1990 stetig zurückgegangen. Während damals Nicaragua den 85. Rang unter den beobachteten Ländern einnahm, so lag es 1999 auf Rang 126.
(Quelle: Giaconda Belli, 'Die Verteidigung des Glücks')
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Schöne Grüsse aus Nicaragua!
Eure/ Ihre Friederike







