Internationaler Christlicher Friedensdienst

Ich fühle mich in dem Coffee Shop -Team sehr wohl

Florian Goebel arbeitet im Coffee Shop von Focus Ireland, einer Organisation, die Obdachlose & diejenigen, die in Gefahr sind, Obdachlos zu werden, betreut, berät, Notunterkünfte vermittelt und vieles mehr bietet. In seinem ersten Rundbrief gibt er Auskunft über seine ersten Wochen in Irland und über seine Arbeit. (April 2007)

Fangen wir erst einmal damit an, denjenigen, mit denen ich bisher weniger Kontakt hatte zu sagen, wie es mir hier so geht. Zusammengefasst kann man sagen: Richtig Gut! Ich fühle mich in Dublin pudelwohl! Die Menschen hier sind meist offen, ehrlich & nett.

Aber nun fange ich mal mit dem Beginn meines Freiwilligen Sozialen Jahres im Ausland an. Genauer gesagt mit dem 29. Januar 2007, dem Tag meiner Ausreise aus Deutschland beziehungsweise meiner Ankunft in Dublin, der Stadt, die von da an für fast ein Jahr meine neue Heimat sein sollte. Es ging also im Morgengrauen nach Düsseldorf, zum Flughafen, wohin mich meine Freundin brachte. Dort angekommen ging es sofort zum Check-In, wo erst einmal festgestellt wurde, dass ich 10kg Übergepäck hatte. Es hieß also 80€ nach zahlen, womit mich der Koffer mehr kostete als der gesamte Flug...es ging also direkt gut los. Dann hieß es Abschied nehmen...nicht unbedingt angenehm & schön... Zum Glück war der Rest der Reise weniger unangenehm, der Flug war ruhig. Als ich in Dublin ankam, machte ich mich auf zu meinem Projekt, da ich sonst keine Anlaufstelle hatte, was daran lag, dass ich das Zimmer meiner Vorgängerin nicht übernehmen konnte, da sie zum einen in Dublin blieb und zum anderen sowieso der gesamten WG gekündigt wurde. Als ich dann ankam, war die Überraschung erst mal groß, denn es wusste dort niemand, wann ich nun genau kommen würde, da wohl ein kommunikatives Problem bestand.

Dennoch war man erfreut und so half mir erst einmal R. meinen zuvor besagten 30kg-Koffer 3 Stockwerke in den Aufenthaltsraum des Coffee Shop Teams zu bringen. Nach der Begrüßung ging ich sofort auf Zimmersuche, zu erst einmal eines in einem Hostel für die ersten Nächte. Denn ich rechnete ja nicht damit, so lange dort zu bleiben... Letztendlich wohnte ich 6 Wochen lang im Hostel... So mancher wird sich jetzt fragen: Warum hat das so lange gedauert? Die Antwort ist die folgende: Man nehme generelle Wohnungsknappheit, multipliziere das mit einer saisonal bedingten weniger großen Auswahl und addiere noch mein Geschlecht dazu, denn Frauen haben es (zumindest hier) deutlich einfacher, eine einigermaßen adäquate Unterkunft zu finden.

Aber jetzt bin ich stolzer Besitzer (na gut, Mieter...) eines halbwegs großen Zimmers, welches zur Hälfte von einem Futon (nicht zu verwechseln mit Fouton) ausgefüllt wird, auf dem bequem zwei Leute Platz finden. Dazu noch zwei nette Mitbewohner aus Südkorea & Italien. Das Haus, das ich mir mit den beiden Teile, steht im Stadtteil Crumlin in der Cashel Road. Aus der Cashel Road entstammen übrigens sämtliche Großkriminelle der Südseite Dublins, aber die wohnen nicht mehr hier.

Aber weiter damit, wie es mir hier so ergangen ist in Dublin. An meinem ersten Sonntag in Dublin traf ich mich mit K. & B., zwei meiner Kollegen, in einem Pub und sah mein erstes Rugbyspiel überhaupt. Anfangs dachte ich noch naja, Rugby, ein bisschen brutal, aber spätestens zur zweiten Halbzeit fieberte ich dann fleißig mit und unterstützte natürlich das irische Team. Später ging es dann noch in einen anderen Pub, in den Musiker kamen und Stimmung machten. Nachdem B. sich verabschiedete ging ich mit K. weiter in eine australische Sportsbar, um den Superbowl zu sehen, das Finale der amerikanischen Footballliga. Als das Spiel dann um war schaute ich auf die Uhr und es war noch immer 3 Uhr. Ich hatte mich mit den beiden um 3 Uhr nachmittags verabredet, nun war es erneute 3 Uhr, nur leider 3 Uhr nachts...und am nächsten Tag hieß es arbeiten. Hab' natürlich prompt meinen Wecker überhört und kam zwei Stunden zu spät...aber man war nachsichtig mit mir und erklärte mir noch gleich, dass 12 Stunden im Pub nicht unüblich sind.

In dieser Nacht bekam ich auch meinen neuen Spitznamen, den ich mittlerweile übernommen habe und mich fast nur noch damit vorstelle, da Florian doch schwerer auszusprechen ist. Gestatten, Floyd heiße ich von nun an.

Aber ich befand ich mich zu diesem Zeitpunkt ja auch noch immer auf Wohnungssuche... Da zu diesem Zeitpunkt erneut ein Rugbyspiel in Dublin stattfand und Dublin von Franzosen überrannt wurde, die schon lange im voraus ihre Zimmer gebucht hatten, hatte ich ein Problem. Ich fand also ein Bed&Breakfast, wenn auch ein bisschen außerhalb. Nachdem ich meinen Schlüssel abgeholt hatte, ging ich noch ein bisschen mit ein paar Bewohnern meines Hostels aus. Abends nahm ich dann den Nachtbus, nur leider den falschen, wie sich irgendwann herausstellte. Also fragte ich den Fahrer nach dem Weg: „Da lang“. Aha... Na gut, also fragte ich ein Pärchen: „Da links, da rechts“. Ok... An der Stelle, wo ich höchstwahrscheinlich „da links“ gemusst hätte, schaute ich dann mal auf meine Karte...nur gab es leider wie öfters mal in Dublin und Umgebung keine direkt ersichtliches Straßenschild. Zu meinem Glück hielt ein freundlicher Mann an und fragte, wo ich denn hin müsse. Er kannte es zwar auch nicht direkt, aber zusammen fanden wir es dann. Ihr seht, das ist ein richtiges Abenteuer hier...

Anfang März hatte ich dann meinen ersten Tiefpunkt. Meine Großtante verstarb und ich konnte nicht an der Beerdigung teilnehmen, da ich dringend ein Zimmer benötigte. Gut fühlte ich mich dabei nicht, aber leider blieb mir kaum eine Wahl.

Zumindest fand ich kurz darauf dann bereits erwähntes Zimmer. Allerdings nicht das Haus in dem ich nun lebe, nein ich zog zwischendurch noch einmal um. Aber nur hausintern, da ich vorher im Erdgeschoss wohnte und man dort einfach alles mitbekam, was sich dort abspielte. Nun wohne ich im ersten Stock und fühle mich dort deutlich wohler, auch wenn meine „Gardinen“ zur Zeit eine Konstruktion aus einer mitgebrachten Flagge, einem Badehandtuch und einer Decke ist. Sieht komisch aus, funktioniert aber. Aber das soll keine Dauerlösung bleiben.

Am 16. März war dann der St. Patrick's Day, der Feiertag des irischen Nationalheiligen. Ich schaute mir also die Parade an und war danach doch recht enttäuscht. Nicht von den lustigen Musikgruppen, die unter anderem auch „La Bamba“ spielten oder einfach nur Sackpfeifen (Dudelsack), die sich einfach grandios anhören. Nein, enttäuscht war ich von der kommerziellen Durchwachsenheit der Parade, deren Höhepunkt die Parade von Automobilen eines japanischen Herstellers am Ende der Parade war. Mitte April nahm ich dann meinen ersten Urlaub und befand mich für 9 Tage in Deutschland, die erste Hälfte davon bei meiner Freundin, was sehr gut tat. Danach fuhr ich an meinem Geburtstag nach hause und ging Freitags noch mit Freunden aus, wobei das Feiern am Samstag fortgeführt wurde, da meine Mutter Geburtstag hatte. Sonntags Abends ging es dann wieder nach Dublin.

Und jetzt bin ich hier und schreibe diesen Rundbrief.

Doch genug davon, ich bin mir sicher, nach zwei Seiten Erzählung von mir wollt ihr sicherlich wissen, wie meine Arbeit denn nun aussieht. Noch einmal schnell für alle, die es vergessen haben: Ich arbeite im Coffee Shop von Focus Ireland, einer Organisation, die Obdachlose & diejenigen, die in Gefahr sind, Obdachlos zu werden, betreut, berät, Notunterkünfte vermittelt und und und.

Der Coffee Shop – ein Drogen- und Alkoholfreier Raum – ist 7 Tage die Woche geöffnet, auch an Feiertagen, wobei zu beachten ist, dass ich nur unter der Woche arbeite sowie die Öffnungszeiten am Wochenende & an Feiertagen kürzer sind. Geöffnet hat der Coffee Shop (kurz C/S) unter der Woche von 10.15-15.15 Uhr sowie von 16-17.15 Uhr. Bis 12 Uhr gibt es Frühstück, von 12 bis 15 Uhr Mittagessen und ab 16 Uhr eine Tagessuppe sowie Sandwiches. Morgens gibt es zuerst ein Teammeeting vor der Öffnung des C/S, weitere Meetings folgen um 16 Uhr sowie nach der Schließung. Darin geht es um meistens um die Ereignisse des Tages. Ein größeres Meeting findet Mittwochs statt, weshalb der C/S dann erst um 12 Uhr öffnet. In diesem Meeting geht es um Urlaub, Strafen für Customer (so werden die Menschen, die sich im Coffee Shop einfinden, genannt), Adult Programs (Unternehmungen wie Kino, Bowling etc.), der Rotationsplan für Float & Door (dazu gleich mehr) und noch vieles mehr.

Im Coffee Shop bekommen die Customer günstig Essen, Beratung am Crisis Desk, wenn sie sich in einer Notlage befinden sowie Keyworking, um ihnen eine Rückkehr in ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Die beiden letztgenannten Aufgaben werden vom Crisis Team bearbeitet, für das Essen ist der Kitchen Stuff zuständig. Ich bin Mitglied des Coffee Shop Teams, denjenigen die quasi (auch räumlich gesehen) genau zwischen Crisis Desk & dem Counter (Essensausgabe) arbeiten. Offizieller Arbeitsbeginn für das C/S-Team ist um 9.30 Uhr. Offiziell deshalb, weil es in Irland meistens etwas lockerer gesehen wird, gegen 9.50 Uhr beginnt das Morgenmeeting. Der Arbeitstag endet dann offiziell um 18.30 Uhr, aber ich habe noch nie nach 18 Uhr den C/S verlassen...manchmal fragt man sich dann schon, wie die irische Wirtschaft eigentlich funktioniert.

Nun folgen unsere und damit auch meine Aufgabenbereiche, wobei aber zu beachten ist, dass außer Float & Door alle anderen Aufgaben außerhalb der Lunchzeit (Mittagessen) nicht festgelegt sind, Keys werden dann freiwillig übernommen.

Float: Der Chef auf dem Floor. Wenn man „floatet“ ist man dafür zuständig, möglichst allen Customern namentlich zu erfassen und neuen Customern die Regeln zu erklären sowie ihr Geburtsdatum & ihre derzeitige Unterkunft in Erfahrung zu bringen. Customer, bei denen es einen Vorfall gab (vom Einschlafen hin bis zu aggressivem Verhalten, Drogennutzung auf der Toilette oder starkem Alkoholkonsum) auf seiner „Anwesenheitsliste“ zu markieren, damit später darüber gesprochen werden kann und eine Grundlage für evtl. Strafen vorhanden ist). Außerdem sollte der Float stets wissen, was auf dem Floor passiert, Kollegen delegieren, wenn etwas erledigt werden muss oder auch mal selbst mit anpacken, wenn Not am Mann/Frau ist. Anfangs habe ich nur Morgens oder Abends „gefloatet“, mittlerweile mache ich dies auch Mittags, wie jeder ungefähr einmal in der Woche. Außerdem füllt der Float, der morgens und in der ersten Lunchschicht dran ist, den Rotationsplan für den Tag aus.

Door: Der Türsteher. Sicht- & Geruchskontrolle auf evtl. Drogennutzung. Customern, die unter dieses Raster fallen, wird der Einlass verwehrt, was keine leichte Aufgabe ist, da viele dies dann nicht akzeptieren wollen. Unterstützt wird die Doorperson von

Floor/Door: Als Floor/Door ist man hauptsächlich zu Unterstützung der Doorperson da, wenn aber gerade nicht so viel Betrieb herrscht, hilft man auch ab und zu mal mit, den Floor sauber zu halten. Nebenbei ist man noch offizieller Getränkelieferant des Türstehers, da dieser sich ja nicht von der Tür entfernen sollte. Mittlerweile weiß ich also, wer von meinen Kollegen was am liebsten trinkt und vor allem ob diese Person Milch/Zucker in den Kaffee oder Tee haben möchte. Diese Tätigkeit übt man allerdings auch schon mal für den Float aus, allerdings habe ich die Situation mittlerweile auch schon öfters umgedreht.

Keys: Der Schlüsselinhaber für die Toiletten. Nach jedem (!) Gebrauch checken, nicht kontrollieren. Wichtiger Unterschied. Gecheckt wird auf Drogennutzung und eventuelles Rauchen in der Toilette. Bei bekannten Drogennutzern dauert das Checken meist länger. Ab und zu darf man dann auch mal die Toilette reinigen, da vor allem männliche Customer diese auf gewisse Art verschmutzen. Dazu noch den Floor reinigen, wobei das Checken der Toilette Vorrang hat. In meiner Anfangszeit wurde ich öfters den Keys zugeteilt, weshalb ich zur Zeit noch immer eine gewisse Aversion gegenüber diese Arbeit habe, die aber langsam besser wird, es muss ja schließlich gemacht werden.

Queue: Der Schlangenwächter. Klingt mystisch, ist es aber nicht. Man wirft ein Auge auf die Schlange vor dem Counter. Meistens hat man nur gegen 12 Uhr wirklich mit der Schlange zu tun, da um diese Uhrzeit ein regelmäßiger und regelrechter Ansturm auf die Schlange entsteht. Es dürfen nur 4 Personen gleichzeitig in der Schlange stehen, was manchmal zu Unmut bei den Customern führt, da sie sich so lange wieder hinsetzen müssen. Andererseits wäre sonst der Raum vor dem Counter schlichtweg überfüllt, was die meistens verstehen. Wenn kein großer Andrang herrscht, hält man den Floor sauber und räumt mit ab.

Floor: Die Reinigungskraft. Im Grunde einfach den Floor sauber halten und abräumen.


Morgens & Abends findet man auch oft Zeit, sich mit einer Tasse Tee zu den Customern zu setzen, mit ihnen zu reden, ihnen einfach zuzuhören (manchmal nicht ganz freiwillig, einige können wirklich lange Monologe halten, bei denen einem kaum etwas übrig bleibt, als „Yes“ oder „Yeah“ zu sagen und zu nicken) oder einfach nur zu sitzen, was einigen Customern vollkommen reicht.

Bevor ich zum Ende komme noch ein bisschen über meine Kollegen: Ich komme mit allen gut zurecht und hatte nie größere Probleme, auch meine insgesamt drei Chefs sind nett. Ich fühle mich in dem C/S-Team sehr wohl, wenn ich Fragen habe, kann ich sie jederzeit stellen und wie es sich ein funktionierendes Team gehört, hilft man auch einem Kollegen in Not gerne mal, sei es deshalb, weil man mit einem Customern besser zurecht kommt als er oder nicht in den Konflikt, der möglicherweise entstanden ist involviert ist. Aber man hilft sich auch mal mit einem fingierten Telefonanruf, wenn ein Kollege von einem Customer mit einem Monolog wortwörtlich an die Wand geredet wird.

Freitags geht es ab und zu dann auch mal nebenan in den Pub auf ein, zwei Guinness. Habe also auch schon den ein oder anderen mal außerhalb seines Naturzustandes gesehen.

Zu guter Letzt möchte ich mich noch einmal bei all denjenigen Bedanken, die mich unterstützen und mir dieses Jahr hier ermöglichen! Danke!

Euer

Flo/Floyd/Florian Goebel

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