Die Tage fuehlen sich doppelt so lange an, weil immer so viel passiert und alles neu ist und vor allem weil ich jeden Tag unendlich viel lerne.
Miriam Benkler berichtet von den Anfängen ihres Friedensdienstes, ihrer Arbeit, ihren Erfahrungen und Eindrücken und ihrem Projekt, der "Corrymeela Community" in Bellycastle/Nordirland (November 2007)
Liebe Familie, Freunde, Verwandte, Bekannte und liebe Unterstuetzer/-innen!
Hallo an alle die zu Hause an mich denken!
Ich sitze im Moment auf einem gemuetlichen Sessel in einem sehr ruhigen Haus am Kaminfeuer. Habe mir extra frei genommen und bin weggefahren um diesen Rundbrief zu schreiben. In Corrymeela ist es nicht moeglich diese Ruhe zu finden.
Trotzdem ist es sogar in dieser perfekten Atmosphaere schwer meine tausend Gedanken, Erfahrungen und Bilder von den letzten paar Monaten, die in meinem Kopf herumschweben fuer euch gepresst und verstaendlich darzulegen.
Ich bin jetzt genau 67 Tage hier, das sind neun Wochen.
Mir kommt es so vor als waere ich schon doppelt so lange hier. Die Tage fuehlen sich doppelt so lange an, weil immer so viel passiert und alles neu ist und vor allem weil ich jeden Tag unendlich viel lerne.
Ich moechte euch am liebsten ein “Ganztagesvideoband” schicken von allen 67 Tagen, weil ich gerne alles mit euch teilen wuerde aber so viel Zeit haben wir leider nicht. So versuche ich mein neues Leben in einer neuen Welt auf diese Weise mit euch zu teilen. Das wird schwierig werden, also habt Geduld mit mir, ich kann ein ganz schoener “Schwafler” sein ;-).
Ausreisekurs mit Eirene
Am ersten Juli begann der zweiwoechige Ausreisekurs in der Naehe von Neuwied in der Pfalz. Organisiert und geleitet von Eirene.
Dort habe ich die anderen acht Irland-/ Nordirlandfreiwilligen kennengelernt und zusaetzlich 6 Freiwillige die nach Amerika, Belgien und Holland ausgesendet wurden. Insgesamt waren wir ein sehr buntgemischtes Team junger Leute aus ganz Deutschland, voller Hoffnungen, Erwartungen, Aengste und Fragen ueber das kommende Auslandsjahr. Die Themen des Seminares reichten von Versicherungsfragen und sonstigen Finanzfragen, ueber unsere persoenlichen Aengste, Hoffnungen usw. fuer den Dienst, bis hin zu Kurseinheiten ueber interkulturelles Lernen, Gewaltfreiheit und auch die Geschichte und Struktur unserer Entsendeorganisation Eirene, mit der die Erzdioezese Freiburg in der Organisation ihrer Friedensdienste in Nordirland kooperiert.
Ausserdem hatten wir eine Menge Spass und sind richtig als Team zusammengewachsen, was immer noch anhaelt. Immer oefter besuche ich ”die Deutschen” in Belfast.
Fuer mich war es sehr gut mit Leuten zu reden, die genau das gleiche erwartet.
Auch wenn ich eine von denen war, die am meisten Angst hatte, so wusste ich doch, dass die anderen auch von der ein oder anderen Sorge ueber den Anbruch unseres neuen Lebensabschnitts geplagt wurden. Die meistens sind kurz nach dem Ausreisekurs ausgereist waehrend ich noch ueber einen Monat zu Hause verbringen durfte.
Die ersten zwei Wochen in Corrymeela
Irgendwann kam ich dann als kleines Nervenbuendel in Belfast an, mit Gepaeck.
Dort hat mich meine ”hostfamily” (Gastfamilie) abgeholt und ich war so froh unter netten Leuten zu sein.
Meine Gastfamilie war wundervoll, sie haben sich so gut um mich gekuemmert und waren auch nicht persoenlich angegriffen, dass ich am ersten Tag immer wieder einfach so losgeheult hab. Wenn ich jetzt daran denke finde ich es lustig, weil wirklich nur dieser erste Tag so schlimm war, dann wurde es jeden Tag besser.
Uebrigens die Rolle der Gastfamilie (Mitglieder der Corrymeela Community) ist es eine Art Patenschaft zu dem Freiwilligen zu uebernehmen. Sie sollen uns helfen in unserer neuen Umgebung besser zurechtzukommen. Zum Beispiel kann ich immer wenn ich frei habe und Abstand von Corrymeela brauche nach Belfast zu Raymond&Majella Stewart fahren und mich bei ihnen ein bisschen verwoehnen lassen, das ist meine Gastfamilie.
Am 2. September war es dann endlich soweit. Meine Gastfamilie brachte mich zum Corrymeela Centre, was ungefaehr 1 ½ Stunden von Belfast weg ist.
Dort wartete schon mein Team, das aus zehn “Longtermvolunteers” (Langzeit-Freiwilligen) besteht. Diese Personen, die ich euch jetzt vorstelle, sind nicht nur meine Arbeitskollegen und Mitbewohner, sie sind auch richtige Freunde und zum Teil ein kleiner Familienersatz.
AMY MORROW aus Belfast (22 Jahre)
ARIANA BAZZAGLIA aus El Salvador/ Central America (24 Jahre)
DAVID MINISH aus einer Kleinstadt in der Naehe der irischen Grenze (20 Jahre)
EDVIN BERGMAN aus Schweden (19 Jahre)
LILIAN OWENS aus Gambia/ Westafrika (24 Jahre)
MIKE OROURKE aus Pennsylvania/ Nordamerika ( 23 Jahre)
NEBOJSA DJERIC aus Serbien (36 Jahre)
SARAH McCULLOUGH aus New York/ Nordamerika (21 Jahre)
SHEILA VENNELL aus Maine/ Nordamerika (22 Jahre)
Und zum Schluss die atemberaubende ;-)
MIRIAM BENKLER aus Riedetsweiler bei Wald am Bodensee
in Sueddeutschland (19 Jahre)
…es ist genauso interessant wie es sich anhoert….
In Corrymeela angekommen begannen zwei sehr intensive Wochen der Einfuehrung und Orientierung, des Einlebens und Kennenlernens. Jeder Tag war vollgestopft mit Programm. Wir wurden in die verschiedenen Arbeitsbereiche eingefuehrt und haben auch alle Mitarbeiter/innen persoenlich kennengelernt. Wir haben viele Kennenlernspiele/ Gruppenbildungsspiele gemacht, zum einen um unser Team zusammenzubringen aber andererseite auch als Lernerfahrung, um sie spaeter mit unseren Gruppen anzuwenden.
Wir haben ueber Aengste, Hoffnungen und Erwartungen gesprochen. Ausserdem haben wir einen ”Vertrag” entworfen, wie wir als internationales Team zusammenleben wollen.
Ich bin sehr froh, dass wir diese ”Regeln” besprochen haben, denn zwischen all diesen verschiedenen Kulturen und Ansichten kommen oft Meinungsverschiedenheiten auf.
Ausserdem ist jeder von uns so unterschiedlich und so stark in seiner eigenen Persoenlichkeit und Talenten, dass wir oft sehr vorsichtig miteinander sein muessen.
Andererseits passen wir zusammen wie ein Puzzle, jeder hat seinen Platz und kann auf irgendeine Weise dem anderen helfen, wenn mal das Heimweh kommt oder andere Probleme.
Diese zwei Wochen waren goldwert fuer mich, wenn auch unendlich anstrengen, aufgrund der Sprache und den tausend neuen Eindruecken, die ich gar nicht richtig schlucken konnte.
Einen Tag waren wir in Ballycastle, die Kleinstadt bei der der Corrymeela Centre liegt, um ein Bankkonto zu eroeffnen und uns beim Arzt zu registrieren. Oder wir sind an der Nordkueste entlang gefahren, um all die wunderschoenen Plaetze anzuschauen. Es ist wirklich traumhaft.
Einen anderen Tag lang hatten wir ein sogenanntes ”Child Protection Training”. Es ging um Kindesmissbrauch, haeusliche Gewalt und aehnliche Themen. Das ist sehr wichtig, weil viele der Kinder, mit denen wir hier im Centre arbeiten genau solche Dinge erlebt haben.
Ausserdem waren wir einen Tag in Belfast, wo wir ein anderes Buero von Corrymeela besucht haben und anschliessend haben wir eine sogenannte ”Bombs and Bullets”-Tour gemacht. Wir sind mit dem Bus durch all die schwierigen Stadtviertel gefahren und haben die Murals ( riesige Wandmalereien auf Haeuserfassaden, auf denen Konfliktparteien ihre jeweilige Sicht des Konflikts und seiner Ereignisse darstellen) angeschaut. Und wir haben die “Peacewalls” gesehen. Das sind riesige Mauern, die protestantische (unionistische, loyalistische) und katholische (nationalistische, republikanische) Stadtviertel voneinander trennen, damit eventuelle, gewaltsame Auseinandersetzungen vermieden werden koennen.
Meine Sicht vom Nordirlandkonflikt
An diesem Tag habe ich nur diese Murals und die Peacewalls gesehen, ueberall rote Backsteinhaeuser und ein florierendes Stadtzentrum mit tausend Laeden und Leuten, wie man sie in jeder anderen Stadt auch sieht. Ich habe nicht richtig verstanden, wo der Konflikt ist und warum es ihn ueberhaupt gibt.
Jetzt sieht das aber schon ganz anders aus: Ich habe viel ueber die Nordirische Geschichte gelernt ( was die schwierigste und verwirrendste ist, die ich je gelernt habe), hatte viele Gespraeche mit Amy, sie ist in Belfast aufgewachsen, und ich habe mit Jugendlichen und Familiengruppen gearbeitet, die eine sehr gewaltsame Vergangenheit erlebt haben und immer noch in sehr, sehr riskanten Bereichen wohnen.
Belfast ist eine Stadt der Gegensaetzte. Im Zentrum sehr schoene alte Gebaeude, Kirchen ohne Ende, eine grosse Einkaufsstrasse usw., man merkt nichts von einem Konflikt.
Die Menschen vergessen vor lauter ”shopping” und Konsum ihre Wunden zu heilen, so will es auch die Regierung. Man kann sich nicht vorstellen, dass immer noch Peacewalls gebaut werden, um Menschen voneinander zu trennen.
Alle versuchen die Vergangenheit zu verdraengen, jedoch wird meiner Meinung nach die Gesellschaft zerbrechen, wenn man nicht versucht den Konflikt aufzuarbeiten.
Belfast koennte nicht gespaltener sein, genauso wie andere Staedte in Nordirland, jedoch bleibe ich in Belfast, weil ich es hier persoenlich gesehen habe.
Die verschiedenen (entweder katholisch/protestantischen) Viertel sind so stark voneinander abgeschottet, dass viele Jugendliche in meinem Alter noch nie jemanden von der anderen Seite getroffen haben. Jedes Viertel hat seinen eigenen Kindergarten, Grundschule, Aerzte, Turnhalle, Laden.... jedes Viertel ist total selbststaendig.
Belfast ist somit eine Stadt, die aus lauter kleinen eigenstaendigen Doerfern besteht.
Dort, wo diese Viertel aufeinandertreffen stehen die Peacewalls, man nennt diese Bereiche ”Interfaces”. Dort gibt es immer noch Strassenkaempfe mit Benzinbomben, Farbbomben oder Steinewerfern. Alle Fenster sind vergittert, die Haeuser sind voller Farbbomben und verriegelt, ueberall ist Stacheldraht. Kameras ueberall auf den Laternenmasten um Tag und Nacht den Ueberblick zu haben.
Familien, die dort wohnen haben es sehr schwer und vor allem hatten sie es sehr schwer. Wie gesagt, die Kaempfe werden immer weniger und Belfast wird immer ruhiger aber die Wunden sind tief.....
”Wo kommt denn der ganze Hass her?”, habe ich mich dann gefragt. Das liegt weit in der Geschichte zurueck und ist sehr kompliziert und ich werde euch in meinem naechsten Rundbrief mehr darueber erzaehlen.
Nur jetzt als kleine Info:
Irland war urspruenglich katholisch und England war protestantisch. Schon seit dem 12. Jh. wurde Irland von England dominiert. Das Land wurde von englischen Grossgrundbesitzern ausgebeutet bis auf das Letzte.
Als dann auch noch die grosse Hungersnot (1845-49) kam, hervorgerufen durch die Kartoffelfaeule (keinerlei Hilfe von England), verhungerten viele und ueber eine Million Iren wanderten aus, meist nach Amerika.
Im 17. Jh fing England an Irland zu kolonisieren und besonders der Norden Irlands wurde stark von Englaendern besiedelt.
Ende des 17. Jh wurde der Widerstand gegen die britische Besatzung und deren Ausbeutung immer groesser. Daraus entstand ein sehr langer und blutiger Unabhaengigkeitskrieg, der 1921 vorerst mit der Ausrufung der Republik Irland endete.
Jedoch gehoert ein kleiner Teil der Insel Irland zu England: das ”Sorgenkind” Nordirland.
Seitdem kaempfen die zwei Gruppen um ihre Identitaet und die Macht in Nordirland. Der katholische Teil sieht sich der Republik Irland zugehoerig und der protestantische Teil sieht sich England zugehoerig.
Wobei es aber nicht wirklich um die verschiedenen Konfessionen geht. Lange Zeit herrschte ein heftiger Buergerkrieg hier in Nordirland, vor allem in Belfast und den anderen groesseren Staedten Nordirlands.
Die Menschen beider Seiten haben sich gegenseitig so viele Wunden zugefuegt und immer wieder folgte Rache ueber Rache.
Das einzige Mittel um etwas Ruhe zu schaffen war wohl grosse Mauern zu bauen, um die beiden Gruppen komplett zu trennen.
Meiner Meinung nach gibt es im Moment zwei Arten von Hass unter den Menschen.
Zum einen den Hass der aelteren Generationen, die wirklich in den Kaempfen dabei waren und gesehen haben wie einer der anderen Seite den Bruder/ Verwandten/ Bekannten/ Person von der eigenen Seite umgebracht hat.
Dieser Hass wurde/wird ”vererbt”, d.h. weitergegeben an juengere Familienmitglieder.
Die zweite Art von Hass ist meiner Meinung nach dieser “vererbte Hass”. Manche Kinder und Jugendliche in meinem Alter haben noch nie jemanden von der anderen Seite getroffen. Sie hoeren Geschichten, Horrorgeschichten ueber die andere Seite.
Manche glauben, dass Katholiken laengere Nasen haben und jeden Morgen immer erst die rechte Socke anziehen, das ist kein Spass. Solche Vorurteile gibt es auch ueber Protestanten.
Viele in meinem Alter und juenger haben ihr ganzes Leben erzaehlt bekommen, dass sie besser sind wie die andere Seite und dass die anderen schlecht und boese sind.
Und in Corrymeela bringen wir zum Beispiel solche Jugendliche oder Kinder zusammen. Sie sind an einem neutralen, idyllischen Ort, wo keiner besser oder schlechter ist. Dann machen wir Gruppenspiele mit ihnen oder wir machen draussen ein paar Spiele um das Eis zu brechen und beide Seiten merken ganz schnell, dass die anderen eigentlich genau gleich sind. Das hoert sich jetzt ziemlich einfach an.....ist es aber nicht. Ich komme spaeter nochmal darauf zurueck.
Corrymeela Community
Das Corrymeela Centre liegt malerisch auf einer Klippe direkt an der Nordkueste Nordirlands, nur einen Katzensprung weit von dem Hafenstaedchen Ballycastle. Man faehrt auf den Parkplatz und kommt dann erst einmal zum Haupthaus, mit Rezeption und Bueroraume, Versammlungsraeume (Lounges) und Kueche mit Essenssaal und nicht zu vergessen die 32 Zimmer fuer Gaeste.
Hinter dem Haupthaus verbirgt sich das ganze Gelaende mit dem ”Village”-Gebaeude, das ausschliesslich zum Beherbergen von Gruppen genutzt wird (ungefaehr 35 Zimmer)
Dann gibt es noch drei kleinere Gebaeude, das eine wird genutzt als Versammlungsraum, das andere ist ein Spielgebaeude mit Tischtennisplatte, Sofas, Billardtisch und Tischkicker und das ”Art&Crafts”- Gebaeude, wo alles zum Basteln, Malen, Schminken und Verkleiden zu finden ist. Nicht zu vergessen sind die grossen Spielewiesen und Blumenbeete, die das Gelaende an jeder Ecke frisch und schoen aussehen lassen.
Dann gibt es ein besonderes Gebaeude, genannt die ”Croi” (irisch:Herz). Es ist die Kapelle von Corrymeela und hat eine tolle Architektur. Jeden Tag ist Morgens und Abends eine Art Besinnungszeit (Worship) fuer etwa 15 Minuten. Es ist freiwillig, was mich jedoch erstaunt ist, dass ich sehr oft hingehe. Ich bin ja kein grosser Kirchgaenger aber das ist etwas ganz besonderes fuer mich. Machmal ist es die einzige Zeit vom Tag, in der ich wirklich Ruhe finde. Jedesmal kann es jemand anderes leiten und ich plane auch bald eine ”Worship” zu leiten, in ”Miri-Art” ;-).
Hinter der Croi verbergen sich die ”Cottages”, wahrscheinlich das aelteste und heruntergekommenste Gebaeude in Corrymeela.. Dort wohnen die zehn Langzeitfreiwilligen und kein anderer. Jeder hat ein kleines, sehr bescheidenes Zimmer (ich habe eins mit Meeresblick) aber mit Waschbecken und jeweils zu zweit oder dritt teilen wir uns das Bad.
Ausserdem haben wir ein grosses Wohnzimmer mit vielen Sofas und Feuerstelle, ein kleines Computerzimmer und Fernsehzimmer und zuletzt die Kueche, die IMMER aussieht wie ein Schweinestall. Na ja, ich denke damit muss man leben in so einer Wohngemeinschaft. Aber was ich gemerkt habe ist, dass ich wirklich typisch Deutsch bin. Sehr umweltfreundlich, mache dauernd irgendwelche Listen und beschrifte den Kuehlschrank. Aber als ich einen Reinigungsplan aufgehaengt habe war es zu viel fuer die anderen. Sonst verdrehen alle immer nur die Augen, wenn die “Deutsche” mal wieder versucht fuer Ordnung zu Sorgen ;-).
Ach ja es gibt nochmal ein Gebaeude, genannt ”Cedar Haven”, ungefaehr so gross wie ein kleines Zweifamilienhaus. Dort leben aber Leute, die in Corrymeela beschaeftigt sind. Wie ihr seht ist es ziemlich gross.
An dieser Stelle will ich auch noch erklaeren, wer hier ausser den Freiwilligen noch arbeitet. In der Kueche arbeiten vier professionelle Koeche (Marianne, Moyra, Francis und Shea) und wir haben vier Reinigungsfachkraefte (Roisin, Shona, Voitzec und Agniszka). Ausserdem gibt es natuerlich einen Hausmeister (Desie), einen Hausmanager (Shane), Finanzangestellte (Edward und Fiona), einen Programmkoordinator (Matt) und eine Buchungsfachkraft (Oona). Dann gibt es natuerlich noch Ronnie, den Centre Director und Robert (Volunteercoordinator), mein direkter Chef, er betreut alle Volunteers (Freiwillige).
Zu uns Freiwilligen gehoert auch noch Familie Thierbach-Hughes aus Deutschland-England, bestehend aus Helen und Kai mit den Kindern Gabriel und Simeon. Sie helfen ueberall wo Hilfe gebraucht wird, vor allem was Hausmanagement und Aehnliches angeht. Zusaetzlich dazu gibt es noch Programme-Staff, mit 7 Personen, meist Sozialarbeiter, Sozialpaedagogen und entsprechende Fachkraefte, die in den verschiedenen Bereichen taetig sind in denen die Corrymeela Community taetig ist.
Ganz grob gesagt, die Corrymeela Community arbeitet mit dem Ziel, den Versoehnungsprozess in Nordirland voranzutreiben, in insgesamt fuenf verschiedenen Bereichen.
a) Das “Family and Community Programme”
Das Familienprogramm hilft hauptsaechlich Familien, die waehrend den Unruhen (ca. 1967-1998) und den nachfolgenden immer noch von Gewalt gepraegten Jahren schwierige und schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben. Es versucht Familien aus den sogenannten “Interface Areas” (Strassen/Kreuzungen, wo protestantische und katholische Viertel aufeinandertreffen), die Moeglichkeit zur Begegnung und zum Kennenlernen zu geben. Manchmal tut es ihnen auch einfach gut weit weg vom harten Alltagsleben zu sein und zu wissen, dass die Kinder in sicheren Haenden sind. Das Programm hilft Einzelnen und Gruppen einen Schritt in Richtung Versoehnung zu machen,indem es dabei unterstuetzt gegenseitigen Respekt und neues Vertrauen aufzubauen und den Dialog zu ermoeglichen. Das ist ein herausfordernder und emotional anstrengender Prozess, der aber auch eine bereichernde und befreiende Erfahrung sein kann. Zusaetzlich bietet das Centre Immigrantenfamilien die Moeglichkeit an Integrationsprogrammen teilzunehmen.
b) Das “Faith and Life Programme”
Corrymeela ist eine christlich oekumenische Gemeinschaft. Trotzdem ist Corrymeela offen fuer alle Religionen und auch fuer Menschen, die keinen Glauben haben. Das Programm Glaube und Leben bietet zum einen Kurse und Seminare an, in denen es um den Weg zum eigenen Glauben geht und darum, eine Bruecke zu bauen zwischen dem persoenlichen Glauben und den Themen, die die Teilnehmenden sonst gerade beschaeftigen (z.B. politische Themen, soziale oder psychologische Probleme). Und zum anderen bietet der Corrymeela Centre Platz fuer Kirchengemeinden und religioese Gruppierungen, die z.B. eine Konferenz oder ein Gemeindewochenende durchfuehren wollen.
c) Das ”Schools Programme”
Corrymeela arbeitet mit primary schools (=Grundschule) und secondary schools (= alle weiterfuehrenden Schulen). Im Schulprogramm geht es darum, die Schueler/ innen zum Nachdenken zu animieren. Nachdenken ueber die eigene Person, ueber die Situation in Nordirland, darueber wie es ist in einer geteilten Gesellschaft aufzuwachsen. Es geht vor allem darum Freundschaften zu schliessen und Beziehungen zu knuepfen. Ziel ist es auch Schueler/innen verschiedener Schulen zum Dialog zusammenzubringen. Ich sollte anmerken, dass in Nordirland so gut wie alle Schulen konfessionell getrennt sind. Wie gesagt, fuer manche Kinder/Jugendliche ist es das erste Mal, dass sie mit jemandem von der anderen Seite reden und sich austauschen. Darueber hinaus geht es darum, die Schueler-Lehrer-Beziehung zu foerdern und zu verbessern.
d) Das ” Youth Programme”
Das Jugendprogramm hilft Jugendlichen, sich mit wichtigen Themen ihres Lebens zu beschaeftigen: eigene Identitaet, was hier ein riesen Problem ist (”bin ich ein Englaender, Ire oder vielleicht ein Nordire?”), Nordirlandkonflikt, Gesundheit, Sexualiaet, politische Themen und die eigene Zukunft. Zusaetzlich ist es eine Moeglichkeit Jugendliche beider Seiten zusammenzubringen. Denn wie auch die Schulen sind auch die meisten Jugendtreffs konfessionell getrennt. Manchmal gibt es auch Programme zum Austausch zwischen Nordirischen und irischen Jugendlichen. Es geht darum Vorteile abzubauen und gegenseitiges Verstaendnis fuereinander zu entwickeln.
5) Das “Summer Programme”
Im Juli und August betreibt Corrymeela das sogenannte Sommerprogramm. Es ist ein Programm fuer Familien und bietet vor allem sozial schwachen Familien die Moeglichkeit, Sommerurlaub zu machen und einige Zeit weg von ihrem oft problematischen Zuhause zu verbringen.
Meine Arbeit als Freiwillige
Zu erst einmal muss ich sagen, dass der Centre ohne die 10 Freiwilligen jedes Jahr nicht bestehen koennte. Das liegt zum einen im finanziellen Sektor, wir kriegen nur ein kleines Taschengeld und kein volles Gehalt. Und zum anderen daran, dass die Freiwilligen einfach ueberall mithelfen.
Die wichstigste Arbeit jedoch ist die Zusammenarbeit oder Leitung einer Gruppe. ”Leitung” ist im Moment noch zu viel gesagt, da ich noch keine komplette Gruppe leiten kann, was ”Programm entwerfen” und ”Programm durchfuehren” miteinschliesst. Aber ich habe mir das als Ziel gesetzt. Am Ende meines Friedensdienstes moechte ich ein komplettes Programm fuer einen ca. fuenftaegigen Aufenthalt einer Gruppe planen und leiten koennen. Natuerlich alles in Englisch.Es gibt eigentlich keinen Tag, an dem keine Gruppen in Corrymeela sind. Das Centre hat genug Platz um zwei oder drei unterschiedliche Guppen auf einmal zu beherbergen, ohne, dass sie sich gegenseitig im Weg herumgehen.
Meistens, es kommt immer auf den Schwierigkeitsgrad und die Personenzahl der Gruppe an, arbeiten drei Freiwillige mit einer Gruppe zusammen.
Das wichtigste in Corrymeela ist ein ueberaus herzliches Willkommen. Viel meiner Arbeit hat mit Gastfreundlichkeit zu tun, was aber noch lange nicht alles ist. Aber eine unserer Aufgaben ist es eben, dafuer zu sorgen, dass es unseren Gaesten rundum gut geht. Im Moment ist das alles noch ziemlich schwierig, weil noch keine Routine da ist. Der Platz ist so gross und ich weiss immer noch nicht wo alles ist und wie alles funktioniert, aber bald bin ich drin.
Manchmal kann es sein, dass ich nur fuer die Mahlzeiten und sonstige logistische Dinge zustaendig bin, weil die Gruppe ihr eigenes Programm hat, an dem ich nicht teilzunehmen brauche. Denn diese Gruppen haben manchmal Sitzungen ueber den Verlust eines Familienangehoerigen waehren des Konflikts, oder es geht um Alkoholprobleme. In diesen Sitzungen koennen wir nichts beitragen, da wir nich trainiert und qualifiziert genug sind. Das machen dann ausschliesslich die Sozialpaedagogen von Corrymeela.
Andererseits haben wir wenn Jugend-/ Kindergruppen kommen mehr als genug zu tun. Fuer diese Gruppen sind wir nicht auf uns alleine gestellt, es ist immer ein professioneller Leiter dabei. Aber wir kuemmern uns dann um die komplette Gruppe und nehmen eine grosse Verantwortung auf uns, zusammen mit dem Leiter. Wir sind dann ganz ins Programm involviert. Das heisst, wir machen zum Beispiel Aufwaermspiele oder Abenteuerspiele, die wir draussen spielen. Oder wir planen gruselige Nachtwanderungen zum Friedhof und spielen Schatzsuche oder Monsterjagd…alles was Kinder und Jugendliche lieben. Andererseits erzaehlen wir den Kindern auch oft von unseren Heimatlaendern, den Braeuchen und witzigen Gewohnheiten. Oft werde ich auf den 2. Weltkrieg und Hitler angesprochen. Ich erklaere dann immer meine Sicht der Dinge und beantworte ihre Fragen, die manchmal wirklich sinnlos sind. Zum Beispiel, ob ich Hitler gekannt habe. Was antwortet man denn darauf? ;-) Oder ich erklaere ihnen genau wo ich wohne und schwaerme von der wunderschoenen Gegend, in der ich wohne.
Ich habe bis jetzt schon ungefaehr mit zehn komplett unterschiedlichen Gruppen zusammengearbeitet, seit ich hier bin. An eine davon erinnere ich mich besonders, es ging dabei nicht um den Nordirlandkonflikt sondern um die Weltreligionen und Vorurteile gegenueber Andersglaeubigen. Es waren ca. 25 Jugendliche im Alter von 16 bis 26 Jahren und sie kamen von Humber und Yorkshire, was in England liegt. Dort haben sie mit Hilfe eines Jugendarbeiters ein internationales Glaubensforum, genannt “Faith2Faith” gegruendet. Da alles ziemlich neu ist und sie sich alle selber erst richtig kennenlernen wollten, kamen sie fuer eine Woche nach Corrymeela. In dieser Gruppe sind Muslime, Buddhisten, Hinduisten, Juden und Christen. Ich habe immer in ihren Sitzungen teilgenommen und war somit am Ende ein Teil der Gruppe. Wir hatten hochinteressante Disskussionen ueber unsere Wertvorstellungen, unsere Kulturen, ueber Vorurteile und vor allem ueber das was uns alle verbindet. Am Ende war ich selbst ueberrascht, wie viele Vorurteile und Missverstaendnisse ich gegenueber anderen Religionen hatte und das diese Leute eigentlich auch ganz normale junge Erwachsene sind, wie ich. Ich war einfach nur hin und weg von der Erfahrung, die ich mit dieser Gruppe gemacht habe und ich bin auch immer noch in Kontakt mit einigen von ihnen.
Um auf meine Arbeit im Centre zurueckzukommen. Wir haben feste Arbeitsplaene, die immer sechs Wochen fuellen. Immer nachdem wir mit einer Gruppe gearbeitet haben, arbeiten wir dann erst einmal in der Kueche, wo wir schlichtweg den Koechen helfen oder wir helfen den Reinigungsfachkraeften bei der Hausarbeit. Das kann sehr entspannend sein und ich freue mich immer auf diese Tage. Man kann abschalten und muss nicht die ganze Zeit freundlich laecheln und von morgens bis abends an Sachen denken, die man als naechstes vorbereiten muss. Ich finde die Arbeit mit Menschen hier sehr anstrengen, auch wenn ich es sehr gern mache aber es ist sehr, sehr kraeftezehrend. Vor allem auch wegen der englischen Sprache. Um nicht zu vergessen, manchmal arbeite ich auch an der Rezeption, wo ich Anrufe beantworte und Gaeste empfange und ihnen weiterhelfe, das macht voll Spass. Auch wenn ich manchmal komische Nachrichten hinterlasse, weil ich die Menschen am Telefon nach dem dritten Mal wiederholen immer noch nicht verstanden habe ;-)...kommt vor
Und ich?
Wie ihr aus diesem Bericht schliessen koennt, habe ich die letzten Monate eine ziemlich krasse Veraenderung durchgemacht, was mich manchmal ehrlich gesagt an meine Grenzen gebracht hat. Im Moment habe ich das Gefuehl, dass ich und mein Inneres wieder etwas zur Ruhe kommen und ich kann mich etwas Ich liebe Corrymeela, es ist ein magischer Ort fuer mich. Es oeffnet mir so viele Moeglichkeiten. Ich habe jetzt schon Kontakte ueber die ganze Welt geknuepft und habe ueberall einen Ort, wo ich hinreisen kann und willkommen bin. Das ist ein geiles Gefuehl. Andererseits hat sich in mir drin so viel getan seit ich hier bin. Ich bin sehr selbststaendig geworden, kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Ausserdem habe ich das Gefuehl, dass ich auf die ganzen riesigen Fragezeichen, die in mir ”leben”, die mich unsicher und wankelmuetig machen, langsam, Stueck fuer Stueck Antworten finde. Fuer alle, die das jetzt total verwirrt hat: Ich denke, dass ich gerade in einem intensiven Prozess bin, indem ich herausfinde, wer Miriam Benkler eigentlich ist und was sie wirklich in ihrem Leben will. Andererseits kristallisiert sich so langsam das ein oder andere meiner Talente heraus. Das ist sehr wichtig fuer mich, weil ich mir nicht wirklich bewusst bin, was ich wirklich kann.
Auf der anderen Seite hasse ich Corrymeela manchmal und will einfach nur weg von hier. Ich bin es einfach nicht gewohnt so viele Leute um mich herumzuhaben, die immer mit einem reden wollen. Das kann so anstrengen sein. Wer in Riedetsweiler aufgewachsen ist, weiss, dass man eher nach Unterhaltungen mit anderen Menschen suchen muss ;-). Und hier sind “sie” ueberall, sogar wenn man nur kurz aufs Klo moechte.
Deswegen fliehe ich eigentlich immer wenn ich frei habe und suche mir irgendein ruhiges Plaetzchen in Nordirland, wo ich ein paar Tage bleiben kann.
Obwohl ich auch manchmal gerne nach Belfast gehe und als Maedchen vom Lande die “Grossstadt” ( im Vergleich zu Riedetsweiler) erkunde.
Mein Englisch ist schon fast fliessend und ich habe mich auch langsam mit den verschiedenen Nordirischen Dialekten angefreundet. Der Grund warum ich es so schnell gelernt habe ist zum einen, dass ich Englisch sprechen muss, wenn ich moechte, dass mich jemand versteht. Und zum anderen bin ich immer noch so eine ”Labertasche”, der einzige Unterschied ist, dass ich jetzt eine ”englische Labertasche” bin.
Mit meinem Team verstehe ich mich super, wenn ich auch ein paar habe, mit denen ich mich besser verstehe.
Uebrigens ist die Landschaft traumhaft hier. Ich habe eine der schoensten Ecken hier in Nordirland erwischt. Um mich herum ist das rauhe Meer, kleine vertraeumte Oertchen, die verbunden sind durch schmale Landstrassen mit vielen Schlagloechern. Nicht zu vergessen die braunen Klippen und unzaehlige kleine gruene Huegel, auf denen Schafe grasen. Es ist wie im Film.
Das Wetter hier ist im Moment richtig irisch. Eine Mischung zwischen Sturm, Regen und Winterkaelte. Es wird sehr spaet hell und sehr frueh dunkel…ziemlich trostlos.
Aber als ich angekommen bin hatten wir ungefaehr einen Monat lang fast jeden Tag Sonnenschein. Ich habe dann den Leuten hier beigebracht, dass man das in Deutschland ”Altweibersommer” nennt. Allgemein habe ich schon vielen Leuten ein bisschen Deutsch beigebracht. Dem Koch habe ich beigebracht wie man flucht und er schmeisst auch dauernd mit deutschen Schimpfwoertern um sich. Keiner kann ihn verstehen ausser ich, das ist echt immer sehr lustig. Und den Jungs und Maedels im Team habe ich beigebracht in Deutsch zu flirten und Komplimente zu machen. Alles sehr produktiv.
Da ich dem Ende zukomme moechte ich sagen, dass ich zwischen all dem Neuen und Aufregendem was ich hier erlebe, jeden Tag an meine schoene Heimat denke, vor allem an meine Familie und meine Freunde. Ihr fehlt mir wirklich sehr.
Hier ist mir erst richtig bewusst geworden was ”Heimat” fuer mich bedeutet und was ich alles vermisse, Sachen, die ich bevor nicht einmal wahrgenommen habe.
Ich hoffe wirklich sehr, dass ich durch meine Rundbriefe ein Stueck meiner Erfahrung mit euch teilen kann. Vor allem hoffe ich, dass ich euch allen etwas zurueckgeben kann und ich euch zeigen kann, dass eure Spenden gut angelegt sind.
DANKE!
Eure Miri







