"Insgesamt kann man sagen, dass der Konflikt sich heute überwiegend in den Köpfen der Leute abspielt."
Joss Bracker berichtet aus seiner Arbeit in einem Projekt, dass sich um die Einhaltung der Menschrechte in Nordirland kümmert. (Juni 2005)
Committee on Administration of Justice
Belfast/ Northern Ireland
Frühjahr 2005
Rundbrief Nummer 1.
Hallo liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,
bevor ich beginne euch ein Bild von meiner bisherigen Zeit hier Nordirland zu geben, möchte ich mich ganz herzlich für all eure bisherigen Spenden bedanken, ohne diese wäre mir dieser „Andere Dienst im Ausland“ und mein Leben hier in Belfast gar nicht erst möglich geworden.
Es ist nun schon eine Weile vergangen und es ist wirklich an der Zeit, euch genauer darüber aufzuklären was eure Spenden wirklich bewirken. Dieser „Rundbrief“ dient dazu, euch einen kleinen Über- und Einblick in mein Leben insbesondere in meine Arbeit, meinem neuen Zuhause und dem alltäglichen Leben hier in Nordirland zu geben. Leider ist dieser Bericht ein wenig verspätet und sollte euch eigentlich schon vor Weihnachten (sozusagen als Weihnachtsüberraschung erreichen), doch leider musste ich meinen Dienst unerwartet aus familiären Grunden im Dezember unterrbrechen. Für diese Verspätung möchte ich mich entschuldigen und hoffe, dass meine nächsten Rundbriefe regelmäßiger bei euch eintreffen werden.
Es sind jetzt mittlerweile schon gut 5 ereignisreiche Monate vergangen. Es ist wohl unmöglich all meine Erfahrungen und Erlebnisse dieser Zeit aufs Papier zu bringen; ich werde jedoch mein Bestes tun, euch einen guten Eindruck meines neuen Lebens hier zu vermitteln.
Mein Arbeitsleben
„Mein Projekt“ oder wen und was unterstütze ich mit meiner Arbeit
Mein Projekt hier in Belfast ist eine NGO (Non-Governmental-Organisation), die sich „Committee on Administration of Justice“ (kurz CAJ) nennt. Es ist eine kleine Menschenrechtsorganisation, die vor 24 Jahren in den Anfängen der „Troubles“ gegründet wurde. Ich nenne sie deshalb klein weil nur ca. 7 Personen in dem Büro in zentral Beflast arbeiten. CAJ hat sich zur Aufgabe gemacht, die Einhaltung der Menschenrechte hier in Nordirland zu überwachen und Missstände in diesem Bereich aufzuzeigen. Dies geschieht durch folgende Aktivitäten: Leitung von Forschungsprojekten, Organisation von Konferenzen und Kampangen (national und international) sowie Bereitstellung von rechtlicher Beratung. Dabei hat sich CAJ auf folgende Themengebiete spezialisiert:
Ø „Policing“ beschreibt eine kritische Auseinandersetzung mit der örtlichen Polizeiarbeit.
Ø „Equality“ (Gleichberechtigung), in diesen Bereich beschäftigen wir uns hauptsächlich mit der Gleichstellung am Arbeitsplatz. Auch hier bemüht sich CAJ um eine Publikmachung von Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten, welche es leider zu genüge gibt. Auch die Gleichstellung von Behinderten fällt in dieses Gebiet.
Ø Im Bereich „Legal Case Work“ setzt sich unsere Anwältin mit individuellen juristischen Fällen auseinander setzt. So ist sie z.B. Ansprechpartnerin für jemanden, der sich von Polzeibeamten unrechtmäßig behandelt fühlte.
Ø „Bill of Rights“ beschreibt einen langen politischen Prozess an dem CAJ beteiligt ist. Eine „Bill of Rights“ lässt sich etwa mit einer eigenen nordirschen Verfassung vergleichen, die Nordirland momentan nicht besitzt. Dies ist ein Langzeit-Projekt, an dem viele verschiedene politische Interessensgruppen beteiligt sind und das vorrausichtlich 2008 abgeschlossen sein wird. CAJ versucht aus dem menschenrechlichen Blickwinkel Einfluss auf diesen Prozess auszuüben.
„Meine Tätigkeiten“ oder was macht der „Hamburger Jung“ den ganzen Tag
Nun folgt wahrscheinlich ein mehr interressanteer Teil, was mache ich jeden Tag von 9 – 17 Uhr? Aller Einstieg ist schwer, und so ging es auch mir. Als neuer deutscher Freiwilliger mit wirklich nur sehr sporadisch Kenntnissen von den politischen Verhältnissen in Nordirland und schwachen Englischkenntnissen war und ist es nicht einfach, sich in diesem Arbeitsgebiet zurecht zu finden.
Mein Arbeitstag beginnt immer so zwischen 9 und halb 10 mit einer gemütlichen Tasse beim Nachrichten und Email lesen. Um ein breites Bild von der Berichterstattung der Zeitungen zu bekommen hat CAJ die verschiedensten britisch- und republikanisch orientierten Zeitungen abonniert. Unterscheiden sich diese intererssanter weise oft in ihren Berichterstattungen, so werden die meist einseitigen politischen Ansichten deutlich.
Meine Arbeitsbereiche sind haupsächlich administrativer Art, wobei auch der ganze IT-Bereich unseres Büros zu meinen Aufgaben gehört.
Zum einen gehören Teile der alltäglichen Tätigkeiten eines Büros zu meiner Arbeit. Dazu gehört: Die Post öffnen, die Telefonanrufe annehmen, die Bestellung des Bürobedarfs, das Annehmen von Bestellungen unserer eigenen Publikationen usw. Dies hört sich erstmal langweilig an, ist es aber bei Weitem nicht, wie ich feststellen durfte. Durch das Öffnen der Post bleibe ich immer bestens auf dem Laufenden, was im Büro passiert und am Telefon hat man Menschen aus der ganzen Welt an der Strippe.
Den administrativen Bereich meiner Arbeit verstehe als eine Hilfestellung für alle anderen, damit die ihre Arbeit so gut wie möglich erledigen können.
Zusätzlich kommen immer wieder kleinere Aufgaben hinzu, wie zum Beispiel Internet-Recherchen oder die Suche nach alten Zeitungsartikeln im Belfaster Zeitungsarchiv.
Zu meinen Hauptaufgaben gehört jedoch das Verwalten der CAJ-Homepage (welche ihr auf www.caj.org.uk auch selbst bewundern könnt), die Verwaltung unser Mitgliederdatenbank, das wöchentliche und lebenswichtige Backup und natürlich Hilfeleistung bei den alltäglichen akuten Computerproblemchen.
Doch was meine Arbeit erst richtig interessant macht und mich täglich motiviert, 8 Stunden im Büro zu verbringen (auch wenn draußen die Sonne scheint) ist der thematische Hintergrund der Arbeit. All meine Kollegen sind sehr kompetente und qualifizierte Ansprechpartner wenn es um historische Fragen, tagespolitische Themen und Hintergrundinformationen des Nordirlandkonfliktes geht. So hab ich sie vor allem in den ersten Wochen sehr ausgiebig mit Fragen über die verschiedenen Parteien, den Friedensprozess, die Troubles, die Paramilitärs etc. gelöchert, die sie jedoch alle verständnisvoll ertragen und ausführlich beantwortet haben. Überhaupt habe ich eine äußerst nette Arbeitsatmosphäre. Die Stimmung untereinander ist fast schon familiär. Alle kennen sich schon seit Jahren und sind auch privat miteinander befreundet. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass sie mich nur als billige Bürohilfskraft ansehen würden und ich fühlte mich bisher zu jeder Zeit ernstgenommen.
Doch ich muss auch erwähnen, dass in der vergangenden Zeit nicht alles nur positiv gewesen ist. Ich bin mit der hohen Erwartung nach Belfast gegangen, meinem Projekt auch inhaltlich Unterstützung geben zu koennen. Jedoch musste ich feststellen, dass dies durch meinen Mangel an inhaltlichen Hintergründen und sprachliche Schwierigkeiten nicht so möglich ist. Auch sind regelmäßig eintönige Arbeiten zu erledigen. Es muss schonmal ein Mailing an alle unsere Mitglieder oder an alle Mitglieder des House of Lords gemacht werden. Das heißt soviel wie 300 Briefumschläge füllen und frankieren. Doch mein nettes Arbeitsumfeld gleicht auch diese Tätigkeiten aus, so werden große Mailings meistens bei netten Gesprächen im Team erledigt.
„Gelegenheiten meinem Schreibtisch-Alltag zu entfliehen“
Ich besuche immer wieder sehr interessante Veranstalltungen und Meetings. Letze Woche war ich zum Jahrestag von der Befreiung von Auschwitz auf der internationalen Premiere des Dokumentarfilms „Arek“, der die bedrückende und erscheckende Lebensgeschichte eines Überlebenden von Auschwitz erzählt. Gerade letzte Woche besuchte ich einen Vortrag über die aktuelle Diskussion um „Folter“ in der heutigen Welt. Verschiedene Professoren aus Amerika, Israel und Großbritannien waren geladen. Zudem werden auch immer wieder verschiedene Publikationen veröffentlicht, die dann der Presse in einer Präsentation vorgestellt werden. Besonders interessant sind die monatlichen Meetings des „Policing Boards“. Dort muss sich die Polizei regelmäßig mit Kritik der Presse auseinander setzen.
Nach den ersten Wochen, als nicht mehr alles so neu war und Alltag eingekehrt ist, kamen dann die ersten Zweifel an meiner Arbeit auf. Ich hab die anderen Freiwilligen beneidet, die keine Bürojob haben sondern z. B. mit Kindern arbeiten und dort auch schonmal eine Bootstour auf dem „Lagan“ (der Fluss der durch Belfast fließt) zum Arbeitsalltag gehört. Ich hab mich nach Abwechslung gesehnt und wollte, dass schöne Herbstwetter nicht immer nur durchs Fenster vom Bürostuhl aus beobachten. Doch auch diese Zweifel sind vorrüber und ich bin mit ziemlich sicher, das richtige Projekt gewählt zu haben. Der Wunsch nach mehr Kontakt zu Menschen bleibt, doch das Interesse für die politische Arbeit meines Projektes überwiegt.
Erwartungen und Vorhaben für die Zukunft
Ich bin immer noch dabei mich weiter in meine Arbeit einzuarbeiten und eigene Bereiche zu übernehmen. So habe ich grade angefangen einen Entwurf unseres neuen E-Mail Newsletters zu erarbeiten. Und werde ihn wohl diese Woche meinen Kollegen präsentieren.
Auch hab ich mir vorgenommen das Layout unseren monatlichen 8 seitigen Zeitung zu übernehmen, die mit einer Auflage von 700 über die aktuellen Geschehnisse auf juristischer und menschenrechtlicher Ebene infomiert.
Alles in allem hab ich meine bisherige Arbeit sehr benossen. Der Einblick in die Arbeitsweise einer NGO, das Verständniss der Hintergründe des Konfliktes und die nette Arbeitsatmosphäre haben mir bisher 5 erfahrungsreiche Monate hier bereitet. Ich hoffe, dass die restliche Zeit meines Friedensdienstes weiterhin so zufriedenstellend verläuft.
Ich hoffe euch mit diesen Worten einen kleinen aber aufschlussreichen Einblick in meine Arbeit hier in Nordirland gegeben zu haben.
Die Arbeit stellt jedoch nur einen Teil meines neuen Lebens in Belfast dar. Nach einem 8 Stunden Arbeitstag bleibt, zwar nicht mehr soviel Freizeit ünrig wie in den alten Schulzeiten, dennoch gibt es viel zu erzählen. Wie zum Beispiel sieht das Leben in einer gespalten Stadt aus, welche vom jahrelangen Terror und Gewat geprägt ist oder meine Erfahrungen mit der irischen Kultur. Dieser wahrscheinlich mehr informativer und abwechslungsreichere Part wird euch wohl in ungefähr einem Monat in meinen 2. Rundbrief erreichen.
Ich bedanke mich für euer Interesse und freue mich jetzt schon euch persönlich von meinen Erfahrungen zu berichten.
Bye Bye
2. RUNDBRIEF
Juni 2005
Belfast
Leben in einer gespaltenen Stadt
Unter diesem Titel steht mein zweiter Rundbrief in dem ich euch, meine fleißigen Unterstützer, mein Leben mit und in dem Nordirland-Konflikt näher bringen möchte. Ich habe mich aus zwei Gründen entschieden, diesem Thema einen kompletten Rundbrief zu widmen. Zum einem war die komplizierte politische Situation, in der sich ganz Nordirland seit Jahrzehnten befindet, einer meiner Beweggründe, diesen Ort für meinen „Anderen Dienst im Ausland” zu wählen. Zum anderem und viel wichtigeren Teil macht gerade dieser Standort, nämlich Belfast als Mittelpunkt der Jahrzehnte langen Troubles, meine Arbeit und mein Leben hier so außergewöhnlich und interessant.
Um euch jedoch einen verständlichen Einblick in das alltägliche Leben in einer vom B ü r g e r k r i e g geprägten Stadt bieten zu können, ist es notwendig, euch eine kleine Einführung in die Geschichte Nordirlands zu geben. Diejenigen unter euch, die glauben zu wissen was zu diesem Konflikt geführt hat, können den folgenden Abschnitt gerne überspringen .... Da der ganze Konflikt seit Ende der großen Bombenattentate der IRA jedoch aus den deutschen Medien verschwunden ist, vermute ich, dass manche eine kleine geschichtliche Auffrischung gerne lesen möchten. Nach beginnenden Geschichtsteil werde ich die Situation nach dem Karfreitagsabkommen erläutern.
Anschließend beschreibe ich ein wenig das Alltagsleben in Belfast und wie der Konflikt sich in diesem niederschlägt. Eine kleine Stellungnahme rundet diesen Rundbrief ab.
Ich hoffe ihr findet ihn interresant und aufschlussreich. Doch zuerst möchte ich mich nochmal für all eure zahlreichen Spenden bedanken, denen ich die bisherigen aufregenden 8 Monate verdanke.
Die Vorgeschichte
Irland wurde im 17. Jahrhundert von der britischen Armee unter Oliver Cromwell besetzt und England begann seine Nachbarinsel zu kolonisieren. Dabei war besonders Ulster (die 6 nördlichsten Gebiete) stark von Engländern besiedelt.
Ende des 17. Jahrhunderts kam es erstmals zu großen Aufständen gegen die britische Herrschaft. Nach einem jahrelang andauernden und blutigen Unabhängigkeitskampf wurde im Jahre 1921 schließlich die Freie Republik Irland gegründet. Die 6 nördlichsten Gebiete verblieben jedoch auf Grund der protestantischen Mehrheit Teil des Vereinten Königreiches. Während sich Irland im 2. Weltkrieg neutral verhielt, war Nordirland eine strategisch wichtige Luft- und Seebasis der Allierten.
Der Widerstandskampf
Irland besitzt seitdem das Problem der doppelten Minderheit; die Protestanten bilden in der Republik eine deutliche Minderheit, während die Katholiken in Nordirland knapp in der Minderheit liegen.
Die katholische Minderheit sah (und viele tun es auch heute noch) die britische Regierung und Armee als Besatzer an (was aus historischer Sicht auch richtig ist). Die Katholiken wurden als Bürger zweiter Klasse angesehen und besaßen zu jener Zeit kaum Rechte. So war es ihnen zum Beispiel bei Strafe verboten, ihre Religion auszuleben und auch das Wahlrecht wurde ihnen nicht anerkannt. Aus dem Kampf gegen die Unterdrückung bildete sich die IRA (Irish Republican Army) um bewaffneten Wiederstand gegen die Besatzer zu leisten und für die Freiheit der Katholiken zu kämpfen. Die eigentlichen „Troubles” begannen dann Anfang der 70er Jahre. Viele sehen „Bloody Sunday” als einen Anfang dieses Widerstandkampfes. Am „Bloody Sunday” wurde in Derry eine friedliche Demonstration der Katholiken, in der sie ihre Gleichstellung und Gleichberechtigung forderten, von der britischen Army blutig niedergeschlagen. 13 Personen unter ihnen auch Jugendliche starben am diesem Tag. Protestanten und Katholiken lebten weitgehend in getrennten Stadtvierteln, gingen auf verschiedene Schulen und führten ein voneinander unabhängiges Leben. Die katholischen Gebiete waren meistens arme Arbeiterviertel, da die Katholiken nur schlecht bezahlte Arbeit bekamen und somit, wie in den meisten gesellschaftlichen Situationen, den Protestanten gegenüber benachteiligt waren.
Die folgenden Jahrzehnte nach 1972 werden allgemein als Zeit des „Nordirland Konflikts” bezeichnet. In dieser Zeit war das Leben in Nordirland von Bombenattentaten, Morden und gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den beiden Gruppen geprägt. Dabei stand die protestantische Polizei oft im Mittelpunkt von Anschlägen der IRA. Die Polizei war kein unabhängiges und gerechtes Staatsorgan, sondern sie personifizierte die Besatzungsmacht und war zudem in mehrere Morde gegen Katholiken verwickelt. Die Lage beruhigte sich nur sehr langsam und erst 1998 kam es schließlich zu einem Waffenstillstand und einem Friedensabkommen, das Good Friday Agreement (Karfreitagsabkommen). In ihm wurden unter anderem ein Waffenstillstand, eine Reform der Polizei und eine gemeinsame Regierung festgeschrieben.
Die Zeit nach dem Karfreitagsabkommen
Die Zeit der Bombenattentate ist seit dem vorbei, aber die Gewalt geht im Kleinen weiter. Die IRA auf der katholischen Seite und verschiedene protestantische Gruppen (Ulster Volunteer Force, Ulster Freedom Fighter, Ulster Young Militants um nur ein paar Namen zu nennen) sind so genannte Paramilitärs. Diese kontrollieren viele Stadtviertel in Nordirland. Sie sind eine Art Mafiaverbände, die sich ihre Macht durch Verprügeln bis hin zu Knieschüssen sichern und sich unter anderem durch Drogenhandel finanzieren. Dabei stehen die protestantischen Paramilitärs der katholischen IRA in nichts nach.
Die Paramilitärs sorgen in ihren Gebieten für Recht und Ordnung und haben dabei oft mehr Macht als die Polizei. So hat mir ein befreundeter Eirene Freiwilliger, der im Norden Belfasts (einer der extremsten protestantischen Gebiete) wohnt, erzählt, dass ein Nachbar von ihm nachts von einer Gruppe maskierter Männer Besuch bekommen hat und zusammengeschlagen wurde. Er hatte wohl zum wiederholten Male seine Frau schwer verprügelt. Der Level von Gewalt, besonders häuslicher Gewalt, ist eines der höchsten in ganz Europa. Gewalt ist bei den meisten ein akzeptiertes Mittel der Konfliktlösung. Man darf sich diese Paramilitärs jedoch nicht als uniformierte Soldaten vorstellen, die sich in ihrem Stadtviertel offen zeigen. Sie arbeiten oft verdeckt und wenn man nicht in den entsprechenden Vierteln wohnt ist es schwer, ihre Existenz zu erkennen. Politisch ist der ganze Friendensprozess momentan ins Stocken geraten.
Das gemeinsame Parlament ist seit ein paar Jahren suspendiert, seit dem sich die protestantische Partei weigert, mit Sinn Fein (die Partei der K a t h o l i k e n ) z u s a m m e n zuarbeiten, da sie diese als Teil der IRA ansieht. Gary Adams (Vor-sitzender von Sinn Fein) hat vor einigen Wochen die offene und eindeutige Forderung an die IRA gestellt, den bewaffneten Kampf für beendet zu erklären. Die Antwort der IRA wird in den kommenden Wochen erwartet, doch schon jetzt haben einige protestantische Politiker geäußert, egal wie die Antwort der IRA ausfällt, sie wird nicht ausreichen, um erneute politische Verhandlungen aufzunehmen. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis Nordirland wieder eine eigene Regierung zustande bekommt. Wichtig ist zu bemerken, dass dieser ganze Kampf kein Religionskampf ist. Es geht dabei nicht um Glaubensfragen, wie die Bezeichnungen Katholiken und Protestanten suggeriert. Die Religion dient nur zur Bezeichnung der beiden Gruppen, die Begriffe sind ein historisches Überbleibsel. Üblich ist heutzutage auch von Republikanern und Unionisten zu sprechen. Unionisten deshalb, weil sie den Erhaltung der Union mit dem britischen Königreich anstreben.
Das Leben mit dem Konflikt
(Teil 1)
Ich hoffe, dass ihr durch meinem kurzen Exkurs in die nordirische Geschichte die aktuelle Situation hier besser verstehen könnt. Doch wie lebt es sich nun eigentlich in dieser Stadt? Fürchtet man sich jeden Tag vor neuen gewaltsamen Ausschreitungen, Geiselnahmen und brutalen Überfällen? Kann man sich überhaupt frei in der Stadt bewegen? Sieht man den Katholiken und Protestanten ihren gegenseitigen Hass an? Oder ist die ganze Krisensituation Normalität geworden, und gleicht Belfast mittlerweile jeder anderen europäischen Großstadt?
Leider gibt es auf diese Fragen keine so klaren und eindeutigen Antworten. Diejenigen, die sich Sorgen um mich machen, möchte ich an dieser Stelle beruhigen. Ich führe ein sicheres und furchtfreies Leben hier in Belfast.
Belfast ist die Hauptstadt Nordirlands und war stets Mittelpunkt der „Troubles”. Was Belfast in eine so besonders brenzlige Lage bringt, ist die Tatsache, dass es einem Flickenteppich aus protestantischen und katholischen Gebieten gleicht, und dies natürlich viel Konfliktpotenzial mit sich bringt. Belfast ist in meinen Augen keine zweigeteilte, sondern eine dreigeteilte Stadt. Es gibt eindeutig katholische und protestantische Gebiete, dazu kommen jedoch noch die neutralen Viertel von Belfast, zu diesen gehören die Innenstadt, das Univiertel und die meisten wohlhabenden Gegenden. Den neutralen Vierteln merkt man den Konflikt fast nicht an und man fühlt sich mit den neumodischen Shoppingcentern, den Werbeplakaten von Nike etc. wie in jeder anderen europäischen Großstadt. Und so ist es auch möglich, wenn man sich auschließlich in diesen Teilen von Belfast bewegt, ein ganz normales Leben, fast unberührt vom Konflikt, zu führen.
Doch das ist nur ein sehr kleiner Teil von Belfast. Obwohl der Konflikt aus den internationalen Medien verschwunden ist, lebt er noch sehr aktiv in den Köpfen der Nord-Iren weiter. Es gibt immer noch klar voneinander getrennte protestantische und katholisch Gebiete, die mehr oder weniger eindeutig durch Flaggen, bemalte Bordsteine und Murals zu erkennen sind.
Doch nicht immer ist es so einfach, die Zugehörigkeit eines Viertels auszumachen. So werden in protestantischen Vierteln nur „The Newsletter” als Tageszeitung verkauft und bei den Katholiken ist „The Irish News” die übliche Tageszeitung; beide bieten natürlich nur eine sehr einseitige und provokante Berichterstattung. In katholischen Vierteln findet man zudem meistens zwei Straßennamenschilder, mit den englischen und irischen Namen.
Murals sind großflächige Wandmalereien, die oftmals ganze Hauswände bedecken. Sie
drücken seit Jahrzehnten den Kampf zwischen Republikanern und Unionisten aus, sie zeigen Szenen aus h i s t o r i s c h e n Schlachten, erinnern an getötete Opfer des Konfliktes, spiegeln das Leben während der Unterdrückung wieder oder zeigen einfach nur bewaffnete Soldaten, die die verschiedenen Paramilitärs repräsentieren.
Ein politischer Slogan rundet das oftmals sehr künstlerische Gemälde ab. Obwohl die Murals das triste Stadtbild aufmuntern, sind sie jedoch meistens reinste Provokation, die den Konflikt durch ihre permanete Präsens natürlich in den Köpfen der Menschen am Leben erhält. Dies vor allem in der jungen Generation, denn was soll ein 7- jähriges Kind, dass gerade lesen gelernt hat, denken, wenn es täglich an einen Bild von einem b e w a f f n e t e n Soldaten mit dem Slogan „The UFC reservers the right to strike republican target where and when the oppertunity arises.” vorbeiläuft. Die Mural Kultur lebt auch heute noch weiter, alte Bilder werden restauriert und neue Murals werden gemalt.
Leben mit dem Konflikt
(Teil 2)
Die einzelnen Viertel sind kleine, unabhängige voneinander abgeschottete Gemeinschaften. Die Bewohner kennen sich untereinander, man geht in seiner Gegend einkaufen, geht in die örtlichen Pubs und verlässt das Gebiet nur selten. In diesen engen Gemeinschaften werden
Fremde natürlich sofort erkannt und sind erst einmal unerwünscht.
Protestanten würden sich auch tagsüber nicht in das andere Viertel wagen, genau so die Katholiken. Wenn sie dort erkannt werden und mit Jugendgruppen zusammenstoßen, ist Gewalt vorprogrammiert. Mein ehemaliger Mitbewohner (protestantisch) erwiderte auf meine Aussage, dass ich jetzt zur „Ormaeu Road” ziehe nur: „Oh, thats a shit Area. I won’t visit you there”. Und das, obwohl es eine ganz normale Wohngegend ist, die jedoch seiner Meinung nach katholisch ist. Er lag falsch, ich wohne im protestantischen Teil der „Ormaeu Road”.
Diese trennt sich vom katholischen durch eine große Brücke. Diese Brücke war/ist logischerweise Ort regelmäßiger Auseinandersetzungen und vor 20 Jahren hätte unter keinen Umständen jemand gewagt, diese Brücke zu überqueren. Als Deutscher habe ich bei beiden eine neutrale Position, dennoch empfiehlt es sich nicht, sich in Belfast öffentlich über politische Fragen zu unterhalten. So heißt dann auch ein Sprichwort: „Whatever you say, say nothing”
Alltag á la Belfast
Fliege Steine
Steine werfen auf Autos, Polizeifahrzeuge oder einfach aufeinander, ist ein beliebtes Hobby der Belfast Jugend. So fiel ich gleich in der ersten Woche auf meinem Nachhauseweg unter Beschuss. Jedoch war ich nicht das eigentliche Ziel, sondern die katholischen Schulkinder neben mir, die von protestantischen Kindern beworfen wurden.
Es sind jedoch meistens Kieselsteine, die mehr Provokation als Verletzungen zum Ziel haben.
Gepanzerte Fahrzeuge
Die Polizei fährt hier überwiegend in so genannten „Crime Stoppern” durch die Stadt. Geschützt gegen Petrol Bombs (Molotov Cocktails), jegliche Steinarten (von Kiesel bis Pflaster) sowie leichte und mittlere. Man muss in ganz Belfast vorsichtig sein, worüber man sich unterhält, was für Klamotten man trägt und wo man sich aufhält. Zum Beispiel würde sich kein Mensch trauen, mit einem irischen Rugby Trikot in einen protestantischen Pub zu gehen oder sich auch nur in ein protestantisches Gebiet zu wagen. Egal in welchen Klamotten empfiehlt es sich, so genannte „Interfaces” vor allem nachts zu meiden. Ein Interface ist der Ort, wo protestantische und katholische Gebiete aufeinander treffen.
Peacelines
Aus Belfast Stadtbild nicht wegzudenken. Diese oft meterhohen Mauer / Zäune trennen protestantische und katholische Viertel voneinander.
Eingemauerte Festungen
Die Stationen der PSNI (Police Service Northern Ireland) sind immer von Mauern und Stacheldraht umrandet und ein großes Eisentor wird zum Einfahren der „Crime Stopper” geöffnet. Die Polizei, als Repräsentant der staatlichen Gewalt, war und ist regelmäßiges Ziel von Angriffen der Republikaner.
Kameras
Überwachungskameras sind in der ganzen Stadt verstreut und manchmal ragt sogar ein meterhoher Turm aus der Stadt, bestückt mit etlichen Kameras, um ein ganzes Gebiet zu kontrollieren. Insgesamt kann man sagen, dass der Konflikt sich heute überwiegend in den Köpfen der Leute abspielt. Dies hat
sich auch bei den gerade stattg e f u n d e n e n Wahlen wider-
Mein Standpunkt
Fast alle Iren denen ich erzähle, dass ich freiwillig ein Jahr in Belfast lebe und ich diesen Ort selbst gewählt habe, reagieren mit starker Verwunderung. Sie denken, dass fast jeder andere Ort in Europa schöner zum Leben ist als Belfast. In vielen Dingen haben sie auch Recht, Belfast ist mit seinem industriellen Charakter und den vielen heruntergekommenden Vierteln bei weitem keine besonders ansehnliche Stadt. Auf der anderen Seite ist eine Stadt wie Belfast einmalig in West-Europa. Auch wenn man immer aufpassen muss wo man sich aufhält und mit wem man sich über was unterhält, ist Belfast für mich eine unheimlich interessante Stadt. Zudem hat Belfast auch andere Seiten, zum Beispiel das Univiertel mit dem angeschlossenen Botanischen Garten in dem man die wenigen Sonnentage, die Irland im Jahr hat, genießen kann. Zum anhaltenden Konflikt glaube ich, dass dieser wohl noch lange in den Köpfen bleiben wird. Das Ganze ist einfach noch nicht wirklich lange her und viele Leute haben persönlich Ungerechtigkeiten erfahren, Bombenattentate miterlebt und oftmals selbst Verwandte oder Freunde verloren. Dies alles lässt sich nicht so schnell vergessen und bewältigen. Jedoch muss ich auch sagen, dass die alltäglichen Umstände es den Leuten hier nicht leicht machen, mit der Vergangenheit abzuschließen und an eine bessere Zukunft zu glauben. Trotz langsamer Annäherungen auf politischer Ebene ist die Trennung der beiden Gesellschaften immer noch stark im Alltagsleben verankert. Meterhohe Mauern trennen die Gruppen geografisch, lokale Zeitungen liefern einseitige und oftmals provokante Bericherstattungen und auch Schulen sind überwiegend getrennt. Gerade dieses verstehe ich nicht, denn wo sonst als bei der jungen Generation hat größten Chancen, einen Wandel im Denken
herbeizuführen.
Doch die Kinder bekommen nicht einmal die Gelegenheit, sich gegenseitig kennen zu lernen. Zudem ist die Trennung durch ihre unterschiedlichen Schuluniformen (Katholiken in grün und protestantischen in blau) offensichtlich.
Was außerdem die Lösung des Konfliktes bremst und ihn in der Vergangenheit eher vorangetrieben hat, ist die große Armut und Arbeitslosigkeit in Nordirland. Im Gegensatz zur wirtschaftlich stark aufstrebenden Republik Irland, wächst Nordirlands Wirtschaft nur sehr langsam. Vorurteile, gewaltsame Aktivitäten als Zeitvertreib und der Zulauf zu den Paramilitärs finden natürlich großen Nährboden in Gebieten in denen weniger als 30 % der Menschen Arbeit haben. So kümmert sich die britische Regierung aus meiner Sicht (und aus der Sicht meiner Organisation CAJ) zu wenig um die Armutsbekämpfung in Nordirland. Es gibt natürlich auch erfreuliche Ergebnisse und die Trennung der Gesellschaft nimmt auf Grund von „Cross-Community” Projekten und gemischten Wohnvierteln immer weiter ab. Doch dies geschieht sehr, sehr langsam und braucht viel Zeit. Viele Iren die ich kennengelernt habe, wollen einfach nichts mehr mit dem ganzen Konflikt zu tun haben und ein ganz normales Leben führen, frei von Angst und politischer Engstirnigkeit. Meine Hoffnung ist, dass ich irgendwann einem anderem Belfast einen Besuch abstatten kann, das nicht mehr so von Vorurteilen strotzt, nicht durch meterhohe Mauern getrennt und vor allem nicht von täglicher Gewalt geprägt ist.
Ich glaube, dass dieser Bericht euch einen kleinen Einblick in den Nordirland-Konflikt und mein Leben in Belfast gegeben hat. Mir verbleiben nur noch gut 2 Monate, bevor ich mich auf meine Heimreise nach Hamburg machen werde. Doch diese zwei Monate werden wohl sehr spannend, da die „Marching Season” vor uns liegt, das ist erfahrungsgemäß die Zeit der großen Ausschreitungen im Jahr. Am Ende meines Dienstes werdet ihr noch einen abschließenden Rundbrief bekommen, in dem ich euch einen kleinen Rückblick auf das vergangene Jahr geben werde.
Ich bedanke mich an dieser Stelle nochmals für eure Spenden und wünsche euch einen schönen Sommeranfang.
Cheerio, wie man hier sagt, und schöne Grüße
Joss Bracker







