Internationaler Christlicher Friedensdienst

Nach 13 Jahren schulischem Soziotop, ist es unglaublich aufregend, spannend und erfrischend einer konkreten Tätigkeit nachzugehen, in der ich eine sehr grosse Verantwortung trage und mein Handeln und meine Entscheidungen wirkliche Konsequenzen haben

Andreas Koenen berichtet von den ersten Erfahrungen während seines Friedensdienstes, vom Leben und Arbeiten in einer mennonitischen Gemeinde in Lethbridge - einem kleinen Ort in der südwestlichen Prärie Kanadas.

Was bisher geschah:

Im Winter 06/07 habe ich mich bei Eirene um eine Freiwilligenstelle im Ausland, die als Zivildienst anerkannt wird, beworben. Nach einem mehrtaegigen Informationsseminar im Fruehjahr entschloss ich mich meine Bewerbung aufrechtzuerhalten und wurde dann zu einem Bewerberauswahltreffen eingeladen. Anfang des Sommers habe ich schliesslich eine Projektzusage erhalten und mich sofort auf den Weg ins organisatorische Nirvana gemacht. Nachdem ich erfolgreich aus dem Kreislauf des Leidens herausgebrochen war gab es vor dem Abflug nocheinmal eine Verschnaufpause: Auf einem zweiwoechigen Ausreisekurs mit meinen 18 Mitfreiwilligen des Nordprogramms (Eirene ist auf organisatorischer Ebene in das Nord-, Sued- und Ostprogramm unterteilt) beschaeftigten wir uns mit Krisen und moeglichen Problemen im Projektalltag, interkulturellem Lernen, Kommunikation, Gewaltfreiheit, Themen der Entwicklungspolitik aber auch pragmatischeren Dingen, wie z.B. versicherungsrechtlichen Fragen. Ich kann schon jetzt sagen, dass diese Vorbereitung enorm hilfreich war und einiges erleichtert hat. Nach dem Seminar verbrachte ich noch etwas Zeit zu Hause, bis ich schliesslich am 17. August im Flieger nach Calgary sass.

Wer war nochmal dieser Eirene?

 “EIRENE ist ein oekumenischer, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland, als Träger des Entwicklungsdienstes und des sogenannten “Anderen Dienstes im Ausland” (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist. 1957 wurde Eirene von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Zu den Gründern gehören die historischen Friedenskirchen der Mennoniten und der Church of the Brethren, die noch heute mit dem Versöhnungsbund und den Eirene-Zweigen in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu den Eirene-Mitgliedern zählen. In über 40 Jahren sind mehr als 1000 Freiwillige und EntwicklungshelferInnen mit Eirene in Afrika, Lateinamerika, sowie Europa und den USA im Rahmen eines Auslandsdienstes tätig gewesen.“ Wer genaueres ueber die Arbeit von Eirene erfahren moechte findet weiter Informationen unter www.eirene.org.  

Lethbridge, Alberta

Lethbridge beherbergt ca.80.000 Einwohner und liegt im Suedwesten der (oel-) boomenden kanadischen Provinz Alberta am Rande der Praerie. Die Rocky Mountains sind gute 2 Stunden (Entfernungen werden in Kanada sehr gerne in Autostunden angegeben) entfernt. Die Luft ist trocken, das Wasser schmeckt stark nach Chlor. 439mm Niederschlag im Jahresmittel erfordern gigantische Bewaesserungsanlagen um Landwirtschaft gewinnbringend zu betreiben. Auf den grossen Farmen, welche um die Stadt angesiedelt sind, wird hauptsaechlich Mais, Getreide, Rindfleisch und Milch produziert. Die vielen Pickup-Trucks, Huete mit drei Einbuchtungen, und eine Warnung vor Klapperschlangen verstaerken die Cowboy-Atmosphaere. Man sieht des oefteren Hutterer, die in Grueppchen und Einheitstracht zum Einkaufen aus ihren Kolonien in die Stadt kommen. Wenn ich ihr „leicht dialektal gefaerbtes Deutsch“ hoere muss ich mir immer einen besoffenen niederlaendischen Fussballfan mit Wattebaellchen im Mund und eine Konversation beider Parteien vorstellen. Warum auch immer. Neben Ureinwohnern und den Hutterern bilden die Mormonen (“The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“ oder kurz: LDS-Church) eine weitere aus dem ueblichen Nordamerikapotpourri herausstechende gesellschaftliche Gruppierung. Einige Staedte und Doerfer um Lethbridge haben einen Mormonenanteil von bis zu 90%. In Lethbridge selbt sind „nur“ ca. 10% der Einwohner Mormonen, allerdings wird man keinen Anwalt, Doktor oder Zahnarzt finden der nicht Mormone ist. Der Einfluss der Mormonen laesst sich vielleicht dadurch beschreiben, dass es zur Buergermeisterwahl zwei Wahllokale gab, naemlich die Gemeindehalle und eine der Mormonenkirchen. Ich persoenlich wuerde die LDS-Church, nicht zuletzt aufgrund ihres Strebens nach Geld, Macht und Einfluss und ihren ominoesen, kostspieligen Tempeln die nur Mormonen von innen sehen duerfen, in den Bereich der Sekten einordnen. Man hoert hier auch immer wieder die ein oder andere (Horror-) Geschichte ueber ihre Lehre und Praktiken. Ihre Missionare stellen jedenfalls jeden Zeugen Jehovas in den Schatten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele moderate Mormonen (z.B. ein paar meiner Kollegen) die sich vom Durchschnittskanadier nur dadurch unterscheiden, dass sie keinen Alkohol und Kaffee trinken. In Alberta leben ca. 3,3 Millionen Menschen (davon alleine jeweils 1 Millionen in Calgary sowie Edmonton) auf einer Flaeche von 661.848 Quadratkilometern, was einer Bevoelkerungsdichte von 5 EW/km² entspricht. In Deutschland teilen sich 82,3 Millionen Menschen mickrige 357.092 km², demzufolge tummeln sich durchschnittlich 231 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Diese Zahlen sollten eigentlich fuer sich bzw. fuer mich sprechen.

“Helping people achieve their dreams”

In der 1953 gegruendeten “Rehabilitation Society of Southwestern Alberta” (kurz: Rehab) verbringen taeglich ca. 150 Menschen mit kognitiven Behinderungen ihren Tag. Wir bezeichnen diese Menschen hier einfach als “clients“ oder “individuals“, was ich im folgenden auch tun werde, da mir kein angemessener deutscher Ausdruck einfaellt. Fuer manche von ihnen ist die Rehab eine Art Schule, fuer andere eine Arbeitsstaette und fuer wieder andere ein Ort der Erhohlung, Entspannung und des Vergnuegens. Die meisten Clients sind Mitglied eines Teams (sehr selbststaendige Clients arbeiten eigenstaendig im Bottledepot, dem Woodworking oder der Vertragsarbeit), dass versucht ihren unterschiedlichen Wuenschen, Faehigkeiten und Beduerfnissen gerecht zu werden. Es gibt folgende Teams: Pathfinders, SPICE, Mosaic und NIKES. Ich werde alle 2-3 Monate in einem anderen Team mitarbeiten. Momentan bin ich Teil des Mosaic-Teams, wo ich mich nicht zuletzt aufgrund von enorm netten und lustigen Kollegen sehr wohl fuehle. Im Gegensatz zu den anderen Teams steht im Mosaic-Team das Erlernen von neuen Faehigkeiten und Kenntnissen nicht mehr im Vordergrund. Die meisten unserer Clients haben schon einige Jahre auf dem Buckel und geniessen ihren Ruhestand. Wir unternehmen eine Menge sogenannter “recreational activities“ bei denen der Spass und die Freude der Individuals im Mittelpunkt stehen. So gehen wir z.B. am See spazieren oder picknicken, malen, basteln oder backen zusammen, spielen alle erdenklichen Arten von Spielen, gehen bowlen, minigolfen und vieles mehr. Die individuelle Pflegebeduerftigkeit der Mosaic-Mitglieder ist groesser als die der anderen Teams, dennoch versuchen wir den Clients das groesst moegliche Mass an Selbstaendigkeit und Entscheidungsfreiheit zu gewaehren, was nicht immer einfach ist. Es kann anstrengend und erschoepfend sein den Individuals durch Tipps, Vorfuehrungen oder einfach nur motivierende Worte dabei zu helfen Taetigkeiten selbststaendig zu erledigen. Oft wuerde einiges schneller und unkomplizierter ablaufen, wenn man es einfach selbst machen wuerde. Ich habe aber schnell gelernt, dass schneller, logischer und unkomplizierter nicht gleich besser ist. Mittlerweile habe ich die noetige Geduld um z.B. in aller Ruhe mit anzusehen wie das Verstauen einer Lunchbox im Kuehlschrank trotz Zeitdruck in eine mehrere Minuten ausfuellende Zeremonie verwandelt wird. Wie schon Kafka bemerkte, ist Muessiggang eben nicht nur aller Laster Anfang, sondern auch aller Tugend Kroenung. Das “vision statement“ der Rehab lautet “Helping people achieve their dreams“ und wird meiner Meinung nach sehr gut in die Tat umgesetzt. In Zusammenarbeit mit den Clients werden individuelle Jahresziele festgelegt, auf die dann gemeinsam und gezielt hingearbeitet wird. Solche Ziele koennen von grundlegenden “lifeskills“ wie z.B. dem Umgang mit Geld oder dem Treffen von Entscheidungen bis hin zum weitgehend autonomen Leben und einer beruflichen Festanstellung reichen. Da die Produktion von gesellschaftlichen Mehrwehrten auch in Canada ein eher brotloses Handwerk (oder besser eine Kunst) ist, sind alle Mitarbeiter unglaublich motiviert und engagiert bei der Sache. Das mag aufs erste Lesen unlogisch oder gar ironisch klingen, ist aber eine Tatsache, da man ohne berufliche Ausbildung in anderen Branchen deutlich mehr verdienen koennte und somit das Geldverdienen als Motiv fuer die Arbeit von vorneherein ausscheidet. Gerade ich merke, dass es einen grossen und bereichernden Unterschied darin gibt, ob man eine Arbeit macht und im Hinterkopf doch immer herumspukt, dass man fuer diverse Unannehmlichkeiten, die Arbeit nunmal mit sich bringt, ja schliesslich bezahlt wird, oder ob man 40 Stunden die Woche kostenlos arbeitet.

sonstiges Leben

Ich lebe mit 4 anderen Freiwilligen in einem gar nicht allzu altem Haus zusammen. Wir sind 4 Deutsche (Daniel, Simon, Katharina und Ich) und eine Kanadierin aus Ontario (Jaquie). Der ungewoehnlich hohe Anteil an Deutschen in unserer Wohngemeinschaft hat mich zunaechst nicht sonderlich erfreut, ist aber auch nicht so problematisch wie ich es mir vorgestellt habe und wir schaffen es tatsaechlich im Haus fast ausschliesslich Englisch (ca. 90%) zu reden. Daniel arbeitet fuer die Lethbridge SoupKitchen. Dort hilft er beim Kochen der Mahlzeiten, der Ausgabe an obdachlose Menschen und holt abgelaufene oder gespendete Lebensmittel von Supermaerkten und Farmen in der Umgebung ab. Ich bin auch ab und an in der Suppenkueche und helfe dort mit manchen unserer Clients Brote schmieren oder aehnliches. Es gefaellt mir sehr gut wie einfach und unkompliziert gerade Menschen mit Behinderungen gesellschaftliche Teilhabe und soziales Engagement ermoeglicht wird (in Deutschland muesste man wahrscheinlich ersteinmal ein paar Kurse beim Gesundheitsamt belegen). Eine grosse Mehrheit der Menschen, die in der Suppenkueche essen (taeglich ca. 100 Menschen) gehoehren leider zur ethnischen Gruppe der First Nations, den Ureinwohnern Nordamerikas. In Lethbridge gibt es relativ viele Ureinwohner, vor allem Kainais (auch Blood genannt) und Peigans aus der Blackfoot Confederacy, deren Reservate an die Stadt angrenzen. Simon arbeitet mit den obdachlosen und meist drogenabhaengigen Natives in der Streets Alive Organization. Das Gebaeude von Streets Alive befindet sich Downtown in der “Crackstreet“, das ist die Gegend der Stadt, die man im Dunkel besser nicht betreten sollte und in der die Polizei lediglich repraesentativen Aufgaben nachgeht. Der Schwerpunkt der Arbeit von Streets Alive besteht darin nachts warme Getraenke zu verteilen. Sie versuchen auch durch unterschiedliche Programme und Projekte Menschen aus der Sucht heraus in Arbeitsverhaeltnisse und ein geregeltes Leben zu bringen, allerdings sind die Erfolgsquoten nicht sonderlich hoch. Momentan setzt sich Streets Alive sehr stark fuer den Bau eines Frauenhauses ein (Gewalttaten und Vergewaltigungen sind keine Seltenheiten im Leben von indigenen Frauen), was aber von der Stadt aus Imagegruenden bisher noch abgelehnt wird. Katharina arbeitet fuer eines von zwei L’Arche Haeusern in Lethbridge, wo Menschen mit und ohne kognitive Behinderungen zusammenleben und eine familienaehnliche Gemeinschaft bilden. In unserer Freizeit unternehmen wir sehr viel mit den Assistenten der L’Arche Haueser. Die diesjaehrigen Assistenten bei L’Arche kommen aus Rumaenien, Suedkorea, England, Kanada, Deutschland und den Philipienen und befinden sich wie wir alterstechnisch irgendwo zwischen Schule und Ausbildung bzw. Studium. Jaquie arbeitet als Englischlehrerin an einer Sprachschule. Ihre Schueler sind meines Wissens groesstenteils Immigranten. Ich weiss allerdings nicht sonderlich viel ueber die Sprachschule, da Jaquie die von ihr unterzeichnete Verschwiegenheitserklaerung sehr ernst nimmt. Aufgrund von unterschiedlichen Arbeitszeiten laesst sich unsere Hausgemeinschaft als ein harmonisches Nebeneinanderherleben beschreiben. Zu meiner Ueberraschung kommen wir mit unserem Nahrungsmittelbudget von 400$ pro Monat gut aus und muessen eigentlich nur auf Produkte verzichten, die es sowieso in keinem kanadischen Haushalt gibt (Stichwort Roggenbrot, oder auch echte Wurst und echter Kaese). Rechnet man die stattliche Summe von 400$ auf anschauliche 2,86$ pro Person pro Tag herunter und betrachtet steigende Preise aufgrund der boomenden Wirtschaft in Alberta sowie den derzeitigen Wechselkurs, so ist man dann doch etwas erstaunt, wie kostenguenstig und dennoch gut man leben kann.

Abschliessend sollte ich wohl noch erwaehnen, dass es mir recht gut geht. Vor allem meine Arbeit bereitet mir sehr viel Freude. Nach 13 Jahren schulischem Soziotop, ist es unglaublich aufregend, spannend und erfrischschend einer konkreten Taetigkeit nachzugehen, in der ich eine sehr grosse Verantwortung trage und mein Handeln und meine Entscheidungen wirkliche Konsequenzen haben. Auch ausserhalb der Arbeit fuehle ich mich in Kanada sehr gut aufgehoben und willkommen. Die (Gast-) Freundlichkeit die mir entgegengebracht wird ueberrascht mich immer wieder aufs Neue und ich muss zugeben, dass ich schon nach nur etwas mehr als zwei Monaten eine Gewisse Unlust verspuehre wieder in die deutsche Oeffentlichkeit zurueckzukehren. Ich mag Deutschland -im privaten- , ich mag meine Familie und meine Freunde, ich glaube ich mag sogar die Ordnung und die Sicherheit, aber wenn ich an all die schlechtgelaunten, unfreundlichen und verbissen lamentierenden Weltuntergangspropheten denke, dann kann ich gut verstehen warum es in Lethbridge einen “Deutsche Delikatessen-Shop” gibt und muss auf der anderen Seite schmunzeln, weil ich in meinem Innern doch auch weiss, dass alles Neue, Fremde und jede Art von Veraenderungen per se schlecht sind und den ohnehin schon besiegelten Untergang der Welt nur noch beschleunigen. Um Deutschland nicht allzu schlecht dastehen zu lassen sollte ich vielleicht noch behaupten, dass Kanadier (zum Glueck liest es keiner sonst wuerden sie mich vermutlich steinigen) auch nicht mehr als US-Amerikaner, die gerne Europaeer waeren, sind, die nicht anstaendig kochen und keine gescheiten Haeuser bauen koennen. Ich hoffe, dass mein Deutsch noch ertraeglich war und ich einen kleinen Einblick gewaehren konnte.

Schoene Gruesse aus Lethbridge, Andreas

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